| Bibliographische Angaben: |
| Cabet, Etienne: Dokumente der Menschlichkeit 1919 |
| Band 20 |
| Dreiländerverlag München / Wien / Zürich |
Reise nach Ikarien |
Die Ikarier sind der unerschütterlichen Überzeugung kein
wahres, kein wirkliches Glück könne bestehen ohne Gleichheit und ohne Vergesellschaftung, und so ist es denn
dahin gekommen, daß sie eine Gesellschaft
auf der Grundlage der völligen GIeichheit
ausgebildet haben.
Alle sind so zu sagen assoziiert, sind Bürger, sind
gleich an Rechten und Pflichten.
Alle teilen sich gleichmäßig in die Lasten und in die
Vorteile der Assoziation; alle formieren nur eine einzige Familie, deren
Mitglieder durch das Band der Bruderschaft verknüpft sind.
Sie sind ein
einiges Brudervolk, und jedes ihrer Gesetze zweckt auf die Gleichheit, in allen
Fällen, wo sie nicht materiell unmöglich ist.
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Sie haben die Aufgäbe gelöst und man kann nun in Ikarien
die vollkommene Gleichheit in der Gesellschaft sehen. Wie sie nur eine einzige
Gesellschaft, ein einziges Volk und eine einzige Familie ausmachen, gerade so
macht ihr Grund und Boden, mit seinen unterirdischen Reichtümern und seinen
Bauten über der Erde, nur ein einziges Grundstück, ihr Gesellschaftsland, ihre
Domäne, aus. Alle beweglichen Güter der Assoziierten, nebst allen Produkten des
Bodens und der Industrie, bilden nur ein einziges Gesellschaftskapital.
Dieses, wie jenes, gehört unteilbar dem Volke, der
Nation, die es bebaut und benutzt, durch ihre Bevollmächtigten oder in eigener
Person verwaltet, und sich in die Erzeugnisse gleichmäßig teilt.
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Alle Ikarier sind, wie gesagt, gleich und assoziiere,
jeder muß folglich eine Industrie üben und dieselbe Anzahl Stunden arbeiten;
aber ihre ganze Vernunft ist rastlos bemüht, Mittel und Wege zu finden um
dieses Arbeiten leicht, bequem, angenehm, kurz zu machen. Sämtliche Werkzeuge
der Arbeit und die zu verarbeitenden Stoffe werden aus dem Gesellschaftskapital
bestritten; alle Produkte des Bodens und der Industrie werden in den öffentlichen
Magazinen aufgespeichert. Alle sind ernährt, behaust, gekleidet auf Kosten des
Gesellschaftskapitals; sie sind es alle auf gleichmäßige Weise, mit der
erforderlichen Berücksichtigung des Geschlechts, des Alters und einiger anderer
Punkte, die im Gesetz angegeben sind. Auf diese Art ist die Republik oder
Gütergemeinschaft die alleinige Besitzerin, die alleinige Eigentümerin; sie
allein organisiert ihre Arbeiter und baut die Werkstätten und Magazine; sie
allein baut den Acker, errichtet die Häuser, und fabriziert alle Stücke, die
zur Kleidung, Nahrung, Wohnung und Möblierung nötig sind.
Da die Erziehung als Grundlage der Gesellschaft bei den
Ikariern gilt, so gibt die Republik selbige jedem Bürger, jedem ihrer Kinder,
und zwar unentgeltlich, und zwar gleichmäßig, nicht anders wie sie jedem
gleichmäßig die Nahrung gibt, deren er bedarf.
Alle genießen das Brot des Leibes und das Brot des
Geistes in gleicher, gleichmäßiger, gleichartiger Weise. Alle bekommen den
nämlichen Anfangsunterricht und hinterdrein diejenige besondere Belehrung,
welche zu ihrem besonderen Wirken, zu ihrem besonderen Geschäft notwendig ist.
Diese Erziehung bezweckt aus allen Einwohnern tüchtige Arbeiter, gute Eltern,
wackre Bürger, kurz, wahrhafte Menschen zu bilden.
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Da also alle gleich an Rechten, alle Bürger und assoziiert
sind, so folgt sicher von selbst, daß sie alle Wähler und wählbare, alle
Mitglieder des Volks und der Volkswehrmannschaft sind, Sie alle, ohne einen
auszuschließen, sind Volk, Nation, denn bei ihnen ist kein Unterschied zwischen
Volk und Nation. Man braucht nicht erst anzudeuten, daß das Volk nur sich
selbst angehört, also selbstherrschend ist; demnach das Recht besitzt, sich in
seinen Beratungen und Taten selbständig zu bestimmen. Es hat seine Gesetze sich
ersonnen und aufgestellt, und kann sie, wenn es ihm gut dünkt, widerrufen oder
abändern. Viele unter ihnen können gar nicht begreifen wie in andern Ländern
das Ding anders sein darf. Das ikarische Volk hat durch seine Gesetze Ordnung
in die Ernährung, Kleidung, Wohnung zu bringen gewußt, in seine Arbeiten, in
seine Erziehung, und in seine Vergnügungen.
Könnte es sich ohne Weiteres oft auf einer ungeheuren Ebene
versammeln, oder in einem Saale, so würde es seine Oberherrlichkeit ausüben und
dort die Gesetze machen, denen es forthin nachzuleben gedächte. Doch in der
materiellen Unmöglichkeit, sich solchergestalt zu versammeln, bekleidet es mit
denjenigen Machtvollkommenheiten, die es nicht in Person und unmittelbar
vollziehen kann, seine Beauftragten, und behält sich alle übrigen vor. Es
überträgt seiner Volksvertreterschaft die Macht, seine Konstitution und seine
Gesetze zu bilden. Es überträgt einem Ausführungskomitee, einem Ausschusse. die
Macht, diese Gesetze in Wirksamkeit zu bringen. Aber es bewahrt sich das Recht,
die Vertreter zu wählen, die Mitglieder des Ausschusses zu ernennen, die
Gesetzesentwürfe anzunehmen oder zurückzuweisen, Gerechtigkeit auszuüben,
öffentliche Ruhe und den Frieden zu erhalten. Alle öffentlichen Beamte sind
folglich Beauftragte des gesamten Volkes, sind alle wählbar, sind auf eine Zeit
nur im Amte, sind verantwortlich und absetzbar. Um ja jedem übel angebrachten
Ehrgeiz vorzubeugen, sind bei ihnen die gesetzgebenden Beamten und die
gesetzausführenden geschieden, so daß nicht ein und der nämliche Bürger beides
zugleich sein darf.
Ihre Volksvertretung besteht aus zweitausend Deputierten,
sie beratschlagen zusammen in einem einzigen Saale, nicht in zweien. Sie sind
ohne Unterbrechung versammelt, und werden jährlich zur Hälfte erneuert. Ihre
wichtigeren Gesetze werden der Begutachtung des gesamten Volkes vorgelegt.
Der ausübende
Ausschuß, oder Vollziehungsausschuß, besteht in einem Präsidenten mit fünfzehn
Mitgliedern, die jährlich zur Hälfte neu gewählt werden; er ist in allen
Stücken der Vertreterschaft untergeordnet.
Das Volk übt in seinen Versammlungen alle Rechte aus, die
es sich vorbehalten hat, als da sind: das Wählen, das Beraten und das Urteilen.
Um der Nation dieses ihr Recht zu erleichtern, ist das ganze Land in einhundert
kleine Provinzen geteilt, und jede in zehn Gemeinden, was also tausend
Gemeinden macht, die an Flächeninhalt und Seelenzahl ziemlich gleich sind. Jede
Provinzialstadt liegt im Mittelpunkt ihrer Gemeinde und außerdem sind alle
erdenklichen Maßregeln getroffen, um den Einwohnern den Besuch der
Versammlungen bequem zu machen. Damit ja kein Interesse leide, beschäftigt sich
jegliche Gemeinde mit ihren Gemeindesachen, jegliche Provinz mit ihren
Provinzialsachen insonderheit, während alle Gemeinden, alle Provinzen
insgesamt, d. h. das Volk in seiner Allheit, und seine Vertreterschaft, sich
mit den nationalen allgemeinen Angelegenheiten abgeben.
Das Volk, in den eintausend Gemeinden verteilt, hält dort
eintausend Gemeindeversammlungen, nimmt folglich dort das Wort über seine
Gesetze, sei dies nun vor, sei dies nach der Beratung in der Deputiertenkammer.
Natürlich geschieht alles im vollsten Lichte der Öffentlichkeit; alles wird
statistisch übersichtlich dargestellt und die dazu bestimmte Nationalzeitung
wird jedem Mitbürger zugeschickt.
Damit nun jede Diskussion möglichst gründlich vor sich
gehe, hat die Deputiertenkammer und ebenso jegliche Gemeindeversammlung, folglich
das ganze Volk, sich in fünfzehn große Abschnitte oder Ausschüsse eingeteilt,
deren jeder das ihm gehörende Fach behandelt. Sie haben einen Ausschuß für die
Reichsverfassung, einen für die Erziehung, einen für den Ackerbau, einen für
die Industrie, einen für die Nahrung, einen für die Wohnung, einen für die
Kleidung, einen für die Statistik usw. Jedes dieser großen Komitees hat also
den fünfzehnten Teil der Gesamtbevölkerung in sich, und die ganze Einsicht
eines gebildetem großen Volkes ist rastlos mit Verbesserungsentwürfen und
Ausführung derselben beschäftigt. Sie leben in einer Republik, in einer fast
reinen Demokratie.
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Erziehung ist der feste Grund und Boden, auf dem Privat-
und Staatsleben erbaut werden soll. Ohne ihn ist kein sicheres Gebäude möglich.
Als die Republik sich Dasein errungen hatte, war folglich ihr erster Schritt,
einen Ausschuß mit umsichtigster Prüfung des erhabenen Gegenstandes zu
beauftragen. Alle früheren und noch vorhandenen Systeme wurden durchmustert und
durchsprochen; der Ausschuß nahm, wie sich von selbst versteht, alle
Mitteilungen bereitwillig auf.
Das Gesetz bestimmte und regelte sodann die verschiedenen
Erziehungsformen: die physische,
intellektuelle, sittliche, industrielle, bürgerliche; regelte ferner für eine
jede Gegenstände, Zeit, Ordnung und Methoden.
Alle Einwohner, ohne Unterschied des Geschlechts und
Geschäfts, erfreuen sich einer und derselben Elementarerziehung, die, als eine wahrhaft allgemeine,
allen gemeinsame die Grundzüge der menschlichen Kenntnisse umfaßt.
Damit fangen sie an.
Alle die welche eine und dieselbe industrielle oder wissenschaftliche
Beschäftigung treiben werden, genießen zudem die besonders auf diese Beschäftigung sich beziehende Erziehung; das
ist folglich eine spezielle, professionelle, in welcher die vollständige
Theorie wie Praxis dieser besonderen Beschäftigung gelehrt wird.
Ein Teil der Erziehung ist natürlich den Eltern
anvertraut, und ist folglich häuslich. Ein anderer Teil ist öffentlich oder
allgemein in den Nationalschulen. Die Lehrer und Lehrerinnen daselbst sind auf
das Sorgfältigste herangebildet, das Lehramt ist überhaupt bei den Ikariern mit
höchster Achtung umgeben, denn sie sagen: unsere Lehrer erziehen die Nation.
Durch die unverdrossene, rastlose Beharrlichkeit, mit der
diese große und erhabene Republik das Unterrichten und Erziehen, das Bilden in
jeder Hinsicht, nun bereits seit einer langen Reihe von Jahren betrieben hat
und ferner betreiben wird, ist es allmählich dahin gekommen, daß kein Vater
vorhanden ist, der nicht imstande wäre, seine Knaben und keine Mutter, die
nicht imstande wäre, ihre Töchter zu erziehen; kein Bruder, keine Schwester,
die nicht fähig wären, die jüngeren Geschwister zu erziehen.
Grundlage für alle weitere Erziehung und Zucht ist
unstreitbar die
Physische Erziehung ,
über welche also zuerst zu berichten ist. Der
Erziehungsrat hat, wie immer, auch diesmal vorgezeichnet und erwogen, und das
Volk hat geprüft, und das Geprüfte, Angenommene zum Gesetz erhoben.
Die ikarische Republik beschützt und beschirmt die Kinder
von Geburt an oder vielmehr von der Zeit der Schwangerschaft her.
Die Ikarische Republik hat besondere Bücher über
Anatomie, Physiologie, Gesundheits- wie Krankheitszustände usw. ausarbeiten
lassen, und diese ein für allemal bestimmten Bücher gibt sie denjenigen, welche
sich vermählen. Auch besondere Vorträge rein wissenschaftlicher Art sind
eröffnet. Für die Zeit der Schwangerschaft, für die Entbindung ﴾die in der Familie im Beisein mehrerer Hebammen geschieht﴿ und das Verhalten
nach derselben, werden gleichfalls wissenschaftliche, sowohl mündliche, als gedruckte
Belehrungen vorgenommen. Die Frauen sind sämtlich verpflichtet, den auf ihre
mannigfachen Lebenszustände bezüglichen Vorträgen beizuwohnen. Sie tun das
gern, „denn", sagen sie, „was schmählicheres gibts als ein Weib, welches
die Naturgesetze mißkennt und, sei es aus Unwissenheit, sei es aus Torheit,
übertritt". Übrigens sind die Ikarier seit langem der unerschütterlichen
Überzeugung, daß der Mensch ein viel bildungsfähigeres Wesen ist als die
Europäer meinen; sie wissen aus Erfahrung, daß die Nation sich vervollkommnet,
daß der Mensch schon minder unvollkommen geboren
wird, sobald die nötige Bildung der vorhergehenden Generation zuteil geworden
war. Der Mensch ist gewiß fähig, viel mehr noch von der Unvollkommenheit
abzuwerfen als es den Ikariern bis jetzt gelang, und es wäre Wahnwitz, wollten
sie sich für die allervollkommenste Blüte und Frucht halten, die am
Menschheitsbaum wachsen kann. Mit andern Worten, kein Mensch heutzutage darf es
sich herausnehmen, der Ausbildung des Menschen in Zukunft Schranken zu ziehen.
Ein mit Verunstaltung geborenes Kind wird bei ihnen sofort
Gegenstand umständlicher, umsichtiger Fürsorge seitens der Republik.
Instrumente und Verfahrungsmethoden sind immer bereit, den Fehlgriff der
Naturkraft zu verbessern, und dank diesem System sind sie meist wohlgebauten
Leibes.
Sollte die Wöchnerin zum Säugen unfähig sein
﴾was selten genug der Fall ist﴿, so wird ohne
Schwierigkeit, nach dem zu diesem Behuf der Behörde und den Hebammen stets zu
Gebot stehenden Register, eine Frau gefunden, welche des Säuglings zweite
Mutter, so zu sagen, werden mag. Während der fünf ersten Lebensjahre hat jedes
Kind sich ausschließlich der mütterlichen Pflege zu erfreuen; es ist
fortwährend unter ihrer Aufsicht. Die Mutter ihrerseits ist, seitens der
Republik, ein Gegenstand der Fürsorge, Zuvorkommenheit, Artigkeit in jeder
Hinsicht, sowohl vor wie nach der Entbindung.
