| Bibliographische Angaben: |
| VanDeVelde, Henry: Vom neuen Stil : der "Laienpredigten" II. Teil / Henry van de Velde. - Leipzig : Insel-Verl., 1907. - 101 S. |
Vom neuen Stil : der "Laienpredigten" II. Teil |
VORREDE
DURCH die französische Revolution wurde urplötzlich eine langjährige Entwicklung des
Geschmacks und des Stils, die der Renaissance ihren Stempel aufgedrückt hatte,
abgebrochen. Nach der Revolution beginnt eine unheilvolle Ära, während der die
Menschheit allmählich den Geschmack und den Sinn für Schönheit und für Stilgefühl
verliert. Die sozialen Bedingungen nach der Revolution waren wenig geeignet, diese
Vernichtung des Schönheitssinnes und des Stilgefühls zu verhindern. Die soeben
freigegebene Ausübung aller Handwerke und die Einführung des industriellen Betriebes
zerrissen alle Bande, die zwischen dem Gegenstand und dem Kunsthandwerker, zwischen dem
fabrizierten Objekt und dem Industriellen bestanden hatten.
Die unaufhörliche, schnelle Aufeinanderfolge der Moden, deren Wechsel sich nach gar
keiner konsequenten Entwicklung vollzieht, schuf um die Welt der Kunsthandwerker und
Industriellen eine Atmosphäre, die jede Freude an der Arbeit, jede Vervollkommnung, jede
pekuniäre Sicherheit und jedes gegenseitige Vertrauen ausschloß. Nur eine neue Ära, die
eines anerkannten, ausgeprägten, allgemeinen Stils, kann diesem Zustand ein Ende machen.
Man hat uns oft den Vorwurf gemacht, wir strebten danach, einen Stil zu formulieren und
einzuführen, der in Wirklichkeit noch gar nicht existiere. Aber unsere Ungeduld ist
deshalb gerechtfertigt, weil wir glauben, die Grundlagen, auf denen sich ein neuer Stil
entwickeln kann, erkannt und ein gemeinsames Gepräge in all dem entdeckt zu haben, was zu
dem modernen, intellektuellen und materiellen Leben in Beziehung steht. Auf der Grundlage
von Bestrebungen, denen die Tendenz nach logischer, vernünftiger Konzeption gemeinsam
ist, im Gegensatz zu der phantastischen, sentimentalen Schaffens- und Denkungsart, auf
dieser Grundlage glauben wir einen neuen Stil entstehen zu sehen. Wir alle können mit
daran arbeiten, wenn wir uns der neuen Disziplin des Schaffens unterwerfen.
Unser heißer Wunsch, einen Stil zu besitzen, hat nach Ablauf von zehn Jahren doch
Resultate erzeugt. Die Dresdener Ausstellung von 1906 ist eine Art Resumé von dem, was
wir als die "Auftakte" bezeichnen könnten, oder als das Stimmen der Instrumente
eines Orchesters. Diese Ausstellung hat uns klar und deutlich eins erkennen lassen, -
nämlich, daß es an der Zeit ist, uns gegenseitig Opfer zu bringen, damit das Werk
vollendet werde, das wir jetzt schon in seiner ganzen Einheit und Herrlichkeit übersehen
können. Ein neuer Stil mußte entstehen, und unser Verlangen nach ihm hätte ihn allein
schon hervorrufen können. Sobald sich so große und so auffallende Verschiedenheiten
zwischen dem zeigen, was das intellektuelle und materielle Leben des modernen Menschen
ausmacht, und dem, worin das Leben des prämodernen Menschen besteht, gehört nicht mehr
allzu viel Kühnheit dazu, das Kommen eines neuen Stils zu prophezeien.
Ein positiver Geist, der der sentimentalen Tendenz der prämodernen Epoche energisch
entgegenwirkt, wird uns - besonders in der Architektur und der Ornamentik - von all den
Elementen befreien, die aus Sentimentalität sowohl, als aus Bequemlichkeit von den
antiken und mittelalterlichen oder den neueren Stilen zurückbehalten und angewendet
wurden.
Unsere Fähigkeit zur ästhetischen Sensibilität wurde bis an das Ende des 19.
Jahrhunderts erstickt. In dem Bereich der Architektur, der Malerei, der Skulptur, der
Poesie und der Musik haben wir den Gefühlen alle die höheren und vergeistigteren
Empfindungen geopfert, mit denen uns die Sensibilität zu erfreuen vermag. Die Menschheit,
die den Genuß an ästhetischer Empfindsamkeit höher stellen wird als den Genuß der
Gefühlsempfindungen, wird imstande sein, ein Kunstideal zu erfassen, das Verwandtschaft
mit dem griechischen Ideal verspricht.
Das ist der Ideengang dieses Buches, das aus vier Vorträgen oder Fragmenten von
Vorträgen besteht. Der letzte ist eine Gedankenfolge, die ich auf einer Reise notierte,
einer Reise, deren Ziel hieß - Athen!
DIE VERÄNDERTEN GRUNDLAGEN DES KUNSTGEWERBES SEIT DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION
DIE französische Revolution bezeichnet einen Wendepunkt, der die Vergangenheit scharf von
der Zukunft trennt. Zwei entgegengesetzte Kräfte, zwei widerstreitende Prinzipien
prallten mit rasender Wucht aufeinander: die Aristokratie und die Demokratie. Und
überraschend ist die Tatsache, daß allein der Stil auf der Wahlstatt geblieben ist.
Heute stehen sich die beiden Prinzipien Aug' in Auge gegenüber. Der Stil war das
eigentliche Opfer der siegenden Partei, und durch diesen Sieg schien ihre Wut vollständig
gestillt zu sein.
Die Revolution vernichtete den Stil des 18. Jahrhunderts, weil die Macht und der Reichtum
der führenden Klassen die Demokratie beleidigten. Die Epoche, die aus der Revolution
hervorging, trat infolgedessen ohne jeden Stil ins Leben. Eine Epoche ohne Stil ist ein
Schiff ohne Steuer, das den Winden preisgegeben ist. Wenn es trotzdem einen Hafen
erreicht, so ist es der Hafen des Zufalls, wo es höchstens den erlittenen Seeschaden
reparieren kann. Der Empire-Stil und seine Ausläufer, wie der Chippendeal- und
Sheraton-Stil in England und der Biedermeier-Stil in Deutschland, waren solche
Zufallshäfen.
Das Erscheinen Napoleons auf dem Schauplatz der Welt fällt in den Zeitpunkt, wo die Kunst
vollkommen brach lag. Das Ziel, das Napoleon sich gesteckt hatte, bildete eine
Verwandtschaft zwischen ihm und den Größten einer Epoche, die bis weit hinter das
Mittelalter zurückreicht. Seine Rolle bestimmte auch seinen Geschmack; der Imperator
mußte den Empire-Stil einführen.
Er wußte jeden Widerstand zu brechen, sich alle Energieen zu eigen zu machen, und die
Menschheit nahm den Empire-Stil an, wie sie auch irgend eine Art sich zu kleiden oder sich
einzurichten angenommen hätte. In dem Stil erkannte die Menschheit den Kaiser, sicherlich
nicht sich selbst. Die Ereignisse, die mit rasender Geschwindigkeit aufeinander folgten,
ließen ihr übrigens auch keine Zeit dazu. Wenn das Kaiserreich von Dauer gewesen wäre,
so hätte es die Individuen und die Charaktere gebildet, und die Beziehungen zwischen den
Menschen und den Dingen hätten wieder hergestellt werden können. Aber der Koloß
stürzte zu früh.
Die Schönheit, die wieder aufgelebt war, brach mit ihm noch schwerer zusammen, als unter
dem Beil der Revolution, und plötzlich sehen wir andere Leute und andere Dinge auf der
Weltbühne. Die neue, aus französischen Revolution hervorgegangene Welt mit allen
Überlieferungen des Geschmacks gebrochen, und die Willkür der neuen Herren, die sie nun
wählte; mußte den Geschmack zu den größten, Extravaganzen treiben. Die Harmonie
zwischen den Menschen und den Gegenständen war zerstört; und weil die Beziehungen
zwischen den Menschen und ihren Charakteren, ihren Gewohnheiten und Lebensarten nun einmal
die Regeln des Stils sind, so haben wir, da sie fehlen, gleich nach den Ereignissen der
französischen Revolution eine Epoche ohne Stil.
Unter allen sozialen Änderungen, die die französische Revolution mit sich brachte,
fällt eine wohl am meisten in die Augen: das Geld ist in andere Hände übergegangen und
wird folglich auch zu anderen Zwecken als vorher gebraucht. Damit verschwanden alle
Handwerke, die ungeeignet schienen, das neue Ziel, d. h. "Reichtum", zu
erlangen; und andere, die den Handwerkern, die sie ausübten, nur einen sehr bescheidenen
Wohlstand verschafft hatten, wurden mittels neuer Formeln und einer neuen kommerziellen
und industriellen Organisation ausgebeutet, einer Organisation, die diese Handwerke den
neuen sozialen Bedingungen anpaßte. Gegen eine solche Entwicklung hätte niemand
siegreich kämpfen können, und übrigens waren die in Bewegung gesetzten Kräfte mächtig
genug, allem zu widerstehen.
Die Überzeugung, daß wir uns alle bereichern müssen, liegt in dem Wesen der heutigen
Zeit; dieser Gedanke hat die Menschheit zu den wunderbarsten Entdeckungen geführt, und
uns ward das ungeheure Glück, sie als die ersten genossen zu haben. Es scheint wirklich,
als ob unsere Generation darin besonders bevorzugt sei und ich hege die Überzeugung, daß
sie zu großen Dingen ausersehen ist; unter ihnen wird die definitive Festlegung des Stils
unserer Epoche wohl eins der glorreichsten sein. Selbst der Gedanke, daß wir uns alle
bereichern müssen, ist mir heilig.
Wenn man ein wenig nachdenkt, erscheint es natürlich, daß, sobald ein solcher Gedanke
die Menschheit überfiel, die sich bis dahin unter dem Druck eines Klassenideals
entwickelt hatte, das höchstens einigen unter ihnen erlaubte, sich zu bereichern und
über alle materiellen Güter zu verfügen. Wenn man darüber ein wenig nachdenkt, findet
man es natürlich, daß nach der französischen Revolution von 1793 die verirrte
Menschheit zu den wirksamsten Mitteln griff, um so schnell wie möglich diese Sucht nach
Bereicherung zu befriedigen. Aus der Gleichberechtigung Aller folgte, daß alle Mittel zur
Anwendung gut schienen, und daß vorzugsweise die gebraucht wurden, die am schnellsten zum
neuen Ziele führten.
Dieser Augenblick bezeichnet den Umschwung, der zur Herrschaft des Häßlichen führte,
etwas derart Häßlichem, daß noch kein Jahrhundert etwas Ähnliches gesehen hatte.
Instinktiv fühlten Handwerker und Arbeiter, daß die Schönheit an diesem Jahrhundertende
tot war und daß, um das neue Ziel ihrer Existenz erreichen und die neue gebieterische
Pflicht der Bereicherung erfüllen zu können, sie nicht mehr daran denken durften, die
Wünsche zu befriedigen, die die Menschen nicht mehr hatten. Die Schönheit lag als treuer
Diener auf den Leichen derer begraben, denen sie gedient hatte - auf den Leichen derer,
die ihrem Kultus wirklich gehuldigt hatten. Dennoch glaube ich, daß die Menschen zur Zeit
der französischen Revolution die Schönheit ebensowenig haßten, als sie nach meiner
Meinung die Adeligen, Priester und Könige wirklich gehaßt haben. Die französische
Revolution war vielmehr ein Ausbruch unbezwingbarer Urkraft, die in die Welt geschleudert
wurde, wie wenn ein Wildbach, der durch irgend ein Naturereignis auf einem Gipfel
plötzlich entstanden ist, seine wilden tobenden Wasser herabstürzt und Blöcke und
Felsstücke mit sich reißt.
Die Kultur der antiken Welt verschwand so durch einen Ausbruch von unabwendbaren Kräften.
Die Kultur des Mittelalters und der Renaissance stürzte auf dieselbe Weise unter einem
neuen Ausbruch von brutalen Kräften zusammen. Nur die Schwachen klagen über diese
unabänderlichen Dinge, die Starken staunen im Gegenteil über dieses fruchtbare und
machtvolle Wechselspiel.
