| Die jüngst vergangene Epoche des
technischen Bildens unterschied sich dadurch von allen früheren Zeiten, daß eine
Zweiheit der Behandlung und der Beurteilung eingetreten war, je nachdem es sich um
sogenanntes nützliches oder sogenanntes schönes Bilden handelte. Das nützliche Bilden
fiel dem Ingenieur, das schöne dem Architekten zu. Vom nützlichen Bilden erwartete man
keine Schönheit, im Gegenteil, es war ein feststehender Satz, daß die Konstruktionen des
Ingenieurs ihrer Natur nach häßlich seien. In Fällen, wo man diese Häßlichkeit
beseitigen zu müssen glaubte, wurde der Architekt herangeholt, um eine Art Maskierung
vorzunehmen. Die sogenannte »ästhetische Ausbildung der Ingenieurbauten« hat lange auf
dem Programm der Zeit gestanden, wobei der Gedankengang fast immer der war, durch
Anklebungen »architektonischer« oder »ornamentaler« Art den Ingenieurbau in das
Bereich der Kunst zu heben.
Es traf sich, daß der Anruf des Ingenieurs dem Architekten zu einer Zeit zuging, als
dieser selbst in einer Art Maskierungstätigkeit geschäftig arbeitete. Es war die Zeit
der »Stile«, jenes halbe Jahrhundert, in dem vor allem davon die Rede war, ob ein
Bauwerk in antiken, in gotischen, in Renaissance- oder in romanischen Formen gehalten
sei. Der Architekt war selbst zum Bekleidungskünstler geworden und war also auch
vollständig darauf eingerichtet, seine Betätigung auf die Werke des Ingenieurs zu
übertragen. Er setzte vor eiserne Brücken mittelalterliche Burgentore, vor
Ausstellungshallen die Wände romanischer Kaiserpfalzen, vor Bahnhofsdächer italienische
Palastfassaden.
Für die große Mehrzahl der Ingenieurbauten aber nahm man die Hilfe des verzierenden
Architekten noch gar nicht einmal in Anspruch. Man war der Meinung, daß sie ja bloße
Nutzbauten seien und als solche die Entschuldigung ihrer Häßlichkeit für sich hätten.
Auch handelte es sich angeblich um die Kosten, und für »Verzierungen« waren bei
Anlagen, bei denen scharf gerechnet wurde, die Mittel nicht vorhanden. So wurden
Werkstätten und Speicher als Notbauten in irgend einer aus der billigsten Konstruktion
sich ergebenden Zufallsform errichtet. Fabriken erhielten den üblichen Zuschnitt aus der
Sheddachkonstruktion; Wassertürme, Windmotorenpfeiler ragten in grotesken Umrissen, an
die keinerlei geschmackliche Kritik gelegt worden war, in die Luft; eiserne Brücken
überspannten die Flüsse in harten Linien. Dies war der Zustand der lediglich aus der
Hand des Ingenieurs entstandenen Nutzbauten, wie er durch Jahrzehnte als natürlich
angesehen wurde.
Der anfängliche Entwicklungsverlauf der Ingenieurkonstruktionen war ein anderer gewesen.
