| Bibliographische Angaben: |
| Simmel, Georg: Die Großstädte und das Geistesleben |
| In: |
| Die Großstadt : Vorträge und Aufsätze zur
Städteausstellung ; Gehe-Stiftung zu Dresden ; Winter 1902 - 1903. - Dresden : v. Zahn
& Jaensch, 1903. - 282 S. (Jahrbuch der Gehe-Stiftung zu Dresden ; 9) |
Die
Großstädte und das Geistesleben |
Die tiefsten Probleme des modernen Lebens
quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins
gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äußerlichen
Kultur und Technik des Lebens zu bewahren - die letzterreichte Umgestaltung des Kampfes
mit der Natur, den der primitive Mensch um seine leibliche Existenz zu führen hat. Mag
das 18. Jahrhundert zur Befreiung von allen historisch erwachsenen Bindungen in Staat und
Religion, in Moral und Wirtschaft aufrufen, damit die ursprünglich gute Natur, die in
allen Menschen die gleiche ist, sich ungehemmt entwickele; mag das 19. Jahrhundert neben
der bloßen Freiheit die arbeitsteilige Besonderheit des Menschen und seiner Leistung
fordern, die den Einzelnen unvergleichlich und möglichst unentbehrlich macht, ihn dadurch
aber um so enger auf die Ergänzung durch alle anderen anweist; mag Nietzsche in dem
rücksichtslosesten Kampf der Einzelnen oder der Sozialismus gerade in dem Niederhalten
aller Konkurrenz die Bedingung für die volle Entwicklung der Individuen sehen - in
alledem wirkt das gleiche Grundmotiv: der Widerstand des Subjekts, in einem
gesellschaftlich-technischen Mechanismus nivelliert und verbraucht zu werden. Wo die
Produkte des spezifisch modernen Lebens nach ihrer Innerlichkeit gefragt werden, sozusagen
der Körper der Kultur nach seiner Seele - wie mir dies heut gegenüber unseren
Großstädten obliegt - wird die Antwort der Gleichung nachforschen müssen, die solche
Gebilde zwischen den individuellen und den überindividuellen Inhalten des Lebens stiften,
den Anpassungen der Persönlichkeit, durch die sie sich mit den ihr äußeren Mächten
abfindet.
Die psychologische Grundlage, auf der der Typus großstädtischer Individualitäten sich
erhebt, ist die S t e i g e r u n g d e s N e r v e n l e b e n s,
die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsels äußerer und innerer Eindrücke
hervorgeht. Der Mensch ist ein Unterschiedswesen, d. h. sein Bewußtsein wird durch den
Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorher gehenden angeregt; beharrende
Eindrücke, Geringfügigkeit ihrer Differenzen, gewohnte Regelmäßigkeit ihres Ablaufs
und ihrer Gegensätze verbrauchen sozusagen weniger Bewußtsein, als die rasche
Zusammendrängung wechselnder Bilder, der schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit
einem Blick umfaßt, die Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen. Indem die
Großstadt gerade diese psychologischen Bedingungen schafft - mit jedem Gang über die
Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen,
gesellschaftlichen Lebens - stiftet sie schon in den sinnlichen Fundamenten des
Seelenlebens, in dem Bewußtseinsquantum, das sie uns wegen unserer Organisation als
Unterschiedswesen abfordert, einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das
Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres
sinnlich-geistigen Lebensbildes. Daraus wird vor allem der intellektualistische Charakter
des großstädtischen Seelenlebens begreiflich, gegenüber dem kleinstädtischen, das
vielmehr aus das Gemüt und gefühlsmäßige Beziehungen gestellt ist. Denn diese wurzeln
in den unbewußteren Schichten der Seele und wachsen am ehesten an dem ruhigen Gleichmaß
ununterbrochener Gewöhnungen. Der Ort des Verstandes dagegen sind die durchsichtigen,
bewußten, obersten Schichten unserer Seele, er ist die anpassungsfähigste unserer
inneren Kräfte; er bedarf, um sich mit dem Wechsel und Gegensatz der Erscheinungen
abzufinden, nicht der Erschütterungen und des inneren Umgrabens, wodurch allein das
konservativere Gemüt sich in den gleichen Rhythmus der Erscheinungen zu schicken wüßte.