Ganz allein nach Schönheit schreien, während die ganze Menschheit nach Gewinn schrie,
und sich einbilden, daß man die Stimme eines einzelnen hören würde, das hieß sich
unvernünftigerweise Illusionen hingeben. Und die Unvernunft wäre noch um so größer,
wenn man dem, was einen so herrlichen Aufschwung nimmt und so glänzende pekuniäre
Erfolge erzielt, nur das gegenüber zu stellen fände, was früher vor dieser Revolution
existiert hat.
Der englische Ästhetiker Ruskin wagte es trotzdem, den unvernünftigen Vorschläg zu
machen, die mittelalterliche Tradition wieder aufzunehmen und die aufgehobenen Innungen,
ihre Regeln und Gebräuche wieder einzuführen; Ruskin schlug vor, auf den industriellen
Betriebsmodus zu verzichten und die Fabriken zu unterdrücken, weil diese die
Landschaften, die er liebte, in Rauch hüllten; Ruskin verwünschte die Eisenbahnzüge,
weil sie in dem Augenblick pfiffen, wo er dem Rauschen eines kleinen Baches lauschte.
Es ist zu bewundern, wie zähe und eigensinnig Ruskin an seinen nutzlosen Klagen
festhielt, die wirklich keinen andern praktischen Zweck hatten, als daß sie die Geduld
der Künstler und der Fanatiker der Schönheit stärkten und die Zeit, da diese auf die
Schönheit warten mußten, verkürzen halfen.
Die Künstler nahmen inzwischen heftig Stellung gingen die Industriellen, und dadurch
wurde die Schönheit noch mehr aus Gebieten verbannt, über die die Industriellen um so
aufmerksamer wachten, als sie überzeugt waren, ihr Ziel, d. h. "Geld zu
verdienen", nur dadurch zu erreichen, daß sie die Schönheit ganz systematisch aus
dem Bereich ihrer Fabrikation ausschlossen.
Das Kapital und die Art und Weise seiner nutzbringenden Anwendung änderten den
Grundgedanken der industriellen Wirtschaft derart, daß ihre Basis eine ganz andere wurde.
Vor der Abschaffung der Zünfte, welche die Bedingungen festsetzten, die ein Geselle
erfüllt haben mußte, ehe er "Meister" werden konnte, und die ihm die
moralischen Pflichten dieser Würde auf erlegten, vor der Abschaffung der Zünfte, in
denen die französische Revolution nur die Befestigung eines Privilegiums erkennen konnte,
das übrigens zu einem wahren Mißbrauch ausgeartet war, konnte den Handwerkern nur der
eine Gedanke in den Sinn kommen: den Konkurrenten durch bessere Arbeit zu überbieten.
Diese Überzeugung übertrug sich vom Meister auf den Gesellen, vom Gesellen auf den
Lehrling; sie gab der Handarbeit den moralischen Wert. Diese Moralität und der Wert der
Handarbeit wurden von den führenden Klassen anerkannt, die genau wußten, was sie
wollten, und in diesem Wunsche selbst eine Tradition sahen.
Nach der Abschaffung des Zunftgesetzes änderten sich die Bedingungen der Konkurrenz
derart, daß es nicht mehr darauf ankam, es am besten zu machen und gewissenhaft die von
einer Kundschaft bestimmt ausgedrückten Wünsche zu befriedigen; im Gegenteil, die
Handwerker wetteiferten nun in der schlechten Massenausführung der Gegenstände, welche
die Abnehmer nur deshalb befriedigen konnten, weil sie nicht mehr wußten, was sie
wollten.
Die absolute Freiheit in der Ausübung der verschiedenen Handwerke zog bald Leute herbei,
die das ausnutzten und sich keine Gedanken darüber machten, die Handwerke schlecht zu
betreiben, und was früher unmöglich gewesen wäre, wurde jetzt nicht nur möglich,
sondern sogar notwendig. Die Gegenstände, die der Handwerker bis jetzt nur auf Bestellung
langsam und ehrfurchtsvoll angefertigt, für die er das Material lange vorher vorbereitet
und unter vielem andern mit Liebe ausgewählt hatte, die er dem geduldigen Kunden dann
endlich ablieferte, der die Langsamkeit, die Sorgfalt und auch den Lohn des Handwerkers
ehrte, diese Gegenstände, die den Stempel der Individualität des Handwerkers, sowie auch
den des Bestellers trugen, sollten nun im voraus, in Massen von vielen Tausenden
angefertigt werden, in rasender Geschwindigkeit mittels Maschinen und in geringem und
gefälschtem Material. Sie sollten mit einemmal allen denen als Lockspeise hingeworfen
werden, die die ehemalige Mark nur in Pfennigen bezahlen wollten.
Von da ab rechnete der Handwerker auf die ursprüngliche Roheit dieser neuen Kundschaft,
die sich nicht auf die Feinheiten der Ausführung und des Handwerks verstand, und sah die
mächtige Anziehungskraft voraus, die die stete Veränderung und die Billigkeit auf das
neue Publikum ausüben würden. Diesem Augenblick und diesen neuen Bedingungen verdanken
wir das eigentliche Entstehen der Modenfolge. Seitdem ersetzt die Mode den Stil.
Eine solche moralische Atmosphäre vernichtete die Existenz und die Stellung des
Handwerkers. Die materiellen Mittel, über die der Handwerker verfügte, Werkzeug,
Material und Kapital, genügten bald nicht mehr den Anforderungen des Publikums, das immer
schnelleren Wechsel und immer größere Billigkeit verlangte; und so kam es, daß ein
Handwerker nach dem andern verschwand. Die sozialen Bedingungen aber, die den Handwerker
getötet hatten, waren den Industriellen, die sich auf den neuen Grundlagen entwickeln und
breit machen konnten, günstig.
Die Basis, auf der die Industrie sich entwickelte, war erfolgreich ohne jede Größe. Ich
will ihr keinen Vorwurf daraus machen, ich sage nur, wie es sich verhält. Die Industrie
leidet darunter, daß die Schönheit und die Freude, diese beiden guten Feen, nicht an
ihrer Wiege gestanden haben.
Unter den gegenwärtigen industriellen Betriebsbedingungen kann der Industrielle oder der
Fabrikdirektor keine Liebe zu den von ihm fabrizierten Produkten haben. Die Gesetze,
welche alle seine Handlungen, alle seine Gedanken beherrschen, sind finanzieller Natur.
Heute handelt es sich nicht mehr darum, Gutes und Schönes zu fabrizieren, sondern nur
Geschäfte zu machen. Daß der Handwerksmeister sich deshalb in einen Industriellen oder
einen Fabrikdirektor verwandelte, wurde für die Güte der Produkte und ihren
künstlerischen Wert verhängnisvoll.
In der Tatsache, daß keine moralischen Beziehungen, keine Liebe mehr zwischen dem
fabrizierten Gegenstand und dem Fabrikanten existieren, liegt eine solche Anomalie, daß
bei andern Sachen als Möbeln, Porzellan, Glas, Silberwaren, Stoffen usw. sich das
öffentliche Gewissen längst geregt hätte. Es würde gerechte Forderungen aufstellen und
von dem Fabrikanten ebensoviel Liebe zu den Sachen, die er herstellt, verlangen, wie man
sie von einem Kutscher für sein Pferd, vom Gärtner für die Blumen und die Früchte, die
er pflegt, von der Köchin für den Braten oder den Auflauf, den sie bereitet, verlangt.
Der Fortbestand dieser moralischen Beziehungen bewirkt es, daß wir uns noch über den
Anblick schöner Pferde freuen, uns mit schönen Blumen umgeben und schöne Früchte essen
können; diese fortbestehenden moralischen Beziehungen machen die guten Beefsteaks und die
gut gelungenen Soufflés; sie machen die guten Kutscher, die guten Gärtner und die guten
Köchinnen.
Ähnliche moralische Beziehungen wären imstande, gute Industrielle und gute Industrieen
zu erzeugen.
Wenn ich nicht glaubte, daß es in Zukunft möglich wäre, die moralischen Beziehungen
zwischen den Industriellen und Fabrikanten und den Gegenständen, die sie fabrizieren,
wieder herzustellen, so müßte ich auf jegliche Hoffnung verzichten, die Schönheit mit
den Gegenständen, die zum Gebrauch und zur Verschönerung des materiellen Lebens bestimmt
sind, zu versöhnen. Aber gewisse Umstände haben mir doch Hoffnung gemacht. Einmal sehen
wir, daß nicht die ganze Industrie mit den althergebrachten moralischen Beziehungen
zwischen dem, der produziert, und dem Produkt selbst gebrochen hat, da es in Wirklichkeit
nur gerade die Kunstindustrieen sind, die gänzlich dieser Tradition entsagen. Von den
kleinen elektrischen Apparaten, den telephonischen und den telegraphischen, den
elektrischen Birnen und den elektrischen Instrumenten für Massagezwecke bis zu den
großen mächtigen Dampfmaschinen, tragen alle diese Gegenstände das Merkmal einer
Eigenschaft, die sich definieren läßt als: d a s B e m ü h e n, e s
s o g u t w i e m ö g l i c h z u m a c h e n.
Dieses Bemühen gibt ihnen einen unbestreitbaren Zug von Schönheit, einer ewigen
Schönheit.
Wenn die Entwicklung des Themas, daß das moderne Leben schöne Dinge hervorbringt, deren
Wesentliche Eigenschaft genau dieselbe ist wie die, welche das Wesentlichste der antiken
Schönheit ausmachte, auch nicht in den Rahmen dieses Kapitels paßt, so hilft mir das
Gesagte doch, der Idee mehr Nachdruck zu verleihen, daß, wenn die moderne Industrie in
den neuen Zweigen des industriellen Betriebs traditionell sein kann, sie es auch in den
Zweigen sein könnte und müßte, welche ehemals die Beschäftigung der Handwerker waren
und die jetzt Industrieen geworden sind.
Wir haben schon jetzt um uns herum genug schöne Gegenstände, aber wir sind nicht
hellsehend genug, sie zu bemerken. Man behauptet nur zu gern und zu leichtfertig, daß die
maschinelle Fabrikation die Ursache sei, weshalb die Erzeugnisse des Kunstgewerbes
schlechter geworden sind, und daß der heutige Verfall dieser Erzeugnisse die Folge davon
ist, daß wir der Maschine die Ausführung dessen überlassen, was früher mit der Hand
gemacht wurde. Ich behaupte, daß der Verfall nicht am neuen maschinellen Betrieb liegt,
sondern an dem Geist, der den Betrieb leitet. Ich gebe gern zu, daß die maschinelle
Fabrikation der Schönheit einiger Gegenstände schadet, daß ich noch heute das mit der
Hand gewebte Tischzeug dem mit der Maschine hergestellten vorziehe, daß ich das mit der
Hand getriebene Silber lieber habe, als das mit der Maschine geprägte; aber ich schätze
diese mit der Hand ausgeführte Leinwand und Silbergegenstände nur so lange, als die
Hände, die sie hervorgebracht haben, von jenem Geist und jener Absicht geleitet werden,
es so gut wie möglich zu machen. Dieser Geist und diese Absicht können in den meisten
Fällen auch mit der Maschine Vortreffliches erzeugen. Die beiden tyrannischen Gesetze,
die Billigkeit und der Export, die auf der Industrie lasten, haben diese sicher eher als
das mechanische Werkzeug zum Verfall geführt. Die Industriellen haben sich auf ein viel
gewagteres Gebiet begeben, als sie gedacht hatten.
Die Gesetze der Billigkeit und des Exports sind keine gesunden Grundlagen, und die
Unzufriedenheit der Industriellen findet ihre Erklärung in den immer wachsenden
Schwierigkeiten des industriellen Betriebes; die Industrie kann kaum atmen, so fest ist
sie in die Zange eingeklemmt. Die Billigkeit und der Export erdrücken sie, und nach
welcher Seite sie sich auch wendet, ich meine nach den beiden Richtungen, von denen sie
immer ihr Heil erwartet hat, sieht sie nichts anderes als böse Traumgesichter. Die
Billigkeit hat das Antlitz eines roten Ungeheuers, das ihr zuruft: "Auf diesem Wege
kannst du nicht weiter gehen!" und aus vollem Halse schreit es ihr die
Arbeiterforderungen entgegen: Verminderung der Arbeitszeit, Erhöhung der Löhne. Dabei
zeigt es die Faust, und die Industrie weiß, daß kein Widerstand möglich ist. Der Export
aber hat das Aussehen eines schwarzgelben Ungetüms angenommen; es ist halb Neger, halb
Asiate. Es reitet auf Maschinen, die "billige" Produkte erzeugen, die es nach
China, Japan, Indien und Persien bringt, die es ins südlichste Afrika und ins
entfernteste Patagonien schafft.