Die Zeit der ersten Ingenieurkonstruktionen fällt zusammen mit dem ersten organisierten
technischen Unterricht, und in diesem wurden alle Schüler sowohl in der Architektur als
auch in den Zweigen der Technik unterwiesen. Die technische Betätigung wurde noch als
eine Einheit aufgefaßt, wie es übrigens in allen früheren Zeiten überhaupt geschehen
war (die alten Baumeister bauten zugleich Paläste und Fortifikationen, Rathäuser und
Wasserleitungen, Leonardo da Vinci war im selben Umfange Künstler wie konstruierender
Ingenieur). In jener ersten Zeit der sich neu entwickelnden Technik - es war um die
vorletzte Jahrhundertwende - wurde auch an den Ingenieurkonstruktionen eine Art
architektonischer Ausbildung versucht. An den Maschinen wurden stützende Glieder in die
Form dorischer Säulen gebracht (die allerdings häufig stark in die Länge gezogen
wurden), die Schwungräder erhielten gotisches Maßwerk und der Dom auf der Dampfmaschine
wurde als Liliput-Renaissancekuppel ausgebildet. Es ist sehr interessant, diese ersten
lallenden Versuche zu beobachten, einer ganz neuen Technik formal Herr zu werden. Daß man
nicht sofort zum Ziele gelangte, darf nicht wundernehmen. Die Geschichte der menschlichen
Technik zeigt auf Schritt und Tritt, daß zwar die Erfindung neuer Vorrichtungen
verhältnismäßig rasch und, wie es scheint, ohne Mühe vor sich geht, daß es aber den
Menschen stets sehr schwer gefallen ist, für die neuen Schöpfungen die endgültige Form
zu finden. Regelmäßig entsteht hier Verlegenheit. Und regelmäßig greift man zunächst
auf die geläufigen Formen ähnlicher früherer Dinge. Die ersten Eisenbahnwagen waren auf
Schienen gestellte Postkutschen, die ersten Dampfer waren Segelschiffe mit einer
eingebauten Dampfmaschine, die ersten Lichtauslässe der Gaskronen imitierten die
Wachskerze. Man bedenke, welcher Unterschied zwischen der ersten nachgemachten Postkutsche
und dem heutigen D-Zugwagen liegt und zu welcher markanten Form sich der heutige
Ozeandampfer, verglichen mit dem alten Segelschiff, entwickelt hat. In beiden Fällen hat
es aber der Arbeit von Generationen bedurft, um zu derjenigen Form zu gelangen, die wir
heute als selbstverständlich und dem inneren Wesen des Dinges entsprechend empfinden.
Auch die gotischen Schwungräder und die dorischen Balanciers der ersten Maschinen waren
nur eine Aushilfs- und Verlegenheitsform. Auch hier wurde bald das Unzutreffende dieser
Formgebung erkannt; man fing an, die Anleihe bei der alten Kunst zu tilgen und die sich
aus dem Dinge selbst ergebende Form zu entwickeln. Dies geschah, indem man allen Zierat
beseitigte und lediglich auf die sogenannte reine Zweckform zurückging. Vielleicht ahnte
man damals noch nicht, daß die Erfüllung des reinen Zweckes an und für sich noch keine
das Auge befriedigende Form schafft, vielmehr hierzu noch andere Kräfte, sei es auch
unbewußt, mitwirken müssen. Jedenfalls entwickelte sich von allen Werken des Ingenieurs
am ehesten d i e M a s ch i n e zu einem reinen Stil, der am Beginn des
laufenden Jahrhunderts so gut durchgebildet dastand, daß es üblich wurde, die sogenannte
Schönheit der Maschine zu bewundern und in ihr gewissermaßen die ausgeprägteste
Erscheinung einer modernen Stilbildung zu erblicken. In modernen Kunstbetrachtungen spielt
seit etwa zehn Jahren diese Schönheit der Maschine, an die sich gewöhnlich Betrachtungen
über die sogenannte reine Zweckform knüpfen, eine gewichtige Rolle.
Anders als im Maschinenbau verlief die Entwicklung im S t a b e i s e n b a u.
Wenn hier anfänglich eine dekorative Ausschmückung versucht worden war, so wurde
sie zwar ebenfalls bald verlassen, ohne daß man aber zu so geklärten Verhältnissen wie
im Maschinenbau gelangt wäre. Der Ingenieur gab es hier so gut wie ganz auf, die
Alltagsaufgaben unter dem Gesichtspunkt der geschmacklich geläuterten Form zu behandeln.
