| Bibliographische Angaben: |
| VanDeVelde, Henry: Amo / Henry van de Velde.
- Leipzig : Insel-Verl., 1912. - 25 S. (Insel-Bücherei ; 3) |
Amo |
AMO CREDO
ICH LIEBE - ICH GLAUBE
Diese beiden Bekenntnisse widersprechen sich
in nichts, und doch widerstreben sie einander, dadurch, daß das eine naturgemäß nach
Betätigung verlangt, während das andere passiver Natur ist.
Wohl möglich, daß eine abwartende Haltung nicht mehr in die heutige Gesellschaft paßt
und daß derjenige, der das, was er liebt, laut verkündigt, mehr Aussicht hat, die wie er
im Lebenskampf Stehenden mit sich fortzureißen, als der, welcher seinen Glauben bekennt;
und daß der Glaube infolgedessen allen Wert verloren hat, um so mehr, als sich
einstweilen erwies, daß überall, auf philosophischen und materiellen Gebieten, unsere
gegenwärtige Gesellschaft ihren Glauben in Dinge und Gedanken, die sie nicht liebt oder
nicht mehr liebt, öffentlich ausspricht. Denn das, was sie zu gleicher Zeit liebte und
glaubte, könnte man wohl an den Fingern abzählen.
So hat denn die Liebe ihre Hand zurückgezogen, die sie einst in die des Glaubens gelegt,
und ihn dadurch aller Kraft beraubt. Der unerschöpfliche Zufluß ist damit versiegt, und
dieser unheilvolle Zustand wird so lange anhalten, als die Liebe ihrer verarmten Schwester
keine neuen Schätze zuführt. Die Liebe ist fähig, den Glauben wieder in Ansehn zu
bringen, weil wir da nicht lieben können, wo wir nicht glauben.
So kann man also mit vollem Vertrauen hierin alles von der Liebe annehmen und kann an
denjenigen glauben, der liebt; währenddem wir uns auf den Glauben nicht mehr ungeprüft
verlassen, und den nicht mehr ohne weiteres lieben können, der uns Glauben bietet.
Einerseits war es uns im Gebiet der Architektur und des Kunstgewerbes seit langem nicht
mehr möglich, an die Notwendigkeit und Wirklichkeit der Funktionen der verschiedenen
Bestandteile, wie: Säulen, Giebel, Metopen und Gesimse. . . . . zu glauben, die den
Stilen des Altertums entlehnt waren. Andererseits konnte uns der Sinn und die Symbolik
einer Ornamentik nicht mehr länger überzeugen, welche im Altertum, und sogar in jenen
Stilen, die hauptsächlich auf denen des Altertums beruhten, niemals einen anderen Zweck
gehabt hatten, als gerade diesen symbolischen Sinn und diese Bedeutung: - Greife, Widder,
Girlanden und Trophäen. . . . .
So erklärten wir, die wir ehrlich sind, daß wir nicht länger eine Architektur und ein
Kunstgewerbe lieben könnten, die nicht einmal mehr zu verbergen suchten, daß sie selbst
nicht mehr an die Begriffe der Konstruktion und Ornamentik glaubten, die sie
ausschließlich anwandten!
Es entspringt also hier alles Gute und alles Übel; alles Gute, das wir von einer
Wiedergeburt der Architektur und des Kunstgewerbes erwarten können, die von nun ab nur
noch Elemente, die sie lieben, verwenden, weil sie Glauben zu ihnen haben; und alles
Übel, das Übel, das man uns ungerechterweise angetan; indem man uns als Barbaren, welche
alles zerstören, als fanatisch beschränkte Aufständige hinstellte.
Man weiß, zu welch entwürdigendem Niedergang, den Glauben verleugnend und ohne Liebe,
Fachleute die Architektur und das Kunstgewerbe geführt hatten.
Im dritten Viertel des letzten Jahrhunderts erreichten wir den tiefsten Stand der
Erniedrigung in Geschmack und Impotenz.
Meine Generation hat zu Beginn ihres Mannesalters den Druck empfunden, unter Menschen von
getrübter Intelligenz leben zu müssen, die mit den organischen Elementen der Architektur
spielten, wie Kinder mit Bauklötzen, die Säulen und Bögen, Giebel und Gesimse
aufeinandersetzten ohne irgendwelchen Sinn und Grund, und ohne Konsequenzen.
Wir empfinden noch heute mit Grauen, in einem Irrenhaus geweilt und der stumpfsinnigen
Beschäftigung der Leute zugeschaut zu haben, deren Gehirn gelähmt war und die
eigensinnig, wie nur Irre es sein können, darauf bestanden, auf allem, was ihnen unter
die Finger kam, eine Fülle und Überfülle von Verzierungen, Blumen und nackten Frauen
anzubringen. Es war das Grauen vor einem solchen Alp, vor solchen Leibern und Blumen, vor
einer solchen Kunstrichtung, und die Angst vor einer solchen Zukunft, der auch wir
entgegensahen, die uns dazu trieb, Fenster und Türen aufzureißen und nach Vernunft zu
schreien, damit sie uns erlöse!