Ich möchte glauben, daß viele Industrielle zuweilen an die sichere, treue und gefällige
Kundschaft denken, für die ihre Großväter arbeiteten, daß sie sich der Namen dieser
Kunden, ihres Aussehens, der Ereignisse, die ihr Leben erschüttert oder beglückt haben,
erinnern. Was wissen sie heute von ihrer Kundschaft, die die Masse ist, von der Masse, die
ihre Kundschaft ist; der hiesigen Masse, der der Nachbarländer, der der fünf Erdteile;
der Masse, die sich verliert, sobald man sie gewonnen hat; die wieder unbekannt wird,
sobald man sie kennt; der Masse, deren Zahlungsfähigkeit unsicher ist, die aber doch von
allen derart begehrt wird, daß die Nationen sich um ihretwillen mit Zolltarifen und auch
mit Kanonen bekriegen? Der Industrielle empfindet diese Erinnerungen eher mit Bitterkeit
als mit Rührung. Der Glaube ist noch zu fest in ihm eingewurzelt, daß das einzige Heil
die Billigkeit ist, und daß er nur abscheuliche, schlecht ausgeführte Sachen, deren er
sich selbst schämt, exportieren kann.
Ja, ich möchte feststellen, daß die Industrie keinen einzigen Augenblick daran denkt,
sich selbst wegen dieses traurigen Standes der Dinge anzuklagen, und daß derjenige unter
uns, der versuchen würde, sie zur Vernunft zu bringen und sie davon zu überzeugen, daß
das Heil auf einer ganz andern Seite als bei der Billigkeit und dem Export liegt, Aussicht
hätte, von ihr als Träumer behandelt zu werden.
Unter den Künstlern aber gibt es Träumer dieses Schlages. Sie haben die Hoffnung auf die
Rückkehr der Schönheit noch nicht aufgegeben, sie träumen von ihr, aber sie träumen
wirklich nur, wenn sie an sie denken. Sonst sind sie wach, aufmerksam und gründlich; die
Realitäten begeistern sie, weil jede von ihnen ihre Hoffnungen hebt oder senkt, gleichwie
die Welle es mit dem Aste macht, den der Sturm ins Meer geworfen hat.
Die einzige Hoffnung auf Erlösung, die für die Industriellen noch möglich ist, ist die,
daß wir bald einen "Stil" haben, der ihnen vergönnen wird, etwas Geistesruhe
zu genießen; es ist die einzige Hoffnung, die er haben kann, sich der Herstellung eines
immer besser werdenden Erzeugnisses zu widmen, es ist die einzige wirkliche Garantie für
seine engagierten Kapitalien...
Der Gedanke der Einführung eines neuen Stils ist befreiend. Er wird uns von dem Druck der
unaufhörlichen, rastlosen Aufeinanderfolge der Moden befreien, durch die das Publikum das
Gefühl für guten Geschmack und für Schönheit verloren hat. Sie haben den Industriellen
erhebliche Modellkosten und oft großes Risiko verursacht. Hätten die Modelle, um deren
Ausnutzung es sich für die Industriellen handelte, den Stempel eines anerkannten Stils
getragen, so wäre es möglich gewesen, den Kostenaufwand zu vermeiden, oder aber man
hätte ihn der Qualität des Materials und der Ausführung der Gegenstände zugute kommen
lassen können. In der industriellen Welt haben diese Kosten und dieses Risiko eine
Atmosphäre der Unruhe und Unsicherheit hervorgerufen und tiefe Verstimmung zwischen den
Gliedern ein und derselben Korporation. Die Industriellen, die über genügende Geldmittel
verfügen und die fähige Künstler beschäftigen oder sich an bekannte Künstler wenden
können, zittern bei dem Gedanken, daß ihre Modelle kopiert werden könnten, bevor sie
sie als Neuigkeiten auf den Markt gebracht haben, - oder aber, daß man sie nachahme, noch
ehe die Modellkosten durch den Verkauf gedeckt sind. Sie blicken verdrießlich auf die
kleinen Industriellen, die auf der Jagd sind nach allem, was ihnen vor Augen kommt, und
die Kataloge ihrer mächtigsten Konkurrenten erbarmungslos plündern.
Auf schamlose Art bestehlen die Industriellen einander, und die Künstler, die im guten
Glauben sind, ihre Arbeit einem Einzigen gewidmet zu haben, sehen sie, gegen ihren Willen,
von Allen ausgenutzt.
Ihre Schöpfungen, augenblicklich von andern in Beschlag genommen, werden auf die denkbar
niederträchtigste Weise verdorben, - und die unmittelbare Folge davon ist, daß der
Originalentwurf durch die Unmenge wertloser Nachahmungen erstickt wird, bevor er seinen
heilsamen Einfluß auf den Geschmack des Publikums ausüben und der Sache dienen konnte,
die wohlmeinende Künstler und Industrielle fördern wollten.
Diese Lage wird fortdauern, bis wir die Ära eines Stils erreicht, bis wir uns seiner
Herrschaft gebeugt haben und bis sie uns zurückgeführt haben wird zu den
Grundbedingungen, unter denen allein die Schönheit und der gute Geschmack wieder aufleben
können!
DAS STREBEN NACH EINEM STIL, DESSEN GRUNDLAGEN AUF VERNÜNFTIGER, LOGISCHER KONZEPTION
BERUHEN
GOETHE meint, in einem Gespräch am 25. Aug. 1829, daß das neunzehnte Jahrhundert nicht
einfach die Fortsetzung der früheren sei, sondern zum Anfang einer neuen Ära bestimmt
scheine; denn solche großen Begebenheiten, wie sie die Welt in seinen ersten Jahren
erschütterten, könnten nicht ohne große, ihnen entsprechende Folgen bleiben, wenn diese
auch wie das Getreide aus der Saat langsam wachsen und reifen würden. Goethe erwartet sie
nicht früher als im Herbste des Jahrhunderts, das ist in seiner zweiten Hälfte, wenn
nicht sogar erst in seinem letzten Viertel.
Wir können wohl, ohne zu kühn zu sein, annehmen, daß Goethe unter den
"entsprechenden Folgen", von denen er redete, auch das Entstehen eines neuen
Stils voraussah!
Wie oft ist uns ein Vorwurf daraus gemacht worden, daß wir versuchten, die
Fundamentalprinzipien und das Wesen eines Stils zu formulieren, dessen Kommen man nicht
einmal bestimmt versprechen könne.
Wie oft ist uns vorgeworfen worden, daß wir b e w u ß t an dem Entstehen
eines Stils schafften. Man pflegt diesem b e w u ß t e n V o r g e h e n
unsrerseits gern das sogenannte "spontane Werden" der vorangegangenen
Stile gegenüber zu stellen. Und unser Recht, an der Geburt eines neuen Stils
mitzuarbeiten, möchte man uns nehmen, indem man dem Publikum die Überzeugung einzuimpfen
sucht, die Menschheit brauche gar nicht danach zu streben, das Werden der neuen Stile zu
erkennen oder zu beeinflussen; sie habe dabei immer nur eine passive Rolle gespielt!
Ich bin überzeugt, daß man das "spontane Werden" der alten Stile bestreiten
und gewiß leicht beweisen könnte, daß, wenn die Stile des Altertums nicht durch die
magische Kraft des einzelnen entstanden sind, sie hervorgingen aus dem gebieterischen
Verlangen, Architektur und Kunstgewerbe in Einklang zu bringen mit dem Geist der
Handlungen, Gedanken und Gebräuche der Epoche. Streben wir denn in Wahrheit nach etwas
anderem? Und wollen wir aus andern Quellen schöpfen, als aus dem eigentlichsten Wesen,
dem Geist, der Moral und den Gepflogenheiten unserer modernen Gesellschaft? Suchen wir wo
anders den Anhalt für die Grundlagen und die wesentlichen Eigenschaften des Stils, dessen
Entstehen wir so sehnlich erwarten?
Warum soll dieses Verlangen nach Stil, d. h. nach Harmonie zwischen den Gegenständen und
der Richtung des Intellekts und des Gefühls, früher unbewußt gewesen sein? Ich sehe
keinen Grund dafür ein. Höchstens stehen wir jenen Zeiten zu fern, als daß die
Handlungsweise der Männer, die das Entstehen der Stile beeinflußt haben, uns bekannt und
vertraut sei. Aber die Namen der Propagandisten und Apostel der Stile und Stilnuancen jene
Epochen, die der unsrigen direkt vorangingen, Namen wie Semper, Morris und Ruskin kennen
wir genau.
Man kennt auch den Einfluß, den Berain, Watteau und Boucher auf die Entstehung des Rokoko
ausgeübt haben, und man weiß, wie unbedingt Napoleon und die Künstler, die sich um ihn
geschart hatten, dem Axiom des spontanen Werdens widersprachen.
Es mag heutzutage als Überhebung ausgelegt werden, wenn wir uns eine Rolle anmaßen, die
einst nur Menschen ausfüllten, deren Ruf im Lauf der Jahre groß genug geworden, um es
heute ganz selbstverständlich erscheinen zu lassen, daß man sie damals mit Ehrfurcht
anhörte und ihrer Führung folgte.
Welchen Augenblick soll man nun wählen, um zu handeln und um Regeln aufzustellen? Soll
man es erst tun, wenn der Stil seine vollständige Entwicklung erreicht hat, oder ist es
nicht richtiger, wenn die, welche Einsicht und die Gabe des Voraussehens zu besitzen
glauben, den Mut zeigen, das, was sie als die Vorzeichen eines neuen Stils erkannt haben,
zu formulieren und zu verkünden, damit das subtile Zarte, das seiner eigenen Natur nach
so viel Gefahren ausgesetzt ist, mit der nötigen Sorgfalt und Liebe gepflegt werde?
Wenn man uns - mit einiger Aussicht auf Erfolg - das Recht abspräche, diese neuen Regeln
aufzustellen und die Richtung und die neuen Eigenschaften des menschlichen Geistes zu
erforschen, so müßten wir jede Hoffnung auf die Wiederherstellung einer harmonischen
Situation aufgeben, gleich jene, die wir durch die Allmacht der Religionen und Kulte bis
dahin genossen hatten. In solchem Falle würde uns nichts anderes übrig bleiben, als uns
dem erbärmlichen, schmachvollen Stand der Dinge einer Zeit anzupassen, die jeglichen
Begriff von Geschmack, jegliches Verständnis der Stile verloren hat, - wir müßten die
Hände in den Schoß legen und auf den Messias, den Gründer einer neuen Religion, harren.
Ich weiß wohl: manche Ästheten predigen, man solle das Wunder erwarten und die Hände in
den Schoß legen. Aber mir persönlich paßt diese Stellung gar nicht, ich glaube nicht an
die Möglichkeit einer neuen Religion, und man muß wohl annehmen, daß ich nicht der
einzige bin, der die Untätigkeit verachtet, und der sein mangelndes Vertrauen in das
Entstehen einer neuen Religion offen eingesteht, da wir doch mehrere sind, die, ohne sich
im geringsten stören zu lassen, daran arbeiten, die Grundlagen eines neuen Stils
festzustellen.
In dem Kapitel "Prinzipielle Erklärungen" (in meinen
"Laienpredigten") habe ich mit besonderem Nachdruck die Tatsache festgestellt,
daß unser Geist weniger verderbt ist als unsere Augen, daß er auf jede Beweisführung
reagiert, die ihm den Nonsens und die Verirrung in architektonischen und kunstgewerblichen
Dingen offenbart, die er bis dahin anzunehmen gewohnt war und wie Erworbenes von
anerkannter Berechtigung auf Existenz und Gebrauch betrachtete.
Ich erklärte bereitwilligst, daß mein Optimismus und meine Hoffnung auf eine Renaissance
der modernen Architektur und des Kunstgewerbes eben auf dem Vorteil basiert, den unser
Gehirn vor unsern Augen voraus hat. Um den Beweis für die Wahrheit zu liefern, die ich
verkündete, machte ich das Experiment, kunstgewerbliche oder architektonische
Gegenstände zu beschreiben, an die sich unsere Augen so gewöhnt hatten, daß sie weder
den Nonsens noch die Verirrung in ihnen gewahrten, und über die sich unser Verstand schon
seit langem keine Rechenschaft mehr abgelegt hatte. Die verschiedenen Beschreibungen, die
auf solche Weise zum erstenmal seit langer Zeit wieder in unser Gehirn drangen, gaben
Anlaß zu unwiderstehlichem Gelächter, so komisch wirkte die maßlose Unsinnigkeit dieser
Dinge. Aber trotzdem das Gelächter meiner Zuhörer offenbar den Nonsens bestätigte und
trotzdem diese Bestätigung anscheinend alle diejenigen überzeugt hatte, welche diese
Beschreibungen mit angehört oder gelesen, - trotzdem kann ich mich des Gedankens nicht
erwehren, daß jene, die anscheinend so plötzlich belehrt und auf den Weg der logischen
und vernünftigen Auffassung zurückgeführt waren, daß jene sofort wieder ihren alten
Götzen huldigen und ihrem Gehirn die Kontrolle über all das übertragen werden, was ihre
Augen einst schön fanden und wieder zu lieben bereit waren!