Es entwickelte sich zwar eine außerordentlich rege Bautätigkeit, die Eisenbahnbrücken,
die Talüberspannungen, die Bahnhofshallen, die die neue Zeit brauchte, wurden fast
durchweg in eisernem Stabwerk errichtet. Allein nur in Ausnahmefällen hielt man es für
nötig, etwas für das Aussehen zu tun, und in diesen Fällen wurde meistens die schon
berührte Maskierung mit Fassadenmotiven der alten Architektur vorgenommen. Die
ästhetische Theorie trug zur Verstärkung des hier waltenden Irrtums bei, indem sie das
Schicksal der Gitterstabbauten als künstlerisch hoffnungslos erklärte. Gottfried Semper
sprach sich über Eisenkonstruktionen dahin aus, daß, wer sich ihrer annehmen wolle,
»einen mageren Boden für die Kunst antreffe«. Es könne nicht die Rede sein von einem
monumentalen Stab- und Gußmetallstil, denn das Ideal eines solchen sei die unsichtbare
Architektur, je dünner das Metallgespinst, desto vollkommener sei es in seiner Art. Das,
was Semper in dieser vernichtenden Form ausgesprochen hat, ist seitdem von vielen
Theoretikern in Variationen wiederholt worden. Fast stets kam man darauf hinaus, daß das
Eisen zu dünn sei, um ästhetische Wirkungen herbeizuführen, ein Urteil, das unter der
Voraussetzung gefällt wird, daß zur ästhetischen Wirkung unbedingt die Massigkeit
gehöre. Offenbar aber liegt hier ein Trugschluß vor, indem ein Gewohnheitsideal für ein
absolutes Ideal gehalten wird. Das Gewohnheitsideal ist dadurch entstanden, daß die
bisherigen Generationen in Materialien bauten, die massiv wirkten, nämlich in Stein und
Holz; hätten ihnen dünngliedrige Metallstäbe zur Verfügung gestanden, so würde heute
wahrscheinlich die Dünngliedrigkeit als das Normale und Ideale angesehen, die Massigkeit
aber als unästhetisch verurteilt werden. Es ist nicht zu vergessen, daß in unseren
ästhetischen Wertungen die Gewohnheit eine ungemein große Bedeutung hat. Wie widersinnig
erschien uns im Anfang das Zweirad mit den Drahtspeichen und dem Luftwulst. Niemand
empfindet beides heute mehr als abnorm, und gerade die Dünngliedrigkeit der Drahtspeichen
macht uns den Eindruck des Feinen und Eleganten. Es trifft überhaupt nicht zu, daß
bisher nur die Massigkeit ästhetisch gute Wirkungen hervorgebracht habe. Auch bisher
schon ist in den technischen Gestaltungen das Verhältnis von Stärke zu Länge dem
Material entsprechend gewählt worden. In der Antike finden wir neben dem kompakten, aus
Steinblöcken gebildeten Tempel auch sogleich jene feingliedrigen Metallkonstruktionen,
wie sie uns in den allerzierlichsten Bronzekandelabern und Metallmöbeln der
pompejanischen Funde entgegentreten. Wollte man aber etwa sagen, die eigentliche
Architektur habe es mit der Umschließung von Innenräumen zu tun, und da zu dieser
Umschließung eine massige Wand gehöre, könne ein eisernes Hallendach mit Glasdeckung
keineswegs als ein ästhetisch befriedigendes Werk angesehen werden, so wäre auch hier
ein geschichtlicher Irrtum begangen. Denn es war z. B. das Ideal der Hochgotik, die
Wandfläche fast vollkommen aufzulösen und den Stützen eine unerhörte Feingliedrigkeit
zu geben. Die großen mächtigen Felder zwischen den dünnen Konstruktionsgliedern aber
wurden mit Glas ausgefüllt wie beim heutigen Hallendach, allerdings wußte jene an
künstlerischem Vermögen so reiche Zeit sogleich aus der Glaswand ein ästhetisch