So schafft der Typus des Großstädters, - der natürlich von tausend individuellen
Modifikationen umspielt ist - sich ein Schutzorgan gegen die Entwurzelung, mit der die
Strömungen und Diskrepanzen seines äußeren Milieus ihn bedrohen: statt mit dem Gemüte
reagiert er auf diese im wesentlichen mit dem Verstande, dem die Steigerung des
Bewußtseins, wie dieselbe Ursache sie erzeugte, die seelische Prärogative verschafft;
damit ist die Reaktion auf jene Erscheinungen in das am wenigsten empfindliche, von den
Tiefen der Persönlichkeit am weitesten abstehende psychische Organ verlegt. Diese
Verstandesmäßigkeit, so als ein Präservativ des subjektiven Lebens gegen die
Vergewaltigungen der Großstadt erkannt, verzweigt sich in und mit vielfachen
Einzelerscheinungen. Die Großstädte sind von jeher die Sitze der Geldwirtschaft gewesen,
weil die Mannigfaltigkeit und Zusammendrängung des wirtschaftlichen Austausches dem
Tauschmittel eine Wichtigkeit verschafft, zu der es bei der Spärlichkeit des ländlichen
Tauschverkehrs nicht gekommen wäre. Geldwirtschaft aber und Verstandesherrschaft stehen
im tiefsten Zusammenhange. Ihnen ist gemeinsam die reine Sachlichkeit in der Behandlung
von Menschen und Dingen, in der sich eine formale Gerechtigkeit oft mit rücksichtsloser
Härte paart. Der rein verstandesmäßige Mensch ist gegen alles eigentlich Individuelle
gleichgültig, weil aus diesem sich Beziehungen und Reaktionen ergeben, die mit dem
logischen Verstande nicht auszuschöpfen sind - gerade wie in das Geldprinzip die
Individualität der Erscheinungen nicht eintritt. Denn das Geld fragt nur nach dem, was
ihnen allen gemeinsam ist, nach dem Tauschwert, der alle Qualität und Eigenart auf die
Frage nach dem bloßen Wieviel nivelliert. Alle Gemütsbeziehungen zwischen Personen
gründen sich auf deren Individualität, während die verstandesmäßigen mit den Menschen
wie mit Zahlen rechnen, wie mit an sich gleichgültigen Elementen, die nur nach ihrer
objektiv abwägbaren Leistung ein Interesse haben - wie der Großstädter mit seinen
Lieferanten und seinen Abnehmern, seinen Dienstboten und oft genug mit den Personen seines
gesellschaftlichen Pflichtverkehrs rechnet, im Gegensatz zu dem Charakter des kleineren
Kreises, in dem die unvermeidliche Kenntnis der Individualitäten ebenso unvermeidlich
eine gemütvollere Tönung des Verhaltens erzeugt, ein Jenseits der bloß objektiven
Abwägung von Leistung und Gegenleistung. Das Wesentliche auf wirschaftspsychologischem
Gebiet ist hier, daß in primitiveren Vehältnissen für den Kunden produziert wird, der
die Ware bestellt, so daß Produzent und Abnehmer sich gegenseitig kennen. Die moderne
Großstadt aber nährt sich fast vollständig von der Produktion für den Markt, d. h.
für völlig unbekannte, nie in den Gesichtskreis des eigentlichen Produzenten tretende
Abnehmer. Dadurch bekommt das Interesse beider Parteien eine unbarmherzige Sachlichkeit,
ihr verstandesmäßig rechnender wirtschaftlicher Egoismus hat keine Ablenkung durch die
Imponderabilien persönlicher Beziehungen zu fürchten. Und dies steht offenbar mit der
Geldwirtschaft, die in den Großstädten dominiert, und hier die letzten Reste der
Eigenproduktion und des unmittelbaren Warentausches verdrängt hat und die Kundenarbeit
täglich mehr reduziert -, in so enger Wechselwirkung, daß niemand zu sagen wüßte, ob
zuerst jene seelische, intellektualistische Verfassung auf die Geldwirtschaft hindrängte,
oder ob diese der bestimmende Faktor für jene war. Sicher ist nur, daß die Form des
großstädtischen Lebens der nährendste Boden für diese Wechselwirkung ist; was ich nur
noch mit dem Ausspruch des bedeutendsten englischen Verfassungshistorikers belegen will:
im Verlauf der ganzen englischen Geschichte habe London niemals als das Herz von England
gehandelt, oft als sein Verstand und immer als sein Geldbeutel!
An einem scheinbar unbedeutenden Zuge auf der Oberfläche des Lebens vereinigen sich,
nicht wenig charakteristisch, dieselben seelischen Strömungen. Der moderne Geist ist mehr
und mehr ein rechnender geworden. Dem Ideale der Naturwissenschaft, die Welt in ein
Rechenexempel zu verwandeln, jeden Teil ihrer in mathematischen Formeln festzulegen,
entspricht die rechnerische Exaktheit des praktischen Lebens, die ihm die Geldwirtschaft
gebracht hat; sie erst hat den Tag so vieler Menschen mit Abwägen, Rechnen,
zahlenmäßigem Bestimmen, Reduzieren qualitativer Werte auf quantitative ausgefüllt.
