Unidisziplinierte Architekturtheorie

Zu den weit verbreiteten Klischees innerhalb der Architektenschaft gehört die Auffassung, schlechte Zeiten für das Bauen seien gute Zeiten für die Theorie. Da ist ja durchaus was Wahres dran, doch wäre es völlig falsch, hieraus den Umkehrschluss zu ziehen, Architekten könnten sich in Zeiten drängender Bauaufgaben ohne Theorie durch die Praxis[1] schlagen. Wohl haben sie es oft genug versucht und dabei den Antiintellektualismus des Tatmenschen als Freibrief der eigenen Theorieferne ausgegeben. Wollte man aber hieraus den Schluss ziehen, Bauen und Denken dürften getrennte Wege gehen, würde man nur dem Vorurteil zuarbeiten, die kritische Selbstreflexion der Architektur sei eine nachgeordnete Tätigkeit – ein überflüssiger Luxus und Lückenbüßer[2], auf den Architekten immer dann zurückkommen, wenn sie sich an ihrer eigentlichen Bestimmung, dem Bauen, gehindert sehen. Richtig ist zwar, dass bei ausgreifender Bautätigkeit die Zeit zum Schreiben fehlt, und richtig ist auch, dass der Erfolg blind macht, doch lässt sich das Denken nicht mehr abschalten, hat man erst damit angefangen.

Das „Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen“ (igma) wurde 1968 [3] gegen die Theoriefeindlichkeit einer epigonalen Moderne gegründet und hatte sich zudem gegen einen feindseligen Ideologieverdacht zu behaupten, der aus der Mitte der Studentenbewegung gegen die Architekturtheorie erhoben wurde. Um beidem zu widerstehen, wählte das igma den Weg, architekturtheoretische Seminare und konzeptionelle Entwurfsthemen anzubieten, ohne einen Unterschied zwischen den Ambitionen der Praxis und ihrer kritischen Reflexion zu machen. Und selbstverständlich gilt für uns heute noch: Anspruchsvolles Bauen kann nicht theorielos sein (und war es wohl auch nie); und ebenso wenig vermag eine Theorie, die mehr sein will als eine Analyse der jüngeren Baugeschichte, ohne Entwurfslehre zur zeitgenössischen Architektur aufzuschließen. Sie muss dies aber wünschen, wenn sie ihrer ureigenen Aufgabe gerecht werden will, dem Bauen diejenigen intellektuellen, künstlerischen und wissenschaftlichen Impulse zu geben, die es erst zur Architektur machen. (Häring hätte umgekehrt von einer Architektur gesprochen, die sich zum Bauen fortentwickeln muss. Warum auch nicht? Hier geht es ja nicht um Begriffe, die bereits reichlich antiquiert klingen, sondern um eine Tendenz.)

Architekturtheorie ist Legitimationstheorie. Allerdings in ketzerischer Weise: Statt Propaganda zu machen für einen bestimmten Architekturstil oder ein erfolgreiches Büro, stellt sie das Bauen radikal infrage und schreckt auch nicht davor zurück, die Architektur abzuschaffen, sobald sie Gefahr läuft, ihre kulturelle Bedeutung[4] einzubüßen, um sie sogleich neu zu erfinden. Doch bei aller Kritik, Verneinung, Feier und Wiedergeburt des Architektonischen bleibt eine Gewissheit bestehen: Wie alle anderen Künste – wie Musik, Literatur, Film, Theater, Tanz und Malerei – zählt auch die Architektur zu den unverzichtbaren ästhetischen Aktionsfeldern des Menschen. „Schönheit“ und Nutzen, ob sie nun programmatisch in eins fallen oder provokativ auseinander treten, bilden ihre Hauptkomponenten und machen die Architektur zum Gegenstand kultureller Diskurse. Aus diesem Grund gibt es ja auch kein Definitionsmonopol, weder für den erfahrenen Baumeister oder gepriesenen Stararchitekten, die für sich reklamieren, sie allein wüssten, was Architektur sei, noch für den Politiker, der den Einfluss hat, und den Investor, der über das nötige Geld verfügt, um der regionalen und internationalen Baukultur die Richtung vorzugeben.