Es fügte sich, daß es unerwartet, neu und revolutionär erschien, nach der Vernunft in
einem Augenblick zu rufen, wo man nichts Besseres und Bezeichnenderes von einem
Gegenstand, einem Gebäude, zu sagen fand, als daß es so schön sei, daß kein Mensch
glauben sollte, daß dieser Gegenstand, sei es ein Tisch, ein Schrank, eine Fruchtschale,
eine Blumenvase, eine Suppenschüssel, eben ein Tisch, ein Schrank, eine Schale, eine Vase
oder eine Schüssel sei, daß niemand ein Theater für ein wirkliches Theater, einen
Bahnhof, eine Brücke als solche erkennen würde.
Heutzutage mag es scheinen, daß alles sich von selbst versteht und daß es sehr
überflüssig sei, zu fordern:
"Du sollst diese Form und Konstruktion aller Gegenstände nur im Sinne ihrer
strengsten Logik und Daseinsberechtigung erfassen.
"Du sollst diese Formen und Konstruktionen dem wesentlichen Gebrauch des Materials,
das du anwendest, anpassen und unterordnen.
"Und wenn dich der Wunsch beseelt, diese Formen und Konstruktionen zu verschönern,
so gib dich diesem Verlangen nur insoweit hin, als du das Recht und das wesentliche
Aussehen dieser Formen und Konstruktionen achten und beibehalten kannst!"
Und doch hätten diese drei Glaubensartikel, die mehr von einem erneuten Glauben als von
einem neuen Glauben handeln, welche jetzt einem neuen Stil, ebenso wie sie früher dem
griechischen Stil, dem der Blütezeit, zugrunde lagen, nicht vermocht, die Menschen mit
sich fortzureißen, wenn sie nicht die Macht der ganzen Liebe, die unsere Anstrengungen,
diesen Glauben aufzuprägen, begleitete, empfunden hätten!
Und welche Liebe? Gerade die, welche auf die Menschen die größte Gewalt ausübt; die,
für die Dinge der Natur; die, des Schönheitskultus in den Dingen, welche die Natur nach
ihren innersten Gesetzen schuf.
Dies ewige Gesetz der vernunftgemäßen Schönheit haben wir in unserer Verzweiflung und
zu unserem Heile angerufen, und in einem Augenblick, wo alles uns zu verlassen drohte, wo
zu anderen Zeiten die Menschen niederknieten und das "Credo" unwiderstehlich
bekannten, fanden unsere Lippen ein "Amo", welches seinen Ursprung in der
Offenbarung hat, daß ein Band alles, was wir lieben, verbindet und daß alle Schönheit
einer Quelle entströmt!
Im April 1912.
AMO
ICH liebe die Blumen, die Augen der Erde, die sich bei ihrem Erwachen öffnen, um
uns durch ihre Pracht der Erde kindliches Entzücken zu offenbaren; um uns von dem Ernst
ihrer schweren, erdrückenden Gedanken, ihrer ungestillten Wünsche zu reden, von der
Ironie ihrer Grausamkeit und ihrer unendlichen Süße.
ICH liebe die Bäume, die das vollbracht haben, woran wir scheiterten; die, ohne
Vermittlung jedes christlichen Gefühls, allein durch das Wunder ihrer Majestät und ihres
Schweigens, in Schönheit den Kampf und das Aufeinanderstoßen der Gewalten und des
Egoismus verwirklichen, Kämpfe, denen ähnlich, die auch über unsere Zukunft
entscheiden.
Sie haben keinen Richter, der von seiner Unantastbarkeit herab über sie urteilt; kein
Priester gibt ihnen das trügerische Versprechen von der Vergebung der Sünden gegen den
Nächsten; kein Arzt wendet Heilmittel an und verbindet Wunden; kein Nachbar sorgt
schwatzend für die Verbreitung von Tadel, Verleumdung oder von Lob, das der Neid
zersetzt.
Unter ihnen gebietet der Stärkste durch Gestalt und Gebärde; er schöpft ohne Rücksicht
Kraft und Nahrung aus dem Boden, den seine Wurzeln sich erobert haben, und der Schwache
ordnet sich ihm willig unter, findet einen bescheidenen Weg, sein geringeres Ansehen ohne
Scham und Klage, ohne Geschrei nach Recht zu tragen.
ICH liebe die Körper der Menschen und die der Tiere. Unsere betörten Sinne haben auf
jede Weise den weiblichen und männlichen Körper zu schildern gesucht.