Durch das rechnerische Wesen des Geldes ist in das Verhältnis der Lebenselemente eine
Präzision, eine Sicherheit in der Bestimmung von Gleichheiten und Ungleichheiten, eine
Unzweideutigkeit in Verabredungen und Ausmachungen gekommen - wie sie äußerlich durch
die allgemeine Verbreitung der Taschenuhren bewirkt wird. Es sind aber die Bedingungen der
Großstadt, die für diesen Wesenszug so Ursache wie Wirkung sind. Die Beziehungen und
Angelegenheiten des typischen Großstädters pflegen so mannigfaltige und komplizierte zu
sein, vor allem: durch die Anhäufung so vieler Menschen mit so differenzierten Interessen
greifen ihre Beziehungen und Bethätigungen zu einem so vielgliedrigen Organismus
ineinander, daß ohne die genaueste Pünktlichkeit in Versprechungen und Leistungen das
Ganze zu einem unentwirrbaren Chaos zusammenbrechen würde. Wenn alle Uhren in Berlin
plötzlich in verschiedener Richtung falschgehen würden, auch nur um den Spielraum einer
Stunde, so wäre sein ganzes wirtschaftliches und sonstiges Verkehrsleben auf lange hinaus
zerrüttet. Dazu kommt, scheinbar noch äußerlicher, die Größe der Entfernungen, die
alles Warten und Vergebenskommen zu einem gar nicht aufzubringenden Zeitaufwand machen. So
ist die Technik des großstädtischen Lebens überhaupt nicht denkbar, ohne daß alle
Thätigkeiten und Wechselbeziehungen aufs pünktlichste in ein festes, übersubjektives
Zeitschema eingeordnet würden. Aber auch hier tritt hervor, was überhaupt nur die ganze
Aufgabe dieser Betrachtungen sein kann: daß sich von jedem Punkt an der Oberfläche des
Daseins, so sehr er nur in und aus dieser erwachsen scheint, ein Senkblei in die Tiefe der
Seelen schicken läßt, daß alle banalsten Äußerlichkeiten schließlich durch
Richtungslinien mit den letzten Entscheidungen über den Sinn und Stil des Lebens
verbunden sind. Die Pünktlichkeit, Berechenbarkeit, Exaktheit, die die Komplikationen und
Ausgedehntheiten des großstädtischen Lebens ihm aufzwingen, steht nicht nur in engstem
Zusammenhange mit ihrem geldwirtschaftlichen und ihrem intellektualistischen Charakter,
sondern muß auch die Inhalte des Lebens färben und den Ausschluß jener irrationalen,
instinktiven, souveränen Wesenszüge und Impulse begünstigen, die von sich aus die
Lebensform bestimmen wollen, statt sie als eine allgemeine, schematisch präzisierte von
außen zu empfangen. Wenn auch die durch solche charakterisierten, selbstherrlichen
Existenzen keineswegs in der Stadt unmöglich sind, so sind sie doch ihrem Typus
entgegengesetzt, und daraus erklärt sich der leidenschaftliche Haß von Naturen wie
Ruskin und Nietzsche gegen die Großstadt - Naturen, die allein in dem unschematisch
eigenartigen, nicht für alle gleichmäßig präzisierbaren den Wert des Lebens finden und
denen deshalb aus der gleichen Quelle wie jener Haß der gegen die Geldwirtschaft und
gegen den Intellektualismus des Daseins quillt.
Dieselben Faktoren, die so in der Exaktheit und minutenhaften Präzision der Lebensform zu
einem Gebilde von höchster Unpersönlichkeit zusammengeronnen sind, wirken andrerseits
auf ein höchstpersönliches hin. Es giebt vielleicht keine seelische Erscheinung, die so
unbedingt der Großstadt vorbehalten wäre, wie die Blasiertheit. Sie ist zunächst die
Folge jener rasch wechselnden und in ihren Gegensätzen eng zusammengedrängten
Nervenreize, aus denen uns auch die Steigerung der großstädtischen Intellektualität
hervorzugehen schien; weshalb denn auch dumme und von vornherein geistig unlebendige
Menschen nicht gerade blasiert zu sein pflegen. Wie ein maßloses Genußleben blasiert
macht, weil es die Nerven so lange zu ihren stärksten Reaktionen aufregt, bis sie
schließlich überhaupt keine Reaktion mehr hergeben - so zwingen ihnen auch harmlosere
Eindrücke durch die Raschheit und Gegensätzlichkeit ihres Wechsels so gewaltsame
Antworten ab, reißen sie so brutal hin und her, daß sie ihre letzte Kraftreserve
hergeben und, in dem gleichen Milieu verbleibend, keine Zeit haben, eine neue zu sammeln.
Die so entstehende Unfähigkeit, auf neue Reize mit der ihnen angemessenen Energie zu
reagieren, ist eben jene Blasiertheit, die eigentlich schon jedes Kind der Großstadt im
Vergleich mit Kindern ruhigerer und abwechslungsloserer Milieus zeigt.
