Von einem, der auszog, in Cottbus sesshaft zu werden

- Siemens-Trainee Michael Günther
Cottbus leidet an massiver Fachkräfte-Abwanderung - Kammern und Unternehmen schlagen Alarm. Es geht auch anders: Michael Günther, Badener aus der Nähe von Pforzheim, hat Cottbus bewusst zu seiner Heimat gemacht. Der 29-Jährige hat an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Wirtschaftsingenieurwesen studiert, sich bei Siemens als erster Cottbuser Werkstudent angedient. Ab November unterstützt er für das Elektronik- und Elektrotechnik-Unternehmen den Vertrieb von Energieverteilungstechnik.
Jung, gut ausgebildet, motiviert und forsch - Michael Günther hat alles, was ein aufstrebender Jungmanager braucht. Und anders als viele junge Cottbuser hat er hier auch eine berufliche Perspektive. "Selbst erkämpft", betont er. Während Kommilitonen sich während der Studienzeit die Brötchen mit Kellnern oder mit dem Einräumen von Regalen verdienen, hat Michael Günther als Werkstudent bei Siemens in Groß Gaglow "wichtige Erfahrungen gesammelt". Für diesen Job hat er sich mächtig ins Zeug gelegt: Ein dreiviertel Jahr habe er den Siemens-Leuten im Ohr gelegen und festgestellt, dass diese Form der Nachwuchs-Rekrutierung in der Lausitz relativ unbekannt ist. Inzwischen ist Günther Trainee beim Elektronik-Elektrotechnik-Konzern. Ab Herbst unterstützt er in Cottbus den Vertrieb von Energieverteilungsanlagen - das ist Technik von der Stromerzeugung über die Verteilung bis in die Steckdose. Der 29-Jährige sucht die Herausforderungen.
Der Baden-Württemberger hat bewusst in Cottbus studiert. "Wenn ich schon studiere, dann richtig, weit weg von zu Hause." Die kleine Technische Universität in der Lausitz sagte ihm zu. Mi dem unbekannten Menschenschlag kam er rasch klar. "Ich habe wenig Probleme, auf Leute zuzugehen." Und an die ständigen und nervenden Erklärungszwänge - warum ein Süddeutscher nach Cottbus zieht - kann er sich kaum noch erinnern. "Ich fand damals die Frage schon komisch." Sein badischer Singsang ist inzwischen um ein paar Berliner Akzente reicher. Und die Assimilation ist nicht nur sprachlich fortgeschritten: Freundin Vivien Speck stammt aus Brandenburg, aus Neuruppin; beide haben sich an der BTU kennen- und lieben gelernt. Jetzt wollen sie Cottbus etwas zurückgeben, hier könne man etwas bewegen, die "Strukturen sind noch nicht so eingefahren". Die Stadt verändert sich, "hier kann und muss man viel anpacken".
Noch pendelt Michael Günther zwischen Siemens in Berlin und Siemens in Groß Gaglow. Sein Leben in Cottbus beschränke sich zurzeit aufs Beobachten ("man spürt eine Aufbruchstimmung") und Nutzen von Angeboten ("die Altstadtnächte sind immer toll"). Ab Herbst, wenn er fest im Cottbuser Siemens-Sattel sitzt, soll das anders werden. Michael Günther will in Cottbus einen Trainee-Stammtisch gründen, sucht Gleichgesinnte. Freundin Vivien engagiert sich ohnehin bei den Cottbuser Bündnisgrünen, der Freundeskreis ist mittlerweile überwiegend lausitzerisch. "Mir fehlt hier nichts", fasst Michael Günther zusammen. Auf dem Altmarkt in der Sonne genüsslich einen Kaffee zu genießen - "was will man mehr".
Familiäre Wurzeln im Osten Deutschlands aufzuschlagen - das liegt bei Günthers aus Baden-Württemberg in der Familie. Den Bruder hat es gleich nach der Wende nach Weißwasser verschlagen - inzwischen ist der Zahntechniker im ostsächsischen Weißwasser heimisch und mit Familienanhang.
Einen Minuspunkt hat die Stadt an der Spree aber doch - im Vergleich mit Süddeutschland. "Ich vermisse beim Radfahren die Berge." Klar, dass sich Michael Günther auch in der Freizeit bewusst eine Herausforderung sucht: Mit der Freundin will er im Sommer den Radweg Berlin-Kopenhagen knacken. Auf den Trainingseinheiten entlang der Spree oder in Richtung Maust halten die beiden schon mal Ausschau nach einem idyllisch gelegenen Dreiseitenhof - dort wäre das Glück perfekt. (von Sybille von Danchelman)
[Lausitzer Rundschau vom 10. Mai 2007, Seite 15]
Trainee Stammtisch
Michael Günther möchte einen Stammtisch für Trainees in Cottbus gründen. Kontakt unter