Viele und großartige Entdeckungen wurden seit vierzig
Jahren gemacht, um das Gedeihen des Kindes, in körperlicher und geistiger
Beziehung zu fördern. Auge und Ohr z. B. werden aufs feinste entwickelt. In
dieser Beziehung findet man einen großen Abstich zwischen den andern Nationen
und den Ikariern zu Gunsten dieser letztern.
Vom dritten Lebensjahr ab, bis zum fünften, bringen die
Mütter einer und derselben Straße ihre Kinder beiderlei Geschlechts zusammen,
damit die Kinder, unter steter Aufsicht einiger der Mütter, gemeinschaftliches
Spiel treiben. Sobald das Kind kräftiger wird, fangen zu Hause, und später in
der Schule, die vom Gesetz aufs umständlichste verordneten Leibesübungen an.
Diesem Turnen werden die Mädchen ebenso unterzogen wie die Knaben. Reiten und
Schwimmen sind gleichfalls gymnastische Übungen für beide Geschlechter. Tanzen,
Schlittschuhlaufen, die Waffen gebrauchen, sind Geschicklichkeiten, die jeder
Ikarier besitzt. Die Schüler lernen militärisch marschieren, d. h: den Körper
gefällig und zugleich kraftgemäß tragen. Die ikarische Nation wird in jeglicher
Geburtenreihe schöner und stärker an Leib
und Geist. Man kann, im Ernst
gesprochen, eine Veredlung der Rasse wahrnehmen, und die Ikarier sind froh
und stolz darauf, denn wer ists, der den Anstoß dazu gab! Sie, die ikarische
Nation, mit dem großen Ikar an ihrer Spitze. Sie sind recht eigentlich der
„Schmied ihres eigenen Glücks".
Durch die zweckdienliche, materielle Behandlung, die dem
Kinde widerfährt, ist das richtige Sichentfalten seiner Intelligenz sicher
gestellt. Somit zeigen die Kinder, schon ehe sie sprechen, geistige Bewegung,
die oft in Erstaunen versetzt. Im fünften Jahre beginnt die allgemeine und
gemeinsame Erziehung, bis zum siebzehnten, achtzehnten Jahre dauernd. Sie wird
aber noch mit der häuslichen verbunden, denn die Kinder gehen erst um neun zur
Schule, nachdem sie zu Hause gefrühstückt, und kommen um sechs Uhr abends
wieder; zwei Mahlzeiten bekommen sie in der Schule. Um fünf Uhr morgens steht
die Familie auf, und die Kinder desgleichen. Bis halb neun Uhr machen sie ihren
Anzug fertig und werden in der Wirtschaft beschäftigt; die älteren Personen
weisen sie an. Abends wiederholen sie ihre Lektionen und spielen.
Das Kind, zum Lesen mit lauter Stimme angehalten, lernt
gut aussprechen, und dazu kommt der wichtige Unterricht in der Deklamation,
damit es nicht beim Vorlesen in ein bloßes Ableiern
verfalle, wodurch höchst unangenehme Eindrücke entstehen, und auch häufig einem
bestimmten Redezwecke geschadet würde. Die Folge davon, ist, daß die Ikarier
und die Ikarierinnen ohne Ausnahme gut lesen und sprechen; sie finden Gefallen
an ihrer, Sprache, und wissen sie zu gebrauchen. Was das Schreiben betrifft, so
lehrt es die Mutter ihr Kind, und, wenn der kleine Zögling es inne hat, wird
ihm nicht mehr erlaubt, unleserlich zu schreiben. Daher kommt, daß sie alle,
ohne Ausnahme, leserliche Schriftzüge machen, viele unter ihnen sind natürlich
Schönschreiber, Kopisten. Nichts verrückter in ihren Augen, als wollte man den
eigenen Namen z. B. auf eine verzwickte Weise hinkritzeln, so daß andere
Personen ihn gar nicht oder mit Mühe erraten können; diese Tollheit findet sich
daher auch bei ihnen nicht mehr. Ihre Landessprache ist so regelrecht und
einfach, bei aller reichen Mannigfaltigkeit, daß der Ikarier sie bald lernt;
die ikarischen Sprachlehrer haben deshalb die Gewohnheit, ihre Schüler und
Schülerinnen nach einiger Anleitung, die Regeln der Sprache selbst auffinden zu
lassen, wo es nur irgend tunlich.
Es ist wiederum die Mutter, die das Kind anhält, sich im
regelrichtigen Darlegen seiner Empfindungen, Gefühle, Gedanken, Urteile,
Schlüsse zu üben; es muß kleine Aufsätze, Briefchen, Beschreibungen, sowohl
mündlich als schriftlich, nach Vorbereitung und aus dem Stegreif machen; daher
die Leichtigkeit und die Richtigkeit, mit der die Kinder sich ausdrücken. Überhaupt
widmen die Ikarier mehr Mühe und Zeit, im Durchschnitt, auf gründliches Studium
der Nationalsprache, als der fremden Sprachen. Die Sprachen des Altertums und
der modernen Welt werden bei ihnen als Profession, genau und gründlich,
betrieben, wenn man in ihrer Kenntnis als Lehrer, Reisender, Dolmetscher, Übersetzer
usw. es zu einem möglichst nützlichen Punkte bringen will; hierfür aber sorgt
die spezielle, um das achtzehnte Lebensjahr
anfangende Erziehung. Solcherweise hat die Grunderziehung nichts mit dem
Erlernen fremder Sprachen zu tun. Man braucht wohl nicht hinzuzufügen, daß alle
bedeutenden Werke, aus allen
nichtikarischen Sprachen in diese übertragen wurden und werden; jeder findet
sie auf den Nationalbibliotheken, deren es unendlich viele, im ganzen Reiche
verteilte gibt.
Die Kinder erlernen frühzeitig das Zeichnen; kein
Arbeiter, keine Arbeiterin, die nicht auf der Stelle in Geschäftssachen z. B.
einer neuen Vorstellung im Kopf, auch eine neue Darstellung auf dem Papier
geben kann. Die Industrie und die schönen Künste haben dadurch viel gewonnen.
Malerei, Kupferstecherei, Bildhauerei, und sonstiges
dahin Gehörige, wird später studiert.
Dagegen gewinnt das Kind, sowohl das männliche als das
weibliche Kind, frühzeitigst die Grundzüge der Naturkunde, in allen ihren
Zweigen, ohne einen einzigen auszuschließen.
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Die Grundrisse der Geometrie und Arithmetik werden
desgleichen in der allgemeinen Erziehung begriffen, so daß es keinen Bewohner,
keine Bewohnerin des Landes Ikarien gibt, denen es schwer fiele, eine beliebige
Ausrechnung, Ausmessung, Planzeichnung zu machen. Und die Kinder werden nicht
etwa zu verständig, auf Kosten des Herzens, erzogen, denn Musik, sowohl Singen
als Spielen, ist ein Grundgegenstand der ersten Erziehungsepoche. Dies ist ein
großes, ein folgenreiches Ding; eine viele Millionen Menschen zählende Nation,
ganz aus musikalischen, Musik liebenden, Musik würdigenden, Musik
komponierenden Personen, beiderlei Geschlechts, ohne alle Ausnahme, bestehend, ist schon lediglich deshalb, und
völlig abgesehen von sonstigen Verhältnissen, zu höhern, kräftigern,
inhaltsvolleren, Regungen und Taten fähig, als eine andere Nation, die sich
dieses herrlichen Vorzuges noch nicht zu erfreuen hatte. Man kann natürlich
nicht behaupten, jeder Ikarier sei gerade so tief gebildet und talentreich in
Musik wie sein Mitbürger, aber man darf dreist sagen, ein jeglicher ist durch
Musik auf einen Bildungsgrad gehoben, den er ohne Musik nicht erreicht hätte.
Talentunterschiede kommen stets vor, allein durch allgemeine Bildung und
Erziehungsgleichheit ist eine sehr große Verallgemeinerung des musikalischen
Gehörs und Talents zu Wege gebracht.
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Mit siebzehn Jahren für die Mädchen, mit achtzehn für die
Jünglinge, hebt eine abermalige Erziehung an: die professionelle, speziell sich
auf ein Fach beziehende, sowohl in theoretischer als in praktischer Hinsicht.
Zugleich Unterricht in Literatur, Geschichte, Anatomie, Gesundheits- und
Krankheitskunde, bis zwanzig und einundzwanzig Jahren, nach den Arbeitstunden
des Vormittags. Auch bei einundzwanzig Jahren hört die Erziehung nicht auf; alsdann
kommt ein Unterricht „die Geschichte des Menschen" betreffend. Alle
Ikarier sind hierzu berufen und sind hierzu verpflichtet. Was später nachfolgt,
ist zwar nicht mehr vorgeschrieben, doch schließen sich nur wenige, sehr wenige
Personen von stetem Weiterlernen und Fortbilden aus. Wie jener Philosoph der
Vorzeit sagte: „ich will lernen während ich altre", so sprechen und
handeln die Ikarier.
Ihr Grundsatz ist: das Kind möglichst viel, möglichst
schnell und möglichst wirksam zu lehren.
Daher entwickeln sie unablässig sein Denken und Fühlen.
Sie machen oft das Lernen zum Spiel und das Spiel zum Lernen. Mit größter
Achtsamkeit wird seitens der Eltern wie seitens der Lehrer vermieden, dem Zögling
leeren Wortschwall zu geben; es wird die Sache, der Gegenstand, worauf das Wort
sich bezieht, dem Kinde, welches zum ersten Male dasselbe vernimmt,
vorgewiesen, wenn dieses nur irgend tunlich. Da allgemeine Bildung vorhanden
ist, braucht man nicht zu zittern, ein törichter Vater, eine unwissende,
abergläubische Mama, eine verzogene Schwester, ein albernes Dienstmädchen werde
dem Kinde falsches Zeug in den jungen Kopf setzen.
Der Erziehungsrat, diese erhabene Behörde der Republik,
hatte nach längen Arbeiten endlich die Weise ausfindig gemacht, das Kind das
Lesen auf die passendste Art zu lehren. Das war keine Kleinigkeit! Seit langem
aber ist die Methode in allgemeiner Anwendung und jede Ikarierin bedient sich
ihrer, wenn sie ihre Kinder unterrichtet.
Viel zur Erleichterung trägt natürlich die neue Sprache
bei, in der weder Doppellautendes noch Doppelsinniges vorkommt. Was einst so
manche Träne und Züchtigung erforderte, das Lesenlernen, wird heute ein
erfreuendes Entfalten des jungen Wesens, gleich angenehm für Lehrling und
Lehrerin.
Die Republik hat ein besonderes Lesebuch für diese
kindlichen Anfänger bestimmt, „Kinderfreund" genannt, in ihm findet man
das Meisterwerk in dieser Kunst. Die Ikarier besaßen schon seit geraumer Zeit
ein recht gutes. Der Erziehungsausschuß war indessen noch nicht zufrieden. Er
schrieb abermals, wie zur Anfertigung des früheren, einen Wettbewerb aus; und
so entstand das jetzige, mit Bildern aller Art geziert. Die Republik hat den
Verfasser mit einer Bildsäule beehrt.
In der Schule wird ebenfalls dieses Buch benutzt; der
Unterricht geschieht dort anfänglich von Lehrerinnen, die an Freundlichkeit und
Gerechtigkeit nichts den Müttern in Behandlung der Kinder nachgeben.
Die Kinder lesen übrigens nicht so vielfältige Bücher,
als dies in anderen Nationen der Fall ist. Die Ikarier sind überzeugt, ein paar
recht tüchtige, zweckdienliche Kinderschriften sind tausendmal einem ganzen
Haufen von Büchern, in denen Gutes mit Nichtgutem vermischt ist, vorzuziehen.
Übrigens sind für die verschiedenen Kindes- und Jugendalter verschiedene Bücher
vorrätig und man darf nicht glauben, es würden, sozusagen, alle Schäfchen über
einen und denselben Kamm geschoren. Solche Tollheit fällt den Ikariern nicht
ein.
Das Schreibenlernen geschieht bei der Mutter, welche
imstande ist, eine Lehrerin, ein liebendes Weib und eine Wirtschafterin zu
sein, ohne daß eine dieser ihrer edlen Eigenschaften mit den andern in
Widerstreit kommt. Die Mutter und der Lehrer in der Schule zeigen dem Kinde,
warum z. B. die Feder so und nicht anders anzufassen sei, und von Zeit zu Zeit
wird das Kind examiniert, warum es so und nicht anders sein muß, Wißbegier und
Neugier treiben das Kind oft zu Fragen, und es wird immer die passende Antwort
erteilt. Es kommt hierdurch ein hoher Grad von Klarheit, Bündigkeit und Schärfe
in die kindliche Seele; der Zögling schämt sich nicht mehr, etwas nicht zu
wissen, was ihm noch nicht erklärt ward, oder wohin ihn seine Urteilskräfte
noch nicht zu tragen vermögen; er antwortet frisch drauf los: „dies weiß ich
nicht", und genießt dadurch den Vorteil, alles Gelüge aus Eitelkeit zu
meiden.
Die Schule lehrt Rechnen und Meßkunde in den
Anfangsgründen nicht bloß vermittelst der Schulbücher, sondern ebenso sehr im
Anschauen der Werkstätten, Produkte, Naturumgebungen, wo die Kinder
selbsthändig und selbstäugig„ ~ um sich so auszudrücken ~ mit Leichtigkeit und
Sicherheit das erlernen, was oft Erwachsene, unter einem verrückten Lehrsystem
nicht erlernen können oder wollen.
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Wie in der intellektuellen und leiblichen Erziehung, so
in der moralischen. Ja, da des Menschen Seele ein Wichtigeres ist als sein
Körper, hat die Achtsamkeit sich womöglich noch zu schärfen, sobald es an die
moralische Bildung geht. Die ersten Schritte auf der Bahn dieser Bildung tut
das Kind abermals unter der Obhut seiner Mutter. Besonderer Unterricht in den
schon erwähnten Vorlesungen setzt die junge Gattin in die innere Möglichkeit,
sich dieser Bildung des Kindes anzunehmen.
Das Grundgefühl, welches die Mutter in ihrem Zögling zu
entwickeln sucht, ist kindliche Liebe, kindliches Vertrauen, kindlicher
Gehorsam; und auf diesen Gehorsam wird so strenge gehalten, daß man ihn fast
blinden Gehorsam nennen könnte. Der Vater lehrt das Kind die Mutter verehren,
und umgekehrt. So kommt es, daß die Kinder ihre Eltern als ihre Gottheit
betrachten.