Mit dieser physiologischen Quelle der großstädtischen Blasiertheit vereinigt sich die
andere, die in der Geldwirtschaft fließt. Das Wesen der Blasiertheit ist die Abstumpfung
gegen die Unterschiede der Dinge, nicht in dem Sinne, daß sie nicht wahrgenommen würden,
wie von dem Stumpfsinnigen, sondern so, daß die Bedeutung und der Wert der Unterschiede
der Dinge und damit der Dinge selbst als nichtig empfunden wird. Sie erscheinen dem
Blasierten in einer gleichmäßig matten und grauen Tönung, keines wert, dem anderen
vorgezogen zu werden. Diese Seelenstimmung ist der getreue subjektive Reflex der völlig
durchgedrungenen Geldwirtschaft; indem das Geld alle Mannigfaltigkeiten der Dinge
gleichmäßig aufwiegt, alle qualitativen Unterschiede zwischen ihnen durch Unterschiede
des Wieviel ausdrückt, indem das Geld, mit seiner Farblosigkeit und Indifferenz, sich zum
Generalnenner aller Werte aufwirft, wird es der fürchterlichste Nivellierer, es höhlt
den Kern der Dinge, ihre Eigenart, ihren spezifischen Wert, ihre Unvergleichbarkeit
rettungslos aus. Sie schwimmen alle mit gleichem spezifischem Gewicht in dem fortwährend
bewegten Geldstrom, liegen alle in der selben Ebene und unterscheiden sich nur durch die
Größe der Stücke, die sie von dieser decken. Im einzelnen Fall mag diese Färbung oder
vielmehr Entfärbung der Dinge durch ihre Äquivalenz mit dem Gelde unmerkbar klein sein;
in dem Verhältnis aber, das der Reiche zu den für Geld erwerbbaren Objekten hat, ja
vielleicht schon in dem Gesamtcharakter, den der öffentliche Geist jetzt diesen Objekten
allenthalben erteilt, ist er zu einer sehr merkbaren Größe angehäuft. Darum sind die
Großstädte, die Hauptsitze des Geldverkehrs und in denen die Käuflichkeit der Dinge
sich in ganz anderem Umfange aufdrängt, als in kleineren Verhältnissen, auch die
eigentlichen Stätten der Blasiertheit. In ihr gipfelt sich gewissermaßen jener Erfolg
der Zusammendrängung von Menschen und Dingen auf, die das Individuum zu seiner höchsten
Nervenleistung reizt; durch die bloß quantitative Steigerung der gleichen Bedingungen
schlägt dieser Erfolg in sein Gegenteil um, in diese eigentümliche Anpassungserscheinung
der Blasiertheit, in der die Nerven ihre letzte Möglichkeit, sich mit den Inhalten und
der Form des Großstadtlebens abzufinden, darin entdecken, daß sie sich der Reaktion auf
sie versagen - die Selbsterhaltung gewisser Naturen, um den Preis, die ganze objektive
Welt zu entwerten, was dann am Ende die eigene Persönlichkeit unvermeidlich in ein
Gefühl gleicher Entwertung hinabzieht.
Während das Subjekt diese Existenzform ganz mit sich abzumachen hat, verlangt ihm seine
Selbsterhaltung gegenüber der Großstadt ein nicht weniger negatives Verhalten sozialer
Natur ab. Die geistige Haltung der Großstädter zu einander wird man in formaler Hinsicht
als Reserviertheit bezeichnen dürfen. Wenn der fortwährenden äußeren Berührung mit
unzähligen Menschen so viele innere Reaktionen antworten sollten, wie in der kleinen
Stadt, in der man fast jeden Begegnenden kennt und zu jedem ein positives Verhältnis hat,
so würde man sich innerlich völlig atomisieren und in eine ganz unausdenkbareseelische
Verfassung geraten. Teils dieser psychologische Umstand, teils das Recht auf Mißtrauen,
das wir gegenüber den in flüchtiger Berührung vorüberstreifenden Elementen des
Großstadtlebens haben, nötigt uns zu jener Reserve, infolge deren wir jahrelange
Hausnachbarn oft nicht einmal von Ansehen kennen und die uns dem Kleinstädter so oft als
kalt und gemütlos erscheinen läßt. Ja, wenn ich mich nicht täusche, ist die Innenseite
dieser äußeren Reserve nicht nur Gleichgültigkeit, sondern, häufiger als wir es uns
zum Bewußtsein bringen, eine leise Aversion, eine gegenseitige Fremdheit und Abstoßung,
die in dem Augenblick einer irgendwie veranlaßten nahen Berührung sogleich in Haß und
Kampf ausschlagen würde. Die ganze innere Organisation eines derartig ausgedehnten
Verkehrslebens beruht auf einem äußerst mannigfaltigen Stufenbau von Sympathien,
Gleichgültigkeiten und Aversionen der kürzesten wie der dauerndsten Art. Die Sphäre der
Gleichgültigkeit ist dabei nicht so groß, wie es oberflächlich scheint; die Aktivität
unserer Seele antwortet doch fast auf jeden Eindruck seitens eines anderen Menschen mit
einer irgendwie bestimmten Empfindung, deren Unbewußtheit, Flüchtigkeit und Wechsel sie
nur in eine Indifferenz aufzuheben scheint. Thatsächlich wäre diese letztere uns ebenso
unnatürlich, wie die Verschwommenheit wahlloser gegenseitiger Suggestion unerträglich,
und von diesen beiden typischen Gefahren der Großstadt bewahrt uns die Antipathie, das
latente und Vorstadium des praktischen Antagonismus, sie bewirkt die Distanzen und
Abwendungen, ohne die diese Art Leben überhaupt nicht geführt werden könnte: ihre Maße
und ihre Mischungen, der Rhythmus ihres Auftauchens und Verschwindens, die Formen, in
denen ihr genügt wird - dies bildet mit den im engeren Sinne vereinheitlichenden Motiven
ein untrennbares Ganzes der großstädtischen Lebensgestaltung: was in dieser unmittelbar
als Dissoziierung erscheint, ist so in Wirklichkeit nur eine ihrer elementaren
Sozialisierungsformen.