Die Tendenz, die unsere Schaffenskraft dazu führt, dasjenige aus der Sentimentalität zu
schöpfen, was sie im Bereiche unseres Verstandes, im Verein mit ästhetischer
Sensibilität, finden müßte, diese Tendenz hat in der geschichtlichen Entwicklung der
Stile mehrere Male die Hoffnungen zerstört, die man auf das Entstehen eines Stils
berechtigterweise setzen konnte, der seine Entwicklung im Sinne einer vernünftigen,
überlegten Auffassung der Dinge erreichen würde! So oft sind Hoffnungen erweckt und
wieder vernichtet wie die, welche die ersten schönen Februartage jedes Jahr ins uns
erwecken, und die der zurückkehrende Winter jedesmal mit rauher Kälte zerstört.
Es ist ein endloser Konflikt, und vielleicht ist es unvernünftig, sich der Hoffnung
hinzugeben, daß wir über das triumphieren werden, was bisher noch immer die Vernunft
irre gemacht hat. - Die elementarste Vorsicht gebietet uns deswegen, der Vernunft den
Garten der Gefühle und Empfindsamkeiten zu verschließen. In ihm hat man die Wahl
zwischen viel zu viel einschmeichelnden, unwiderstehlichen Attraktionen, und wollte man
darin mit der Illusion umherirren, dort Werke schaffen zu können, deren Vernunft und
Logik von graziösen, gefühlvollen und pathetischen Motiven umkränzt sein würden, so
müßte man schon blind sein und Vernunft und Logik nicht mehr von Wahnsinn unterscheiden
können!
Die Geschichte der Kunst liefert uns für diese unheilvolle Illusion eine Menge Beispiele
und das Schauspiel der Aufeinanderfolge ganzer Perioden, in denen diese Illusion solche
Verheerungen verursachte, daß wir noch heute mit ihren Wirkungen erblich belastet sind.
Nur eine strenge Disziplin kann uns den Weg zum Stil bahnen. Ihre Regeln beziehen sich auf
alles, was man überhaupt zu Architektur und Kunstgewerbe im weitesten Begriff rechnen
kann; sie haben schon den Geist der meisten Künstler der gegenwärtigen Generation
durchdrungen. Ich habe zu verschiedenen Malen versucht, die Regeln zu formulieren:
"Du sollst die Form und die Konstruktion aller Gegenstände nur im Sinne ihrer
elementaren, strengsten Logik und Daseinsberechtigung erfassen.
Du sollst diese Formen und Konstruktionen dem wesentlichen Gebrauch des Materials, das du
anwendest, anpassen und unterordnen.
Und wenn dich der Wunsch beseelt, diese Formen und Konstruktionen zu verschönern, so gib
dich dem Verlangen nach Raffinement, zu welchem dich deine ästhetische Sensibilität oder
dein Geschmack für Ornamentik - welcher Art sie auch sei - inspirieren wird, nur insoweit
hin, als du das Recht und das wesentliche Aussehen dieser Formen und Konstruktionen achten
und beibehalten kannst!"
Man braucht solche Prinzipien nur auszusprechen, um sie geltend zu machen. Sind sie
fähig, einen neuen Stil ins Leben zu rufen, dessen Entwicklung in keiner Weise gehemmt
und dessen Rechte auf Phantasie und künstlerische Sensibilität in keiner Weise
beschränkt sein würden? Bewiesen ist, daß diese Prinzipien fruchtbar sind. Unter den
alten Stilen liefert der griechische Stil den schlagendsten Beweis einer normalen
Entwicklung. Und gerade sie ist die Folge einer strikten Anwendung dieser Prinzipien; in
keiner Weise haben die strengen Gesetze des griechischen Stils zu schwer auf der
kostbarsten und zartesten Phantasie gelastet, und die künstlerische Sensibilität wurde
nie weniger gehemmt, wurde nie stärker angeregt, besaß nie größere Möglichkeiten zur
Anwendung raffiniertester Feinheiten! Ebenso hat der gotische Stil, der sichtlich auf
demselben Prinzip basiert, seinen Höhepunkt in Kathedralen und Domen erreicht.
Wann hätte wohl die Phantasie ihr Spiel freier getrieben, und wo wäre ein hemmender
Einfluß in den Grundrissen und Raumverteilungen zu spüren? Und hemmt irgend etwas die
Feinheiten der Linie, der Farbe und des Helldunkels, das die kunstreichen und
unerschöpflichen Baumeister des Mittelalters in ihren Bauten anstrebten? Die Prinzipien,
die wir als Regel vorschlagen, sind nicht unfruchtbar, und wenn man uns auch oft
vorgeworfen hat, wir führten die Architektur und das Kunstgewerbe in eine Sackgasse, so
kann uns das nicht weiter berühren.
Hinter diesen Prinzipien gewahren wir ein offenes und freies Feld. Und wir fügen
niemandem ein Unecht zu, wenn wir danach streben, allen eine strenge Disziplin
aufzuerlegen. Solche Disziplin ist nicht neu, sie ruht auf dem Grunde des menschlichen
Geistes, und sie lockert sich nur periodisch.
Wenn wir entschlossen sind, nie mehr das anzuwenden, was wir als unsinnig eingesehen
haben; wenn wir entschlossen sind, uns eine logische Auffassung alles dessen anzueignen,
was wir als unlogisch erkannt haben, dann arbeiten wir an der Entstehung eines neuen
Stils, seien wir Laien, Künstler oder Handwerker! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage,
daß A l l e, A l l e am neuen Stil mitarbeiten können! Bei beinahe
allen Berufen gibt es überlieferte Formen von Gegenständen, die der Handwerker, ohne
nachzudenken, immer wieder macht, weil er schon lange daran gewöhnt ist.
Nicht nur der Architekt ist schuldig, der den Gebrauch architektonischer Details und
Ornamente fortsetzt, die gar keinen Sinn mehr haben und die sich in keiner Hinsicht mehr
rechtfertigen lassen. Auch der Tischler ist schuldig, der auf Rücken und Armlehnen seines
Sessels Löwenköpfe anbringt, zwischen deren Zähnen man einen Metallring eingelassen
hat; er ist schuldig, weil er ohne Kontrolle ein Ornament anbrachte, das einst auf den
Paneelen der Tür einen gewissen Sinn, eine gewisse Bedeutung dadurch hatte, daß man an
dem Ring ziehen und damit anklopfen konnte. Der Goldschmied ist schuldig, der unentwegt
fortfährt, Löffel und Gabel zu prägen, die, obgleich sie heutzutage aus einem Stück
hergestellt werden, doch klar und deutlich den Stempel der früheren Herstellungsweise
tragen, d. h. aus zwei Teilen bestehen: einst setzte man nämlich den Stiel und die Laffe
des Löffels zusammen und die Zinken an den Stiel der Gabel. Die Beweggründe, die einst
vorhanden waren und dieses "Zusammensetzen" rechtfertigten, sind heutzutage
nicht mehr vorhanden, und die Zeiten liegen fern, wo die Laffe des Löffels und die Zinken
der Gabel aus einem andern Material bestanden als die Stiele.
Aber dieses "Zusammensetzen", das nur eine unumgängliche Konstruktionsbedingung
war, hat sich in dem Gehirn des Publikums und der Handwerker so mit der Form des Löffels
und der Gabel identifiziert, daß man heutzutage Gegenstände aus einem Stück prägt, die
den Eindruck des "Zusammengesetztseins" erwecken sollen, und die dadurch ihr
hauptsächlichstes Ornament erhalten.
Wie kommt es, daß ein solches "Nachleben" nicht zur Überlegung anregt und
nicht sofort die Vernunft zur Empörung reizt? Wie kommt es, daß man die Aufmerksamkeit
erst darauf lenken muß? Es ist noch nicht lange her, daß wir die Behauptung geltend
machten, es sei unsinnig, daß man bei den meisten Kronleuchtern und Beleuchtungskörpern
die Form des Behälters, der bei dem Gebrauch von Öl oder Petroleum unentbehrlich war,
als Ausgangspunkt für die Konstruktion von Gasbeleuchtungen beibehalten habe. Es sei
unsinnig, daß die, welche sich endlich von dem Joch der Form des Lampenbehälters bei den
Gaskronleuchtern freigemacht und die Daseinsberechtigung der Rohre in ihrer verschiedenen
organischen Art und Weise betonen, jetzt fortfahren, dieselben Konstruktionen für den
Gebrauch von Elektrizität zu benutzen, deren eigentlichste und eigenste Natur darin
besteht, durch Drähte und nicht durch Rohre geleitet zu werden.
Und an wie viel mehr Beispielen könnte ich ähnliche Fehler gegen den eigentlichen Sinn
und die Daseinsberechtigung der Dinge nachweisen! Auf allen Gebieten der menschlichen
Arbeit, in allen Handwerken gibt es noch solch ein "Nachleben", und es sind nur
wenig Handwerker, die nicht über dem Sinn dessen, was sie schaffen, eingeschlafen sind!
Der Schneider; der fortfährt, Knöpfe auf die Ärmel und auf den Rücken unseres Gehrocks
zu setzen, der fortfährt, die Kragen einzuschneiden, huldigt dem alten Schlendrian und
denkt nicht daran, daß einst der Sinn dieser Knöpfe sich rechtfertigte, zu der Zeit
nämlich, da wir unsere Ärmel rafften, die Schöße unseres Gehrocks zurückschlugen,
Gehrock und Jackett bis an den Hals hinauf zuknöpften. Die Unsinnigkeiten, die die
Schneiderinnen und Putzmacherinnen begehen, sind zahllos und unbeschreiblich, und unter
dem Gewerbe der Männer lassen sich mit ihnen in dieser Hinsicht nur die Tapezierer
vergleichen! Ihre Fehler sind ebenso zahllos und unbeschreiblich. Es würde sich der Mühe
lohnen, alle Abirrungen der Formen und Ornamente auf zuzählen, gerade weil die Mitarbeit
eines Jeden am neuen Stil darin besteht und in dem Augenblick beginnt, wo er sich
Rechenschaft ablegt über den Sinn und die Daseinsberechtigung der Formen und Ornamente
der Gegenstände, die er schafft, ausführt oder benutzt!
Es ist also nicht paradox, wenn ich behaupte, daß alle Handwerker, alle Gewerbe, alle
Arbeiter, auf was für einem Gebiet der menschlichen Tätigkeit es auch sei, an der
Entstehung des neuen Stils mithelfen können. Der Architekt sowohl als der Tischler, der
Goldschmied, der Schneider, der Schuster, der Tapezierer, die Schneiderin und die
Putzmacherin; der Bäcker, der über die Form der "Weißbrötchen", der
Kaufmann, der über die verschiedenen Behälter nachdenkt, in denen er Käse und Konserven
zum Kauf anbietet, der Friseur, der sich den Sinn der Haartrachten und des
Schnurrbartschnittes klar macht: sie alle arbeiten daran, die wesentlichen Formen alles
dessen, was im Leben vorkommt, wiederzufinden.
Diese Formen sind nämlich hinter undurchdringlichen Masken versteckt, und alle früheren
Stile haben dazu beigetragen, ihre Undurchdringlichkeit zu erhöhen. Der Renaissancestil
wurde auf den gotischen Stil gepfropft, Barock und Rokoko haben das ihrige zur
Vervollständigung der Maske getan, und das Empire und der Empirestil haben gleichfalls
zur Entstellung beigetragen. Nur wenige unter uns haben noch eine klare Vorstellung von
der wesentlichen Form und Konstruktion eines Schrankes, eines Tisches, eines Bettes oder
eines Lehnsessels. Diese Gegenstände stellen sich nicht zuerst als Nutz- und Zweckform
dar, sondern etwa als Adlerklauen, die große Kugeln umkrallen, als geschnitzte Delphine,
die ihren Schwanz zurückbiegen, um eine Platte zu tragen, als Tempel mit Säulenhallen
und simulierten endlosen Galerien, als Kähne, von Schwänen gezogen und von geflügelten
Amoretten zum Gefilde der Seligen geleitet, oder als ein Wirrwarr von Gesträuchen,
Wurzeln und Rachen phantastischer Tiere.