wirksames Motiv, das farbige Glasfenster, abzuleiten. Nichts mit Raumumschließung hat
aber auf alle Fälle das G e r ä t zu tun, dessen Gestaltung doch auch unter
dem Gesichtspunkte der Form, d. h. der Wirkung für das Auge, betrachtet werden muß. Hier
liegt überdies vorzugsweise das Betätigungsgebiet des Ingenieurs, der
arbeitserleichternde Werkzeuge und Maschinen bildet, Brücken, Eisenbahnen, Fahrzeuge für
den Verkehr, Waffen für den Krieg gestaltet. Für das Gerät und Werkzeug die
feingliedrige Gestalt als künstlerisch unwirksam zu bezeichnen, müßte aber geradezu
sinnlos erscheinen. Im Gegenteil, wir bewundern eher ein feines chirurgisches Instrument
wegen seiner Eleganz, ein Fahrzeug wegen seiner gefälligen Leichtigkeit, eine sich über
den Fluß schwingende Stabbrücke wegen ihrer kühnen Materialausnutzung. Und mit vollem
Recht, denn wir konstatieren in der Sehnigkeit der schlanken Teile einen Sieg der Technik,
die sich hier zu einer bis an die letzte Grenze gehenden Meisterung des Stoffes
emporgeschwungen hat. Also die Dünngliedrigkeit des Eisens kann der ästhetischen Wirkung
der Erzeugnisse des Ingenieurs nicht im Wege stehen. Hier irren die Gedankengänge der
ästhetischen Spekulation.
Im übrigen ist es gar nicht die Aufgabe der Ästhetik, Voraussagen zu machen. Fast immer,
wenn sie es getan hat, ist sie fehlgegangen. Die Ästhetik hat nur zu registrieren,
einzuordnen, nicht Schlüsse a priori sondern a posteriori zu ziehen. Mit Gesetzen für
die zukünftige Entwicklung ist sie niemals imstande, dem rastlosen Weiterschreiten
Fesseln anzulegen. Die Entwicklung geht gewissermaßen ins Unbestimmte hinein, und es
bleibt der Ästhetik lediglich vorbehalten, den Weg, den sie genommen hat, rückschauend
zu verfolgen.
Alle Voraussetzungen einer künstlerischen Wirkung der Werke des Ingenieurs geschehen
jedoch - und jetzt erst treten wir in das eigentliche Wesen der Sache ein - unter dem
Vorbehalte, daß in ihnen künstlerisches Gefühl niedergelegt sei. So selbstverständlich
dieser Satz klingt, so sehr muß er betont werden. Die Vorstellung, es genüge für den
Ingenieur völlig, daß ein Bauwerk, ein Gerät, eine Maschine, die er schafft, einen
Zweck erfülle, ist irrig, noch irriger ist der neuerdings oft gehörte Satz, daß, wenn
sie einen Zweck erfülle, sie zugleich auch schön sei. Nützlichkeit hat an und für sich
nichts mit Schönheit zu tun. Bei der Schönheit handelt es sich um ein Problem der Form
und um nichts anderes, bei der Nützlichkeit um die nackte Erfüllung irgend eines
Dienstes. Ein schöner Gegenstand kann allerdings auch zugleich nützlich, ein nützlicher
zugleich schön sein. Festzuhalten, als für unsern Gegenstand ausschlaggebend, ist hier
allein der Satz, daß die Schönheit der Nützlichkeit nicht im Wege zu stehen braucht.
Das Schöne mit dem Nützlichen zu verschmelzen, und zwar bis zu einer möglichst
restlosen Erfüllung beider Forderungen ist, wie bekannt, die eigentliche Aufgabe der
Architektur. Aber es wäre ganz verfehlt, anzunehmen, daß diese Aufgabe außerhalb der
Architektur nicht bestehe. Im Gegenteil, man muß völlig verallgemeinern und sagen, daß
die gesamte werkzeugbildende, bauende und konstruierende Tätigkeit des Menschen, ja alles
was er überhaupt sichtbar tut und treibt, denselben Grundsatz im allgemeinen Sinne
verfolgt wie die Architektur im besonderen, nämlich den, das Nützliche mit dem Schönen
zu vereinigen.