Legitimation und Definition der Architektur bilden die Gegenstände eines Fachs, dessen Grenzen porös sind. Nicht nur gegenüber der Gesellschaft und ihrem Mitspracherecht in Sachen Kunst und Kultur, sondern genauso gegenüber allen Geistes-, Gesellschafts- und Naturwissenschaften, deren Argumente und Methoden die Architekturtheorie inspirieren, um von hier aus experimentelle Entwurfsideen und eine innovative Baupraxis anzufachen. Doch wie durchlässig ihre Demarkationslinien auch immer sein mögen – die Architekturtheorie prallt selber an eine Grenze, wenn sie zum Akteur einer Verschmelzung von Kunst und Alltag bzw. der Überführung von Kunst in Lebenspraxis werden wollte. Letzteres mag zwar für alle gestalterischen Disziplinen, die einen Gebrauchswert haben, eine rechtmäßige Forderung darstellen, eine Utopie, auf der die selbst ernannten Erben der historischen Avantgarden weiterhin bestehen dürfen – doch erscheint uns ja die Gefahr der Barbarei, die auf das Ende der Kunst folgen könnte, inzwischen gewisser denn je.

Hauptforschungsrichtungen

Die BTU ist neben ihren Aus- und Weiterbildungsleistungen als eine forschungsintensive Universität mit einer starken Anwendungsorientierung konzipiert, die sich auch als innovatives Element einer neu zu gestaltenden Region sowie als Antriebskraft für die wirtschaftliche Entwicklung[7] im Land Brandenburg versteht.

Aufgabe der BTU Cottbus ist es, ein exzellentes Bildungs- und Forschungsangebot im Rahmen des Profils einer Technischen Universität anzubieten, das die Ausbildung qualifizierter Fachkräfte garantiert und die Wirtschaftslandschaft durch den Transfer von Forschungsergebnissen und Innovation stärkt.

Das Profil der BTU Cottbus ke

Vor Brinckmann: Städtebaugeschichte als Teil der Planungsliteratur

Die ersten generellen Darstellungen der Städtebaugeschichte waren nicht als Monographien, sondern als Kapitel in Werken der zeitgenössischen Planungsliteratur erschienen. Geschichte war hier nicht nur unmittelbar mit der Praxis verknüpft, sondern von unterschiedlichen Fachleuten wie Architekten, Ökonomen, Naturwissenschaftlern oder Historikern dargestellt worden.

So ließen etwa Daniel Hudson Burnham und Edward Herbert Bennett ihren Plan of Chicago (1909) mit einem zwanzigseitigen Kapitel über die Geschichte des Städtebaus beginnen. Unter dem Titel "City Planning in Ancient and Modern Times" präsentierten sie eine großzügig illustrierte umfassende Stadtplanungsgeschichte von Mesopotamien bis zu den zeitgenössischen USA. Dieses seinerzeit auflagenstärkste Planungsdokument war selbst ein Produkt interdisziplinärer Zusammenarbeit: Während Burnham und Bennett ausgebildete Architekten waren, arbeitete Charles Moore, der den Text des Bandes verfasst hatte, als Journalist und Politiker. Darüber hinaus war auch die Stadtgeschichte nicht als autonome Formgeschichte aufgefasst, sondern als Resultat unterschiedlicher Faktoren verstanden. Die Autoren legten ein besonderes Augenmerk auf die Ökonomie und meinten, dass "commerce a leading motive in city building" sei [10] kein Wunder, war ihr Plan doch vom Chicago Commercial Club speziell als Wirtschaftsförderungsmaßnahme in Auftrag gegeben worden. Doch auch weitere Faktoren wie Religion, Politik oder Gesetzgebung spielten im Text eine entscheidende Rolle.