Aber glücklicherweise ist dies doch schon die Anschauungsweise vergangener Zeiten;
heutzutage haben wir die Masken abgenommen und fangen an, in das wahre Gesicht der Dinge
zu schauen.
Die Einsicht, daß das eine "Maskerade" ist und daß man sich ebensogut
lächerlich machen würde, mit alten architektonischen Elementen weiter zu bauen, als im
Kostüm Louis XV. oder im Empirekostüm auf unseren von elektrischen Bahnen, Fahrrädern
und Automobilen belebten Straßen zu erscheinen, die Einsicht ist durchgedrungen. Der
monumentale gesunde Menschenverstand Goethes stellte das Lächerliche dieser Dinge bloß
und erfand das Wort "Maskerade". In einem Gespräch mit Eckermann über den
neuesten Geschmack, ganze Zimmer in altdeutscher und gotischer Art einzurichten und in
einer solchen Umgebung einer veralteten Zeit zu wohnen, äußerte er: "In einem
Hause, wo so viele Zimmer sind, daß man einige derselben leer stehen läßt und im ganzen
Jahr vielleicht nur drei- oder viermal hineinkommt, mag eine solche Liebhaberei hingehen,
und man mag auch ein gotisches Zimmer haben, so wie ich es ganz hübsch finde, daß Madame
Panckoucke in Paris ein chinesisches Zimmer hat. Allein sein Wohnzimmer mit so fremder und
veralteter Umgebung auszustatten, kann ich nicht loben; es ist immer eine Art von
Maskerade, die auf die Länge in keiner Hinsicht wohltun kann, vielmehr auf den Menschen,
der sich damit befaßt, einen nachteiligen Einfluß haben muß. Denn so etwas steht in
Widerspruch mit dem lebendigen Tage, in welchen wir gesetzt sind, und wie es aus einer
leeren und hohlen Gesinnungs- und Denkungsweise hervorgeht, so wird es darin bestärken.
Es mag wohl einer an einem lustigen Winterabend als Türke zur Maskerade gehen, allein was
würden wir von einem Menschen halten, der ein ganzes Jahr in einer solchen Maske sich
zeigen wollte? Wir würden von ihm denken, daß er entweder schon verrückt sei oder daß
er doch große Anlage habe, es sehr bald zu werden."
Wahrlich, das Wort eines Weisen unter Weisen! Es stammt aus dem Jahre 1827.
Wie es möglich sein konnte, daß dieses Wort erst nach nahezu einem Jahrhundert einen
Widerhall fand, erklärt Goethe selbst: "Aber Sie werden bei weiterem Leben immer
mehr finden, wie wenige Menschen fähig sind, sich auf den Fuß dessen zu setzen, w
a s s e i n m u ß." Und weiter sagt er in den Gesprächen mit
Eckermann: "Es ist nie daran zu denken, daß die Vernunft p o p u l ä r
werde. Leidenschaften und Gefühle mögen populär werden, aber die Vernunft wird immer
nur im Besitze einzelner Vorzüglicher sein."
Gerade die Leidenschaften und Gefühle sind es aber leider, die alle architektonischen und
dekorativen Elemente am Leben und damit dem ungerechtfertigten und unvernünftigen
Gebrauch, gegen den wir ankämpfen, erhalten.
Es ist nicht gerade ermutigend, wenn Goethe behauptet, die Vernunft könne niemals
populär werden! Und doch glaube ich persönlich an Offenbarungen, wie jene, welche uns
auf einmal mit schlagender Gewalt von der Unsinnigkeit einer Sache überzeugen!
Gibt es heutzutage wirklich noch einen Menschen, welcher mit dem heutigen, d. h. mit dem
modernen Leben Kontakt hat und der das Verschwinden von Säulen, Giebeln, Karyatiden,
Konsolen, Türmen, Zinnen und Schießscharten, dem ganzen ornamentalen Kram der
Blumengehänge und Girlanden, Urnen und Obelisken, Masken und Fabeltieren bedauern
könnte?
Kann ein vernünftiger Mensch wirklich bedauern, daß wir das Haus von dem Türmchen
befreit haben, das jetzt gar keinen Sinn mehr für uns hat? Jetzt, wo wir unsern Nachbar
nicht mehr beobachten brauchen, aus Angst, daß er eines schönen Tages mit bewaffneter
Hand unser Haus angreift; jetzt, wo wir Wege und Fahrstraßen nicht mehr zu überwachen
haben!
Kann ein vernünftiges Wesen bedauern, daß wir seinem Haus Veranden angebaut haben, die
keine kleinen Tempel mehr sind, mit Säulen und feierlichen Stufen, auf deren beiden
Seiten rätselhafte Sphinxe thronen?
Welcher vernünftigeMensch möchte wohl auf einem Balkon stehen, dessen Karyatiden sein
Gewicht absichtlich übertreiben, um eine Muskulatur zur Schau tragen zu können, deren
Anblick wahrhaftig nicht mit der Erscheinung des Herrn im Überrock und der Dame im
Strohhut harmoniert, die sich hinter der Brüstung ergötzen?
Daß aber den Leuten heutzutage solcher Nonsens in die Augen fällt, ist das Resultat
unserer Arbeit während der letzten fünfzehn Jahre. Es war ein fortgesetzter Kampf gegen
die Sinnlosigkeit und gegen die Gewissenlosigkeit, mit der Künstler und Publikum sich
darein fügten. Schritt für Schritt haben wir das Terrain erobern müssen. Aber was haben
wir auf dem gewonnenen Boden eigentlich wachsen sehen?
Durch die Ausstellung in Dresden im vorigen Jahr haben wir rechtzeitig einen Überblick
darüber bekommen! Sie hat mit einem Schlage alles in den Schatten gestellt, was v o
r dieser Ausstellung im Sinne eines neuen Stils geschaffen worden war. Sie hat die
Aufmerksamkeit derjenigen, die sich mit dieser Frage beschäftigen, gefesselt, so daß sie
nahe daran waren, das Wesen und das Schicksal des neuen Stils mit dem Gelingen und der
Physionomie der Ausstellung selbst zu verwechseln. Ein Teil des Publikums wird der Meinung
sein, sie habe den Charakter des neuen Stils bestimmt und geweiht; während wir behaupten,
daß sie kaum etwas dazu beigetragen hat, ihn zu fördern und seine Entwickelung zu
begünstigen, vielmehr in ihr die ernstesten Gefahren erkannt haben, die seine Ausbildung
bedrohen.
Die Dresdener Ausstellung war offenbar rückschrittlich. Statt daß wir unsere ehemaligen
Waffenbrüder an unserer Seite und mutig zur Zukunft schreitend fanden, sahen wir, wie sie
auf Wegen wandelten, die nach Damaskus führen oder in die fernen Provinzen, wohin sich
unsere Großmütter und Großtanten zurückgezogen hatten.
In dem offiziellen Katalog der Dresdener Ausstellung wurde gesagt, daß die Verwirklichung
der Prinzipien einer rationellen und konsequenten Konstruktion und der unbedingten
Echtheit des Materials die g e m e i n s a m e A b s i c h t aller
Aussteller bildet, Leitsätzee, die ich schon vormehr als fünfzehn Jahren aufgestellt
hatte.
War dies wahr? Hätte ich es gelesen, bevor ich die Ausstellung besuchte, so würde ich
mir wirklich eingebildet haben, daß wir ein geordnetes, planmäßiges Zusammenwirken
konstatieren und daß wir wirklich dem neuen Stil gegenübergestellt sein würden! Denn
besteht nicht der Stil gerade in einer a l l g e m e i n e n A b s i c h t , -
welcher Art sie auch sei? Und kann man sich dabei die innere Bewegung desjenigen
vorstellen, der sich sagt: hier handelt es sich um die Sache, die sein Schicksal besiegelt
und die seinen Lebenszweck ausmacht?
Aber welcher Täuschung gibt man sich hin, wenn man glaubt, daß wirklich irgendwelche
Absicht die sämtlichen Werke durchdrungen habe! Wohl ist der Buchstabe befolgt, - aber
der tiefe, einfache Sinn dessen, woraus diese allgemeine Absicht bestehen muß, blieb der
Mehrzahl verborgen.
In dem offiziellen Katalog ist von einer allgemeinen Absicht die Rede, welche "eine
Aufgabe zu lösen versucht, nicht nach vorhandenem Rezept, sondern nach einem Rezept, das
sich ergibt aus drei Bedingungen": dem W e s e n d e s Z w e c k e
s, dem der Raum dient, dem W e s e n d e r M a t e r i a l i e n,
die in ihm verwandt wurden, und dem W e s e n d e s M e n s c h e
n, d e r i h n s c h u f !
Aber in Wirklichkeit brachte die Dresdener Ausstellung im Gegenteil alle Konzessionen ans
Tageslicht und lieferte den Beweis, daß, was die wahre Physionomie des Stils ausmachen
muß, für alle Aussteller bis auf drei oder vier Ausnahmen nur toter Buchstabe geblieben
war! Außer diesen Ausnahmen, die mehr oder weniger erfolgreich bestrebt sind, nach diesem
Rezept - übrigens ein sehr häßliches Wort - zu schaffen, gibt es nur Figuranten, die
mit dem "Rezept" kokettieren.
In dieser Art von Koketterie waren die meisten Aussteller miteinander verwandt, und da die
Verwandtschaft schon seit ungefähr zehn Jahren besteht, hatte man Zeit genug gehabt, ein
gewisses "Niveau" zu erreichen, ein gewisses "Genre" zu schaffen. Der
Vorgang ist folgender: Ausschließlich alte, bekannte konstruktive und ornamentale
Elemente werden verwendet, aber derart, daß sie, obwohl ins
"Verschwommen-Weichliche" umgewandelt, immer noch erkennbar sind.
Das Knochengerüst, das diese Schöpfungen aufrecht erhält und vor dem Zusammenbruch
bewahrt, besteht darin, daß sie die Illusion von bekannten Formen erwecken: frühere
Säulen, Kapitäle, Konsolen usw. Um diesen Kern, um diese Illusionen herum liegt eine
Wüstenei anderer Formen und Ornamente, die weder organische noch symbolische Bedeutung
haben. Ihr Genre ist einfach ekelhaft, und man könnte gar kein besseres Beispiel finden,
um zu beweisen, wie unvergleichlich viel schöner alle architektonischen Elemente und
Formen der vorangegangenen Perioden in ihrer primitiven und charakteristischen Form sind.
Man wird in der Vorliebe, die man vielleicht für die alten Stile hegt, durch den Anblick
dieser ohnmächtigen Kundgebungen bestärkt, und selbst diejenigen finden Geschmack an den
alten Stilen, die ihn bisher nicht hatten, die ihm vielmehr Mißtrauen entgegenbrachten.
Jedermann muß einsehen, daß es nicht notwendig ist, weiter in der Entartung der alten
Stile fortzufahren. Wir glaubten uns am Ende dieser Art von Gotik, Renaissance, Barock und
Rokoko, die zum kraftlosen, entarteten und blöden Ausdruck herabgesunken sind, weil sie
fortgesetzt von Künstlern und Handwerkern, die niemals in ihnen ihre wesentliche
Schönheit erkannt, mißbraucht wurden.
Was einst schön, gesund, stark, zweckentsprechend und geistvoll gewesen, sank zum
schauerlichsten Zerrbild herab. Wenn damit Ehrfurcht bewiesen werden soll, daß die alten
Stile noch um eine Stufe erniedrigt werden, so wollen wir doch Anderen diese Art von
Pietät überlassen. Unsere Ehrfurcht wollen wir dadurch beweisen, daß wir das erhabene
Alte in Ruhe lassen und daß wir uns einem jeden derartigen Beweis von Ehrfurcht mit aller
Kraft widersetzen. Und das tun wir sicher am würdigsten, wenn wir danach streben, etwas
ebenso Gesundes, Starkes, Zweckmäßiges und Geistvolles zu schaffen, und wenn wir
bestrebt sind, aus denselben Quellen zu schöpfen wie die alten Stile, d. h. aus den
intellektuellen, moralischen und sozialen zeitgenössischen Strömungen und aus den
Anforderungen, welche die Sensibilität der Epoche stellt. Diese Figuranten verderben mit
demselben Eifer die Formen und Ornamente, die wir erfanden, als die Elemente, die ihnen
von den alten Stilen zwischen die Finger kamen. Die Handhabung bleibt dieselbe und besteht
darin: dem, was wir erfunden und geschaffen haben, gerade genug von seinem ursprünglichen
Aussehen zu lassen, um den unleugbaren Beweis liefern zu können, daß etwas Neues, etwas
Ungewohntes in ihm steckt!