Das Gefühl spiegelt ihnen die Liebkosung der schönsten Früchte vor, während das
Gesicht, sich an der Schönheit weidend, wahrnimmt, daß jedes Glied des menschlichen
Körpers den verlockendsten Dingen ähnlich ist, die seine Wünsche auf Erden und im
Paradiese begehren könnten. Der Duft verrät die Blumen, den Tau des Morgens und die
herbstlichen Nebel, um der Wohlgerüche des Fleisches willen, welches Geheimnisse birgt,
die ihm die Natur neidet. Die menschliche Stimme versetzt das Gehör in Ekstasen, wie sie
keiner der Klänge, die die Kunstfertigkeit den Instrumenten entlockt, hervorzubringen
vermöchte. Und der Geschmack wird von nichts so sicher berauscht als von der Berührung
der im Kuß sich öffnenden Lippen.
Während diese Instinkte nur unzulänglich ihre elementare Natur unter der Maske einer
primitiven Poesie verbergen, erschließt sich die volle Schönheit des menschlichen
Körpers in der Bewegung! Und um die Pracht eines ringenden oder boxenden Männerkörpers,
eines vom Tanze hingenommenen weiblichen Körpers zu beschreiben, fehlt uns Wort und
Ausdruck.
ICH liebe die Körper der Tiere in ihrer geschmeidigen, berechnenden, trügerischen Anmut,
elastisch, wie die der Katze, des Tigers und des Jaguars; stark, schwer und langsam, wie
die der Ochsen; ungestüm und rhythmisch, wie die der Pferde beim Rennen, der verfolgenden
Hunde und des verfolgten Hirsches; und ich liebe den Leib der Vögel mit der feierlichen
Gangart, den Truthahn und das Perlhuhn.
ICH liebe den Leib der Insekten, deren bewegliche Gelenkfügung den gleichen mechanischen
Sinn aufweist wie die Gelenke des Harnischs.
ICH liebe die Muscheln, deren zierlichen kegelförmigen Körper ein Netz von Geäder
einspinnt, deren Farbe blaß ist wie das Gesicht eines Kranken, blaß wie Nephrit; jene,
mit den falben Flecken, welche dem Innern einer durchschnittenen Frucht gleichen; - die
großen Seemuscheln, die sich mächtig bäumen, um ihre Spirale in eine einem Munde
gleichende gähnende Öffnung zurückzuwerfen; jene Muscheln, deren enthüllter
Perlmutterkörper verwirrend wirkt wie Orchideen.
ICH liebe die exotischen Schmetterlinge, über deren sinnreich gebauter und erprobter
Konstruktion ein Gewebe sich breitet, von einer frischen Köstlichkeit wie
hellaufflackerndes Lachen; ein Gewebe, blau und schimmernd wie eine Sternnacht im Sommer,
oder mehr noch, dunkel und tief wie die Trauer, wie das Leid ohne Ende.
ICH liebe die Schauspiele der Natur, den wechselnden elementaren Anblick des Meeres, die
zielbewußten Windungen der Ströme, die Berge und Felsen, deren Linie die Ausdauer
offenbart, mit welcher die höheren Elemente, Wind, Regen und Schnee, ihr allmähliches
Werden endgültig zusammengefaßt und ihre Schlußsilhouette bestimmt haben, in welcher
sich die entgegengesetzten Kräfte des Materials und der Elemente neutralisieren zu
gemeinsam gewaltigen, vollklingenden Akkorden. So liebe ich den Vesuv, den Ätna und den
Stromboli, wie die Japaner den Fuji-no-yama als ihr Heiligtum lieben.
ICH liebe die Monumente, deren Linie und Form sich decken und sich mitteilen, wie bei den
Pyramiden Ägyptens und den griechischen Tempeln; deren Organe sich verketten und deren
Materie atmet, sich erregt und errötet; deren Wölbungen, Pfeiler und Säulen sich
anstrengen in der Erfüllung ihres Zweckes, um uns fortwährend ihre ausdauernden
Bestrebungen zu beweisen; - bei denen jede Fuge verrät, daß sich hier die Steine oder
die angewandten Materialien mit so viel Liebe aneinandergeschlossen haben, wie es nur
menschliche Wesen vermögen.
ICH liebe die Möbel, die ihre Zweckmäßigkeit und Formenreinheit schützend bewahrt
haben, wie das Mädchen die Keuschheit seines Körpers schützend wahrt und seine Einfalt
den Künsten und der Schminke der Kurtisanen vorzieht; die Möbel, die ihre Aufgabe mit
der Selbstverständlichkeit und ungeschliffenen Würde des Taglöhners und Bauern
verrichten, des Handwerkers, der das leistet, was man von ihm erwartet: das Pflastern der
Straße, das Säen wie das Ernten, das Korbflechten wie das Anfertigen von Gold- und
Silbergeräten; alles, ohne daß ein zweifelnder Gedanke, eine Versuchung zu Betrug und
schlechtem Handeln seine eingewurzelte Ehrlichkeit erschüttern könnte.