Bei allem sichtbaren Gestalten dirigiert uns Menschen die Rücksicht auf die Erscheinung
in einem Maße, daß wir diese Rücksicht gar nicht hinwegzudenken vermögen. Unser Auge
ist der ständige Kontrolleur dessen, was wir sichtbar tun, wobei wir die Form nach einem
unserm Gehirne eingepflanzten Gesetze bilden, beurteilen und handhaben. Dieses Gesetz
wirkt selbsttätig, wir können uns ihm nicht entziehen, selbst wenn wir es wollten. Auch
bei den Dingen, die ausgesprochenermaßen ein Bedürfnis erfüllen, leitet das
Schönheitsempfinden die Hand. Die Anproben bei unserem Schneider haben sicherlich nicht
den Zweck, den Anzug so warmhaltend wie möglich zu machen, sondern sie wollen ihm die
denkbar beste Form geben. Ist das schon beim Männeranzug der Fall, so tritt beim
Frauenanzug offensichtlich der Nutzzweck vor dem Schönheitszweck fast vollständig
zurück. Dieselben Grundsätze verfolgen wir fast automatisch bei unserer Wohnung, bei der
ein Ausschalten der Geschmacksrücksichten gar nicht denkbar wäre. Niemand wird hier auf
die Idee verfallen, daß die Nützlichkeit allein die gestaltende Tendenz sei. Aber auch
in anscheinend ganz fernliegenden Dingen spielt die Form noch ihre Rolle. Man frage nur
einen Zigarrenfabrikanten, welch große Bedeutung die äußere Gestalt der Zigarre, die
sich doch mit dem Zweck des Dinges und der »Qualität« gar nicht berührt, für den
Verkauf hat. Offensichtlicher spricht die Form mit bei den Geräten, Möbeln und
Werkzeugen. Sicherlich werden sie gebaut, um einem Zwecke zu dienen, eine Arbeit zu
verrichten. Ihre Form ergibt sich aber durchaus nicht allein aus diesem Gesichtspunkte.
Selbst den Fall angenommen, daß lediglich der Gebrauchszweck vorgeschwebt hätte, so
läßt sich doch behaupten, daß den Verfertiger, sei es auch nur aus einem von ihm selbst
nicht gefühlten ästhetischen »Unterbewußtsein« heraus, auch die Rücksichten auf die
Form mitbeeinflußt haben. Denn das, was wir beim Betrachten des Werkzeuges als
ästhetisch gut empfinden, ist eben nur das Resultat jenes in der Stille beim Verfertiger
wirksam gewesenen Instinktes für die Form. Auf solche Weise haben Generationen an unseren
Geräten, Instrumenten, Werkzeugen, Innenräumen und Häusern stilbildend und
formfördernd gewirkt, auch wenn nicht eine bestimmte Absicht hierfür vorgelegen hat. Die
heutige vollendete Form der Violine, die suggestiven Linien des Segelbootes, die trauliche
Schönheit des Bauernzimmers, die harmonische Gruppierung des ländlichen
Wirtschaftshofes: sie sind aus solcher Arbeit von Zeitaltern entstanden und durch
Jahrhunderte zu der heutigen Vollkommenheit der Form entwickelt. Und alle diese Bildungen
sind außerhalb dessen, was wir »Kunst« nennen, vor sich gegangen, eben der beste Beweis
dafür, daß es einer bewußten künstlerischen Absicht beim Menschen gar nicht bedarf, um
im Endresultat doch ästhetisch gut wirkende Erzeugnisse hervorzubringen, daß wir
Menschen uns eben der Tendenz, gefällig und geschmackvoll, d. h. ästhetisch wirksam zu
gestalten, gar nicht entziehen können. Doch muß hier allerdings sofort zugegeben werden,
daß diese Tendenz sich bei verschiedenen Menschen in sehr verschiedenem Grade äußert,
mit andern Worten, daß die Begabungen der Menschen nach der geschmacklichen Seite sehr
verschieden sind. Neben solchen, die bei allem, was sie tun und treiben, von einem
ausgeprägten Formgefühl geleitet werden, die sich geschmackvoll kleiden, in
wohlausgestatteten Räumen leben, nur ästhetisch schöne Dinge kaufen und verschenken,
gibt es Menschen, die unsicher, ja unfähig sind, einen guten Geschmack zu betätigen.