Diese Reserviertheit mit dem Oberton versteckter Aversion erscheint aber nun wieder als
Form oder Gewand eines viel allgemeineren Geisteswesens der Großstadt. Sie gewährt
nämlich dem Individuum eine Art und ein Maß persönlicher Freiheit, zu denen es in
anderen Verhältnissen gar keine Analogie giebt: sie geht damit auf eine der großen
Entwicklungstendenzen des gesellschaftlichen Lebens überhaupt zurück, auf eine der
wenigen, für die eine annähernd durchgängige Formel auffindbar ist. Das früheste
Stadium sozialer Bildungen, das sich an den historischen, wie an gegenwärtig sich
gestaltenden findet, ist dieses: ein relativ kleiner Kreis, mit starken Abschluß gegen
benachbarte, fremde, oder irgendwie antagonistische Kreise, dafür aber mit einem um so
engeren Zusammenschluß in sich selbst, der dem einzelnen Mitglied nur einen geringen
Spielraum für die Entfaltung eigenartiger Qualitäten und freier, für sich selbst
verantwortlicher Bewegungen gestattet. So beginnen politische und familiäre Gruppen, so
Parteibildungen, so Religionsgenossenschaften; die Selbsterhaltung sehr junger
Vereinigungen fordert strenge Grenzsetzung und zentripetale Einheit und kann deshalb dem
Individuum seine Freiheit und Besonderheit innerer und äußerer Entwicklung einräumen.
Von diesem Stadium aus geht die soziale Evolution gleichzeitig nach zwei verschiedenen und
dennoch sich entsprechenden Seiten. In dem Maß, in dem die Gruppe wächst - numerisch,
räumlich, an Bedeutung und Lebensinhalten - in eben dem lockert sich ihre unmittelbare
innere Einheit, die Schärfe der ursprünglichen Abgrenzung gegen andere wird durch
Wechselbeziehungen und Konnexe gemildert; und zugleich gewinnt das Individuum
Bewegungsfreiheit, weit über die erste, eifersüchtige Eingrenzung hinaus, und eine
Eigenart und Besonderheit, zu der die Arbeitsteilung in der größer gewordenen Gruppe
Gelegenheit und Nötigung giebt. Nach dieser Formel hat sich der Staat und das
Christentum, Zünfte und politische Parteien und unzählige andere Gruppen entwickelt, so
sehr natürlich die besonderen Bedingungen und Kräfte der einzelnen das allgemeine Schema
modifizieren. Es scheint mir aber auch deutlich an der Entwicklung der Individualität
innerhalb des städtischen Lebens erkennbar. Das Kleinstadtleben in der Antike wie im
Mittelalter legte dem Einzelnen Schranken der Bewegung und Beziehungen nach außen, der
Selbständigkeit und Differenzierung nach innen hin auf, unter denen der moderne Mensch
nicht atmen könnte - noch heute empfindet der Großstädter, in die Kleinstadt versetzt,
eine wenigstens der Art nach gleiche Beengung. Je kleiner ein solcher Kreis ist, der unser
Milieu bildet, je beschränkter die grenzenlösenden Beziehungen zu anderen, desto
ängstlicher wacht er über die Leistungen, die Lebensführung, die Gesinnungen des
Individuums, desto eher würde eine quantitative und qualitative Sonderart den Rahmen des
Ganzen sprengen. Die antike Polis scheint nach dieser Richtung ganz den Charakter der
Kleinstadt gehabt zu haben. Die fortwährende Bedrohtheit ihrer Existenz durch Feinde von
nah und fern bewirkte jenen straffen Zusammenhalt in politischer und militärischer
Beziehung, jene Beaufsichtigung des Bürgers durch den Bürger, jene Eifersucht der
Gesamtheit gegen den Einzelnen, dessen Sonderleben so in einem Maße niedergehalten war,
für das er sich höchstens durch den Despotismus seinem Hause gegenüber schadlos haften
konnte. Die ungeheure Bewegtheit und Erregtheit, die einzigartige Farbigkeit des
athenischen Lebens erklärt sich vielleicht daraus, daß ein Volk von unvergleichlich
individuell angelegten Persönlichkeiten gegen den steten inneren und äußeren Druck
einer entindividualisierenden Kleinstadt ankämpfte. Dies erzeugte eine Atmosphäre von
Gespanntheit, in der die schwächeren niedergehalten und die starken zu den
leidenschaftlichsten Selbstbewährungen angereizt wurden. Und eben damit gelangte in Athen
dasjenige zur Blüte, was man, ohne es genau umschreiben zu können, als "das
allgemein Menschliche" in der geistigen Entwicklung unserer Art bezeichnen muß. Denn
dies ist der Zusammenhang, dessen sachliche wie geschichtliche Gültigkeit hier behauptet
wird: die allerweitesten und allgemeinsten Inhalte und Formen des Lebens sind mit den
allerindividuellsten innig verbunden; beide haben ihr gemeinsames Vorstadium oder auch
ihren gemeinsamen Gegner an engen Gestaltungen und Guppierungen, deren Selbsterhaltung sie
ebenso gegen das Weite und Allgemeine außer ihnen wie gegen das frei Bewegte und
Individuelle innerhalb ihrer zur Wehre setzt. Wie in der Feudalzeit der "freie"
Mann derjenige war, der unter Landrecht stand, d. h. unter dem Recht des größten
sozialen Kreises, unfrei aber, wer sein Recht nur aus dem engen Kreise eines
Feudalverbandes, unter Ausschluß von jenem, zog - so ist heute, in einem vergeistigten
und verfeinerten Sinn, der Großstädter "frei" im Gegensatz zu den
Kleinlichkeiten und Präjudizierungen, die den Kleinstädter einengen. Denn die
gegenseitige Reserve und Indifferenz, die geistigen Lebensbedingungen großer Kreise,
werden in ihrem Erfolg für die Unabhängigkeit des Individuums nie stärker gefühlt, als