Im selben Jahr erschien in Deutschland das von dem Volkswirtschaftler Rudolf Eberstadt verfasste Handbuch des Wohnungswesens und der Wohnungsfrage. Dieses enthielt eine noch ausführlichere Geschichte des Städtebaus: Über 50 Seiten schilderte der Autor gleich zu Beginn des Bandes "Die Entwicklung der städtischen Bauweise: Altertum, Mittelalter, Periode der landesfürstlichen Bautätigkeit, Gegenwart".[11] Auch Eberstadt pflegte einen multidisziplinären Zugriff auf sein Thema und erklärte diesen gleich im Vorwort: "Die Zweige der Wissenschaft, die in Betracht kamen, sind Verwaltungslehre, Technik und Volkswirtschaft".[12] Das Einbeziehen dieser Disziplinen ergab sich für ihn aus der multidisziplinären Natur seines Gegenstandes. So sei das besondere am Städtebau vor allem die innige Verknüpfung verschiedener Faktoren: "Das Wohnungswesen zeigt, in größerem Umfang vielleicht als irgend ein anderer Teil unseres Kulturlebens, den Grundzug, daß jeder einzelne Vorgang seine Wirkungen vervielfältigt und auf fremde Gebiete überträgt. Die Einrichtungen, die der Jurist schafft, sind bestimmend für das Werk des Technikers. Die Maßnahmen des Technikers wiederum haben in hervorragender Weise volkswirtschaftliche Bedeutung. Die Ergebnisse der Bodenparzellierung, der Bauweise, der Besitzverteilung greifen auf das tiefste in die Gestaltung der politischen Verhältnisse ein."[13] Gesetzgebung, Technik, Wirtschaft und Politik bestimmten sich im Städtebau wechselseitig und bedürfen als spezielle Gebiete eine besondere Beachtung.

Dass Eberstadt als Volkswirtschaftler die ökonomischen und politischen Aspekte betonte, überrascht wenig. Dennoch reduzierte er selbst als Ökonom die Stadt nicht auf diese Faktoren, sondern räumte auch der Stadtform, den "künstlerischen" Fragen, einen eigenen Stellenwert ein: "Gewiß stehen für unsere Untersuchungen die volkswirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Gesichtspunkte an erster Stelle; indes die künstlerischen Forderungen fallen mit unseren Zielen vollständig zusammen und können nur gleichzeitig und gemeinsam mit diesen verwirklicht werden."[14] Dieses nicht-reduktive Verständnis des Städtebaus – die Beachtung ästhetischer Aspekte neben anderen Aspekten – war typisch für den frühen modernen Urbanismus, bevor funktionalistische, technizistische oder ausschließlich soziologische Konzepte die Oberhand gewannen und die Stadtform aus anderen Faktoren abzuleiten versuchten.

Ganz ähnlich sah dies Werner Hegemann, ebenfalls als Ökonom ausgebildet und dann als Stadtplaner tätig, zwischen Deutschland und den USA pendelnd. Der von ihm herausgegebene zweibändige Katalog der großen Berliner Städtebauausstellung von 1910, auf der vor allem die Pläne des Wettbewerbs Groß-Berlin gezeigt worden waren, umfasste ebenfalls ausführliche historische Beiträge. Die erste Hälfte des ersten Bandes war einer historischen Übersicht des Städtebaus und einer ausführlichen Planungsgeschichte Berlins gewidmet. Auch Hegemann betonte den Zusammenhang wirtschaftlicher, technischer und künstlerischer Aspekte, wenn es um gelungene Stadtplanung ging: "Dabei darf jedoch die technische und wirtschaftliche Überwindung von der künstlerischen zeitlich nicht getrennt werden, um beide muss gleichzeitig gerungen werden."[15] Nur ein multidisziplinärer Zugriff, der ebenfalls die Kunst mit einbezog, könne die aktuellen Probleme der Großstädte lösen.

Ein weiteres Medium, in dem Städtebaugeschichte im Rahmen aktueller Stadtplanung präsentiert wurde, war die Städtebauausstellung. Den umfassendsten Zugriff lieferte hier zweifellos der Biologe Patrick Geddes in seiner Cities and Town Planning Exhibition, die er erstmals 1911 in Chelsea, London, zeigte. Hier war – neben aktuellen Plänen und einem ausführlichen Survey von Edinburgh – die gesamte Städtebaugeschichte in chronologischer Folge als folgerichtige Entwicklung dargestellt, nach dem organisch-religiösen Schema von "origin, growth, decay, revivance" geordnet. Die Gegenwart hatte dabei Geddes in die "present separate contributions of professions & specialisms" aufgeteilt. Diese bestanden in "ethics & religion, economics & politics, education, medicine, hygiene, horticulture etc., architecture and arts & crafts, engineering, surveying etc.".[16] Diese in der Gegenwart getrennten Disziplinen sollten dann in der Zukunft zu einem Verständnis der "city as organic unity" zusammengeführt werden. Interdisziplinarität, sogar Transdisziplinarität, ist hier das explizite Programm des städtebautreibenden Naturwissenschaftlers.