Wächst das Kind etwas heran, so lehrt man es, sich selbst
anziehen, sich selbst reinigen, seine Kammer selbst in Ordnung bringen, ohne
hilfsbedürftig auf andere Leute warten zu müssen. Man lehrt es frühzeitig, seinen
Eltern, älteren Geschwistern und sonstigen älteren Familienmitgliedern
dienstfertig zu sein, desgleichen den Hausfreunden und Gästen. Auch wird es
angewiesen, in allen Vorfällen seine jüngeren Geschwister zu beschützen, zu
belehren, zu warnen, zu beaufsichtigen. Alle häuslichen Verrichtungen, die nur
irgend ein Kind leisten kann, werden es gelehrt, und so geschieht es denn, daß
es fröhlich, mit den älteren Mitgliedern zusammen, das Hauswesen in Stand zu
halten sich beeifert. Man findet die Kleinen oft singend bei ihren
Hausgeschäften; niemals zeigen sie saure Mienen.
Sommer und Winter läßt man um fünf das Kind aufstehen.
Während einer bis zwei Stunden macht es in seinem Hausarbeitskleide die
Geschäfte der Wirtschaft, die ihm zuerteilt werden können. Stets unter den
Augen eines im Alter vorgerückten Mitglieds macht es seine Toilette, wobei eine
äußerste Reinlichkeit als Hauptsache gilt, doch weiß man auch hierin das
Notwendige mit dem Nützlichen und Schönen zu verschmelzen, damit das Kind früh
schon Geschmack an Anstand und Anmut, sich selbst und anderen Personen
gegenüber bekomme. Hierauf beginnt es seine Studierarbeit, seine Mutter oder
sonst jemand überwacht es dabei, bis es zum Frühstück, und nach diesem zur
Schule geht, welche um neun Uhr anhebt.
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Man kann sagen, von seinem ersten Lebensalter ab lernt
das Kind, Bürger sein. Schon in der Schule wird es zum Staatsmitglied gleichsam
gestempelt, indem es daselbst durch das Schülergesetzbuch, die Prüfungen, die
Schülerwahlen, die Schülerjury unaufhörlich, aber allmählich, Staatsbürger
wird; sozusagen im Vorspiele, im Kleinen. Aber man glaube nicht, daß die
Ikarier sich dabei beruhigen, nein, im achtzehnten Jahre beginnt ein neuer
Abschnitt von Erziehung und Unterricht; und diesen Abschnitt nennen sie die
Bürgererziehung. In jener Epoche lernt der Zögling die Grundrisse der
Literatur, der Redekunst und die allgemeine Weltgeschichte.
Die erwähnte Bürgererziehung besteht in einem sehr
gründlichen Studium der vaterländischen Geschichte, der ikarischen
Gesellschaft, Verfassung, Gesetzgliederung, der Amtsgeschäfte, des
Verwaltungsganges usw. Kurz, in einem Studium der Pflichten und Redete des
Bürgers und der Behörde, die er einsetzte.
Jedes Kind lernt die gesamte Verfassung auswendig. Wie
die Knaben, ebenso die Mädchen, mit denen keine Ausnahme in dieser
hochwichtigen Sache gemacht werden kann, da ja auch sie Mitbürgerinnen werden
sollen. Auf diese einfache Art bringt es die Erziehung dahin, daß kein Ikarier
vorhanden, der nicht vollständig mit den Wahlen der Nationalrepräsentation, den
Volkszusammenkünften und der Nationalgarde oder Bürgerwehr Bescheid wüsste;
jeder ist unterrichtet über das, was ein Beamter der Behörden darf und wo
dessen Macht aufhört; jeder weiß, was das Gesetz erlaubt und verbietet. Wer
seine Bürgererziehung vernachlässigt hätte, würde später nicht Bürgerrechte
ausüben können, und das wäre unendlich schimpflich. Jede Ikarierin ist
desgleichen in dieser Kunde des Staatsbetriebes bewandert und nimmt deswegen
auch stets am Wirken des Gatten, des Bruders, des Sohnes regen Geistes Anteil.
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Obschon die Ikarier den inneren Frieden auf immer hoffen
und auch von außen nicht Krieg fürchten, sind dennoch sämtliche Bürger, d.h.
sämtliche Bewohner des Reiches, Mitglieder der Bürger- oder Landwehr; sie üben
sich im Handhaben der Waffen und Ausführung von militärischen Schwenkungen vom
achtzehnten bis einundzwanzigsten Lebensjahr. Dieses ist keineswegs ein nutzloses
Soldatenspielen, sondern ein republikanischer Abschluß der Bürgererziehung, eine
Ergänzung der gymnastischen Leibes- und Gesundheitsübungen, sowie auch für die
Nationalfestlichkeiten sehr brauchbar.
Mit einundzwanzig Jahren ist der Jüngling Staatsbürger.
Die jungen Leute werden so gut als möglich zu guten Söhnen, guten Gatten, guten
Vätern, guten Nachbarn: kurz zu wahrhaft gebildeten Menschen gemacht. Man braut
kaum hinzuzufügen, daß sie auch zur Friedfertigkeit gebildet sind, denn eine
der Grundregeln ist, von Kindheit an sie zum Respekt vor der Mehrheit zu
gewöhnen; daher kommt es daß sich die Minderheit immer gern in den Beschluß der
Mehrheit fügt, und dadurch gelang es, daß jedesmal ohne Zank und Haß, ohne
Tätlichkeiten, bloß vermöge einer gewöhnlichen Bedenkung und Besprechung nach allen
Seiten hin, die Sachen entschieden wurden, und das ist sehr viel wert.
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Die Ikarier haben weder sogenanntes Privateigentum noch
Geld, weder Kauf noch Verkauf. Gleich in Allem sind sie, wenigstens bis zu dem
Punkte, wo eine völlige Unmöglichkeit eintritt. Sie schaffen alle samt und sonders
gleichmäßig für die Republik und die Gemeinde. Sie ist es allein, welche die
Erzeugnisse des Bodens und des Fleißes an sich nimmt, um sie sofort gleichmäßig
unter alle zu verteilen; sie nährt, kleidet, behauset die Bürger, sie bildet
ihren Geist aus, sie stärkt ihren Körper, sie gibt jedem, was ihm nottut. Der
Staatszweck ist: glücklich zu sein und glücklich zu machen; das ist das Ziel,
welchem alle Gesetze zustreben, demgemäß heften sie den Blick immer zuerst auf
das Notwendige, dann auf das Nützliche, zuletzt auf das Anmutige ohne da
Schranken vorzuschieben. Um ein Beispiel unter tausend anzuführen: Könnte der
Staat jedem Pferd und Wagen geben, so würde kein Ikarier ohne Equipage sein.
Aber da dies nicht möglich ist, so hat keiner Pferd und Wagen, sondern muß sich
der öffentlichen Wagen, der öffentlichen Pferde bedienen, auf die natürlich
deswegen die höchste Sorgfalt verwendet wird.
Diese Grundsätze finden sich in Anwendung bei der
Organisation der Arbeit.
Die Republik oder die freie Gemeinde bestimmt jährlich
alle diejenigen Gegenstände, die hervorgebracht werden müssen, um als Nahrung,
Wohnung, Kleidung des Volkes, das heißt der Nation oder aller, zu dienen. Der
Staat allein ist berechtigt, in seinen Nationalwerkstätten, Nationalfabriken,
Nationalmanufakturen ﴾da nämlich nichts privat gemacht wird﴿ seine Arbeiter zu
beschäftigen. Der Staat wählt überall die besten Plätze aus, gibt die besten
Gründrisse und die besten Materialien zum Aufbau dieser Werkhäuser oder
vielmehr Werkpaläste, er allein weiß
jedesmal diejenigen Gewerke zu verknüpfen, welche getrennt nicht gut bestehen
können. Da er, der Herr über alles, auch keine Ausgabe scheut, so sind seine
Unternehmungen mit dem glänzendsten Erfolge gekrönt. Er vermag es, jeden Zweig
bis in Kleinste zu vervollkommnen, die besten Vorschläge nach langem,
reiflichsten Prüfen anzunehmen, und alle übrigen abzuweisen. Er macht sofort
die guten Neuerungen bekannt und führt sie ein. Er bildet in Werkschulen seine
Arbeiter, er übt sie theoretisch wie praktisch, er bezahlt sie ﴾nicht mit Geld, welches bekanntlich bei den Ikariern
nicht vorhanden ist, sondern﴿ in Naturalien. Er endlich ist der
Generalhaushalter und Hausmeister im Reiche, denn er sammelt die Produkte in
seinen Magazinen und teilt sie von dort an die Arbeitenden, seine Söhne und
Töchter aus. Dieser Staat die Nation selbst, durch das Komitee der Industrie
dargestellt. Man muß schon jetzt die ungeheuren Vorzüge dieses Organismus
einsehen; welche Ersparnis an Zeit, Mühe, Kraft, welche Tüchtigkeit sich
dadurch gewinnen läßt, ist wahrhaft bewundernswert. Jeder Ikarier und jede
Ikarierin übt irgend eine Hausbeschäftigung oder Kunstfertigkeit oder
Profession aus, die vom Gesetzbuch bestimmt ist.
Die jungen Männer beginnen das Arbeiten mit dem
achtzehnten, die jungen Mädchen mit dem siebzehnten Jahre. Früher kann man sie
nicht dazu nehmen, da sie ihren Körper ausbilden, ihre Erziehung abmachen
müssen. Im fünfundsechzigsten hört der Greis auf, im fünfzigsten die Frau, wenn
sie es wünschen; doch ist die Arbeit so erleichtert, daß nur wenige Personen
jenes Alters sich zurückziehen, fast ohne Ausnahme fahren sie fort, ein
Geschäft noch weiter zu betreiben. Krankheit macht natürlich arbeitfrei, in
schweren Fällen wird aber, um allem Mißbrauch vorzubeugen, erheischt, daß der
Patient sich in den öffentlichen Krankenpalast, das sogenannte Hospital, führen
lasse. Jeder Arbeitende kann übrigens in besonderen gesetzlich bestimmten
Umständen, und unter Bewilligung seiner Mitarbeitenden, einen Urlaub erhalten.
Die ikarische Arbeit ist leicht, angenehm; die
Verordnungen haben stets den Zweck vor Augen; niemals ist ein so gerechter
milder Arbeitsmeister in der Welt gesehen worden, als der ikarische Staat ist.
Maschinen sind hier ins Endlose vervielfacht und sehr nahe der Vollkommenheit
gebracht. Zweihundert Millionen Pferde oder dreitausend Millionen Menschen
werden dadurch ersetzt; diese Maschinen haben die gefährlichen, ekelhaften und
langweiligen Arbeiten übernommen. In diesem Punkte zeichnet sich Ikarien am
glänzendsten aus; gerade auf die schlimmen, langweiligen, ekelhaften Geschäfte
hat es seine Sorgfalt in der Art gelenkt, daß es sie mit den größten Vorkehren
umgibt und unschädlich für Leib und Seele zu machen weiß. Kein Arbeitender
gebraucht z: B. seine Hände, um einen gefährlichen oder ekelerregenden
Gegenstand anzufassen.
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Die Ikarier glauben, daß
Geistesüberlegenheit ein Naturgeschenk ist, und man durch nichts in der Welt
demjenigen Menschen wehe tun soll, der nicht diese Geistesüberlegenheit
besitzt. Im Gegenteil, solche Naturversehen,
Naturmängel, Naturfehler, Naturungleichheiten muß die Gesellschaft
vernunftsvoll ausfüllen, ausgleichen, gütig ausbessern, damit der arge Unfug
des leidigen Zufalls möglichst verschwinde; der Geistesüberlegene hat ja schon
lediglich dadurch etwas Großes vor den Übrigen voraus, denn er fühlt den Segen
und die i n n e r e Macht seines höheren, reicheren, stärkeren Geistes.
Man wäre rasend, wollte man diese Hoheit, die ihm keiner raubt, noch erhöhen
durch äußerliche Erhöhungen, Vorrechte und Hervorhebungen. Wenn noch eine
Bevorzugung gälte, so müßte man sie demjenigen geben, der mühevoller arbeitet
als andere, doch geschieht das auch nicht. Soldes Ermutigen brauchen die
Ikarier nicht. Der Arzt sieht sich geehrt, geachtet; weshalb sollte er sich ärgern,
wenn der Schuhmacher es desgleichen ist? ~ Hiermit steht übrigens keineswegs im
Widerstreit, daß dem Arbeitenden, der sozusagen über seine Pflicht arbeitet,
oder der eine anerkennenswürdige Geschäftsverbesserung, oder eine Entdeckung,
die der Rede wert, aufbringt, einen besonderen Beweis der Nationalachtung,
öffentliche Auszeichnungen, ja selbst die Ehrerbietung des gesamten Volkes,
nach genauester Prüfung und Aburteilung, zuteil wird. ~ Faulenzer gibt es
nicht, denn teils ist das Arbeiten leicht und der Arbeitende sieht, daß sein
Bemühen etwas schafft, was dem Vaterlande, der Mitbürgerschaft, und folglich
auch ihm und seiner Familie zugute kommt; teils auch ist der Mensch durch die
früheste Erziehung, durch die fortdauernde Zucht und Gewohnheit, durch das
Beispiel und durch seine Bildung dahin gelangt, Trägheit und Müßiggang für so
niederträchtig, unmoralisch, menschheitschändend anzusehen, wie den DiebstahI
in anderen Ländern.
▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬
Arbeiten mußte man in der ersten Zeit der Republik sehr
lange, an achtzehn Stunden manchmal, aber das ist jetzt längst vorbei, und
heute arbeitet man nur noch im Sommer sieben, im Winter sechs Stunden, nämlich
von sechs oder sieben früh bis ein Uhr Nachmittags. Der Staat wird dieses noch
mehr verringern. Es unterliegt keinem Zweifel, daß neue Maschinenerfindungen an
Stelle der arbeitenden Menschen treten, oder auch wenn die Verminderung in dem
zum Fabrizieren Notwendigen, z. B. in den Bauten, einen größeren Teil
Menschenkraft überflüssig macht. Indessen ist andererseits zu bedenken, daß
wenn einige Industrien abnehmen, doch bald wieder andere in ihren Platz treten
oder gar ganz neue hinzukommen, wie z. B. letztes Jahr, als ein neues Möbel
erfunden worden, welches in sämtliche Behausungen der gesamten Bevölkerung der
Republik gestellt werden mußte, und zu dessen Verfertigung in hinreichender
Menge, nicht weniger als hunderttausend Arbeiter verlangt wurden. Da vermehrte
sich die allgemeine Arbeitszeit um fünf Minuten. Die Frauenzimmer tun alle
Wirtschaftsarbeiten im Hause, von fünf oder sechs Uhr früh bis halb neun; von
da ab bis ein Uhr arbeiten sie in ihrer Profession in den Werkstätten.