in dem dichtesten Gewühl der Großstadt, weil die körperliche Nähe und Enge die
geistige Distanz erst recht anschaulich macht; es ist offenbar nur der Revers dieser
Freiheit, wenn man sich unter Umständen nirgends so einsam und verlassen fühlt, als eben
in dem großstädtischen Gewühl; denn hier wie sonst ist es keineswegs notwendig, daß
die Freiheit des Menschen sich in seinem Gefühlsleben als Wohlbefinden spiegele. Es ist
nicht nur die unmittelbare Größe von Bezirk und Menschenzahl, die, wegen der
weltgeschichtlichen Korrelation zwischen der Vergrößerung des Kreises und der
persönlichen, innerlich-äußerlichen Freiheit, die Großstadt zum Sitz der letzteren
macht, sondern, über diese anschauliche Weite noch hinausgreifend, sind die Großstädte
auch die Sitze des Kosmopolitismus gewesen. Vergleichbar der Form der
Vermögensentwicklung - jenseits seiner gewissen Höhe pflegt der Besitz sich in immer
rascheren Progressionen und wie von selbst zu steigern - vergrößern sich der
Gesichtskreis, die wirtschaftlichen, persönlichen, geistigen Beziehungen der Stadt, ihr
ideelles Weichbild, wie in geometrischer Progression, sobald erst einmal eine gewisse
Grenze überschritten ist; jede gewonnene dynamische Ausdehnung ihrer wird zur Staffel,
nicht für eine gleiche, sondern für eine größere nächste Ausdehnung, an jeden Faden,
der sich von ihr aus spinnt, wachsen dann wie von selbst immer neue an, gerade wie
innerhalb der Stadt das unearned increment der Bodenrente dem Besitzer durch die bloße
Hebung des Verkehrs ganz von selbst wachsende Gewinne zuführt. An diesem Punkt setzt sich
die Quantität des Lebens sehr unmittelbar in Qualität und Charakter um. Die
Lebenssphäre der Kleinstadt ist in der Hauptsache in und mit ihr selbst beschlossen. Für
die Großstadt ist dies entscheidend, daß ihr Innenleben sich in Wellenzügen über einen
weiten nationalen oder internationalen Bezirk erstreckt. Weimar ist keine Gegeninstanz,
weil eben diese Bedeutung seiner an einzelne Persönlichkeiten geknüpft war und mit ihnen
starb, während die Großstadt gerade durch ihre wesentliche Unabhängigkeit selbst von
den bedeutendsten Einzelpersönlichkeiten charakterisiert wird - das Gegenbild und der
Preis der Unabhängigkeit, die der Einzelne innerhalb ihrer genießt. Das bedeutsamste
Wesen der Großstadt liegt in dieser funktionellen Größe jenseits ihrer physischen
Grenzen: und diese Wirksamkeit wirkt wieder zurück und giebt ihrem Leben Gewicht,
Erheblichkeit, Verantwortung. Wie ein Mensch nicht zu Ende ist mit den Grenzen seines
Körpers oder des Bezirkes, den er mit seiner Thätigkeit unmittelbar erfüllt, sondern
erst mit der Summe der Wirkungen, die sich von ihm aus zeitlich und räumlich erstrecken:
so besteht auch eine Stadt erst aus der Gesamtheit der über ihre Unmittelbarkeit
hinausreichenden Wirkungen. Dies erst ist ihr wirklicher Umgang, in dem sich ihr Sein
ausspricht. Dies weist schon darauf hin, die individuelle Freiheit, das logische und
historische Ergänzungsglied solcher Weite, nicht nur im negativen Sinne zu verstehen, als
bloße Bewegungsfreiheit und Wegfall von Vorurteilen und Philistrositäten; ihr
Wesentliches ist doch, daß die Besonderheit und Unvergleichbarkeit, die schließlich jede
Natur irgendwo besitzt, in der Gestaltung des Lebens zum Ausdruck komme. Daß wir den
Gesetzen der eigenen Natur folgen - und dies ist doch Freiheit - wird uns und anderen erst
dann ganz anschaulich und überzeugend, wenn die Äußerungen dieser Natur sich auch von
denen anderer unterscheiden; erst unsere Unverwechselbarkeit mit anderen erweist, daß
unsere Existenzart uns nicht von anderen aufgezwungen ist. Die Städte sind zunächst die
Sitze der höchsten wirtschaftlichen Arbeitsteilung; sie erzeugen darin so extreme
Erscheinungen, wie in Paris den einträglichen Beruf des Quatorzième: Personen, durch
Schilder an ihren Wohnungen kenntlich, die sich zur Dinerstunde in angemessenem Kostüm
bereit halten, um schnell herangeholt zu werden, wo sich in einer Gesellschaft 13 am Tisch
befinden. Genau im Maße ihrer Ausdehnung bietet die Stadt immer mehr die entscheidenden
Bedingungen der Arbeitsteilung: einen Kreis, der durch seine Größe für eine höchst
mannigfaltige Vielheit von Leistungen aufnahmefähig ist, während zugleich die
Zusammendrängung der Individuen und ihr Kampf um den Abnehmer den Einzelnen zu einer
Spezialisierung der Leistung zwingt, in der er nicht so leicht durch einen anderen
verdrängt werden kann. Das Entscheidende ist, daß das Stadtleben den Kampf für den
Nahrungserwerb mit der Natur in einen Kampf um den Menschen verwandelt hat, daß der
umkämpfte Gewinn hier nicht von der Natur, sondern vom Menschen gewährt wird. Denn
hierin fließt nicht nur die eben angedeutete Quelle der Spezialisierung, sondern die
tiefere: der Anbietende muß in dem Umworbenen immer neue und eigenartigere Bedürfnisse
hervorzurufen suchen. Die Notwendigkeit, die Leistung zu spezialisieren, um eine noch
nicht ausgeschöpfte Erwerbsquelle, eine nicht leicht ersetzbare Funktion zu finden,
drängt auf Differenzierung, Verfeinerung, Bereicherung der Bedürfnisse des Publikums,
die ersichtlich zu wachsenden personalen Verschiedenheiten innerhalb dieses Publikums
führen müssen.
