Profil des Lehrstuhls Baugeschichte

Die wissenschaftliche Disziplin des historisch forschenden Architekten ist die Bauforschung. Forschungsgegenstand sind historische Gebäude, Gesamtanlagen und Städte, die durch die Ergebnisse detaillierter Untersuchungen zur Quelle für die Beantwortung kulturhistorischer Fragen werden. Die Mitarbeiter des Lehrstuhls Baugeschichte der BTU Cottbus erforschen derzeit in Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland, der Türkei, im Libanon, in Ägypten, im Sudan und an verschiedenen Orten in Deutschland Bauwerke und Siedlungen der Vergangenheit mit dem Ziel, deren Planungs-, Bau- und Nutzungsprozesse zu entschlüsseln und hieraus auf gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen der jeweiligen Epoche zu schließen. Technische und ästhetische Qualitäten von Architektur sind Ergebnisse einer Jahrtausende zurückreichenden Entwicklung – Produkte eines historischen Prozesses, der bis heute unsere gebaute Umwelt und uns selbst prägt. So ist Baugeschichte, wie sie an der BTU Cottbus verstanden und gelehrt wird, Aufforderung zur Beschäftigung und kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte – mit dem Ziel, unsere gebaute Umwelt besser zu verstehen und verantwortungsvoll mit ihr umzugehen.

Die Anfänge der Bauforschung reichen bis ins 18. Jh. zurück. Architekten reisten nach Italien, Griechenland und in den Vorderen Orient, um die Bauten des Altertums zu vermessen und mit Hilfe maßstäblicher Bauaufnahmezeichnungen genau zu studieren. Was in der Zeit des Klassizismus als Sammlung von Vorbildern für die Lösung neuer Bauaufgaben begonnen hatte, wich seit dem ausgehenden 19. Jh. der systematischen Erforschung historischer Bauten im Kontext ihrer Entstehungs- und Nutzungsbedingungen: das historische Bauwerk war nun nicht mehr Vorbild für neue Architektur, sondern primärer Forschungsgegenstand und Quelle zur Erschließung technologischer, gesellschaftlicher und kultureller Verhältnisse seiner Zeit. Heute ist angesichts weit über 800.000 eingetragener Baudenkmäler und über 50% der Bautätigkeit ‚im Bestand’ allein in Deutschland die Bedeutung baugeschichtlicher Forschung und Lehre größer denn je. Innerhalb einer globalisierten Welt gewinnen Baudenkmale als Zeichen kultureller Identifikation zunehmende Bedeutung. Worin diese Bedeutung jedoch liegt und wie sich welche kulturellen Eigenheiten einer Kultur im Baudenkmal zeigen, erschließt sich nur durch dessen detaillierte Dokumentation und Erforschung sowie die Einordnung der Forschungsergebnisse in einen breiteren kulturgeschichtlichen Kontext. Die genaue Dokumentation des Baubestandes steht deshalb bei den meisten Forschungsobjekten am Anfang aller Forschungstätigkeit. Sie bildet die Grundlage für Rekonstruktionen vergangener Bauzustände und deren historische Interpretation. Die Vermittlung der Methoden der Bauaufnahme und Baudokumentation gehört deshalb zu den wesentlichen Grundlagen baugeschichtlicher Lehre. Darüber hinaus erhalten die Studierenden ein fundiertes baugeschichtliches Grundwissen, Hinweise auf aktuelle Fachliteratur für das Selbststudium und eine Einführung in die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis.

Baugeschichtliche Forschung ist Bestandteil des Architektenberufs. Architekten und Stadtplaner müssen die Methoden und Verfahren kennen, mit denen sie sich einem historischen Baubefund nähern. Sie müssen Geschichte lesbar machen und vermitteln können. Ohne die Geschichte zu kennen, ist keine qualifizierte Planung für die Zukunft möglich – und die Geschichte des Bauens zu erforschen und diese Forschungen, ihre Methoden und Ergebnisse angehenden Architektinnen und Architekten zu vermitteln sind die Aufgaben des Faches Baugeschichte. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg und die Brandenburgische Technische Universität Cottbus fühlen sich dieser Bedeutung der Baugeschichte verpflichtet und unterstützen die internationalen und interdisziplinären Forschungsprojekte, die die Mitarbeiter des Lehrstuhls mit ihren nationalen und internationalen Kooperationspartnern durchführen, durch die Bereitstellung von Infrastruktur, technischen Einrichtungen, Sachmitteln und Wissenschaftlerstellen. Besondere Förderung erfährt die baugeschichtliche Forschung an der BTU Cottbus durch die Einrichtung der Fachklasse „Kulturelle und technische Werte historischer Bauten“ (2007 – 2009) und der Fachklasse „Historische Baukultur“ (2010 – 2012) im Rahmen der International Graduate School Cottbus, der derzeit einzigen Fachklasse dieser Art innerhalb der Graduiertenförderung im deutschsprachigen Raum.

Alle Projekte des Lehrstuhls Baugeschichte der BTU Cottbus sind eingebunden in größere interdisziplinäre Forschungsvorhaben mit übergreifenden kulturhistorischen Fragestellungen. Sie werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Fritz Thyssen Stiftung, der Gerda Henkel Stiftung, dem Deutschen Archäologischen Institut und durch private Spenden finanziert. Sie bieten den Studierenden der Universität Cottbus vielfältige Möglichkeiten zur Mitarbeit und stellen Themen für Masterarbeiten innerhalb der Aufbaustudiengänge und für Doktorarbeiten im Rahmen der Graduiertenausbildung zur Verfügung.

Spreewaldhaus in Burg
Spreewaldhaus in Burg, Bauaufnahmezeichnung 2008, Lehrstuhl Baugeschichte
 
Kirche Steinitz
Kirche Steinitz, Vermessungsarbeiten 2010, Foto: Steffen Orgas
Santiago de Compostela
Santiago de Compostela, Vermessungsarbeiten 2006, Foto: Steffen Orgas