Das Publikum hat Geschmack bewiesen, indem es von diesen Kompromissen nichts wissen
wollte. Zum großen Teil hat es sich der Gruppe Biedermeier und Neo-Biedermeier
angeschlossen, deren offenbare Absichten das Publikum weniger beunruhigten als die der
kleinen Künstlergruppe, die dem wahren Programm des neuen Stils treu geblieben sind.
Der Fall "Rückkehr zum Biedermeier" ist augenblicklich an der Tagesordnung, und
ich möchte ihn sowohl wie die Laune des Publikums einmal analysieren. Daß diese Epoche
faszinierend auf so viele Künstler wirkt, beweist nicht etwa, daß sie unseren
Bestrebungen, einen neuen Stil zu schaffen, offenen Widerstand entgegensetzen. Anscheinend
geschieht es wirklich aus guter Absicht, wenn diese Schule aus den Quellen der Zeit
unserer Großeltern und Urgroßeltern schöpft und wenn sie auf den Geschmack dieser
Epochen schwört. Mir wird es nicht schwer, an die besten Absichten Anderer zu glauben.
Diese Künstler handeln nur so aus wohlüberlegter Vorsicht; das Gefühl der Vorsicht ist
bei jedem von ihnen verschiedenartig und bedingt nicht etwa, daß bei einem jeden
eigennützige Berechnung vorliegt. Ihre Absichten bewegen sich gerade im "juste
milieu", und es gibt Naturen, auf die der geringste Ausdruck von Leidenschaft oder
Tollkühnheit instinktiv abstoßend wirkt, andere, die vor jedem Überschreiten der
gewohnten Schranken zurückschrecken, wieder andere, die sich vor dem geringsten
Abenteuer, auf welchem Gebiete es auch sei, fürchten. Aber solche Naturen gab es von
jeher.
Daß nicht sie es waren, die den gotischen Stil schufen und die der
"Renaissance" Leben gaben, brauche ich wohl nicht erst zu betonen, denn diese
und andere Stile besitzen gerade das, was jenen Naturen widerstrebt: Leidenschaft,
Tollkühnheit, Schrankenlosigkeit und Abenteurerlust! Man kann es mir glauben: in den
kritischen Momenten, als diese Stile entstanden, hielten sich jene Charaktere fern; denn
Fernbleiben ist ihnen zur zweiten Natur geworden!
Aber da die Entwickelung der Stile sich zu jener Zeit weniger geräuschvoll und
unauffälliger vollzog, und ohne daß Ausstellungen dazu benutzt worden wären, fühlten
sich diese Charaktere zu irgend welchen öffentlichen Bekenntnissen nicht veranlaßt.
Die Zeiten haben sich geändert. Heutzutage fühlt sich Jeder verpflichtet, öffentlich
aufzutreten, und die Äußerungen so leidenschaftsloser, vorsichtiger, gemessener und
gewohnheitsliebender Naturen können nur von der äußersten Vorsicht eingegeben sein!
Am liebsten hätten sie sich gar nicht ausgesprochen, aber sie standen zwischen zwei
Feuern: Einesteils befand sich ihr ästhetisches Gefühl in Gefahr, von den
Ausschreitungen vergewaltigt zu werden, denen sich die Tapezierer und Dekorateure in ihrer
Verirrung hingaben, und die alles, was je an ungesundem Geschmack und Schaffen existiert
hatte, übertrafen! Andernteils sahen sie sich bedroht durch die abenteuerlichen
Experimente der Neuerer, die diesem schimpflichen Zustand ein Ende machen wollten und mit
lautem Kriegsgeschrei zum Angriff stürmten! Die vorsichtigen Naturen kamen dann ganz von
selbst dahinter, daß sie in der Vergangenheit einen Ersatz finden konnten für das, was
wir in der Zukunft suchen wollten. In einer Vergangenheit, die noch nicht fern lag, die
noch nicht ganz vergessen war und die man leicht mit Hilfe der Antiquitätenhändler neu
aufleben lassen konnte!
"Laßt euer verderbliches Treiben," verkündeten sie auf der einen Seite,
"der gute Geschmack ist tot; kehrt zurück zu der Religion eurer Großeltern."
Auf der andern Seite predigten sie Ruhe und Mäßigung und sprachen: "Ihr wollt einen
Stil, dem eine gesunde, vernünftige Auffassung der Dinge eigen ist; ihr wollt die
elementare Grundform aller Dinge wiederfinden, - diesen Stil besitzen wir ja in der
Vergangenheit; er ist traditionell, er ist national! Also gebt euch zufrieden und laßt ab
von eurem Forschen! Friede wird dann herrschen und jede Aufregung vorüber sein. Bringen
wir euch nicht euer Ideal in einer milden, gemäßigten Form? Und glaubt ihr nicht, daß
ihr gerührt sein werdet von der Unschuld und Sentimentalität jener Zeit? Dieser Stil
erweckt in uns die kindisch-kostbaren Erinnerungen an Romanleidenschaften, nach deren
berühmtem Muster wir während unserer Schuljahre schwärmten."
Sicherlich hat er dasselbe an sich, was es einem nicht leicht macht, die Rührung zu
unterdrücken, welche man verspürt, wenn man ganz alte Tanten besucht, die sich in so
weit abgelegene Provinzen zurückgezogen haben, daß man sie kaum noch auf der Landkarte
finden kann. Sie leben da in Interieurs, wo liebevolle Pflege und aufmerksame,
fortgesetzte Sorgfalt allen Gegenständen eine solche Intensität verleihen, daß ein
Tisch, ein Sessel, eine Teekanne und eine Tasse zehnmal mehr Tisch, Sessel, Teekanne und
Tasse zu sein scheinen !
Ich verstehe deshalb ganz gut, daß Leute für den Biedermeier-Stil schwärmen und sich in
einer solchen Umgebung wohl fühlen. Aber man kann sich diese Leute nicht anders als
abgebraucht oder müde vorstellen. Man denkt doch nicht ans Verzichten, solange man im
Besitz seiner vollen Kraft, seiner Leidenschaften und seiner Sinne ist! Und wer noch mit
vollen Zügen aus der goldenen Schale des Lebens trinken darf, schlürft nicht Kamillen-
oder Fliedertee aus großen, goldgeränderten Tassen.
So kann ich mir nicht vorstellen, wie sich ein Biedermeier-Interieur mit dem rauhen Beruf
des Offiziers vertragen soll, oder in welcher Beziehung er zu der nervösen Rastlosigkeit
des Journalisten steht!
Ich begreife auch nicht, wodurch eine Biedermeier-Einrichtung den modernen Rechtsanwalt an
sein Heim fesseln könnte, dessen Beruf von ihm die Fähigkeit verlangt, sich in alle
Dramen und Leidenschaften des modernen Lebens, des Handelswesens und der Industrie
versetzen zu können! Oder wodurch sich ein Bankier, ein Ingenieur oder ein Fabrikdirektor
von diesem Stil angezogen fühlen könnte!
Wenn diese Leute Vorliebe für den Biedermeier-Stil an den Tag legen, so zeugt das einfach
von Perversität oder Ermüdung, tödlicher Ermüdung von aller heutigen Berufsarbeit, die
ihren Mann mit Peitschenhieben vorwärts treibt, immer weiter nach der Zukunft hin!
Ich fürchte sehr, daß die Anziehung, die der Biedermeier- und Neo-Biedermeier-Stil auf
das Publikum und auf gewisse Künstler ausüben, ein Phänomen dieser allgemeinen
Ermüdung ist.
Mir scheint, die Künstler haben es satt, auf einem Wege zu suchen, der ihnen mehr
Fehltritte, Kritik und Sorgen als Erfolge bringen muß, - und das Publikum ist müde,
unsere verschiedenartigen Versuche, kindliche, mutige und widersprechende Versuche, zu
verfolgen und auf das vollendete Werk zu warten.
Die Rückkehr zum Biedermeier ist ein Kompromiß, ein Kompromiß, der die Entwickelung des
neuen Stils bedroht, weil der Gedanke im Publikum Wurzel fassen könnte: der Biedermeier-
und Neo-Biedermeier-Stil seien imstande, die Bedingungen zu erfüllen, die wir an den
"neuen Stil" knüpfen, und machten das Maximum aus, welches das Publikum dem
Gedanken der Vernunft und der Idee eines neuen Stils einräumen will.
Gegen diese Feigheit müssen wir energisch protestieren.
Es wird schwieriger sein, das Publikum jetzt der Idee eines neuen und modernen Stils um
einen Schritt näher zu bringen, als es früher vermocht zu haben, einen großen Sprung zu
machen und seine Vorliebe für die schmählichsten Kompromisse und für die unerhörtesten
Konzessionen aufzugeben.
Deshalb fordert die Idee des neuen Stils von jetzt an mehr Rezeptivität als Aktivität
von uns, und es wäre jetzt wohl am notwendigsten, die Rezeptivität zu pflegen und sie
über all die Ereignisse, Entdeckungen und Faktoren zu unterrichten, die das Leben
unausgesetzt verändern und die einer prämodernen, alten Art des Lebens, Denkens und
Empfindens ein modernes Leben - eine Art und Weise, modern zu leben, zu denken und zu
empfinden - gegenüberstellt. Es ist durchaus wünschenswert, daß ein Jeder herbeiträgt,
was er als das moderne Leben auffaßt und empfindet, - aber dann müßte alles das zu
einem großen Ganzen zusammengesetzt werden!
Wollte man an dieser Möglichkeit zweifeln, so hieße das an der Intelligenz und an der
Aufrichtigkeit der Künstler zweifeln, die unaufhörlich und unermüdlich an der
Entwickelung des neuen Stils arbeiten.
Wollte man die Möglichkeit leugnen, daß sie in bezug auf den Wert und die
Existenzberechtigung der Elemente, die ein jeder von ihnen beiträgt, untereinander einig
sein könnten, so bedeutete das, man könne von den Künstlern nicht erwarten, was man von
den Männern der Wissenschaft verlangt, nämlich Ehrlichkeit, Vorsicht und fortwährende
Aufmerksamkeit für ihr Werk.
Es mag wohl ein kühner Vorschlag sein, an einen Jeden unter uns, an Behrens, Albin
Müller, Olbrich, Pankock, Riemerschmidt und van de Velde, das Verlangen zu richten, daß
er die Werke der Anderen anerkennen und studieren, und daß er die guten Eigenschaften
seiner Waffenbrüder - denn wir sollten uns doch lieber für Waffenbrüder als für Gegner
halten - schätzen und annehmen solle.
Wir sind an dem Punkt angelangt, wo die Persönlichkeit eines jeden der Künstler, die zu
der Entstehung des neuen Stils beigetragen haben, zur Reife gelangt ist. Das, was uns an
einer jeden Persönlichkeit gefallen oder mißfallen kann, hat seinen präzisesten
Ausdruck gefunden, und man muß annehmen, daß das, was diesen zehn Jahren des Suchens und
der Kämpfe widerstanden und sie überdauert hat, ein gewisses Recht auf Weiterleben und
auf Beachtung besitzt.
Im Grunde handelt es sich um die Grazie und Eleganz des einen, - die geistvolle Phantasie
der Konzeption und Ausführung, die raffinierte, feierliche Weihe oder den rhythmischen,
sinnenfreudigen Trieb des anderen. Und keine dieser Eigenschaften widerspricht der
nächsten. Die Idee des neuen Stils verlangt von uns, daß wir sie zum Gemeingut Aller
machen und gemeinsam von ihnen Gebrauch machen sollen. Die Stunde der Gefühle, die in
folgender Anekdote lächerlich gemacht wird, liegt fern. Sie ist erfunden, war aber
überall in Umlauf und erzählt, daß in einer Künstlerkolonie einer der Künstler
feierlich bei dem fürstlichen Schutzherrn Klage führte, ein Kollege habe ihm sein
Ornament gestohlen, und daß, als er sein Eigentum beschreiben sollte, er es als Kreis
oder Dreieck definierte.
In Dresden hat die Stunde der Einigkeit geschlagen. Ich kann bezeugen, daß ich sie vom
Glockenstuhl eines Turmes habe läuten hören, bemerkbar für alle, welche nach Dingen
ausschauen, die noch nie geschaffen wurden, und vernehmbar für die, die sich danach
sehnen, den Schall von Worten zu hören, die noch nie gesprochen wurden.
DER NEUE STIL
Es ist ein erhöhtes Griechentum, was uns entgegenkommt. (Goethe, 1808.)