Ausgenommen vom Arbeiten in diesen Nationalwerkstätten sind natürlich alle
Schwangeren und diejenigen, welche Kinder säugen; desgleichen alle
Familienmütter, oder richtiger ausgedrückt, diejenigen Hausfrauen, welche an
der Spitze einer ganzen Familie stehen, denn der Staat meint, das Hauswesen und
eine Familie in Ordnung halten, sei ebenfalls eine gemeinnützige, dem großen
Allgemeinen zu Gut kommende Beschäftigung.
▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬
Bis zum achtzehnten Jahr genießen die Kinder einen
Elementarunterricht in allen Wissenschaften, jedes lernt Zeichnen und
Mathematik, jedes bekommt allgemeine Übersicht über die Gewerbe und Künste,
bekommt Kenntnisse von den Rohstoffen des Tierreichs, Pflanzenreichs und von
der Maschinerie. Man begnügt sich aber nicht bloß mit theoretischem Belehren;
nein, man fügt dazu die Praxis und gewöhnt die Kinder in den verschiedenen
Werkstätten, den Hobel, die Säge, die Feile usw. zu führen; das ist dem
jugendlichen Körper heilsam, ist für den Geist ein Erholen und ist für die
Gemeinschaft nützlich. Auf solche einfache Art wird es dem Jüngling nicht
sauer, sich ein Gewerbe zu wählen, denn er hat durch das Handhaben der Instrumente
bereits eine vor-läufige Übung sich angeeignet. Jedes Jahr veröffentlicht in
jeder Gemeinde des ganzen Reichs die Staatsmacht eine Liste, worauf die Zahl
der hier für jedes Geschäft notwendigen Arbeitenden verzeichnet ist, und ladet
die jungen Leute von achtzehn Jahren zum Geschäftswählen ein. Bei Konkurrenz
wird nach Prüfungen und Urteilspruch der Geschworenen verfahren, die
Geschworenen sind in diesem Fall keine Andern als eben die Konkurrierenden.
Somit wird an einem und demselben Tage im ganzen Lande jedes Geschäft mit
Arbeitern versehen. Alle Werkstätten füllen sich aufs Neue. Dies ist alljährlich
in der dem Revolutionsfeste vorhergehenden Woche.
Von diesem Augenblicke hebt für die Jünglinge der
spezielle Unterricht im Geschäft an; er ist natürlich an Dauer nicht immer
gleich. Es versteht sich, daß er theoretisch-praktisch ist. Der theoretische
Teil begreift die geschichtliche Entwicklung Nationen in Rede stehenden
Gewerbes durch die Epochen und Nationen der Weltgeschichte hindurch, und die
Wissenschaft, auf die sich dasselbe stützt; der praktische Unterricht geschieht
in der Werkstatt, wo der junge Mensch die ganze Bahn, vom Lehrburschen ab, durchzumachen hat.
Das Gleiche geschieht für die jungen Frauenzimmer; man
lehrt ihnen die Hauswirtschaft, weibliche Industrie, und läßt sie sich eine Profession
im siebzehnten Jahr aussuchen. Alle Nachteile der europäischen, oder überhaupt
der Geldprofessionen sind durch das ikarische Industriewesen völligst
aufgehoben, alle Vorteile bewahrt und vermehrt. Man hat auf diese einfache
Manier stets soviel Arbeitende als man braucht, stets am rechten Ort, nie zu
viele, nie zu wenige, man hat keine Plage mit Privatwerkstätten, die den
Hausbewohnern lästig würden; keine Privatläden; keine Kommerzbillette, keine
Bankrotte, keine gezwungenen Ausverkaufe. Die Häuser sind somit lediglich zur
Beherbergung der Familie bestimmt; die Nationalwerkhäuser sind nützlich und
sind schön gebaut, sodaß sie zur Verschönerung der Stadt beitragen. Es kommen
keine jener uralten Schlechtigkeiten mehr vor, die darin z. B. bestanden, daß
der Schlosser im neuen Hause das Holz der Tür, die Farbe usw, verdarb, um dem
Maler und dem Tischler abermals etwas zu verdienen zu geben; auch kann weder zu
rasch noch zu langsam gearbeitet werden, da jeder Mitarbeitende gleichsam für
sich und die Seinigen das in Rede stehende Stück arbeitet. Jeder Bürger, der
Handwerker ist, trägt somit das unauslöschliche Bewußtsein der Würde und
betrachtet sein Geschäft als öffentliches, als Staatsamt, gerade so wie jeder ikarische
Beamte sein Amt als ein Gewerbe, eine Arbeit anzusehen gelernt hat.
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Da nun der Feldbau als die unentbehrlichste der Künste
angesehen wird, so will die Republik, daß alle Bürger im Notfall das Feldbauen
kennen, und alle darum so erzogen und unterrichtet werden, daß sie zu diesem
Berufe sich eignen. Die dem Feldbauer notwendigen Kenntnisse sind überdies als
solche betrachtet, die dem Bürger jeden Standes notwendig sind. Aus dieser
Ursache werden alle Kinder in den Anfangsgründen des Feldbaus unterrichtet; und
da man immer so viel als möglich der Lehre die Übung beifügt, so werden die
Kinder fast täglich aufs Land geführt, um dort die Erzeugnisse der Erde kennen
zu lernen und den Landarbeiten zuzusehen. Das sind ebenso angenehme als heilsame
und lehrreiche Spaziergänge für sie. Die stärksten darunter, die ihr
vierzehntes Jahr erreicht, werden sogar als Gehilfen eingeführt, um bei irgend
einer leichten Arbeit mitzuwirken; die Steine z. B. aus dem Felde zu suchen,
oder bei der Ernte zu helfen usw.; und diese Arbeiten gereichen ihnen zu einem
wahren Vergnügen. Im siebzehnten oder achtzehnten Jahre steht es dem Kinde des
Landmanns frei, ein anderes Gewerbe zu lernen, wenn eine städtische Familie es
zu sich nehmen will, so wie der Sohn
eines Städters Landmann werden kann, wenn man ihn in einem Meierhofe aufnimmt,
Die Söhne der Landbewohner ziehen jedoch meist vor, die Erde zu bauen wie ihre
Väter. Jene jungen Leute nun, welche sich der Landwirtschaft widmen wollen,
werden ein Jahr lang durch besonderen Unterricht und Übung dazu gebildet, und
vollenden ihre Lehrzeit auf dem Gute ihres Vaters, wonach sie gewiß so
vollkommene Landwirte sind, als es möglich ist. Der Landmann kennt alle Sorten
Metalle, Steine und vorzüglich Erden; ihre Bestandteile und verschiedenen
Eigenschaften; alle Erzeugnisse des Bodens und ihren Nutzen; alle Werkzeuge und
ihren Gebrauch und Vorteil; ferner was die Jahreszeiten, die Winde, die
verschiedenen Witterungszustände und die Mittel sie zu mildern und sich davor
zu schützen, betrifft. Der Landmann kennt zugleich alles, was die Ernte,
Traubenlese u. dergl. angeht, und überdies die Bereitung der Früchte zu Wein,
Apfelwein etc. Keinem ist die Kenntnis der schädlichen wie der nützlichen, der
wilden wie Haustiere noch der tierischen Erzeugnisse, fremd. Die Tochter der
Landmanns lernt und kennt eben so gut, was sie in Feld, Hof und Garten
bestellen kann; besonders, was die Milch, das Geflügel, Gemüse, Blumen und Obst
anbelangt. Da jeder Landesbezirk oder jede Gemeinde ihren eigenen verschiedenen
Boden besitzt, die einen z. B. Wein- die andern Getreideland, so nimmt man in
ihrer Schule darauf besonders Rücksicht. Da jeder Meierhof seine besondere ihm
ganz eigene Bodenbeschaffenheit und Lage hat, ist der Besitzer desselben
hauptsächlich in seinem Wirken auf diese angewiesen, und erhält den Unterricht
dafür. Bei solcher Ausbildung braucht man nicht über die Kenntnisse und
Geschicklichkeiten der ikarischen Landwirte und -wirtinnen zu erstaunen.
Auch darüber darf man sich nicht wundern, wie sie soviel
zu lernen vermögen, denn Kinder oder junge Leute bis zu ihrem achtzehnten,
neunzehnten Jahre können sich vieles erwerben; besonders da die Bildung, von
ihrer Geburt an, mit größter Sorgfalt geleitet wird. Überdies hört der
Unterricht der Landbebauer nicht mit der Schule auf, sondern dauert, wie der
aller Gewerbsleute und Bürger, fort und nimmt zu bis an ihr Lebensende. Der
Jüngling wie das Mädchen findet nach dem Austritt aus der Schule und beim
Eintritt in die Meierei, die erfahrensten und freundlichsten Lehrer an den
Eltern, Oheimen, Tanten, Brüdern und Schwestern. Sie finden weiter, vom Staate
aufs herrlichste gedruckt; alle Bücher und Abhandlungen, in welchen sie gelernt
haben, ein weitläufig erklärendes landwirtschaftliches Wörterbuch, eine Menge
Schriften über Gärtnerei, Blumenzucht etc., zuletzt die Zeitung für Landwirte,
in welcher sie jede neue Entdeckung und Vervollkommnung finden, die in dem
Bereiche der ganzen Republik gemacht worden. Wieviele Beobachtungen,
Erfindungen, Verbesserungen müssen aus einer so zahlreichen Bevölkerung
aufgeklärter Feldbauer hervorgehen, die alles untersuchen, alles beleuchten.
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Die Religion ist nicht mehr mit Staat und Regierung
gleich bedeutend, sie ist gänzlich davon getrennt, daher sie nicht die
geringste bürgerliche Gewalt mehr besitzt, und in keinem Falle sich von dem
Gehorsam gegen das Gesetz loszumachen vermag. Dagegen mischt sich das Gesetz
nur in die Religion, um die Glaubensfreiheit zu schützen und den öffentlichen
Frieden zu verhalten. Es sucht alles Gute aus ihr zu ziehen, das sie zu leisten
imstande ist, und allen Übeln zu begegnen, dazu sie nur allzu oft die
Veranlassung gewesen. ~ Die allgemeine oder Volksreligion, die Wahrheit zu
gestehen, ist ein reines System der Sittenlehre
und der Weisheit , und hat
keinen weitern Nutzen, als die Menschen zu brüderlicher Liebe gegeneinander zu
stimmen, indem sie ihnen als Regel ihres Betragens die folgenden drei
Grundsätze vorschreibt: Liebe deinen Nebenmenschen wie dich selbst. Füge keinem
andern das Böse zu, was du nicht wolltest, das er dir zufüge. Erzeige den
andern alles Gute, das du dir selbst wünschest. ~ Der Gottesdienst ist äußerst
einfach. Ein jeder preist, bewundert, betet die Gottheit an, dankt ihr im
Innern seines Hauses nach seinem Gefallen. Die Ikarier haben auch Tempel zu
ihrer Belehrung und zu einer allgemeinen Anbetung. Allein sie glauben, daß die
Gerechtigkeit, der Brudersinn und folglich die Unterwerfung unter den
Gesamtwillen, die Liebe des Vaterlandes und der Menschheit, der der Gottheit
angenehmste Dienst sind. Sie glauben, daß der, welcher der beste Vater, der
beste Sohn, der beste Bürger zu sein versteht, auch die Gottheit am besten
anzubeten und ihr zu gefallen weiß. Vor allem denken sie, daß echte Liebe und
Verehrung des Weibes, dieses Meisterstücks der Schöpfung, sich mit echter
Gottesverehrung sehr wohl verträgt und dazu stimmt. Sie denken, daß die
Entbehrungen und Selbstquälereien, welche ein schwärmerischer Sinn sich
auferlegen könnte, Vergehungen an Gottes Güte sind, und daß die freie Natur der
schönste Tempel des höchsten Wesens ist. Der Gottesdienst ist ohne alle
Zeremonie und äußere Übung, welche zu Aberglauben oder Priesterherrschaft
führen könnte. Keine Fasten, keine Abtötungen, keine freiwillige oder
auferlegte Buße! ~ Begeht jemand ein
Unrecht, so bestraft er sich damit, daß er es vergütet und den Eifer, seinen
Mitmenschen oder dem Vaterlande nützlich zu sein, verdoppelt. Man würde es
lächerlich finden, in einer fremden oder nur unbekannten Sprache zu beten, und
dumme, öffentliche Gebete herzumurmeln, die nicht aus eines jeden Herzen kämen.
Die schönen, besonders gesunden und bequemen, aber bilderlosen Tempel dienen
hauptsächlich zur Predigt und zum religiösen Unterricht. Die Priester besitzen
weder weltliche noch geistliche Gewalt. Sie können weder strafen noch
lossprechen, sind bloß Prediger der Sitten und der Tugend, religiöse Lehrer,
Räte, Führer, tröstende Freunde.
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Das Priestertum ist wie die Arzneikunst ein Gewerbe oder
wenn man so will, ein öffentliches Amt. Mit achtzehn Jahren, nach Beendigung
der allgemeinen Erziehung, wo jeder junge Mensch sich einen Stand wählt, besteht
der, welcher sich dem priesterlichen geweiht, eine Prüfung, damit man wisse, ob
er die erforderlichen Kenntnisse, Anlagen und Eigenschaften besitze. Wenn er
zur Bewerbung zugelassen wird, studiert er sofort Wohlredenheit, Sittenlehre,
Weltweisheit und Religion, und befaßt sich zugleide mit dem Unterricht und der
Erziehung der Jugend. Er verheiratet sich vor dem achtundzwanzigsten Jahre, um
so viel als möglich gegen den Sturm der Leidenschaften gesichert zu sein, und
damit man urteilen könne, ob er in jeder Lage des geselligen Lebens den Andern
zum Muster zu dienen vermöge. In seinem fünfundzwanzigsten Jahre besteht er
eine zweite Prüfung. In dieser überzeugt man sich von seiner Würdigkeit und
Fähigkeit, denen Rat und Trost zu erteilen, die dessen bedürftig sind; denn
obgleich die Ikarier zu Menschen, wert dieses Namens, erzogen werden, obgleich
Eltern und Freunde sehr fähig sind, ihren Kindern und Freunden zu raten oder
sie zu trösten, so ist doch auch die Stimme des Priesters bei besonderen
Gelegenheiten nicht unnütz, und wirkt um so kräftiger, als man sie seltener
vernimmt. Da nun der Priester im Unglück ein Tröster und Führer, der Jugend ein
zweiter Vater, seinesgleichen ein Bruder, den übrigen ein Freund sein soll, so
wird eine ausgezeichnete Klugheit, Weisheit, Geduld und die Gabe zu überzeugen
und zu überreden, von ihm erfordert. Wenn diese letzte Prüfung zugunsten des
Bewerbers ausfällt, tritt er in den Rang der Kandidaten, und unter ihnen wählen
die Bürger jeder Stadtabteilung ihren Priester. Aber sie wählen ihn nur auf
fünf Jahre, um frei zu sein, den entfernen zu können, dessen Tugend nicht
beständig würdig befunden worden, andern als Muster vorzuleuchten, denn die
Tugend ist es ganz besonders, die man von ihm fordert. Je mehr er geehrt wird, um
so gewisser wird sie erwartet, und je tugendhafter er ist, um so mehr verehrt
man ihn.