ICH liebe die Gläser, die Steingutwaren, die Bronzegefäße, deren Linien den wiegenden
Bewegungen der Hüften und der Brust, den menschlichen Profilen gleichen - gebieterisch
und suggestiv.
ICH liebe die Geräte, deren Urform keiner Zeit unterworfen ist, den Spaten, das Beil und
die Sichel, die ewigen Formen des Pflugs und des Kahns.
ICH liebe die ganze Reihe der Saiteninstrumente, die seit alter Zeit sich bemühen, eine
vollendete Form zu finden, um den Ton einzuschließen; ähnlich wie die Blumen es nie
aufgeben, zur Aufbewahrung ihrer Düfte ein immer vollkommeneres Gefäß zu bilden.
ICH liebe die Maschinen, sie sind wie Geschöpfe einer höheren Stufe. Die Intelligenz hat
sie von allen Leiden und Freuden, die dem menschlichen Körper in seiner Tätigkeit und
seiner Erschöpfung anhaften, entäußert! Die Maschinen auf ihren marmornen Sockeln
handeln, wie die Buddhas, auf ihrem ewigen Lotos kauernd, sinnen. Sie verschwinden, wenn
schönere, vollkommenere geboren werden. Sie teilen dies Geschick mit den Helden und
Göttern, denen es bis jetzt allein beschieden war; mit den uns jetzt sagenhaft
erscheinenden Segelschiffen; mit den Kriegsschiffen, die den Meerungeheuern gleichen,
welche die Gestirne, neugierig das ihnen verborgene Leben der Tiefen zu schauen, an die
Oberfläche befohlen haben.
ICH liebe alle Gefährte, die Tragsessel der südlichen Länder, die Automobile, die
lenkbaren Luftschiffe und die wundervollen "Fliers".
Ich liebe alle Dinge, die der Sport bildete; alle diese Geräte in ihrer überzeugenden,
organischen Form. Sie haben die Fähigkeit, uns mit der gleichen Unmittelbarkeit zu
erregen, zu reizen, wie eine Bewegung, wie ein Schrei. Und ich liebe alle jene
zweckentsprechenden und intelligenten Bekleidungen, die der Sport sich erfunden hat.
ICH liebe mehr als jeden anderen Aufenthalt der Welt - Hyde Park im Mai -, wenn in den
tiefen Alleen, deren violetter Sand von goldenen Flecken schimmert, welche die Morgensonne
durch das schwere Laubwerk wirft, endlose Reihen von Reitern und Reiterinnen auftauchen;
wenn in der Frühlingssonne, nachmittags, Tausende von Gespannen dahineilend sich
verfolgen und kreuzen, durch die breiten, offenen Alleen, eingesäumt von intensiv grünem
Rasen, von zahllosen Blumenbeeten in den auserwähltesten, fremdländischsten,
berauschendsten Farben. Wenn man diese Gespanne im einzelnen betrachtet, in ihrer
Zusammenstellung von Pferden, Hunden, Lakaien und dem hoch oben thronenden gleichmütigen
Lenker, von Bevorzugten, die eingeladen wurden, in diesen Viktorias, Daumonts, Breaks und
Mails Platz zu nehmen, - so gewährt dies alles den Anblick denkbar höchster Vollendung.
Diese Augenblicke aus dem Hyde Park sind einzig schön, und dies Schauspiel vereinigt
größere, vielseitigere Schönheit, als man sie irgendwo anders zu finden vermöchte. Und
es ist eine kindische Illusion von zurückgezogenen, schlecht gelüfteten Gelehrten, daß
die Vergangenheit ein schöneres, vollkommneres, edleres und zugleich feierlicheres
Schauspiel zu bieten hatte; denn in keiner Epoche hat sich eine solche Summe von
Vollkommenheit, von auserwähltesten Dingen zusammengefunden. Ich kann mich ebenso mit
anderen bei dem Gedanken an die Eleusischen Festzüge begeistern, an die feierlichen
Prozessionen, die die Stufen zu den Propyläen emporschritten; bei dem Gedanken an die
Turniere und an die pompösen Ausfahrten der sagenhaften, venezianischen Galeeren.
ABER ES KANN WOHL NICHTS
DER ERGREIFENDEN HARMONIE,
DER MACHT DER ZUSAMMEN-
KLÄNGE UND DER EIGENART
DES RHYTHMUS DIESES
FESTES DER MODER-
NEN SCHÖNHEIT
NAHEGEKOM-
MEN SEIN!