Die umfassendste Darstellung der Städtebaugeschichte in einem Planungsbericht erschien in dem monumentalen zweibändigen Werk zum World Centre of Communication 1913-1918.[17] Dieses von dem in Rom ansässigen amerikanischen Bildhauer norwegischer Abstammung Hendrik Christian Andersen initiierte Projekt einer internationalen Stadt zur Beförderung des wissenschaftlichen Austausches, des Fortschritts und des Friedens war selbst ein multidisziplinäres Unternehmen. Für den Entwurf der Stadt hatte Andersen den französischen Architekten Ernest Hébrard gewonnen, die juristischen Aspekte beleuchtete der italienische Rechtsphilosoph Umano, die wirtschaftlichen Vorteile untersuchte der Ökonom Jeremiah W. Jenks – und der französische Archäologe und Historiker Gabriel Leroux präsentierte auf nicht weniger als 130 Seiten zu Beginn des ersten Bandes "The Great Monumental Conceptions of the Past" von den Städten Mesopotamiens bis zur Planung von Washington 1902. Fachleute also behandelten die historischen, architektonischen, juristischen und ökonomischen Aspekte dieser Idealstadt, die unter der Schirmherrschaft der Kunst konzipiert wurde.

Dies alles waren Beispiele allgemeiner Städtebaugeschichten, die im Rahmen von aktuellen Planungen entstanden und präsentiert worden waren, geschrieben von Experten unterschiedlichster Disziplinen – bevor schließlich 1920 mit Brinckmanns Stadtbaukunst die erste kunsthistorische Darstellung als Monographie erschien. Auch diese zeichnete sich – wie wir gesehen hatten – durch die Berücksichtigung diverser Einflussfaktoren auf die Stadtform aus, und im folgenden möchte ich zeigen, wie auch die nachfolgenden allgemeinen Städtebaugeschichten dieses multidisziplinäre Verständnis beibehielten, auch wenn sie sich auf die Entwicklung der Stadtform konzentrierten.


Nach Brinckmann: Generelle Städtebaugeschichten und ihr multidisziplinäres Selbstverständnis

Im Jahr 1926 öffnete der Philosoph und Kunsthistoriker Pierre Lavedan "un nouveau chapitre de l’histoire générale de l’art: l’histoire de l’architecture urbaine", wie er es in seinem Band Qu’est-ce que l’urbanisme? formulierte.[18] Im selben Jahr erschien ebenfalls der erste Band seiner Histoire de l’urbanisme, der ersten mehrbändigen Städtebaugeschichte, die über Jahrzehnte als Standardwerk dienen sollte.[19] Auch wenn Lavedan hier die Stadtarchitektur und den Urbanismus als neues Thema der Kunstgeschichte apostrophierte und die "étude des apparences matérielles" als eigentlichen Fokus beschrieb,[20] so bedeutete dies keineswegs, dass er sie als autonome Formprodukte deutete. Seine Interpretationen historischer Städte bezogen im Gegenteil eine Vielfalt relevanter Aspekte wie Geographie, Soziologie, Ökonomie oder Politik mit ein, wie auch seine Lehre zwischen der Ausbildung von Historikern und Entwerfern pendelte. Dabei reduzierte er die Form nicht auf andere Faktoren, sondern forderte im Sinne des embellissement, sie mit diesen in ein ausgewogenes Verhältnis zu setzen: "les ville ne devaient donc pas seulement être saines et commodes, mais belles".[21]