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Manifest Ikars, die Gemeinschaft der Güter betreffend.
Teure Mitbürger! Ihr seid bisher elend und unglücklich
gewesen. Auch ihr Reichen wart schwerlich froh und zufrieden!
Diese Unbehaglichkeit, dieses Elend kommt aus der
Vermögensungleichheit, dem Gelde, dem Eigentum, aus diesen Hauptgebrechen
unserer gesellschaftlich-staatlichen Verhältnisse, die so alt wie das
Menschengeschlecht sind und die immerdar fortwuchern und Gift streuen werden,
wenn wir sie nicht mit den Wurzeln ausreuten.
Ist nun aber nicht die Gemeinschaft der Güter das einzige
Mittel dagegen? Und kann sie unmöglich sein, sobald eure Regierung mit euch
vereint Hand ans Werk legt? Ja; es wird euch zieren, wenigstens den Versuch
nicht zu scheuen, obwohl er manche Schwierigkeiten bietet. Und ist es nicht
klar, daß keine Stunde verloren werden dürfe, damit die Länge der Zeit; in
welcher das hohe Ziel erreicht werden kann, sich verkürze?
Ihr habt Großes vollbracht. Den Feind habt ihr
zerschmettert, der euch noch vor wenigen Tagen belästigte; aber wollt ihr jetzt
die Hände sinken lassen und den Geist einschläfern, jetzt gerade, wo ihr reine
Bahn vor euch habt? Das Schicksal eurer Nachkommen und der ganzen Menschheit
wie das eurige, steht nun in eurer Gewalt; zaudert nicht! Eure Vorfahren, hatten
nie eine solche Gelegenheit zum Schaffen erhabner Dinge wie sie euch jetzt
zuteil geworden. Prüfet genau unsere Frage, werte Mitbürger! Besprecht sie
überall, während eure Deputierten sich vorläufig darüber entscheiden, um sie
nachmals eurem Gutachten zu unterbreiten.
In der Gemeinschaft gibt es keine Armen, keine
Müßiggänger mehr; keine Verbrechen und Strafen; keine Abgaben und Polizei;
keine Prozesse, keine Qual und Sorge. Die Mitbürger sind Brüder und Freunde,
alle glücklich und gleich glücklich.
Wenn ihr, wie ich, davon überzeugt seid, verschwendet
keinen Augenblick, nehmt, sobald das Prinzip euch gefällt, keinen Anstoß an der
Mühe des Ausführens.
Aber im Namen eures Wohles, des Wohles eurer Familien und
der Menschheit, bitte ich euch, übereilt euch nicht, auf daß die erhabenste
Angelegenseit nicht durch Hastigkeit Schaden leide.
Weil die Gemeinschaft nicht ohne Umstände sofort
verwirklicht werden kann, dies ist wenigstens mein Dafürhalten, möge mit
Überlegung, mit Geduld verfahren werden. Geduld, ja freilich Geduld ist nötig,
und Vertrauen in die Deputierten, deren Handlungen ihr zudem stets kritisieren
und, mißbehagen sie euch, widerrufen könnt.
Gewiß wollt ihr auf das Interesse des Landes ebenso
achten wie auf das eigene Privatinteresse; was kann es euch demgemäß, antun,
wenn die große Sache erst nach einigen Jahren zu Stande kommt? Was lange währt,
wird gut; dieses Sprichwort möge hier seine richtige Anwendung erleben.
Gesetzt, ihr dächtet lediglich an euer Privatglück: so
möget ihr euch denn mit demjenigen vorläufig begnügen, welches heute möglich
ist. Allerdings werdet ihr minder glücklich als eure Kinder, aber ihr seid
glücklicher als eure Väter. Ihr Reichen werdet, hoffe ich, zum Wohle des
Vaterlandes beitragen, und ihr Armen werdet nicht vergessen haben, daß es sich
vor allem um die Ruhe und die Sicherheit eurer bisher unglücklichen Söhne und
Töchter nunmehr handelt ....
Teure Mitbürger: das Menschengeschlecht erwartet von euch
eine unerhörte Großtat; es richtet die Augen auf euch! Ihr werdet doch wohl; so
hoffe ich zuversichtlich, der erhabenen Rolle entsprechen, die euch gegeben
ist?
▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬
Ikar an die Priester und die Christen.
Diener Jesu Christi! ich, der Diktator, wünsche euer
Glück nicht weniger als das der übrigen Bürger. Ihr werdet eure Kirchen und
Kapellen behalten, und könnet Gott verehren nach wie vor unter dem Schutz der
öffentlichen Macht. Predigt also Sittlichkeit
und Recht , ihr Diener und
Sendboten jenes Gottes, der euch darin mit Beispiel voranging. Predigt nicht
nur in Worten, sondern auch in Taten!
Laßt euer Wort ertönen zu gunsten der Armen; denn war es
nicht Christus, der am schärfsten wider die Pharisäer und Reichen sprach? der
am deutlichsten seine Liebe zu den Duldenden an den Tag legte? ~ Predigt Brudertum , Gleichheit . Der Gott, zu dem
ihr betet, ist in den Tod gegangen um die Menschen zu befreien und jegliche
Sklaverei, wie sie auch heiße, zu vernichten. Predigt Gütergemeinschaft , denn Jesus Christus hatte sie schon im Kreise
seiner Jünger eingeführt und allen Menschen dringend empfohlen. Oder waren die
Jünger Jesu nicht in der Gemeinschaft? und haben nicht auch die christlichen
Anhänger während der ersten Zeit nach der Hinrichtung ihres Meisters in
Gemeinschaft gelebt? Und spätere Jahrhunderte sahen tausende von feurigen
Christusdienern, tausende von frommen Arbeitern in religiöser Gemeinschaft, so
dem Worte nach als der Tat.
Wahrlich, wolltet ihr die Gütergemeinschaft von euch
weisen, ihr wäret keine rechten Christen! Und ich glaube demnach, da Christus
für Widergeburt des Menschen durch die Gütergemeinschaft sein Blut vergossen
hat, so werdet auch ihr dem großen Werke nicht widerstreben, und gern den Dank
dieser Erde verdienen, um dereinst nach eurem Hinscheiden auch der himmlischen
Belohnung teilhaftig zu werden!
▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬
Grundzüge des Gesellschaftsorganismus
im Übergange.
1. Während der fünfzig Jahre bleibt das
Privateigentumsrecht ungekränkt, und die Arbeit ist ins Belieben gestellt; erst
nach Ablauf dieser Frist wird jeder Bewohner, jede Bewohnerin der Republik zum
Ausüben eines Geschäfts sich zu verpflichten haben.~
2. Die jetzigen Besitzstände werden respektiert, so
ungleich sie auch sind; aber von heute ab beginnt ein System, wodurch diese
Ungleichheit abnehmen wird.
3. Jeder Besitzende behält sein Eigentum noch, unterwirft
sich jedoch gewissen Änderungen betreffs der Erbschaften; Schenkungen,
Vermächtnisse und Ankäufe für die Zukunft.
4. Kein Einwohner, der über fünfzehn Jahre alt, wird zum
Arbeiten verpflichtet, aber wer noch nicht fünfzehn Jahre hat, bekommt eine
Gewerbserziehung, die ihn befähigt ein Geschäft auszuüben, sobald die
Gemeinschaft beginnt.
5. Vom heutigen Tage, an wird das Gesetz auf Verbesserung
des Looses der Armen und Verminderung des Überflüssigen sehen.
6. Die Summe der Steuern kann nicht verringert werden,
wohl aber sind sie anders zu verteilen und an zuwenden als bisher.
7. Die Gegenstände des Notwendigen, deren sich der Arme
und der Arbeiter bedient, zahlen keine Steuern mehr.
8. Die Gegenstände des Luxus zahlen fortschreitende Steuern.
9. Jede unnütze öffentliche Ausgabe fällt weg.
10. Jeder öffentliche Beamte wird vom Staatsschatz
besoldet, und zwar hinreichend, aber nicht übermäßig.
11. Der Arbeiterlohn wird geregelt.
12. Die Preise der zum Leben unumgänglich erforderlichen
Dinge werden taxiert, so daß Bauer, Handwerker und Eigentümer hinfort vom
Einkommen ihrer Arbeit und ihres Eigentums bestehen können.
13. Fünfhundert Millionen werden jährlich verwendet, um
den Arbeitern Arbeit, den Armen Wohnung zu verschaffen.
14. Zu diesem Zwecke werden die Vorbereitungsarbeiten der
Gemeinschaft sofort begonnen.
15. Die Truppenzahl wird, unter Auszahlung einer
Entschädigung, möglichst vermindert.
16. Bevor die stehende Armee gänzlich abgeschafft werden
kann, läßt man durch sie, unter besonderer Löhnung, Arbeiten des öffentlichen
Nutzens vollziehen.
17. Die Staatsdomäne wird, wo möglich, auf der Stelle zur
Anwendung der Gemeinschaft bestimmt; man schafft Städte, Dörfer; Meiereien, und
übergibt sie einem Teile der Armenklasse.
18. Es sind die nötigen Mittel zu treffen, um der
gezwungenen Ehelosigkeit Schranken zu setzen und die Bevölkerungszahl zu
vermehren.
19, Die Ehen der Arbeiter sind zu erleichtern.
20. Erziehung und Unterricht der jungen Generationen sind
ein Hauptaugenmerk der öffentlichen Sorgfalt.
21. Zweck hierbei ist, Gesellschaftsmitglieder oder
Arbeiter heranzubilden, die zur Gemeinschaft fähig.
22. Dafür sind hundert Millionen, wenn es nötig ist,
jährlich auszugeben.
23. Die Lehrer sind aller Weise, samt ihren Familien, auf
Kosten der Republik sorgenfrei zu erhalten; sie sind die wichtigsten unter allen
Staatsbeamten.
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Erwiderung auf die gegen das Gütergemeinschaftssystem
erhobenen Bedenken.
Die Gemeinschaft ist aus einem zweifachen Grunde
annehmbar, sie hat nicht die Nachteile des Privateigentums, und gewährt
Vorteile, die jenem abgehen.
Nicht die Nachteile; denn sie vertilgt den verruchten
Eigennutz, sie verschmelzt das harte in sich verstockte Privatinteresse mit dem
allgemein Interesse, sie erlöst folglich die Menschen von der krankhaften,
feindseligen Spannung des Einzelnen gegen die andern Einzelnen.
Sie verknüpft alle in eine riesige Assoziation,
vergesellschaftet alle in liebevoller Gesinnungseinheit, während der Egoismus,
d. h. das alleinige Dichten und Trachten nach dem Nutzen des Ich, die Menschen
auseinanderhielt, vereinzelte. Die Gütergemeinschaft hat ferner das, was im
Privateigentum Gutes ist; in der Tat erfreut sieh der Gemeinschaftler ungestört
des Genusses eines Hauses, Gartens, der Kleidung, der Vergnügungen, der
Bildungsanstalten, usw. Nur ist ihm ein Recht genommen, das wahnwitzige Recht
des Eigentümers mit seinem Eigentum zu schalten und zu walten nach Lust und
Belieben, Mißbrauch damit zu treiben und durch allerlei tolle Launen die
Gesellschaft zu schädigen.
Endlich bietet die Gemeinschaft ganz besondere Vorteile.
Nur sie schafft reine Gleichheit, nur sie schirmt gegen Zufälligkeiten und
Mißgeschick.
Das Eigentum wird von Don Antonio heilig genannt. Wenn
nun der Besitz eines Einzelnen heilig ist, warum sollte es nicht der
Gemeindebesitz mehr sein? Die Gütergemeinschaft muß ein ebenso Heiliges in Don
Antonios Augen sein, wenn er folgerichtig denken will.
Es ist unbegreiflich, wie er das persönliche geteilte Eigentum göttlich, das mehreren Personen
gemeinsam gehörige und unteilbare aber teuflisch oder mindestens eine Ausgeburt
menschlichen Wahnsinns nennen kann.
Man kann noch hinzufügen, daß die Gesetze des Eigentums
in jeder Nation und zu jeder Zeit andere gewesen, es ist ganz falsch zu
behaupten, das Eigentum sei ein festes, ewiges. Tausende von Völkern haben
gelebt, und mit tausend, verschiedenen Eigentumsformen.
Übrigens, wenn man sich auf einen Streit einläßt, ist
nichts leichter als darzutun, daß die Gütergemeinschaft göttlich, heilig sei.
Die Menschen haben den natürlichen Geselligkeitstrieb, wie Ameisen und Bienen;
verstreut, auf das bloße Ich beschränkt, bringt der Mensch es doch zu nichts
als zu Verwirrung, Haß und Neid. Ferner, man sehe auf die allgegenwärtigen
Quellen des Lebens, auf Licht, Wärme, Luft, Elektrizität, Magnetismus, diese
sind wahres Gemeingut, das Wasser der Wolken und des Bodens desgleichen. Dies
alles kann nur Privateigentum werden, insofern sich jedes lebendige Geschöpf
soviel als es bedarf, davon zueignet, in seinen lebendigen Leib aufnimmt. Woher
füglich geschlossen werden kann, die Natur des Lebendigen sei eben die, daß in
den Grundstoffen des Lebens Gemeinsamkeit herrsche.
Ein altes Sprichwort heißt: Die Sonne scheint über Gerechte
und Ungerechte, das will sagen: sie ist für alle.
Wenn wir nun die Vernunft gebrauchen, ergibt sich, daß es
mit der Erde, dieser „allgegenwärtigen Mutter der Dinge", wie Dichter der
Vorzeiten sich ausdrückten, nicht anders sein sollte.
Bei den Völkern der Urzustände ist Gemeinsamkeit der
Bodenbenutzung gewesen, das unterliegt keinem Zweifel. Bevor sie Landwirtschaft
anfingen, so lange sie also Jäger und Hirten, so lange sie Hirtenvölker waren,
konnte von keiner Abmessung und Abzäunung bestimmter einzelner Grundstücke die
Rede sein; das sieht man noch heute bei manchen in der Entwicklung
zurückgebliebenen wilden Stämmen Afrikas, Amerikas und Asiens. Tausende von
Jahren ist diese rohe, wüste Art der Gütergemeinschaft des Bodens und der Luft
getrieben worden. Solch ein wilder Stamm war eine geschlossene Gesellschaft,
eine feste Gemeinschaft, Futter für das Vieh, Nahrung für die Menschen, Beute,
ja selbst Frauen waren gemeinsam, bis durch die Ehe eine Ordnung in das
Geschlechtsleben kam.