Jeder wirkt nach seinem Vermögen. Dennoch steht es fest, daß ein Gefühl für Schönheit
jedem von uns mitgegeben ist und daß dieses Gefühl für Schönheit gar nicht vom
menschlichen Fühlen, Denken und Handeln getrennt werden kann.
Von diesem Standpunkte aus erfährt die Frage, ob Ingenieurbauten ästhetisch schön
wirken könnten, sollten oder müßten, eine ganz andere Beleuchtung. Die Forderung der
ästhetisch guten Wirkung wird zur blanken Selbstverständlichkeit. Ja man muß sich
erstaunt fragen, wie es denn eine Zeit habe geben können, bei der man bewußt die gute
Form als entbehrlich zu bezeichnen wagte. Der Ingenieur, der dies täte, würde eines der
Grundgesetze des menschlichen Handelns verneinen, er würde unmenschlich, widernatürlich
handeln. Als Anteil der menschlichen Gesamtschöpfung unterliegen die Bauten des
Ingenieurs denselben Gesetzen, die wir bei andern, zum Teil weit minder wichtigen Dingen
erfüllt finden. Ihre große Bedeutung im heutigen Bauwesen, ihre meist wichtige Stellung
im Städte- und Landschaftsbilde, die enormen wirtschaftlichen Werte, die in ihnen
niedergelegt werden, verlangen sogar gebieterisch, daß auch bei ihrer Gestaltung dem
Gesichtspunkt der guten Erscheinungsform Rechnung getragen wird.
Die bisherige Entwicklung der Ingenieurbauten, wie sie aus sich selbst heraus, d. h. ohne
die falsche Maskierungsarbeit des Architekten, erfolgt ist, beweist uns übrigens auch,
daß eine Klärung nach der guten Form hin bereits stattgefunden hat. Eine große Anzahl
von Ingenieurwerken, Brücken, Bahnhofshallen, Leuchttürmen, Silobauten wirken
ästhetisch gut, gleichgültig, ob hier das Schönheitsgefühl der Erbauer unbewußt
mitgesprochen und sich über den Rechenstab hinaus Geltung verschafft, oder ob der eine
oder der andere Ingenieur bewußt um die gute Form gerungen und sie erreicht hat.
Was bisher vielleicht hier und da unbewußt getan worden ist, muß in Zukunft unbedingt
bewußt und konsequent geschehen. Es gibt nur e i n menschliches Gestalten. Genau
dieselben Gestaltungstendenzen kehren wieder beim Kunsthandwerker, beim Architekten, beim
Ingenieur, beim Werkzeugverfertiger, beim Schneider, bei der Putzmacherin, beim simpeln
Handwerker, bei der Mutter, die ihrer Kleinen ein Kleid zurechtschneidert. Es handelt sich
immer um die gleichen Dinge: gute Proportionierung, Abstimmung der Farben, wirkungsvollen
Aufbau, Rhythmus, ausdrucksvolle Form. Die Tendenzen, die bei allen diesen Gestaltern
wirken, sind allgemeiner, sozusagen kosmischer Art, sie sind unserer Gehirntätigkeit
immanent.