Und dies leitet zu der im engeren Sinne geistigen Individualisierung seelischer
Eigenschaften über, zu der die Stadt im Verhältnis ihrer Größe Veranlassung giebt.
Eine Reihe von Ursachen liegt auf der Hand. Zunächst die Schwierigkeit, in den
Dimensionen des großstädtischen Lebens die eigene Persönlichkeit zur Geltung zu
bringen. Wo die quantitative Steigerung von Bedeutung und Energie an ihre Grenze kommen,
greift man zu qualitativer Besonderung, um so, durch Erregung der
Unterschiedsempfindlichkeit, das Bewußtsein des sozialen Kreises irgendwie für sich zu
gewinnen: was dann schließlich zu den tendenziösesten Wunderlichkeiten verführt, zu den
spezifisch großstädtischen Extravaganzen des Apartseins, der Kaprice, des
Pretiösentums, deren Sinn gar nicht mehr in den Inhalten solchen Benehmens, sondern nur
in seiner Form des Andersseins, des Sich-heraushebens und dadurch Bemerklichwerdens liegt
- für viele Naturen schließlich noch das einzige Mittel, auf dem Umweg über das
Bewußtsein der anderen irgend eine Selbstschätzung und das Bewußtsein, einen Platz
auszufüllen, für sich zu retten. In demselben Sinne wirkt ein unscheinbares, aber seine
Wirkungen doch wohl merkbar summierendes Moment: die Kürze und Seltenheit der
Begegnungen, die jedem Einzelnen mit dem anderen - verglichen mit dem Verkehr der kleinen
Stadt - gegönnt sind. Denn hierdurch liegt die Versuchung, sich pointiert,
zusammengedrängt, möglichst charakteristisch zu geben, außerordentlich viel näher, als
wo häufiges und langes Zusammenkommen schon für ein unzweideutiges Bild der
Persönlichkeit im anderen sorgen.
Der tiefste Grund indes, aus dem grade die Großstadt den Trieb zum individuellsten
persönlichen Dasein nahelegt - gleichviel ob immer mit Recht und immer mit Erfolg -
scheint mir dieser. Die Entwicklung der modernen Kultur charakterisiert sich durch das
Übergewicht dessen, was man den objektiven Geist nennen kann, über den subjektiven, d.