Völlig verkehrt ist es zu behaupten, die Gemeinschaft sei
spurlos verschwunden. Sie erhielt und erhält sich noch unter mancherlei Formen,
z. B. in jedem Staate gab es von jeher, trotz des Privatwesens, ein
Gemeinwesen, bestehend aus Grundstücken, Weiden, Waldungen, Teichen, Wegen,
Flußfurten, Häfen zum Nutzen und Frommen aller Einwohner; gab es Brunnen,
Spazierplätze, Tempel, Theater, Spitäler, Schulen, Bäder, die nicht Privatgut
geworden. Deutet nicht auch der Name „Gemeinde" auf den in Rede stehenden
Punkt zurück?
Eine ziemliche Menge von Institutionen ist desgleichen in
die Welt des Privateigentums aufgenommen, die den Stempel der
Gemeinschaftlichkeit tragen, z. B. Brief- und Personenpost, Märkte, Magazine,
Bazars, Bäckereien, Weinkeltern, Festlichkeiten, Schauspiele usw. Ja, dies geht
so weit, daß selbst die Gesetzgebung sich seiner nicht ganz erwehren konnte,
und man hat z. B. vorgeschrieben, daß es bei Schiffbruch, Überschwemmung,
Feuersbrunst beobachtet werde. Dieser Umstand ist wichtig, er beweist, daß der
Eigentumsstaat nicht ganz ohne die Gemeinschaftlichkeit sich behelfen mag; so
stark dringt sie sich dem Menschen auf.
Was die kirchliche Kommunion, was die zahllosen
Gemeinschaften der religiösen Orden betrifft, so genügt es, ihrer hier nur mit
einem Worte zu erwähnen.
Nichtssagend ist übrigens der Einwurf, die Nationen hätten
sich gleichsam stillschweigend gegen dies Prinzip des Gemeinschaftswesens
erklärt, indem sie dem Prinzip des Privatwesens in Politik und Ökonomie und
Recht den Vorzug eingeräumt! Einerseits darf man an Sparta, Peru und Paraguay
erinnern, wo Gemeinschaftliches überwiegend auftrat, andererseits ist zu
erkennen, daß die Menschheit die Bahn von Jahrtausenden durchlaufen hat, ohne,
wenn man so sagen soll, einen verständigen Reiseplan gemacht zu haben. Sie
irrte vielmehr kreuz und quer herum, taumelte von wenig Sinnigem zu Unsinnigem,
von viel Unsinnigem zu wenig Sinnigem, machte hier und da eine meist zufällige
Entdeckung, die sie auch ebenso leicht nicht hätte machen können, stand
manchmal still, ging manchmal gar zurück, sprang dann wieder hurtig vorwärts, kurz,
sie lebte im ärgsten Wirrwarr. Daher kam es denn auch, daß in den Tag hinein
gewütet wurde, aufs Geratewohl geschah hier ein Fortschritt, dort ein Umweg.
Die Kuhpockenimpfung, das Buchdrucken, der Dampf sind Erfindungen, die
gleichsam wider den Willen der
menschlichen Gesellschaft auftauchten, wenigstens hat sie sich um vorbereitende
Erziehung und Bildung der drei Erfinder nicht im Mindesten bekümmert, hat ihnen
die schnödesten Hindernisse in den Weg geworfen, hat das Genie und den Mut
dieser erhabenen Helden verhöhnt.
Man kann selbst sagen, es sei ein Unglück, daß die
Menschen nicht längst und überall die Form der Gemeinschaft angenommen, wie es
auch zu bedauern ist, daß die Kuhpockenimpfung nicht früher erschienen; aber
soviel ist gewiß; große zivilisierte Völker werden schneller, gründlicher das
neue Prinzip zur Verwirklichung treiben als kleine und unzivilisierte; heute
eher als früher, und in zwanzig Jahren eher als heute. Wir dürfen der alten
Weltentwicklung keinen Vorwurf machen, müssen vielmehr die Zukunft veredeln.
Don Antonio hat der Gemeinschaft vorgeworfen, sie
verletze Recht und Billigkeit, indem sie dem Genie nicht besser zu speisen und
zu wohnen und sich zu kleiden erlaubt als der gewöhnlichen Tätigkeit.
In Wahrheit, diese Anklage ist
﴾so sonderbar sie auch dem Ohre eines Ikariers klingt﴿ nicht unwichtig
und verdient näher beleuchtet zu werden.
Daß ein und derselbe Punkt der Betrachtung immer
wiederkehrt, darüber ist sich nicht zu wundern, da alle die verschiedenen Fäden
des Gewebes, mit dessen Auslegung und Auseinanderlegung man es auch hier zu tun
hat, sich vielfältig berühren. Und so ist es auch mit dem jetzigen. Don Antonio
erwartet eine Antwort, und er hat die Befugnis sie zu erwarten, aber sein neuer
Einwurf ist bereits wiederholentlich gemacht und abgefertigt worden: Gleichwohl
soll nochmals darauf eingegangen werden.
Wohl hat die Anklage etwas scheinbar richtiges, solange
man sie nicht tiefer erfaßt. Man kann Don Antonio eine andere Frage
entgegenhalten: was würde dem Erfinder des Dampfschiffes, dem unsterblichen
Fulton, seine Entdeckung helfen, wäre keine Gesellschaft da, in der sie benutzt
werden kann? Und wie hätte dieser Mann seinen Geist auf den gewaltigen Grad von
Schärfe und Beharrlichkeit im Studium der Naturkräfte und Maschinen erheben
mögen, wenn er nicht in der vorhandenen Gesellschaft und den wissenschaftlichen
Errungenschaften früherer Geister nach und nach Ausgangspunkt, Mittel und Ziel
seines Strebens sich erworben? Man versetze Fulton als Säugling nach einer
wüsten Insel, er hätte dort immerhin ein hohes Alter erreicht, aber gewiß nicht
das Dampfschiff erfunden.
Ja, durch die Bildung wird der Mensch erst ein Mensch.
Und durch die Bildung, geistige wie sittliche und körperliche, wird er erst zu
einer bestimmten Persönlichkeit ausgeprägt. Ideen, Gefühle, Gemütsbewegungen,
Gewohnheit und Sitten, Sprache, Religion, Profession, Wissen: alles dies ist
Produkt der Erziehung, ist Erzeugnis der Einwirkung, welche die Gesellschaft
auf den Einzelnen übte. Das Kind ist bildungsfähig. Man nehme zwanzig Kinder
aus zwanzig Ländern. Zwanzig verschiedene Erziehungen machen sie zu zwanzig
sehr verschiedenen Menschen; aber setzt man dieselben in eine einzige
Erziehungsweise, in der sie stets beisammen bleiben, so entsteht etwas daraus,
wie man es in Ikarien sieht. Unermeßlich ist die Anzahl derer, die, richtig
erzogen, große Geister, unermeßlich ist auch die Anzahl der andern, die, ohne
Erziehung, jämmerliche, krüppelige geworden wären.
Jedes Gesellschaftsmitglied ist der Gesellschaft verpflichtet.
Jeder soll und muß ihr seinen Dank abtragen durch völlige, ernste Arbeit mit
allen seinen Fähigkeiten, und den Bedürfnissen des Ganzen helfend zur Seite
stehen. In der gut organisierten Gesellschaft genießt der Einzelne aber auch
nach seinen persönlichen Bedürfnissen und da durch sie und auf ihre Kosten
seine Anlagen und Fähigkeiten gebührlich entwickelt sind, so bleibt ihm
schlechterdings keine Zulage, kein Extrahonorar, keine aparte Besoldung und
keine spezielle Auszeichnung zu beanspruchen. Er bekommt , was er braucht zu Geistes und Leibesunterhalt und
Bildung; er gibt, was er hat und was die Gesellschaft braucht; so geht es
unaufhörlich, das ganze Leben lang, so erst werden beide quitt, was soll da
noch eine besondere Belohnung? Gewährt ihm die Gesellschaft eine solche, so hat
sie ihre Gründe, will dadurch das Nacheifern anspornen, seine Erinnerung
verherrlichen, usw., aber es fällt ihr nicht ein, ihn speziell zu belohnen.
Übrigens liegt es am Tage, der Mensch in der wahren
Gesellschaft, findet Freude, unendliche Freude am Betätigen seiner Kräfte. ~
Gewerbe, Wissenschaft, Kunst, Entdeckungen gewähren dem Menschen, dessen
Existenz materiell sicher gestellt ist, einen höhern reinern Genuß als Löhnung
oder Belohnung. Schon in der verderbten Welt des Privateigentums sieht man ja
Spuren davon, indem talentvolle oder mutige oder edelherzige Personen, ohne
Belohnung zu erheischen, aus bloßem Triebe und um diesem Triebe zu genügen,
sich aufopfern, zu Grunde gehen und dennoch heiter dabei sind! ~
Don Antonio hat ferner gemeint, die Gemeinschaft trete
der Freiheit zu nahe.
Allerdings, wenn er unter Freiheit das regellose wüste
Austoben versteht, tun, was einem so ohne weiteres in den Kopf kommt,
geradewegs nach dem persönlichen rohen oder raffinierten Gelüst eben! Das ist
aber nicht Freiheit, das ist Frechheit.
Niedermetzeln, Aufspeichern, das Aufgespeicherte
verzehnfachen, den Nebenmann ausplündern und belügen, ist nicht Freiheit. Hier
handelt es sich um die gerechte, die gebildete Freiheit, die sich in gebildeten
und bildenden Mitteln bewegt, die ihre Gesetze sich selber aussinnt, sie sich
selber vors Auge stellt und ihnen gehorsamt! Diese Freiheit ist die
Selbstherrschaft und Selbstbeherrschung. Diese Freiheit ist wahr, kräftig und
schön zugleich.
Es ist mit wenigen Begriffen so schändlich Mißbrauch
getrieben worden als mit dem Begriff „Freiheit".
Wahnwitz wäre es, räsonniertest du: mir ist heiß, also
will ich unbekleidet umherlaufen; oder: ich will undankbar sein; oder: ich will
nichts essen in meinem Leben: oder: ich will in einem fort essen; gegen diese
Verkehrtkeiten stellt sich Vernunft, Sitte und Natur. Du kannst also nur frei
dich äußern in Wort und Tat, indem du dich innerhalb der Gesetze des
menschlichen Wesens oder Menschtums bewegst, innerhalb der Gesetze der
menschlichen Gesellschaft, und innerhalb der Gesetze der Natur, die fort und
fort in Luft und Temperatur; Licht usw. auf deine Haut, Nerven, dein Gehirn,
dein Blut, deine Organe einwirkt.
Heutzutage heißt Freiheit oft die wütendste Leidenschaft,
mit der man gegen den bestehenden Despotismus ankämpft, und dieses todeskühne
Streben hat auch eine Schattenseite; es schlägt gern um in Ausschweifen, Unmaß
aller Art. Wer dem Ertrinken nahe ist, packt selbst ein rotglühendes Eisen; ein
verschmachtender Wanderer schlürft ekelhaftes Schmutzwasser; wer das Schwert
über seinem Kopf sausen hört, greift hinein, obgleich er sich die Finger
zerschneidet.
Ähnliches geschieht jedesmal, wenn die Menschen sich aus
ungeheurer Not erlösen wollen; sie fallen von einem Äußersten ins
entgegengesetzte Äußerste. Aus der Knechtschaft zur willkürlichsten Anarchie,
ist ein Sprung, der schon oft gemacht ward. Ein Volk bricht einige seiner
Ketten und ruft: Freiheit! schrankenlose Freiheit! Freiheit der Presse
, denn es lag in den Zwangsschrauben der Zensur oder der
Schriftstrafverordnung; Freiheit des Unterrichts
, denn es hatte die Einmischerei der Finsterlinge in Erziehung und Lehrsystem
zu erdulden gehabt; Freiheit der Industrie
, denn es litt furchtbar durch die alten Zünfte, Innungen, Meisterschaften;
Freiheit des Handels, denn es will den Monopolen, Privilegien und der
teuflischen Maut entrinnen; Freiheit des Besitzes
, denn es hatte lange Jahrhunderte unter der Zuchtrute der Zwingherren
geseufzt, die ihm das Privatgut wegrissen und sich für alleinige Eigentümer des
Landes und der Nation ansahen; kurz Freiheit, Freiheit, alles zu sagen und
zu tun
oder auch garnichts zu tun, denn es
erhob sich zornbrausend gegen die Polizei seiner Hudler und Zertreter, die alle
Augenblicke mit Verbieten und Gebieten es bis aufs Blut schikanierte.
Aber du heilige schöne Freiheit! das Volk muß, dich zu
erringen, allmählich zur Erkenntnis kommen, daß du nicht das dürre, schroffe
Gegenstück bist zu seinen bisherigen Unfreiheiten. Erst muß das Volk wissen,
daß die wahre Freiheit nur als freies Gesetz, das sich die Versammlung der
gleichen Gesellschaftsglieder gibt, bestehen kann.
Die Gemeinschaft, sagt Don Antonio, hat zu viele Gesetze!
~
Sehr wohl. Aber das Königtum mit dem Eigentum im Bunde,
hat dieses nicht auch viele?
Und gestattet es wahre, wirkliche Freiheit? Könnt ihr
euch selbständig bilden, selbständig eure Kleinen erziehen, selbständig eure
Angelegenheiten verwalten? Und das materielle Elend, läßt es die Elenden zum
Bewußtsein, zum ruhigen Bissen einer trockenen Brotkruste kommen? Und die
Landespolizei mit ihren hunderttausend Falkenaugen läßt sie euch tanzen und
singen und speisen und Theater besuchen, wie ihr es möchtet? Und ein Sträußchen
Veilchen 1>und ein Band von solchen Farben tragen?
<1 Das Veilchen war Napoleons Lieblingsblume; es galt nach seinem Sturze als
ein Abzeichen, das auf eine politische Parteigesinnung schließen ließ, die dem
Bestehenden feindlich.
Anmerkung des
Übersetzers.
In Ikarien macht einer
die Gesetze: nämlich das gesamte Volk.
In Ikarien vollzieht einer sie: nämlich das gesamte Volk.
In Ikarien gehorcht einer ihnen: nämlich das gesamte Volk.
Es war notwendig, auf die Einwürfe Don Antonios Bescheid
zu geben, denn er ist gewiß ein aufrichtiger Freund der Menschheit. Dennoch: Es
lebe die Gleichheit und die Gemeinschaft!
England, Frankreich, Amerika müssen Ikarien nachkommen;
sie werden es! Die Gleichheit ist keineswegs unmöglich! Sie ist auch nicht
erdrückend, erkältend; die Geschichte der Welt bezeugt ihre segensvolle
Fruchtbarkeit.
▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬
Grundsätze der Gemeinschaftslehre.