IM Laufe der vergangenen neunzehn Jahrhunderte haben wir nichts Logisches oder
Vernünftiges erkannt, angenommen und erworben, es sei denn mit Gewalt und Kampf. Was wir
heutzutage besitzen, ward uns mehrere Male entrissen, nachdem wir es schon teilweise
besessen hatten.
Eine atavistische Abhängigkeit, die deutlich vom Gefühl gekennzeichnet war, von einem
Glauben und einer Moral des Gefühls, drang bis in diejenigen Künste, deren ureigenstes
Wesen ihnen verbietet, sentimental zu sein, drang bis in die Architektur und bis in das
Kunstgewerbe.
Je weiter die Architektur ihre Entwickelungskurve ausdehnt, desto mehr sucht sie sich der
Logik, mit der die antike Tradition sie durchdrungen hatte, zu entledigen und sich
rückhaltlos der Welt sentimentaler Phantasien hinzugeben.
Die logische Struktur der frühgotischen Kunst sucht allmählich zu verschwinden oder
wenigstens sich zu verstecken. Und wir werden in der Baukunst bald die Periode erreichen,
wo z. B. das Kapitäl und die Basis der Säule nicht mehr Kapitäl und Basis sind, sondern
wo sie alles tun, um ihre Bestimmung zu verbergen, - wo sie Grasbüschel, Früchte und
menschliche Wesen sind und auch als solche angesehen werden wollen! Wo die Säule nicht
mehr sie selbst ist, nicht mehr danach strebt, einfach ihre Funktion zu verdeutlichen,
sondern wo sie den Glauben erwecken will, daß sie sich ihrer entledigt, indem sie sich zu
winden, anzulehnen, einzunisten, sich zu koppeln oder zu gruppieren scheint.
Zum äußersten gesteigert, griffen diese Mißbräuche die eigentlichste Bedeutung der
architektonischen Elemente, eines nach dem andern, an; der Elemente, die man bald nicht
mehr zu der Funktion anwenden wird, die man noch kurz vorher von ihnen verlangte, wohl
aber noch zu den verschiedenen Darstellungen, deren Träger sie werden mußten.
Die Renaissance entdeckte eine Menge neuer architektonischer Elemente, die sie übrigens
keineswegs um des Organischen willen schätzte, das die Antike in ihnen erkannt hatte,
sondern um der noch nie dagewesenen sentimentalen Darstellungen willen, die an ihnen
hafteten.
Und die fortschreitende Ausscheidung jeder Logik steigert sich bis zu dem Augenblick, wo
wir die beiden Stile Barock und Rokoko erreicht haben. Beide tun ihre Abneigung gegen alle
Logik ganz öffentlich kund; sie streben nach andern Zielen! Sie treiben eine wahre
Verschwendung mit den prunkvollsten und prächtigsten Ornamenten, die je unsere Augen
erblickt haben, und suchen dadurch unsere Sinnlichkeit zu erregen.
So schlugen wir einen Weg ein, auf dem uns keine Macht der Welt vor dem verhängnisvollen
Zusammenbruch hätte bewahren können, weil keine Logik Maßhalten und Selbstbeherrschung
forderte.
Hier sieht man, wohin die ausschließliche Anwendung der Gefühle und Empfindungen führen
kann, und daß die Stile ebenso gezwungen sind, sich nach der Vernunft zu richten, wie wir
armen Sterblichen!
Und wäre nicht die französische Revolution hereingebrochen, und hätte sie nicht das,
was von Barock und Rokoko übrig geblieben war, mit einem Schlage brutal beiseite
gestoßen, so wären sie beide langsam zum unvermeidlich erbärmlichen Ende gelangt. Das,
was die französische Revolution ihnen entgegenzustellen versuchte, kam dann erst unter
der Herrschaft des Empire zu charakteristischem Ausdruck. Und es ist wichtig, daß wir uns
darüber klar werden, was eigentlich der Empirestil war; denn neuerdings zeigt das
Publikum wieder großes Interesse für ihn und seine Ausläufer.
Der Empirestil wurde zu einer wirkungsvollen und heilsamen Kur, indem er dem öffentlichen
Geschmack eine strenge Disziplin auferlegte. Es bedurfte der ganzen Anziehungskraft der
Idee des Kaiserreichs und der Rolle des Imperators, um den Geist und den Geschmack der
Menschheit zu einer weniger gefühlvollen, nüchternen Auffassung der Dinge zu führen und
zu Schaffensregeln, die Heilung brachten, weil sie kalt und überlegt waren und eine
logische Auffassung des architektonischen und kunstgewerblichen Schaffens voraussetzten.
Auch konnten die symbolischen und römischen Elemente, deren sich der Empirestil bediente,
nicht lange verbergen, was sie in Wahrheit waren: schmarotzerhaft, untauglich und ganz
unzeitgemäß. Sie waren diesem schlichten und durchdachten Stil buchstäblich ebenso
unorganisch angeklebt wie die vergoldeten Embleme und Beschläge den Möbeln, die
vergoldeten Kapitäle den Säulen der Stutzuhren und Wäscheschränke. Und als Napoleon
von der Weltbühne verschwand und mit ihm das Vorbild von Eigenschaften der Kraft und des
Willens, die, hätten sie ihren Einfluß länger ausüben können, die Bildung des neuen
Typus "Mensch" beschleunigt und damit bewirkt hätten, daß wir durch diesen
Korsen "Amerikaner" geworden wären: als Napoleon von der Weltbühne verschwand,
da zerfielen die Ornamente, deren Symbole sinnlos geworden, von selbst.
Es blieb ein Stil, von einer Schlichtheit, einer Demut, einem ruhigen Intellekt, der uns
ebenso rührt wie der Anblick eines neugeborenen Tieres!
Man kann einen Stil gar nicht ehrlicher, biederer und kleinlicher ersinnen! Auf ihm lastet
der Druck schauerlicher Revolutionserinnerungen, die lähmende Angst vor der Strafe, die
all denen drohte, welche einigen Luxus entfalteten, all denen, die Neigung hatten, sich
durch seine sinnlichen Genüsse locken zu lassen.
So wie die Nachwüchse des Empirestils uns heutzutage erscheinen, geben sie uns den
Beweis, daß schwache Intelligenzen unter gewissen Umständen nicht davor
zurückschrecken, zu der Logik ihre Zuflucht zu nehmen und an ihr einen momentanen
Stützpunkt finden, aber dennoch unfähig sind, sich durch sie befruchten zu lassen. So
kann die Liebe wohl die blassen Wangen eines bleichsüchtigen jungen Mädchens röten;
aber das bedingt noch nicht die feierliche Entwickelung zur Mutterschaft!
Die Vernunft machte die Wangen des Biedermeier-Stils erröten, aber sie ließ ihn
unbefruchtet. Die wirksame Berührung blieb aus.
Seitdem hat noch nichts die Macht des Logisch-Konzipierens und das Bewußtsein, daß in
ihm eine Kraft, der Keim zu einem neuen Stil liegt, erweckt. Der Begriff dessen, was
Architektur und das Kunstgewerbe sein müssen, verwirrt sich mehr und mehr, und gegen die
Mitte des 19. Jahrhunderts sind wir beim vollständigen Blödsinn gelandet.
Zu der Stunde, da wir auftraten, jung und ungeduldig, unsere Schaffenskraft zu betätigen,
ungeduldig, von den Älteren die Kunst zu erlernen, wie wir unsere Kräfte verdoppeln
könnten, wie wir mit ihnen haushalten könnten, um sie dauernd zu erhalten: zu der Stunde
hörten wir, daß niemand daran dachte, ein neues Schaffen in dem Bereich der Architektur
und des Kunstgewerbes von irgend jemandem zu erwarten. Wir hörten, es sei gar nicht
nötig, unsere Schaffenskräfte zu verdoppeln, da doch schon seit langer Zeit niemand mehr
Gebrauch von ihnen machte, daß es daher auch ganz unnötig sei, mit Kräften
hauszuhalten, die man ja gar nicht zu besitzen brauchte!
"Es genügt, nachzuahmen und zu kopieren," sagten unsere Lehrer. - "Man
muß nachahmen und kopieren," sagten nach ihnen ihre Schüler, die zu wenig
Unbefangenheit besaßen, um zu erkennen, daß durch diese gemeinschaftlichen, elenden
Feigheiten sowohl die Architektur als auch das Kunstgewerbe dem Blödsinn verfallen waren.
Meine Generation hat zu Beginn ihres Mannesalters den Alp gekannt, unter Menschen von
getrübter Intelligenz geführt zu werden, die mit den organischen Elementen der
Architektur spielten wie Kinder mit Bauklötzen, die Säulen und Bögen, Giebel und
Gesimse aufeinandersetzten ohne irgend welchen Sinn, ohne irgend welchen Grund, ohne
irgend welche Konsequenzen.
Wir empfinden noch heute mit Grauen, in einem Irrenhaus geweilt und der stumpfsinnigen
Beschäftigung der Leute zugeschaut zu haben, deren Gehirn gelähmt war, und die
eigensinnig, wie nur Irre eigensinnig sein können, darauf bestanden, auf allem, was ihnen
unter die Finger kam, eine Fülle und Überfülle von nackten Frauen und von Blumen
anzubringen.
Es war das Grauen vor einem solchen Alp, vor solchen Frauenleibern und Blumen; es war das
Grauen vor einer solchen Kunstrichtung und die Angst vor einer solchen Zukunft, der auch
wir entgegensahen, die uns dazu trieb, Fenster und Türen aufzureißen und nach Vernunft
zu schreien, auf daß sie uns befreie!
Im allgemeinen aber weiß das Publikum nichts von dem Drama unserer Kindheit und unserer
Jugend.
Auf unserer Kindheit lastet die düstere Langeweile der Häuser, darin wir aufwuchsen, in
denen auch nicht ein einziges Stück die Fähigkeiten und Eigenschaften besaß, die den
Dingen die Macht verleihen, ebenso wie lebende Wesen ein Fluidum von Sympathie und
Zuneigung auszustrahlen.
Auf unserer Kindheit lastet die lähmende Überfülle von Dingen, von denen auch nicht ein
einziges uns fröhlich stimmen konnte, von denen uns kein einziges spontan und
selbstverständlich diente, mit der Selbstverständlichkeit, mit der uns unsere Eltern mit
Fürsorge, Liebe und Naschwerk überhäuften und mit der unsere Dienstboten die Speisen
regelmäßig und einfach auf den Tisch setzten.
Das drückte auf unsere Kindheit, daß die Dinge nicht danach strebten, uns ihren Sinn und
ihre Bestimmung zu enthüllen; daß wir sie nie wie Freunde oder treue Diener angesehen
haben, denen wir eine tiefe und unendliche Dankbarkeit hätten widmen können, hätten sie
uns je das Gefühl eingeflößt, daß sie uns liebten, daß sie etwas Unentbehrliches und
Nützliches für uns bedeuteten.
Auf unserer Jugend lastete unausgesetzt die Häßlichkeit der Schulsäle und Wohnungen,
eine Häßlichkeit, die nagt und zehrt wie das Laster; eine Häßlichkeit, die Herz,
Gehirn und Fleisch anfrißt; eine Häßlichkeit, die uns ebenso anwidert wie der Schmutz
der Großstädte, der uns am Fleisch, am Herzen und am Gehirn haftet. Und so machten wir
uns befleckt und besudelt auf den Weg. Die elterliche Fürsorge hat uns wohl vor manchen
Krankheiten geschützt, aber die der Häßlichkeit hatte man uns unbarmherzig eingeimpft!
Es ist gleichsam ein Wunder, daß wir uns aus den Trümmern einer Religion
herausgearbeitet haben, die mit berechnender Demut die Vernichtung all unserer Sinne
bewirkte und zur Verneinung des irdischen Glückes, zur Verneinung der Augenfreude und der
Schönheit des menschlichen Körpers führte.
Es ist ein Wunder, daß wir uns von den Trümmern einer Moral befreiten, die sich hinter
eine Religion verschanzte, welche lehrte, man könne sich nach Schluß der Abrechnung von
allem Bösen loskaufen,
. . . daß wir uns aus den Trümmern einer unbarmherzigen und grausamen Gerechtigkeit
herausgearbeitet haben, - "einer Tochter des Zorns und der Furcht", wie Anatole
France sagt,
. . . aus den Trümmern einer auf Hypothesen und metaphysischen Zerlegungen aufgebauten
Wissenschaft
. . . aus den Trümmern einer bis zur Perversität degenerierten Kunstauffassung, die
ausgesucht für solche Malerei und solche Skulptur eine Vorliebe hegte, denen gerade die
unentbehrlichsten Qualitäten fehlten: die Qualitäten des Materials, der Form, der Linie,
der Farbe und des Rhythmus! Einer Kunstauffassung, die für all das eine Vorliebe hegte,
was als Literatur eine mit Schachteln voll sentimentaler Erinnerungen, Puderbüchsen und
Musikdosen gefüllte Seele umschmeicheln konnte; eine Vorliebe für all das, was als Musik
den Lippen und den Fingern des bleichen Pensionsmädchens das schwächliche, endlose
Schmachten spießbürgerlicher Leidenschaften entlocken konnte.
