Lothar Fendrich (Hrsg.): Handbuch Eisenbahninfrastruktur

2007. Springer, Berlin. 990 S. m. 900 Abb., ISBN-10: 3-540-29581-X, EUR 199,95

 

Eisenbahnen verkehren nicht zum Selbstzweck, sondern erfüllen die an sie gestellten Aufgaben der Personenbeförderung und des Gütertransports. Die Technologie des Eisenbahntransports, auch als Abbild der verkehrlichen Veränderungen, nicht nur des technischen Fortschritts, vor allem aber infolge des Wettbewerbs, hat sich grundlegend in den letzten Jahren gewandelt. Wie im Geleitwort von Prof. Dr.-Ing. Robert E. Rivier (École Polytechnique Fédérale de Lausanne) treffend formuliert, sind Eisenbahnen hervorragend ausgerichtet, den Hochgeschwindigkeitsverkehr zwischen großen Ballungsgebieten, den Nahverkehr um und in Ballungsgebieten und die Güterverkehrsverbindungen zwischen den Logistikzentren sicherzustellen. Um dies mit technischem und wirtschaftlichem Sachverstand zu untersetzen und zu fördern, hat der Herausgeber, Prof. Dr.-Ing. Lothar Fendrich (SPITZKE AG Großbeeren), insgesamt 31 Fachautoren für ein umfassendes Handbuch der Eisenbahninfrastruktur zusammengeführt, die in 19 Kapiteln auf 990 Seiten wichtige technische, betriebliche und wirtschaftliche ‑ vor allem erhaltungswirtschaftliche ‑ Aspekte behandeln.

 

Es ist ein gewagtes und zugleich löbliches Unterfangen, zur Trassierung und Gleisplangestaltung, zur Bahnkörpergestaltung, zum Erd- und Unterbau, zu Ingenieurbauwerken, zur Beanspruchung von Gleisen und Weichen, zu Schienen und zur Schienenbearbeitung, zu Bahnübergängen, zum Zusammenwirken von Rad und Schiene, zur Energieversorgung elektrischer Bahnen, zur Stromversorgung und zu Kabelanlagen der Eisenbahn, zur Betriebsführung der Infrastruktur, zur Eisenbahnsicherungstechnik, zur funktionalen Sicherheit, zur Telekommunikationstechnik, zum Umweltschutz, zum Infrastrukturzugang für Fahrzeuge, zur Instandhaltung und zum Anlagenmanagement ein Gesamtwerk vorzulegen. Das Handbuch ist für das breite Spektrum der in der Planungs- und Baupraxis tätigen Ingenieure, der Fachleute in den Behörden, der technisch gebildeten bzw. interessierten Führungskräfte und der Studierenden und Lehrkräfte an wissenschaftlichen Einrichtungen bestimmt und für diesen Leserkreis eine wertvolle Unterstützung. Aber wie so oft im Leben, ersetzt auch diese Publikation nicht die Kenntnis und die Auseinandersetzung mit den Primärquellen - den gesetzlichen Grundlagen, Normen und Standards sowie dem mathematisch-physikalischen Grund- und Fachwissen.

 

Es ist dem hohen Engagement des Herausgebers zu danken, und hier liegt aus der Sicht des Rezensenten das Besondere des Werks, Fachautoren zusammengeführt zu haben, die ihre persönliche Sichtweise, auch die Widersprüchlichkeit von Auffassungen und ihre Berufserfahrungen unverblümt einbringen und zugleich ihren persönlichen Stil offenbaren. Auch wenn der technische, wissenschaftliche und wirtschaftliche Anspruch sehr differenziert ist, den das jeweilige Fachgebiet als solches auch prägt, sind alle Kapitel des Buches des Lesens und des Studierens wert, aber auch der fachmännischen Auseinandersetzung. Exakt auf den Titel des Buches abgestellt, wird ausschließlich die Eisenbahninfrastruktur behandelt. Dadurch bleiben leider innovative verkehrliche und technische Lösungen von anderen Schienenbahnen außen vor, die – in Anspielung an die eingangs von Prof. Rivier erwähnten Vorzüge - den modernen spurgeführten Nahverkehr um und in Ballungsgebieten weltweit so attraktiv machen. Warum für den Kunden umsteigefreie Transporttechnologien des Personennahverkehrs nicht erwähnt werden, bleibt trotz der Konzentration auf die Eisenbahninfrastruktur für den Rezensenten nicht nachvollziehbar. Der Herausgeber verweist in seinem Vorwort mit dem seinerzeit von Prof. Dr.-Ing. Ewald Graßmann (TU Berlin) herausgegebenen Handbuch des Eisenbahn-Bauwesens auf eine vergleichende Quelle. Bei nahezu gleichem Umfang (25 Autoren und 982 Seiten) werden bei Graßmann aber auch die (systematische) Oberbaukonstruktion, die Bahnhofsgestaltung, die Anlagen für die Fahrzeuginstandhaltung und die Anlagen des Eisenbahngüterverkehrs behandelt. Diese Teilgebiete werden zwar bei einigen Autoren des neuen Handbuchs angesprochen und in bautechnischen Details belegt, jedoch nicht in einer ganzheitlichen Darstellung und Erörterung behandelt. Gerade für den Eisenbahngüterverkehr ist die wirtschaftlich erfolgreiche Integration in Logistikketten von enormer Bedeutung, die leider von der traditionellen Bestimmung und Gestaltung der Eisenbahninfrastruktur so nicht abgedeckt werden und zu denen gerade in Gegenwart und Zukunft auch die Anschluss- und Werkbahnen gehören.

 

Das Handbuch zeichnet sich durch eine solide Verarbeitung aus. Der enorme Umfang verlangte auch nach einer strapazierfähigen Bindung, soll doch das Werk für die tagtägliche Nutzung bestimmt sein. Der zweispaltige Textaufbau unterstützt den Lesefluss auf angenehme Weise. Auch die Platzierung der zahlreichen Tabellen und Abbildungen ist geschickt gewählt und trägt auch für den nicht fachkundigen Leser zum Verständnis und zum Erkenntnisgewinn bei. So wie bei allen anderen Verzeichnissen und Beschriftungen auch, wäre eine konsequent durchgehende Formelnummerierung wünschenswert gewesen. Auch darf mit Blick auf den Buchpreis eine solidere grafische Verarbeitung und Präsentation nicht nur eines Teils der Abbildungen erwartet werden.

 

Das Handbuch sei den Fachleuten des Eisenbahnwesens sehr empfohlen. Für die Ingenieurausbildung setzt das Werk einen hohen Maßstab, welches Wissen unter anderem von universitären Absolventen auf ihrem Fachgebiet der Eisenbahninfrastruktur als tiefes Fachwissen erwartet werden darf bzw. als fachübergreifendes Wissen solide reflektiert und eingeordnet werden sollte. Auch den berufserfahrenen Eisenbahnfachleuten gibt das Werk Gelegenheit der persönlichen Weiterbildung und des Anstoßes zu neuen Erkenntnissen und zum lebhaften Engagement für eine erfolgreiche Eisenbahn der Zukunft.

Cottbus, 20.03.07

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Hans-Christoph Thiel