Welches sind die natürlichen
oder göttlichen Rechte? ~
Diejenigen, welche die Natur oder Gottheit gewährt hat.
Welches sind die gesellschaftlichen oder menschlichen Rechte? ~ Diejenigen,
welche die Gesellschaft der Menschen gewährt.
Welches sind die natürlichen
Rechte? ~ Vor allem das Recht zu leben und seine sämtlichen leiblichen wie
geistigen Kräfte zu bestätigen.
Was heißt das Recht zu leben? ~ Darunter verstehe man das
Recht, von allen Naturgütern zur Nahrung, Kleidung und Wohnung Gebrauch zu
machen und sich gegen jeden Angriff zu schirmen.
Was heißt das Recht alle seine leiblichen Kräfte zu
betätigen? ~ Darunter verstehe man das Recht, den Aufenthalt zu ändern, zu
arbeiten, sich zu assoziieren und zu versammeln, kurz alles zu tun, was einem
beliebt, ohne dem Nebenmenschen zu schaden; ferner in Ehe zu leben und Familie
zu haben, denn das ist offenbar für jedermann.
Was heißt das Recht seine geistigen Kräfte zu
beschäftigen? ~ Es ist das Recht, alle Mittel zur Bildung in Anwendung setzen
zu dürfen.
Haben alle Menschen die nämlichen
Naturrechte? ~ Offenbar, denn ein Mensch so gut wie ein anderer Mensch hat teil
am Menschentum.
Ist also die Ungleichheit im menschlichen Wesen nur ein
Schein? ~ Jawohl, die Menschen sind zwar verschieden an Größe, Stärke,
Gesundheit, Fähigkeiten, Neigungen, aber das hat nichts zu sagen, sie sind doch
allesamt Mitglieder der Menschheit. Man kann z. B. mehrere Schwache gegen einen
Starken stellen, und dann ist wieder die Gleichheit ganz sichtbar.
Übrigens genügt es zu wissen, daß die menschliche
Vernunft ein für allemal spricht: „Wir sind alle gleich dem Wesen nach und
sollen es folglich auch an Rechten sein." Ist von Natur die Erdoberfläche
für alle oder nur für einzelne? ~ Für alle, denn alle leben auf ihr. Übrigens
ist diese ursprüngliche Bodengemeinschaft von den Denkern anerkannt worden. Mit
dem Weiterschreiten der Kultur ist eine Teilung eingetreten. Die Vernunft
bestimmt aber zuletzt, inwiefern diese Teilung richtig, und inwiefern unrichtig
ist.
Hat also jeder gleiches
Anrecht auf einen Teil der Lebensgüter? ~ Gewiß, und zwar gerade auf einen
solchen Teil als er zum Existieren und zum Ausbilden seiner Kräfte, zum
Befriedigen und Zivilisieren seiner Bedürfnisse und zum Wirken braucht. Es wäre
daher Unsinn, z. B. alle Menschen auf ein und dieselbe Ration Speise zu setzen;
der Eine hat mehr als der Andere zu essen nötig, und er darf dieses tun, sobald
genug vorhanden.
Hat man einmal wirklich mit Vorbedacht und Verabredung
die Erdengüter verteilt? ~ Nein, sondern jeder griff zu, nahm und raffte was er
konnte, ohne Rücksicht auf seine Nebenmenschen.
Soll man das Redet des ersten Besitznehmers respektieren?
~ Freilich, wenn noch genug Gegenstände vorhanden sind, die nicht mit Beschlag
belegt worden.
Was ist die natürliche
Gleichheit! ~ Sie ist der Ausspruch der Vernunft, daß jedem sein Lebensanteil gebührt.
Sie erlaubt keinem, wer er auch sei, Überflüssiges an sich zu reißen; das wäre
ein Diebstahl zum Schaden dessen, der noch nicht das Notwendige besitzt. Wenn jedoch
jeder das Notwendige hat, nun so darf man darüber hinaus auch Überflüssiges
nehmen, muß aber stets bereit sein, es abzutreten, sobald sich zeigen sollte,
daß jemand noch nicht das Notwendige hat.
Aber wie, wenn der erste Besitznehmer, jetzt im
Überflusse, einst selbst gearbeitet hat? ~ Auch dann ist er verpflichtet,
seinen Überschuß abzutreten, sobald nämlich es sich herausstellt, daß andere zu
kurz gekommen sind.
Haben die Menschen natürliche Pflichten? ~ Ja, ebenso wie
sie natürliche Rechte haben. Rechte und Pflichten sind dasselbe, sind
untrennbar, alle, z. B. haben das Recht Lebensgenuß zu fordern; alle haben die
Pflicht, ihn zu gewähren.
Welches sind die natürlichen
Pflichten ? Sie liegen in dem Satze:
„Tue dem andern nicht, was du willst, daß er dir nicht tue, und tue ihm, was du
willst, daß er dir tue".
Was ist die Gesellschaft
? ~ Sie ist die Gegenseitigkeit aller Menschen und beruht auf Freiwilligkeit.
Daher darf es in ihr nicht Herren und Knechte, nicht Plünderer und Geplünderte,
nicht Scheerer und Geschorene, nicht Schinder und Geschundene, nicht Betrüger
und Betrogene geben.
Kurz, die Gesellschaft darf nicht einer Herde gleichen,
die den Hirten unterworfen ist.
Mit andern Worten, worauf beruht die Gesellschaft? ~ Auf
dem gemeinsamen Interesse aller Vergesellschafteten, Assoziierten.
Sind die Nationen bisher Gesellschaften gewesen? ~ Keineswegs,
denn in jeder war eine Spannung, ein Zwiespalt zwischen Reichen und
Nichtreichen, Aristokratie und Volk. Nationen sind übrigens ohne bestimmte
Absicht entstanden, durch Eroberungen, und überall ist eine Herrscherklasse
gewesen und ist noch vorhanden. Daher sind diese sogenannten zivilisierten
Gesellschaften ganz erbärmlich organisiert, die Armenklasse hat überall nichts
als Elend zu ihrem Anteil.
Haben die Kinder der Armen noch heutigen Tages natürliche
Rechte? ~ Gewiß, diese Rechte sind unverjährbar und unveräußerlich.
Taugt die sogenannte zivilisierte Gesellschaft von heute
etwas für die Reichen? ~ Wenig im Grunde oder garnicht. Die Menschen in diesen
sogenannten zivilisierten Gesellschaften sind unmenschlich gegen einander, das
zeigt sich unter drei Hauptformen: Vermögens- und Machtungleichheit ~
Privateigentum ~ Geld. Diese drei schlimmen Dinge hat man teils aus Eigennutz,
teils aus Dummheit geschaffen und sich bisher gefallen lassen.
Wer macht heute Gesetze? ~ Der reiche Mann und der
hochgeborene Mann.
▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬
Überblick des Ganzen.
Gibt es kein Heilmittel wider diesen allgemeinen Leidenszustand?
~ Ja, und das Mittel wird durch die Vernunft bezeichnet, welche spricht: „Ihr
müßt die oben genannten drei menschheitswidrigen Dinge abschaffen und die
Gemeinschaft verwirklichen."
Was will die Gemeinschaft? ~ Sie will, daß eine Nation
ein Ganzes von gleichmäßig assoziierten, verpflichteten, berechteten freien
Personen werde, sodaß folglich das Einzelinteresse mit dem Allgemeininteresse
zusammenwachse, verschmelze und einen einzigen gesunden Körper oder
Gesellschaftsorganismus bilde. Der Wahlspruch sei: „Alle für einen und einer
für alle"; dies heißt die Solidarität,
und ist der schnurstracke Gegensatz zum Individualismus
oder zur Vereinzelung und Zersplitterung, die wir heute erleben.
Was will die Gemeinschaft ferner? ~ Sie setzt alle
Lebensbedürfnisse als gemeinsames oder Gesellschaftskapital; sie setzt allen
Boden als gemeinsames Grundstück oder Gesellschaftsdomäne.
Sie will die Bedürfnisse der Menschen befriedigen und
läutern durch Kunst- und Naturprodukte, welche auf dem Wege der Gesellschafts- Industrie
gewonnen werden. Diese Industrie wird durch Maschinen und weise Leitung vor
sich gehen, mit Arbeitsteilung. Jeder einzelne arbeitet die gleiche Stundenzahl
im Tage, nach seinen Fähigkeiten; und
genießt den gleichen Anteil an den Erzeugnissen, nach seinem Bedarfe.
Warum bekommt der Mann von Talent und Wissen nicht eben
deshalb mehr von den Erzeugnissen zu genießen? ~ Darum nicht, weil Talent und
Wissen sowohl eine Naturgabe als ~
und noch mehr ~ Gesellschaftsgabe
ist; ohne die gesellschaftliche Erziehung wäre der Mann weder wissend noch
gebildeten Talents geworden.
Was ist die Arbeit in der bezweckten Gütergemeinschaft? ~
Sie ist ein öffentliches Amt und dieses öffentliche Amt gilt als Arbeit; Amt
und Arbeit gelten als Abgaben an das Ganze.
Also gibt es keine sonstige Abgabe? ~ Nein.
Wie ist die Arbeit? ~ Gemeinsam in den großen
Werkstätten, möglichst angenehm, leicht und kurz; übrigens müssen alle
arbeiten. Durch immer höher zu vervollkommnende Maschinen wird sie für die
Menschheit schonender gemacht als je zuvor.
Wie steht es mit Nahrung, Kleidung und Wohnung? ~ Sie ist
gleich und hinreichend für alle und jeden, wird in den öffentlichen
Arbeitsanstalten verfertigt und verteilt. Ein Gesetz hat das Muster bestimmt.
Und die Vergnügungen und der Luxus? ~ Vernunftgemäß wird
zuerst das Notwendige besorgt, dann das Angenehme. Das Maß in Vergnügen und
Luxus ist, wie gesagt, die Vernunft.
Und Städte und Wege? ~ Sie sind nach einem Plane aufs
beste zum Dienste aller gemacht.
Und der Handel? ~ Der inländische besteht im
Produktenverteilen, der auswärtige geschieht von der Oberbehörde.
Und die Familie? ~ Eine jegliche lebt möglichst gemeinsam
in sich, ohne Dienstboten und macht einen kleinen Haushalt für sich aus.
Und die Ehe? ~ Ist frei insofern, als jeder frei wählen
und heiraten darf, ja muß; sie wird aufgelöst in den nötigen Fällen.
Und die Erziehung? ~ Sie ist die Basis des Ganzen; ist
eine leibliche, geistige, sittliche, staatsbürgerliche, gewerbliche: Sie ist
teils eine häusliche, teils eine gemeinsame; sie ist eine allgemeine oder
grundzügliche <elementare> und eine spezielle oder professionelle.
Welches ist der Hauptsatz der Staatlichkeit? ~ Er lautet:
„Alles für und durch das Volk und nichts ohne das Volk".
Die sämtlichen Mitglieder der Gesellschaft sind
gleichermaßen Staatsbürger, gehen zur Versammlung, dienen in der Volksgarde oder
Landwehr, sind Wähler und wählbar.
Wie entsteht das Gesetz? ~ Das Volk wählt Vertreter,
diese beraten das Gesetz und legen es dem Volke zur Ansicht vor. Folglich ist
das Gesetz der einfache, ungeschminkte Ausdruck des allgemeinen Willens und der
allgemeinen Weisheit.
Da das Gesetz vom Volke, d. h. von allen ausgeht, kann
niemals die Freiheit und Gleichheit leiden.
Wie steht es mit der Vollziehung des Gesetzes? ~ Sie ist
unter dem Befehle der Gesetzgeber und hat wählbare, absetzbare, verantwortliche
Magistrate und Beamten; diese sind in Provinzen und Gemeinden sehr zahlreich.
Wer sitzt zu Gericht? ~ Das Volk.
Wie sind die Strafgesetze? ~ Sehr mild, da die Verbrechen
sehr selten oder fast null sind.
Sichert die Gemeinschaft das Wohl aller? ~ Ja, sie ist
die einzige Gewähr dafür. Nur in ihr ist Harmonie des Ganzen und der Einzelnen
möglich, und der einzelnen unter sich.
Christus sagte: „Ein Kamel geht leichter durch ein
Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich." Die Lage der Reichen, das
Menschentum der Reichen, ist also auch zu verbessern, nicht minder als der
Armen.
Ist ein plötzlicher Sprung, ohne Vorbereitung, aus
dem bisherigen Plunder in die Gemeinschaft möglich? ~ Nein, wir brauchen dazu
einen allmählichen Übergang, indem mehrere Generationen durch dienliche
Erziehung dazu gebildet, alle Männer
stimmfähige Staatsbürger werden, und die Freiheit zu Versammlungen und
Diskussionen, das heißt zum ernsten Bedenken und Besprechen der Sachen
bekommen.
Warum nicht plötzlicher Umsturz? ~ Weil dieser die
Besitzenden zur Verzweiflung und Empörung treiben würde; auch wären die Leute
nicht hinreichend gebildet.
Wie lange soll der Übergang dauern? ~ Dreißig bis hundert
Jahre; das ist lange, aber ist einmal notwendig. Übrigens wird von Stunde an
der Zustand ein besserer, und wir werden mit dem frohen Bewußtsein sterben,
unsere Nachkommen und die Welt gerettet zu haben. Daher verzage man nicht, wenn
die Geduld auch auf eine harte Probe gestellt wird.
Sollen wir die herrschende besitzende Klasse mit Gewalt
zum Einwilligen zwingen? ~ Nicht doch! Dies wäre gefährlich, sehr gefährlich.
Gewaltsame Umwälzungen sind wie ein Kriege, dessen
Ausgang zweifelhaft ist. Eine bestehende Regierung ist, schon allein dadurch,
daß sie besteht, mächtig; sie kommandiert die Reichtümer des Landes, ist
unterstützt von der herrschenden Klasse der Aristokraten, befehligt über die
gesetzgebende und vollziehende Gewalt, über das Heer, die Bürgergarden, die
Gerichtshöfe, die Polizei nebst deren hunderttausend sichtbaren und
unsichtbaren Zaubermitteln.
Die Unterdrückten sind zahlreich, aber ist das genug? ~
Nein, sie müssen auch organisiert sein. Aber die Regierung weiß sie daran zu
hindern.
Sie sind mutig. Aber der Gegner ist auch nicht feige und
ist an Kriegszucht überlegen.
Die Unterdrückten wollen sich aufopfern. Aber sie können
nicht mit ihren nackten Händen die Kanonenkugeln des Gegners abwehren.
Die junge Volkspartei ist natürlich sehr zu allerlei
Fehlern geneigt; ist übereilend, mißtrauisch gegen die wahren Volksfreunde, leichtgläubig mit den falschen Volksfreunden, tollkühn und
ungeschickt.