Umfassend – entsprechend seinem Beruf als Archivar, Bibliothekar und Historiker – behandelte 1929 Marcel Poëte den Städtebau in seiner Introduction à l'urbanisme. Schon zuvor hatte er eine monumentale Stadtgeschichte von Paris verfasst,[22] doch erst mit diesem Buch plante er auch eine systematische Darstellung und generelle Städtebaugeschichte, die allerdings nicht über die Antike hinausgelangte. Der Städtebau sei gleichzeitig Kunst und Wissenschaft, "l'Urbanisme, à la fois science et art", und umfasse "disciplines diverses: économique, géographique, historique et autres."[23] Diese verschiedenen Fächer entsprächen den verschiedenen Aspekten des Städtebaus, "aux données historiques il faut joindre les données géographiques, géologiques et économiques." Alle Aspekte seien zudem eng miteinander verknüpft: "les traits économique servent à expliquer les traits sociaux, de même qu'à ces derniers sont liés les traits politiques ou administratifs."[24] Am Beispiel des klassischen Athen erläuterte er eindrücklich, wie ein Faktor innig mit dem anderen zusammenhänge: "Il y a un lien étroit entre la découverte de nouveaux filons argentifères au Laurion, vers 484 avant Jésus-Christ (fait économique), la construction, grâce aux nouvelles ressources de ces mines, de la flotte par laquelle Athènes est entrée dans la phase maritime des son existence (fait organique d'évolution), la victoire navale de Salamine, en 480 (fait historique), l'expansion commerciale et l'esprit de conquête de la même cité (faits d'ordre économique et politique), l'essor de la démocratie athénienne (fait politique), enfin la merveilleuse floraison d'art de la seconde moitié de ce même ve siècle (fait d'ordre immatériel)."[25] Das umfassende und angemessene Verständnis einer Stadt konnte für Poëte nur gewonnen werden, wenn – wie in diesem Beispiel – ökonomische, organische, politische, historische und immaterielle Faktoren gleichzeitig berücksichtigt wurden.

Explizit eine Formgeschichte der Stadt legte der Architekt und Kunsthistoriker Paul Zucker 1929 mit seinem Band Entwicklung des Stadtbildes. Die Stadt als Form vor. Oft genug schon seien "die Voraussetzungen des Stadtwerdens in sozialer, ökonomischer, wohnungspolitischer und verkehrstechnischer Hinsicht analysiert worden", bemerkte er in der Einleitung. Dem wolle er nun die "Behandlung und Analyse der formalen Erscheinung der gewordenen Stadt" zur Seite stellen.[26] Doch auch seine Formgeschichte der Stadt schloss andere Faktoren keineswegs aus. Im Gegenteil konstatierte er ausdrücklich, dass ein angemessenes Verständnis der Stadt nur in der Zusammensicht der Faktoren zu gewinnen sei: "So wird jede Betrachtung des Stadtorganismus immer von einer zweifachen Sicht ausgehen müssen: einmal von der ästhetischen Auffassung der Stadt als des einmaligen gestalteten Kunstwerkes, das mit der nur ihm eigenen inneren Gesetzlichkeit im Raume steht, und daneben von der biologischen Anschauung, welche die Stadt als einen lebendigen, sich ständig fortentwickelnden Organismus ansieht, der, sozialen, hygienischen, ökonomischen und technischen Gesetzen unterworfen, als solcher in der Zeit steht."[27] Selbst eine Betrachtung der Stadtform ließ sich für Zucker nur sinnvoll leisten, wenn auch soziale, hygienische, ökonomische und technische Aspekte beachtet wurden.

Den breitesten Zugang zur Städtebaugeschichte wies schließlich 1938 Lewis Mumfords The Culture of Cities auf. Für Mumford – Schriftsteller und in der Breite seiner Themen ein Generalist par excellence, zudem Schüler des Universalisten Patrick Geddes – war die Stadt Ausdruck aller nur erdenklichen menschlichen Tätigkeiten. In der Einleitung schrieb er: "The city, as one finds it in history, is the point of maximum concentration for the power and culture of a community. It is the place where the diffused rays of many separate beams of life fall into focus."[28] Entsprechend dieser integrativen Definition der Stadt, die alle unterschiedlichen Aspekte und Disziplinen mit einschloss, berücksichtigte er in seiner Erzählung der Städtebaugeschichte eine große Breite unterschiedlicher Faktoren. Dies hieß wiederum nicht, dass er die eigentliche Formgeschichte vernachlässigte. Im Gegenteil: Tafeln mit eindrücklichen Stadtbildern und den entsprechenden Erläuterungen zur Stadtform bilden das eigentliche Rückgrat seines Werkes – eine Anordnung, die er in seinem Opus Magnum The City in History 1961 beibehalten sollte.[29]

Anmerkungen:

[1] Vgl. www.allnationsfestival.de, Auswärtiges Amt 2007. Interessant ist dabei, welche Länder Einblicke ins Innenleben ihrer Botschaft gewähren.
[2] Berlin Erkundungen 2007, o. S.
[3] Tourguide Berlin – Alles über Berlin 2007, o. S.
[4] Hotze, Hoepner-Fillies 2005, o. S.
[5] Vgl. z.B. auch Art: Berlin 2007, Berlin. Starting Point 2007, Ticket B – Stadtführungen von Architekten in Berlin 2007.
[6] Vgl. beispielsweise Bolk 2003, Englert, Tietz 2003, Freytag, Philipps 2006, Redecke, Stern 1997.
[7] Vgl. z.B. Redecke, Stern 1997 oder Schäche 1984.
[8] Vgl. Binder, Deuber-Mankowsky 2004.
[9] Der Beitrag basiert auf der Dissertation „Botschaften mit Botschaften. Zur Produktion von Länderbildern durch Berliner Botschaftsbauten. Ein Beitrag zu einer Neuen Länderkunde“ (vgl. Fleischmann 2005). Zur Einführung in die deutschsprachige Neue Kulturgeographie vgl. Gebhardt, Reuber, Wolkersdorfer 2003, für Einzelfallstudien zu Raumbildern vgl. z. B. Bollhöfer 2007, Fleischmann, Strüver, Trostorff 2004, Flitner 1999, Lossau 2002, Strüver 2005 oder Wucherpfennig 2006.
[10] Wenn im Folgenden von Länderbildern und –repräsentationen die Rede ist, so umfasst der Begriff Land dabei nicht nur den Natur- und Kulturraum, sondern auch dessen politische und staatliche Verfasstheit.
[11] Vgl. Brandt, Buck 2002, S. 384f.
[12]  Vgl. Richter 2000, S. 13.
[13] Vgl. ebd.
[14]  Vgl. Arnold 1998, S. 53, Koch 2002, S.357.
[15] Vgl. Leonhard, Stead, Smewing 2002: 1ff.
[16] Sigel 2000, S. 50.
[17] Vgl. Warnke 1984, S. 14ff.
[18] Vgl. ebd., S. 15.
[19] So ist der der Grad gemeinsamer architektonischer wie kultureller Kontexte zwischen Deutschland und Frankreich ungleich höher als beispielsweise zwischen Deutschland und den Vereinten Arabischen Emiraten.
[20] Vgl. Raff 1994, S. 74.
[21] So ist beispielsweise die Fassade der ungarischen Botschaft in Berlin mit „Platten aus gelbgrau geflammtem ungarischen Kalkstein verkleidet“ (Bolk 2003, S 15), den Eingangshof der britischen Botschaft in Berlin ziert eine englische Eiche, „die sorgfältig in einer Baumschule groß gezogen und dann [...] mit ihrer bereits ansehnlichen Größe eingepflanzt“ wurde (Krüger 2002, S. 4), und die Fensterelemente der Botschaft Malaysias in Berlin sind aus malaiischem Meranti-Holz (Klaaßen 2000, S. 16).
[22] Gleichzeitig verweisen sie darauf, dass eine Bearbeitung von Botschaftsgebäuden auf zweierlei Ebenen weit reichende Potenziale für Politische Architektur bietet: Zum einen könnte die (nationen- und architekturgeschichtsübergreifende) Vielschichtigkeit politischer Repräsentation Gegenstand von Forschung sein. Zum anderen könnten architektonische Repräsentationssysteme und politische Konnotationen in ihrer kulturellen Kontextualisiertheit verstärkt zum Thema Politischer Architektur werden.
[23] Ebenso könnten beispielsweise Repräsentationsstrategien wie die Anmietung eines bestehenden Gebäudes oder einer Büroetage betrachtet werden.
[24] Vgl. Nöth 1985, S.62 f.
[25] Vgl. Hall 1997, S. 34 ff.
[26] Vgl. Eco 2002, S. 301 ff.
[27] Harries 1997, S. 89.
[28] Ebd., S. 99.
[29] Ebd., S. 106.
[30] Dreyer 2007, o. S.
[31] Auch im Bereich der Neuen Kulturgeographie finden solche kulturtheoretisch orientierte semiotische Ansätze Anwendung. Dafür sei beispielhaft auf Cosgrove 1999, 2006 und Duncan 1990 verwiesen.