Das Ende des Dipl.-Ing.
Der Ruf deutscher Ingenieure überschreitet alle Grenzen. Jetzt wird ihre Ausbildung dem Dogma international einheitlicher Studiengänge geopfert. Bis 2010 soll es keine Diplomstudiengänge mehr geben. Die Folge: weniger Forschung, weniger qualifizierter Nachwuchs.
Von Jürgen Kaube
Deutschland verdankt seinen Wohlstand ganz wesentlich einer Berufsgruppe: den Diplom-Ingenieuren. Innovationen im Maschinenbau, der Elektro- und der Verfahrenstechnik sorgten jahrzehntelang dafür, dass die deutsche Wirtschaft ihr Wachstum auf hohe Preise anstatt auf niedrige Löhne gründen konnte. Die vielbeschworene "mittelständische Industrie", die das Land trägt, ist ein Verwertungszusammenhang von Ingenieurleistungen.
Doch der Diplom-Ingenieur, der 1899 nach langen Kämpfen gegen ein ausschließlich humanistisches Bildungsideal als universitäres Zertifikat anerkannt worden war, verschwindet. Von den technischen Fächern an deutschen Hochschulen schließen in Zukunft die meisten nicht mehr mit dem Diplom ab. Insgesamt gibt es etwa 2.150 Ingenieurstudiengänge, davon sind gut sechshundert auf Bachelor umgestellt worden, gut 480 zu Master-Studiengängen. Seit dem Wintersemester 2005/2006 nimmt beispielsweise die Technische Universität Darmstadt keine Erstsemestler mehr in ihren Diplomstudiengang Maschinenbau auf. An der TU München hingegen ist es in manchen Fächern nach wie vor möglich, auf den "Dipl.-Ing." hin zu studieren. In Karlsruhe wiederum kündigt man im Maschinenbau die Umstellung vom Diplom auf Bachelor und Master für "2008 oder 2009" an.
Wie kommt es, dass ein Studienmodell, für das uns das Ausland bewunderte, im Zuge einer Hochschulreform abgeschafft wird? Im Mai 1998 verabschiedeten in Paris die Bildungsminister Frankreichs, Deutschlands, Großbritanniens und Italiens ihre gemeinsame Erklärung zur Harmonisierung des europäischen Hochschulsystems. Damals ging es in erster Linie um die internationale Anerkennung europäischer Hochschulabschlüsse. Vor allem die Franzosen machten sich damals Sorgen um den Wert ihrer Zertifikate im Ausland. Die Deutschen wiederum waren an kürzeren Studienzeiten interessiert. Anstatt wie bisher ein Zwischenzeugnis von nur inneruniversitäter Bedeutung zu erwerben, sollten die europäischen Studenten bereits nach sechs Semestern ins Berufsleben wechseln zu können. Der auf drei Jahre angelegte Bachelor, so Jürgen Rüttgers (CDU), sei angesichts der im weltweiten Vergleich längeren und besseren Schulbildung in Europa auch international wettbewerbsfähig.
Doch an der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Diplom-Ingenieurs gab es damals wie heute gar keinen Zweifel. Und wettbewerbsfähig ist man ja auch nicht, indem man anbietet, was alle anderen auch anbieten, sondern indem man liefern kann, was viele gerne hätten. Zum Beispiel Diplom-Ingenieure. Aber Reformen sind Selbstläufer: Die Studiengänge werden auch ohne einen Anlass jenseits der Reform selbst reformiert. Die Ingenieure müssen sich Lehrpläne für ein sechssemestriges Bachelor-Studium ausdenken. Das geht nicht ohne Straffungen - die Ideologen der Reform sprechen von "Entschlackung", so als seine Ingenieure dafür bekannt, ihre Studenten mit unnützem Wissen zu behelligen. So kann man nun "Angewandte Mechanik" studieren oder "Maschinenbau / Energie- und Anlagensysteme" oder "Rohstoffingenieurwesen". Es setzt mithin die Spezialisierung des Ingenieurs auch an Universitäten zunehmend früher und oft schon mit Beginn des Studiums ein. Man muss Absolventen die Daumen drücken, dass es dann auch zu diesen Studien passende Stellen in ausreichender Anzahl geben wird.
Die Ingenieurwissenschaftler selber teilen diese Reserven. Selbst für Ingenieure, deren Ausbildungsziel nicht Innovation, sondern Einsatz in Routinefeldern ist, hält die "TU 9", der Zusammenschluss der führenden deutschen Technischen Universitäten, den Bachelor nicht für ausreichend. "Employable but not professional", einsatzfähig, aber nicht fachlich routiniert, so lautet ihre Formulierung, die den Arbeitgebern signalisiert, dass universitäre Bachelors dringend innerbetrieblich weitergebildet werden müssen, wenn sie auf dem Niveau eines Fachhochschul-Ingenieurs alten Typs ankommen sollen.
Für den Masterabschluss fordern die Technischen Hochschulen eine mindestens viersemestrige Ausbildung. Und es müsse, so Horst Hippler, Rektor der Technischen Universität Karlsruhe, eine eindeutige Festlegung auf diesen Abschluss erfolgen, "wenn schon das universitäre Diplom nicht beibehalten werden soll". Und tatsächlich: Wie soll jemand in sechs Semestern zu einem Wirtschaftsingenieur oder -informatiker werden, wenn der Studienumfang dafür bürokratisch in Form des sogenannten "workloads" auf 5.400 Seminar- und Schreibtischstunden festgelegt worden ist - und zwar aus dem einzigen Grund, weil dieselben Zeitbudgets nach dem sinnlosen Kriterium der "Vergleichbarkeit von Abschlüssen" auch für Betriebswirte oder Germanisten vorgesehen sind?