Das Volk hat seit Anfang der Weltgeschichte immer hie und
da Aufstände gemacht, und mit schlechtem Erfolge. Verräterei und Dummheit
verdarb fast alles,
Seit Menschen leben, hat nie das Volk soviel Macht in Händen
gehabt als im Jahre 1793... Und es hat sich doch wieder durch Zwist der Führer,
vielleicht durch zu große Hast, allmählich in die uralten Bande schlagen
lassen; es ist jetzt von neuem geknebelt, oder beinahe geknebelt.
Wenn aber eine Volkserhebung für die ewigen Rechte der
Menschen, zu Boden gedrückt worden, dann bricht endloser Jammer herein! Nach
Robespierre´s Sturz geschah das zweimal.
Man hat es gesehen, als Camille Babeuf scheiterte. Man
hat es gesehen, als nach der Julirevolution alle möglichen Angriffe und
Versuche, größere und kleinere, mißlangen.
Die machtvolle Klasse der Gebieter freut sich stets über
solche Unternehmungen der Volkspartei, die nur zum Schaden der Unterjochten
ausfallen können. Jedes nutzlose Wort, jede nutzlose Gebärde, jeder nutzlose
Blutstropfen, wodurch die Volksmänner Wunder zu wirken hoffen, schnürt die
Ketten fester, macht sie lastender, heißer.
Es ist gräßlich ~ und das vergeßt nicht ~ es ist
gräßlich, daß durch die verkehrten Streiche einiger braven, edeln Wagehälse und
der sich mit ihnen verbindenden heuchlerischen Schufte, eine ganze Nation in
ihrem mühsamen Wege zur Befreiung aufgehalten werden soll.
Ich wiederhole: ich weise in wohlverstandenem Interesse
des Volkes die Gewaltsamkeit von der Hand.
Aber, höre ich einwenden, wenn sie gelänge?... wäre es
dann nicht heilsam, nicht billig, die Reichen und Aristokraten zu zwingen?
und wieder sage ich nein. Die Reichen sind Menschen wie die Armen, sind auch unsere
Mitbrüder, sind Mitglieder der Menschheit. Freilich muß man es verhindern, daß
sie Unterdrückung ausüben; aber man darf nicht die Gütergemeinschaft damit
eröffnen, daß man einen Teil der Menschen unterjocht. Man hasse sie auch nicht,
denn ihre Vorurteile und Laster sind traurige Erzeugnisse der abscheulichen
Gesellschaftseinrichtung und der abscheulichen Erziehung vor allen Dingen. Will
man aus ihnen den Teufel austreiben, so darf man sie nicht verbrennen. Christus
hat nicht den Mord der Reichen gepredigt, sondern ihre Bekehrung.
Soll man also nicht den selbstsüchtigen, eigennützigen
Ladenbesitzer, Krämer, Kaufmann hassen? ~ Nein, hasset seinen Eigennutz, aber es
wäre ungerecht und töricht, diese große Klasse der Fabrikanten und Handelsleute
zu hassen. Alle ihre Schlechtigkeiten entspringen lediglich aus der
Gesellschaftsorganisation; diese Menschen sind in steter Angst um ihren Kredit,
zittern durch Bankerott entehrt zu werden, schweben stets zwischen Furcht und
Hoffnung, können durchaus nicht im Notfalle auf fremde Unterstützung rechnen,
sind Tag und Nacht in Sorgen um das Billet, das sie am Ende der Woche oder des
Monats abzahlen sollen, und erdulden obendrein unaufhörliche Martern von seiten
des Associe´ und der eigenen Ehegattin, denn letztere ist allemal in die
Geschäfte des Mannes eingeweiht, und sie hetzt ihn fort und fort und verdoppelt
seine Selbstsucht und Habgier, indem sie ihm immer zuruft: „Gedenke unserer
Kinder!" Auf diese Weise muß er wohl Egoist werden. Es ist schlimm, daß er
meist ohne viel Bildung und sehr leichtgläubig ist und den Volksbedrückern
schnell als Werkzeug dient. Aber das ist nicht seine Schuld, sondern die Schuld
seiner elenden Erziehung. Übrigens ist das alles einmal so und nicht anders;
und ein Arbeiter, der vorher gar eifrig gegen diesen Stand schimpfte, ist kaum
in denselben getreten, so wird er selbstsüchtig, eigennützig und ängstlich.
Wie soll man es anfangen, um die Machthaber für das
Prinzip der Gütergemeinschaft zu gewinnen? ~ Durch mündliche und schriftliche
rastlose Ausbreitung, Entwicklung Bekanntmachung. Man wende sich weder nur an
Reiche noch nur an Arme, sondern an diese beiden Klassen, aus denen der heutige
Staat ganz und gar besteht. Man suche die Wähler, die Deputierten, die
Regierenden zu überzeugen; man mache Licht im Kopfe des Volkes, denn es genügt
nicht zu schreien: „Ich bin Republikaner, ich bin Demokrat, will Brüderlichkeit
und Menschenrecht"; das kann der erste beste Polizeiagent auch schreien,
wenn er den geheimen Befehl hat, die Massen aufzuregen, um einen Straßenkrawall
zu bewirken, der nachher gehörigen Orts bestens benutzt werden soll, um das
Joch des Volkes aufs neue zu beschweren. ~ Man muß wissen, was man will
und wollen was man weiß. Man mag das größte Genie sein und
kann doch keine Stecknadel fabrizieren, weil man es eben nicht gelernt hat. ~
Weshalb mißglückten so viele Revolutionen, 1792, 1815, 1830? Weil das Volk
keinen scharf und deutlich vorgezeichneten Weg vor Augen hatte. Und hätte es
seit 1830 in Gesamtheit sich mit nichts anderm als sich bilden beschäftigt, wahrlich, die gute Sache stände heute besser.
Die Reichen dafür gewinnen, wäre nicht unwichtig. In
ihrer Klasse zählt man gewaltige, begabte Geister, auf deren geringstes Wort in
Prosa und Versen Tausende beifällig lauschen. Und sollten sie sich halsstarrig
abkehren? Haben doch in frühern Zeiten adlige reiche Männer die Volkssache
getragen: Lykurg, die Könige Kleomenes und Agis von Sparta, Solon von Athen,
die römischen Edelleute Gracchus, Thomas Moore, der Erzkanzler von England, der
französische Millionär Helvetius, der französische Gelehrte Mably, der
französische Finanzminister Turgot, der französische Graf Condorcet usw. Und
hat nicht Lafayette dieser hohen Klasse angehört? Und finden sich nicht heute
edle, geistvolle Frauen in den Reihen der Reichen?
Wohlan denn, die ihr nicht darbt an Herzens- und
Geistesbildung, an Wissen und Scharfsinn, an Muße und Geld, wohlauf, geht
rüstig an die Untersuchung der Frage.
Mögen andere den Plan vervollständigen; es war der
Anfang, und aller Anfang ist schwer.
Nur keine Verschwörungen.
Nur keine stückweise Verwirklichungsversuche; wenn die
fehlschlagen, so leidet die Sade selbst ungeheuer, und man wird mutlos.
Durchdenkt und durchsprecht sie; mehr ist jetzt nicht zu
tun.
Die Zukunft der Welt gehört der Gemeinschaft, habt also
Vertrauen. Meine Überzeugung in die Wirksamkeit des friedlichen Verfahrens ist
so stark, daß ich, hätte ich eine Revolution in der Hand, doch die Hand nicht
aufmachen würde, und sollte ich darüber in der Verbannung sterben.
Das sind meine Grundsätze.
▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬
Arbeiter, auf nach
Ikarien!
Denkt über euer Los nach und ihr müßt einsehen, daß euch
das Elend packt, wenn ihr den Mutterleib verlassen habt, und daß es sich nicht
eher von euch trennt als wenn ihr im Sarge ruht.
Ihr, Proletarier, Söhne der Proletarier, wandelt in
schmutzigen Lumpen einher, darbt am Geist und hungert am Magen; schaut nur zu
oft böses Beispiel, arbeitet zu oft über eure noch jugendlichen Kräfte, so
steht es um eure Kindheit. Dann kommt
Arbeiten und immer Arbeiten bis auf Schweiß und Blut, Arbeiten voll Gefahren,
voll Ekel, und ohne genügenden Lohn, Arbeitslosigkeit und Schulden;
Krankheiten; Militärdienste; Handwerksbuch; keine Aussicht, stete Unruhe über
den morgenden Tag. So lebt ihr in eurer Jugend.
An Ehe und Familie haben viele nicht zu denken; und die, welche sich verheiraten,
bereuen es oft, so fürchterlich lasten auf ihnen die Sorgen. ~ Und euer Alter, nach langem Arbeiten und
vielfältigen Vaterlandsdiensten, hat wieder, zur Vergütung, nichts als Jammer,
Elend, Qualen, Hospital und Selbstmord zu erwarten. Dicht neben euch seht ihr
eure Meister und Gebieter prassen und Gold rollen; sie haben sozusagen bloß die
kleine Mühe auf die Welt zu kommen, dann finden sie reichlichst alles was sie
brauchen, um nicht zu arbeiten, nicht zu produzieren, aber trotzdem zu genießen.
Ihr habt keine Genüsse, obgleich ihr alles hervorbringt. Allein, Freunde seid
gerecht: diese beneideten Klassen sind auch mit ihren Sorgen, ihrem besonderen
Kummer geeinigt; sie auch sind Schlachtopfer der alles verschuldenden
Gesellschaftsorganisation. Immerhin; aber ihr, ihr seid elend, und es muß uns
Arbeitenden endlich irgendwoher Heilung kommen, deucht mir.
Blickt nach Ikarien in Amerika, dort wird das Proletariat
nicht mehr vorhanden sein, ebenso wenig schwelgende Reiche. Dort sind alle
Bürger die Besitzer des allgemeinen, gesellschaftlichen, nationalen und nicht
zu teilenden Eigentums. Also ist Armut drüben nicht möglich. Ebenso wenig
Arbeitsleute und Arbeitsmeister; stattdessen Assoziierte, brüderlich auf
gleichem Fuß sich behandelnd, alle arbeitend, je nach Fähigkeiten. Alle
Geschäfte gelten dort als öffentliche Ämter, und alle Ämter gelten als
Geschäfte. Folglich gibt es keine Ausbeuter, keine Auspresser, keine Aussauger
dort. Keine Tagelöhner werdet ihr dort haben, aber eine gerechte Verteilung der
Produkte, wie zwischen Assoziierten. Keine Arbeitslosigkeit, keine Konkurrenz,
sondern Arbeitsorganisation, feste vernünftige Arbeitsregeln, nach Erfahrung,
Klugheit, öffentlicher Meinung und Ansicht der Mehrheit der Arbeiter selber.
Die ganze Ackerbau- und Industriearbeit wird nach großen Werkstätten ausgeübt;
niemand bleibt müßig, niemand ist übermäßig beschäftigt. Die Werkstätten sind
zweckdienlich, gesund, schön; die Maschinen nehmen viele, ja die meiste Mühe
dem Arbeiter ab. Jeder, soviel als möglich, erwählt selbst sich nach Geschmack
und Lust eine Profession. Alle Amtsführer sind wählbar und absetzbar; alle Einwohner
sind wählbar und wählend...
Keine Arbeits- oder Handwerksbücher mehr; kein knechtischer
Soldatendienst; keine Steuer <Arbeit ist die einzige Abgabe>; jeder gut
behaust, bekleidet, genährt, unterrichtet, in Gesundheit erhalten durch die
unablässige Sorgfalt der Regierung, d. h. der gesamten Nation; jeder in die
Möglichkeit versetzt, ein Weib zu nehmen und ungestört Familienfreude zu
genießen.
Keine Aristokratie, keine Vorrechtler, keine
Ungleichheiten.
Reine, ganz reine Demokratie, Gleichheit nach Vernunft
und Billigkeit, d. h. in Verhältnis und Proportion, stets nach den leiblich-geistigen
Kräften für die Arbeit, und nach den Bedürfnissen für die Verteilung. So erst
sind alle gleichmäßig beglückt. Kurz, die Arbeiter sind drüben das Volk, die
Nation. Nur sie, und niemand anders, herrschen dort; denn es gibt drüben nichts
als Arbeitende; sie erziehen sich in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse,
und erst auf diesem Pfade wird die Menschheit in Ordnung kommen. Arbeiter!
zaudert nicht; heute seid ihr noch geknebelt, getreten, gefesselt; Achtung hat
niemand vor euch, und ihr habt weder Brot noch Arbeit nach Bedarf. Laßt uns
dorthin gehen, wo dieses Elend nicht mehr sein wird, nach Ikarien!
Nachwort.
ETIENNE CABET, 1788~1856, war der Sprecher der ersten
kommunistischen Massenbewegung. Während seines Aufenthaltes, als politischer
Flüchtling, in England brachten ihn literarische Forschungen zu kommunistischen
Ideologien. Als notwendige Voraussetzung der Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit erkannte er die Gütergemeinschaft, die er durch friedliche
Agitation durchsetzen zu können hoffte. Er schrieb seinen Roman „Reise nach
Ikarien", der trotz aller Breiten und Seichtheiten als Zeitanschauungswerk
auch heute, gerade heute, noch recht lesenswert ist, um für seine Pläne der
Gesellschaftsorganisation Propaganda zu machen. Ein englischer Lord lernt als
Reisender Cabet´s Idealland Ikarien kennen. In Vorträgen und Gesprächen
erfahren wir mit ihm, wie der ikarische Staat entstand, wie die
gesellschaftliche Neuordnung vollzogen wurde. In die Erzählung eingestreut
finden wir allerlei lange Abhandlungen, über die Entwicklung der Menschheit zur
Gleichheit, die Geschichte der Philosophie, die französische Revolution usw.
Ein Netzwerk, darin sich auch seltene Fische fingen. Für den kritischen Leser
ist die Lektüre von großem Interesse.
Cabet war Republikaner und Demokrat. Trotz oder wegen
seiner Kleinbürgerlichkeit war er der Liebling des französischen Proletariats,
ungeheuer verhaßt beim Bürgertum, verflucht von der Kirche, die sein
Urchristentum verabscheute. Cabet versuchte seine Theorien auf amerikanischem
Boden zu verwirklichen. Expeditionen richteten dort, unter seiner Leitung,
ikarische Niederlassungen ein. Innere Zwistigkeiten und die über Cabet
hinwegschreitende politische Entwicklung machten sie unmöglich. Der Marxismus
löste dies Sektierertum ab. <Dem Namen nach besteht noch heute im Staate
Jowa die Gesellschaft der Ikarier>.
Das Buch von H. Lux:
„Etienne Cabet und der Ikarische
Kommunismus", Stuttgart, Dietz,
unterrichtet über Cabet´s Gedanken und Werk.
Wir bringen aus seiner „Reise nach Ikarien" eine
Reihe einzelner Abschnitte, besonders die Erziehung betreffend und einige der
Aufrufe und grundsätzlichen Darlegungen.
Paul
Oestreich.