Hieraus wird es zur vollen Selbstverständlichkeit, daß ein Schaffender, der so große
Aufgaben zu bewältigen hat wie der Ingenieur, der Bauwerke erzeugt, die uns auf Schritt
und Tritt begegnen und an absoluter Größe alles überbieten, was bisher geleistet ist,
unbedingt diese Gesetze nicht nur unbewußt wirken lassen, sondern sie bewußt befolgen
muß. Einen Unterschied zu machen zwischen Werken der Architektur und des Ingenieurbaues
ist sinnlos. Die Ingenieurwerke entstehen gerade so wie die Werke des Architekten aus dem
Wunsche, ein Bedürfnis zu decken. Auch bei ihnen ist wie bei den Werken des Architekten
in allererster Linie ein Nützlichkeitsprogramm zu erfüllen, und die Erfüllung dieses
Programms bildet den Ausgangspunkt der Gestaltung. Aber die Durchbildung selbst findet
dann sofort unter dem ständigen kontrollierenden Einfluß des Schönheitsempfindens
statt, das dahin strebt, das Unharmonische harmonisch zu machen, das Störende zu
beseitigen, das Fehlende zu ergänzen und das so einen höheren Ordnungssinn darstellt,
der unsere Leistungen erst zur menschlichen Arbeit im höheren Sinne erhebt.
Nützlichkeits- und Schönheitsgesichtspunkte arbeiten hier wie dort von Anfang an
ineinander. Sie müssen bei der ersten Konzeption beide zur Stelle sein und sich in
Gleichgewicht zu setzen suchen, wenn ein vollgültiges menschliches Werk erzeugt werden
soll.
Der Ingenieur alten Schlages pflegte einzuwenden, daß für ihn die Statik allein
maßgebend sei und er sich als wissenschaftlich und ökonomisch denkender Mensch
keineswegs durch irgendwelche anderen Rücksichten von der mathematisch gegebenen
Konstruktion, die zugleich beim sparsamsten Materialverbrauch den größten Nutzeffekt
darstelle, abbringen lassen könne. Dieser Einwand ist hinfällig, so einleuchtend er von
dem stets überzeugungsfähigen, kraß utilitaristischen Standpunkte aus erscheinen mag.
Denn die Verhältnisse liegen meist so, daß es gleichzeitig mehrere mathematisch richtige
Lösungen gibt, unter denen er wählen kann. Auch für den Ingenieur führen viele Wege
nach Rom; die Richtungen, in denen er auch rein mathematisch eine Aufgabe verfolgt,
können von Anfang an ganz verschiedene und sehr mannigfaltige sein. Es liegt nahe,
diejenige zu wählen, die außer der Statik auch dem Auge gerecht wird. Und sodann steht,
wie schon erwähnt, die Schönheit der Nützlichkeit nie grundsätzlich im Wege. Auch bei
der schönen Form kann der höchste Effekt mit den geringsten Mitteln erreicht werden.
Nicht anders ist es bei allen technischen Aufgaben, vor allem auch bei denen, die dem
Architekten gestellt werden. Der Unterschied ist nur der, daß die
Schönheitsanforderungen der Architektur aus Zeiten auf uns gekommen sind, in denen der
Sinn für das Rhythmische und Harmonische beim Menschen noch selbstverständlich war, so
selbstverständlich, daß, eine besondere Forderung daraus zu erheben, ein Unding gewesen
wäre. Die ästhetische Bewegung der letzten fünfzehn Jahre hat infolge der ihr
innewohnenden lebendigen Kraft weit über die Grenzen des ursprünglich kunstgewerblichen
Gebietes hinausgegriffen. Sie fängt wieder an, unser ganzes Leben zu beherrschen. Große
Ödlände, die durch jahrzehntelange Vernachlässigung fast unfruchtbar geworden waren -
man denke nur an den Städtebau - sind neu aufgerodet und mit frischem Leben durchtränkt
worden. Heute kann die Erkenntnis als soweit vorgeschritten gelten, daß wir den Satz
aufstellen können: Sondergebiete des menschlichen Schaffens, bei denen die Form
vernachlässigt werden könne, gibt es nicht. So wollen wir hoffen, daß die bewußte, aus
den Bedingungen des Baues selbst entwickelte gute Form auch auf dem weiten Gebiete des
Ingenieurbaues als Selbstverständlichkeit angesehen und als unerläßliches Attribut
einer veredelten, der Höhe unserer Zeit entsprechenden Gestaltungsarbeit betrachtet
werden wird. |