h., in der Sprache wie im Recht, in der Produktionstechnik wie in der Kunst, in der
Wissenschaft wie in den Gegenständen der häuslichen Umgebung ist eine Summe von Geist
verkörpert, deren täglichem Wachsen die geistige Entwicklung der Subjekte nur sehr
unvollständig und in immer weiterem Abstand folgt. Übersehen wir etwa die ungeheure
Kultur, die sich seit 100 Jahren in Dingen und Erkenntnissen, in Institutionen und
Komforts verkörpert hat, und vergleichen wir damit den Kulturfortschritt der Individuen
in derselben Zeit - wenigstens in den höheren Ständen - so zeigt sich eine erschreckende
Wachstumsdifferenz zwischen beiden, ja in manchen Punkten eher ein Rückgang der Kultur
der Individuen in Bezug auf Geistigkeit, Zartheit, Idealismus. Diese Diskrepanz ist im
wesentlichen der Erfolg wachsender Arbeitsteilung; denn eine solche verlangt vom Einzelnen
eine immer einseitigere Leistung, deren höchste Steigerung seine Persönlichkeit als
ganze oft genug verkümmern läßt. Jedenfalls, dem Überwuchern der objektiven Kultur ist
das Individuum weniger und weniger gewachsen. Vielleicht weniger bewußt, als in der
Praxis und in den dunkeln Gesamtgefühlen, die ihr entstammen, ist es zu einer quantité
négligeable herabgedrückt, zu einem Staubkorn gegenüber einer ungeheuren Organisation
von Dingen und Mächten, die ihm alle Fortschritte, Geistigkeiten, Werte allmählich aus
der Hand spielen und sie aus der Form des subjektiven in die eines rein objektiven Lebens
überführen. Es bedarf nur des Hinweises, daß die Großstädte die eigentlichen
Schauplätze dieser, über alles Persönliche hinauswachsenden Kultur sind. Hier bietet
sich in Bauten und Lehranstalten, in den Wundern und Komforts der raumüberwindenden
Technik, in den Formungen des Gemeinschaftslebens und in den sichtbaren Institutionen des
Staates eine so überwältigende Fülle krystallisierten, unpersönlich gewordenen
Geistes, daß die Persönlichkeit sich sozusagen dagegen nicht halten kann. Das Leben wird
ihr einerseits unendlich leicht gemacht, indem Anregungen, Interessen, Ausfüllungen von
Zeit und Bewußtsein sich ihr von allen Seiten anbieten und sie wie in einem Strome
fragen, in dem es kaum noch eigener Schwimmbewegungen bedarf. Andererseits aber setzt sich
das Leben doch mehr und mehr aus diesen unpersönlichen Inhalten und Darbietungen
zusammen, die die eigentlich persönlichen Färbungen und Unvergleichlichkeiten
verdrängen wollen; so daß nun gerade, damit dieses Persönlichste sich rette, es ein
Äußerstes an Eigenart und Besonderung aufbieten muß; es muß dieses übertreiben, um
nur überhaupt noch hörbar, auch für sich selbst, zu werden. Die Atrophie der
individuellen durch die Hypertrophie der objektiven Kultur ist ein Grund des grimmigen
Hasses, den die Prediger des äußersten Individualismus, Nietzsche voran, gegen die
Großstädte hegen, aber auch ein Grund, weshalb sie gerade in den Großstädten so
leidenschaflich geliebt sind, grade dem Großstädter als die Verkünder und Erlöser
seiner unbefriedigtsten Sehnsucht erscheinen.
Indem man diese beiden Formen des Individualismus, die von den quantitativen
Verhältnissen der Großstadt genährt werden: die individuelle Unabhängigkeit und die
Ausbildung persönlicher Sonderart - nach ihrer geschichtlichen Stellung fragt, gewinnt
die Großstadt einen ganz neuen Wert in der Weltgeschichte des Geistes. Das 18.
Jahrhundert fand das Individuum in vergewaltigenden, sinnlos gewordenen Bindungen
politischer und agrarischer, zünftiger und religiöser Art vor - Beengungen, die dem
Menschen gleichsam eine unnatürliche Form und längst ungerechte Ungleichheiten
aufzwangen. In dieser Lage entstand der Ruf nach Freiheit und Gleichheit - der Glaube an
die volle Bewegungsfreiheit des Individuums in allen sozialen und geistigen
Verhältnissen, die sogleich in allen den gemeinsamen edlen Kern würde hervortreten
lassen, wie die Natur ihn in jeden gelegt und Gesellschaft und Geschichte ihn nur
verbildet hätten. Neben diesem Ideal des Liberalismus wuchs im 19. Jahrhundert, durch
Goethe und die Romantik einerseits, die wirtschaftliche Arbeitsteilung andererseits, das
weitere auf: die von den historischen Bindungen befreiten Individuen wollen sich nun auch
von einander unterscheiden. Nicht mehr der "allgemeine Mensch" in jedem
Einzelnen, sondern gerade qualitative Einzigkeit und Unverwechselbarkeit sind jetzt die
Träger seines Wertes. In dem Kampf und den wechselnden Verschlingungen dieser beiden
Arten, dem Subjekte seine Rolle innerhalb der Gesamtheit zu bestimmen, verläuft die
äußere wie die innere Geschichte unserer Zeit. Es ist die Funktion der Großstädte, den
Platz für den Streit und für die Einungsversuche beider herzugeben, indem ihre
eigentümlichen Bedingungen sich uns als Gelegenheiten und Reize für die Entwicklung
beider offenbart haben. Damit gewinnen sie einen ganz einzigen, an unübersehbaren
Bedeutungen fruchtbaren Platz in der Entwicklung des seelischen Daseins, sie enthüllen
sich als eines jener großen historischen Gebilde, in denen sich die entgegengesetzten,
das Leben umfassenden Strömungen wie zu gleichen Rechten zusammenfinden und entfalten.
Damit aber treten sie, mögen ihre einzelnen Erscheinungen uns sympathisch oder
antipathisch berühren, ganz aus der Sphäre heraus, der gegenüber uns die Attitüde des
Richters ziemte. Indem solche Mächte in die Wurzel wie in die Krone des ganzen
geschichtlichen Lebens eingewachsen sind, dem wir in dem flüchtigen Dasein einer Zelle
angehören - ist unsere Aufgabe nicht, anzuklagen oder zu verzeihen, sondern allein zu
verstehen.¹)
¹) Der Inhalt dieses Vortrags geht seiner Natur nach nicht auf eine anzuführende Litteratur zurück. Begründung und Ausführung seiner kulturgeschichtlichen Hauptgedanken ist in meiner "Philosophie des Geldes" gegeben. |