Zu klein für fette Happen
Schon wenige Monate nach der Gründung vor gut zwei Jahren waren rund 100 Firmen in der von Cottbus aus geleiteten Netzwerkinitiative Triebwerkstechnik gelistet. Inzwischen hat sich das beim Verein Berlin-Brandenburg Aerospace Alliance angesiedelte Netzwerk auf 42 aktive teilnehmende Unternehmen verdichtet, die sich in 14 Produktionsgruppen organisiert haben. Für die Auftraggeber aus der Luftfahrt sind das aber immer noch zu viele Ansprechpartner.
VON ROLF BARTONEK
Weniger ist mehr. Das ist die Formel, nach der Prof. Günter Albrecht, Experte für Triebwerksdesign an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus und Leiter der Netzwerkinitiative, gemeinsam mit den beteiligten Firmen die künftige Zusammenarbeit strukturieren muss. Am Donnerstag treffen sich 25 der Netzwerkpartner mit den Kunden Rolls-Royce, MTU und N3. Letzteres ist ein Joint Venture von Lufthansa Technik und Rolls-Royce U.K. (Großbritannien) in Arnstadt (Thüringen). Sie wollen beraten, wie sich das Netzwerk entwickeln muss. Ging es in der ersten Phase darum, die technischen Kompetenzen möglichst vieler Firmen zu erfassen, so haben sich inzwischen diejenigen herausgeschält, die vom Know-how und vom Maschinenpark her tatsächlich für die anspruchsvolle Luftfahrtindustrie arbeiten können.
Derzeit werden von den Partnerfirmen Teile hergestellt, die zur Bodenerprobung von Triebwerken benötigt werden, sowie Vorrichtungen und andere Produkte für den Wartungs- und Servicebereich. An die wirklich lukrativen Zulieferungen für Triebwerke, die für den Flugbetrieb bestimmt sind, kommen die Firmen noch nicht heran. Albrecht nennt solche Produkte "fliegende Teile". Zum einen wollen große Hersteller oder Wartungsbetriebe wie Rolls-Royce-Deutschland, MTU, Lufthansa Technik oder N3 nicht mit einer Vielzahl von Kleinunternehmen verhandeln. Sie suchen größere und finanzstärkere Partner.
Zum anderen können die möglichen Auftraggeber aus luftfahrtrechtlichen Gründen auch nicht ein Netzwerk oder eine Netzwerk-Dachfirma (Holding) als Partner wählen. In diesem hochsensiblen Sicherheitsbereich müsse ein Aufragnehmer immer eine Firma mit eigener Produktion, eigenen Hallen und eigenem Personal sein, berichtet Albrecht. Der 66-jährige war fast sein ganzes Berufsleben für MTU in München und Rolls-Royce im brandenburgischen Dahlewitz (Teltow-Fläming) tätig.
Stark wachsender Markt
Es gibt heute zwar ein funktionierendes Netzwerk, dass sich in 14 Produktgruppen gliedert, die jeweils die Bereiche Fertigung, Dienstleistungen sowie Forschung und Entwicklung umfassen. Es muss sich aber verändern, um an die wirklich fetten Auftragshappen heranzukommen. Worum es dabei geht, mach Albrecht an einigen Zahlen deutlich.: Bis 2025 werden nach Angaben von Airbus und Boeing weltweit mehr als 20.000 neue Flugzeuge gebraucht. Der Markt wächst jährlich um mindestens fünf Prozent. Derzeit teilen sich im Triebwerksbereich die Hersteller und große nichtregionale Zulieferer die Arbeit. Auf regionale Partner aus Berlin, Brandenburg, aber auch aus Sachsen und Sachsen-Anhat entfallen nicht einmal fünf Prozent. Auf die erwartete Verdopplung des Marktvolumens binnen 20 Jahren können und wollen die großen Hersteller und ihre traditionellen Zulieferer laut Albrecht nicht mit einem entsprechenden Ausbau ihrer Fertigung reagieren. Die Branche geht derzeit davon aus, dass Triebwerkshersteller und traditionelle Zulieferer um etwa 50 Prozent wachsen. Es entsteht folglich ein Kapazitätsdefizit von rund 50 Prozent des heutigen Umsatzvolumens. "In diese Lücke wollen wir stoßen", sagt Albrecht. Für die heute noch kleinen regionalen ostdeutschen Zulieferer bedeutete dies etwa eine Verzwanzigfachung ihrer Kapazitäten für die Triebwerksindustrie.
Mit den heutigen Strukturen ist das nicht zu stemmen. Dabei ist das Zeitfenster eng. Denn gelinge es den kleinen regionalen Netzwerk-Firmen nicht, ihre Zusammenarbeit auf eine höhere Ebene zu stellen und gemeinsam rasch zu wachsen, dann könnte dies auch negative Folgen für die Triebwerkshersteller haben, erklärt Albrecht. "Ohne neue regionale Zulieferer würde für sie das Risiko bestehen, ihre Produktion nicht im erforderlichen Umfang ausbauen zu können." Aber was wäre zu tun, wenn ein Netzwerk für das Bündeln von Kräften nicht mehr ausreicht? Praktisch kann es nur darum gehen, neue, starke Produktions- und Entwicklungsbetriebe zu schaffen. Theoretisch könnte dies auf dem Weg von Fusionen geschehen, praktisch aber wäre dies ein äußerst komplizierter, langwieriger und wohl auch konfliktreicher Weg. Eher denkbar erscheint nach Vorstellungen aus der Branche die Gründung von zwei oder drei spezialisierten Unternehmen, in die alle infrage kommenden Firmen der Netzwerkinitiative Anteile und Kapazitäten einbringen könnten.
Chance nicht verschenken
Ob dieser Weg beschritten wird, ist noch nicht klar. Für den Standort Berlin-Brandenburg wäre es aber bald eine verschenkte Chance, wenn die Netzwerkinitiative nicht bald in eine geeignete Unternehmensstruktur münden würde. Dann bliebe der Osten auch künftig zu klein für fette Happen im Triebwerksgeschäft. Wie das zu vermeiden ist, darüber wollen sich Netzwerkpartner und Kunden am Donnerstag beraten.
Hintergrund 2.800 Beschäftigte in regionaler Luftfahrtindustrie
Im Raum Berlin-Brandenburg gehören rund 70 Unternehmen mit zirka 2.800 Beschäftigten zur Luftfahrtindustrie oder ihren Zulieferern.
25 Unternehmen bilden von ihrer Technologie den Kern der Netzwerkinitiative. Sie haben - ohne die großen Auftraggeber Rolls-Royce, MTU, N3 und Lufthansa Technik - rund 1.800 Beschäftigte.
Zum erweiterten Kreis des Netzwerks zählen 42 Firmen, darunter aus Südbrandenburg die Unternehmen Heinz Automtaions-Systeme (Elsterwerda), GP Innovationsgesellschaft (Lübbenau) und Feingießerei Spremberg.
Heinz Automations-Systeme liefert laut Albrecht vor allem Vorrichtungen. Generell werden vom Netzwerk hunderte Vorrichtungen hergestellt, zum Beispiel zum Aufbocken, Transport und Zerlegen von Triebwerken.
Die GP Innovationsgesellschaft ist an der Realisierung von Forschungsthemen zur Oberflächenbehandlung von Schweißnähten an Triebwerksteilen beteiligt.
[Lausitzer Rundschau, Wirtschaft vom 13.11.2007;
Internet:
www.lr-online.de/wirtschaft/LR-Wirtschaft;art1067,1838513]