Ironie der Reform: Nachdem man inzwischen allerorten von den sechs Semestern, die zunächst für den Bachelor geplant waren, längst auf sieben oder acht hochgegangen ist, würde dann im Regelfall des Masterstudiums nach elf oder zwölf Semestern der Professionsabschluss erreicht. Wo hier der Gewinn gegenüber dem alten Diplom-Studium sein soll, wissen wohl nicht einmal mehr die Erfinder des neuen Modells. Außerdem sind fast alle denkbaren Studienabläufe in der Diskussion: sechs Semester bis zum Bachelor, vier bis zum Master - das ist das Wunschmodell der Reformer. Aber es gibt auch solche, die sieben und drei Semester vorschlagen. Manche Hochschulrektoren denken an fünf und fünf, der bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel an acht und zwei. Es herrscht, mit anderen Worten, ein fast beliebiges und insofern undurchdachtes Manövrieren im Rahmen der üblichen Wunschvorstellung, es solle zügig studiert werden. Zur Erinnerung: Ende der neunziger Jahre wurden durchschnittliche 10,5 Hochschulsemester in den Ingenieurwissenschaften als unzumutbar lang dargestellt.
Ein weiteres vollmundiges Versprechen der Bologna-Reform war, in allen Fächern mehr "Querschnittsfähigkeiten", neudeutsch "soft skills", zu vermitteln. Will sagen: Kurse in Teamfähigkeit, Power Point, interkulturellem Einfühlungsvermögen. Man hält das für Hinführung zum Beruf und gibt sich überdies der Illusion hin, Sozialverhalten lasse sich in Trockenübungen durch Experten für Sozialverhalten schulen. Konkret ist dies beispielsweise ab dem Wintersemester 2007/2008 zu beobachten im Studiengang Maschinenbau an der TU Darmstadt: Unter dreißig Pflichtbereichen - von Mathematik über Messtechnik bis zu Wärme- und Stoffübertragung - heißt einer "Philosophie für Maschinenbauer". Dass es deutschen Ingenieuren bis dato erheblich an dergleichen Qualifikationen gemangelt hat, war jedenfalls nicht bekannt.
Auf ein viel dringlicheres Problem hat der Rektor der RWTH Aachen, Burkard Rauhut, hingewiesen. Die Wirtschaft erwarte jüngere und kostengünstigere Absolventen. Wenn, wie derzeit, Ingenieurmangel herrscht, hätte gerade der Erfolg des Bachelormodells fatale Folgen. Denn begabte jungen Ingenieure, die schnell in den Beruf wechseln, fallen als Masterstudenten und Doktoranden aus für die Forschung, auf der ein Gutteil der industriellen Innovation beruht. Zur ohnehin geringen Neigung deutscher Abiturienten, Natur- und Technikwissenschaften zu studieren, käme dieser vorzeitige Abfluss hinzu.
Die Hochschulen, so Rauhut, müssten dann in ihrem Forschungsbetrieb verstärkt auf ausländische Studierende zurückgreifen. Die aber kehren in der Regel nach der Promotion in ihr Heimatland zurück: "Das würde zu der paradoxen Situation führen, dass hochwertiges Forschungspotential ins Ausland verlagert wird, während die heimische Industrie mit weniger gut ausgebildeten Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen auskommen muss." In einigen Ingenieurfächern liege die Quote der Ausländer an den Studierenden, die einen Doktorgrad anstreben, bereits höher als fünfzig Prozent. In diesem Zusammenhang wirkt es eigenartig, wenn der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbandes ohne jede Besorgnis die Zukunft so beschreibt: "Wenn der Ingenieurmangel in den nächsten fünf bis sieben Jahren dramatisch wird, werden die Unternehmen die besten Bachelorabsolventen von der Uni abwerben. Im Master werden diejenigen studieren, die es nicht schon nach dem Bachelor zum Unternehmen geschafft haben." Das heiße nichts anderes, als dass die Ingenieurnot dazu führen würde, die Zahl der wissenschaftlich ausgebildeten Kräfte zu reduzieren.
Die Wirtschaft ihrerseits hat noch Schwierigkeiten, sich etwas unter den neuen Titeln vorzustellen. Sie neigt dazu, im Zweifel den alten Diplomen den Vorzug zu geben. Tatsächlich hatte sie ja auch kein Problem mit ihnen. Das ahnend, hat der maßgeblich hochschulpolitische Begründungslieferant für den hiesigen "Bologna-Prozess", das Gütersloher "Centrum für Hochschulentwicklung" der Bertelsmann Stiftung, frühzeitig dafür plädiert, Bachelor- und Masterstudiengänge alternativlos einzuführen. Der Wettbewerb, sonst wie eine Monstranz hochgehalten, wird zwischen den Studiengängen und Abschlüssen ausgeschaltet. Die deutsche Hochschule hat sich ohne Not und in einer Mischung von Phrasengläubigkeit und bürokratischer Konsequenz um eines ihrer besten Stücke gebracht. 2010 soll es dann so weit sein, dass es keine Diplomstudiengänge mehr gibt.
[Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2007, Seite C1, Rubrik: Lehre und Studium, Ressort: Beruf und Chance, Seitentitel: Beruf und Chance]
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