Zwischen der jetzigen und der vorangegangenen Periode herrschen absolute
Meinungsverschiedenheiten in bezug auf die fundamentalsten Begriffe: Religion, Moral,
Recht und Gericht; absolute Meinungsverschiedenheiten über das eigentliche Wesen der
Kunst und der Genüsse, die wir von ihr erwarten.
Die erste Bedingung scheint mir also bereits erfüllt, durch die ein neuer Stil ins Leben
gerufen wird, die Bedingung, daß von den Menschen neue moralische und physische
Eigenschaften verlangt werden.
Die Gefühle bedingten die Moral der vorangegangenen Periode, - was sie in der Kunst
genoß, war das Gefühl! Die Logik und die Vernunft bedingen die Moral der modernen
Periode. Was sie in der Kunst genießt, beruht auf dem logischen und vernünftigen
Gebrauch des Materials und der Mittel, die jeder Kunst eigen sind. Und diese beiden
verschiedenen Richtungen sind einander so entgegengesetzt wie Osten zu Westen, die
Endziele einander so ungleich Wie der Orient dem Okzident.
Die Bedingungen des materiellen Lebens haben sich so ungeheuer geändert, daß ein Mensch,
der vor knapp hundert Jahren gelebt hat und jetzt plötzlich auferstände, sich gewiß
nicht auch nur einen Tag lang der neuen Atmosphäre anpassen könnte.
Die modernen Erfindungen, die Anwendung von Dampf und Elektrizität brachten mehr als eine
allmähliche und oberflächliche Umwälzung; sie bewirkten einen plötzlichen und
fundamentalen Umsturz. Und durch die veränderte Atmosphäre, die die modernen
schöpferischen Ideen hervorgerufen hatten, ebenso wie durch die fundamentale und logische
Umwandlung der Art und Weise, unsere materiellen Bedürfnisse zu befriedigen, wurde ein
neuer "Typ" Mensch geboren. Ein Typ, der so grundverschieden ist von dem der
ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, daß ich um die Erlaubnis bitte, die beiden Typen
benennen zu dürfen: den modernen und den prämodernen Menschen.
Der moderne Mensch wäscht, badet, kleidet und wärmt sich anders als der prämoderne
Mensch; er liest, arbeitet, geht und reist anders und sucht sich auf andere Art zu
zerstreuen. Der prämoderne Mensch badete, aß und arbeitete sentimental, indem er es
liebte, ein hygienisches Sprichwort auf seinem Handtuch oder seinem Badeteppich zu lesen,
ein lustiges Distichon auf seinem Bierseidel, provozierende Reime auf seinem Ofen, gemalte
Blumen auf seinem Tischgeschirr und moralische Sprüche in seinem Arbeitszimmer.
Der prämoderne Mensch arbeitete sentimental, weil er die Arbeit als eine Buße auffaßte;
er reiste sentimental, weil ihm die gemessenen und langsamen Fortbewegungsmittel, die ihm
zur Verfügung standen, Mußestunden genug ließen, um sich lyrischen Herzensergießungen
hinzugeben.
Auch seine Zerstreuungen waren sentimental, weil er in allem, was er las, in allem, was
ihm auf dem Theater oder an anderer Stelle geboten wurde, immer das heraussuchte, was ihm
die großen Leidenschaften an möglichst unlogischer und belangloser Romantik darboten.
Der moderne Mensch wäscht, badet und kleidet sich vernünftig, insofern als er alle
Utensilien und Instrumente, die er zu seiner Toilette braucht, im Sinne der angemessensten
und logischsten Form vervollkommnet hat, er ißt vernünftig, denn er verbannt
systematisch die Gläser in Form von Blumen oder Vögeln von seinem Tisch, die Jardinieren
in Form von Schwänen, Amorettenreigen oder Tänzerinnen, er verbannt den gefühlvollen,
zoologischen Fruchtaufsatz, der eine oder mehrere Giraffen vorstellt, die alle ihre langen
Hälse vergebens nach den Früchten recken, die hoch oben zwischen Palmenblättern
hängen.
Der moderne Mensch kleidet sich vernünftig, was man auch dagegen sagen mag, und seit
kurzer Zeit trägt die Frau entsetzliche Säcke, weil sie im Grunde vernünftiger
konstruiert sind als die Kleider, die die Mode und die Schneiderinnen bevorzugen.
Der moderne Mensch reist vernünftig, weil er dabei weniger Zeit verliert, weil er nicht
durch Hunger und kaum von Müdigkeit in den Zügen zu leiden hat, die ihm Gelegenheit
geben, in einem Speisewagen zu essen und in einem Bett zu schlafen.
Der moderne Mensch sucht mit Vorliebe vernünftige Zerstreuungen, denn er sucht in den
Büchern, die er liest, und in dem, was ihm auf dem Theater oder anderswo geboten wird,
immer die psychologischen Probleme, deren Endresultate ebenso herausgearbeitet sind wie im
Verfahren einer lebendigen, meisterhaften Mathematik.
Wenn wir uns alle die Dinge vorstellen, die dem Menschen dazu dienen, seinen Körper zu
pflegen, sich auszuruhen, sich zu nähren und zu kleiden, zu reisen und sich zu
zerstreuen; könnten wir der modernen Zahnbürste die prämoderne Zahnbürste
gegenüberstellen; könnten wir den Nagelpolierer, die Kämme, die Waschschüssel, die
Badewanne, das Bett, das Tischgeschirr, die Gabel und den Löffel, die Pfeife, den
Spazierstock und die Schlittschuhe, die Wagen, die Kleider, die Möbel und das Haus des
modernen Menschen mit denselben Gegenständen des prämodernen Menschen vergleichen, so
würden wir sehn, daß man die Formen aller dieser Gegenstände gar nicht mehr miteinander
vergleichen kann. Sie rufen zwei verschiedene Welten hervor, die wenig Grund haben, sich
einander zu nähern, die im Gegenteil viele Gründe haben, einander zu bekämpfen.
Ist es aber nicht besser, daß man sich deutlich darüber ausspricht und daß dann
Jedermann Stellung nehmen kann, je nachdem er die Überzeugung hat, daß sich alles nach
den Gesetzen des Gefühls regelt, erklärt und rechtfertigt oder sich nach den Gesetzen
der Vernunft und nach Vernunftgründen richtet?
Man muß vorderhand kategorisch sein, denn die Krankheit ist gar zu schlimm, und wir
wollen uns ja von ihr heilen. Später können wir sehn, ob es möglich sein wird, weniger
streng zu sein.
Es war ungewöhnlich, daß wir die Entstehung eines neuen Stils mit so leidenschaftlichem
Kampfesmut begleiteten, soviel Überlegung, soviel gewissenhafte Anstrengung und
fleißiges Studium daransetzten, als ob es steh um eine Sache handelte, deren Aufkommen
nur davon abhinge.
In dieser Überlegung und dieser Gewissenhaftigkeit sahen manche gerade Zeichen der
Vergeblichkeit des Bemühens, einen neuen Stil herauf zuführen.
Aber ist nicht bewiesen, daß nicht auch ein großer Teil von Gewissenhaftigkeit zum
Aufblühen der vorangegangenen Stile beigetragen hat, mir scheint es leicht, den Beweis
des Gegenteils zu erbringen.
Bis jetzt konnten die Stile aufeinander folgen, ohne daß der, welcher seinen Teil als
Neuankommender beanspruchte, seinem jemaligen Vorgänger den Vorwurf der Häßlichkeit
hätte machen dürfen. Und infolgedessen konnte der Kampf weder so überlegt, noch so
bitter und erbarmungslos sein!
Ich stelle mir die Umwandlung des Barock ins Rokoko ohne jeden Stoß und wie eine ganz
harmonische Entwicklung vor, und ich glaube z. B. nicht, daß die Pietät, welche die
Väter und Mütter der Rokoko-Generation für die Möbel ihrer Eltern hegten, ihre Kinder
zur Empörung reizte. Trotzdem waren die Kinder nicht ehrerbietiger und ihren Eltern nicht
mehr ergeben, als wir. Aber die Barockmöbel waren eben nicht ohne Schönheit für sie,
während die Möbel, die unsere Eltern liebten, für uns ohne jede Schönheit sind.
Auf Abscheu kann man auch weiterbauen! Und sobald sich ein solcher Abscheu unserer
bemächtigt hat, müssen wir uns, je nachdem unser Geschmack und unser Charakter mutig
oder feige sind, entweder vor- oder rückwärts wenden.
Um der Gegenwart zu entfliehen und der gegenwärtigen Häßlichkeit, zogen Ruskin und
Morris unsere Blicke auf die Schönheit alter Dinge; aber damit begrenzten sie die
Nutzanwendung ihrer Vorschläge und die Wirkung ihrer Schöpfungen, die nur von den jungen
Leuten der englischen Gesellschaft, die wie Ruskin und Morris in Oxford erzogen worden
waren, verstanden und genossen werden konnten; nur von denen, die wie sie auf den Genuß
und das Verständnis dessen vorbereitet waren, was die Umgebung und das Leben der
englischen Universitäten ihnen an Auserlesenem und Verblichenem zu genießen boten.
Um der Häßlichkeit zu entfliehen, zog Viollet-Leduc unsere Blicke auf die Schönheit
alter Dinge. Man muß sich den vollständigen Verfall des französischen Geschmacks
während der Herrschaft des zweiten Kaiserreichs ins Gedächtnis rufen und die krankhafte
Geistesabwesenheit für alles, was nicht Lustbarkeiten oder Tuilerien war, um zu
verstehen, wie wenig Aussicht er hatte, gehört zu werden, wie wenig Aussicht, den
Geschmack in eine absolut entgegengesetzte, als die zur Zeit herrschende Richtung leiten
zu können.
Man muß sich die Tendenz des deutschen Geschmacks vorstellen und das Niveau, auf das die
Kunst in Deutschland zu der Zeit gesunken war, als Semper gegen den herrschenden Geschmack
Stellung nahm und seine Theorien entwickelte, um sich den geringen Widerhall, den seine
Lehre fand, erklären zu können.
Jetzt scheint uns die Lehre Sempers umso schlagender, als wir sie als solche annehmen und
sie weniger in seinen Bauwerken suchen. Es ist Semper nicht gelungen, seinen Theorien
entsprechende und überzeugende Außenformen zur Seite zu stellen. Er verkündete das
Prinzip, das wir heute in allen Äußerungen des modernen Geistes und des modernen Wesens
erkennen: das fundamentale Prinzip von der unvermeidlichen Notwendigkeit aller
Konstruktionen, aller Formen, aller Gegenstände, das fundamentale Prinzip der modernen
Auffassung, die nichts zuläßt, was nicht so wäre, wie es sein muß, was nicht als das
erschiene, als was es erscheinen muß!
Die Formen aber, die überzeugend sind, weil sie so sind, wie sie sein müssen; neu, weil
sie vernünftig und überlegt sind; die selbstverständlichen und bestimmten Formen einer
rationellen und konsequenten Architektur und eines Kunstgewerbes, das nach absoluten
Formen und Konstruktionen sucht, diese Formen hat Semper trotz seines Versprechens der
Welt nicht geben können.
Sie sind in jedem Gehirn verborgen, in jedem Gehirn, dessen Mechanismus nicht gestört und
nicht gehemmt ist durch die Einwirkungen zu eingehender archäologischer Kenntnisse oder
zu starker phantastischer Vorstellungen.
Man werfe das schwächste Andenken an alte architektonische Elemente, die geringste
Sentimentalität in das Uhrwerk des Gehirns, und sofort wird es unfähig sein, normal und
logisch zu funktionieren.
Das Gehirn, das auf der Suche nach absoluten Formen ist, kann sich ebensowenig durch
sentimentale Erinnerungen und Anregungen zerstreuen oder beeinflussen lassen, wie das,
welches wissenschaftliche Endlösungen sucht.
Ich gestehe, daß ich keinen Grund einsehe, warum derjenige, der danach streben würde,
alle Probleme auf dem Gebiete der Baukunst und des Kunstgewerbes mittels der Vernunft zu
lösen, in einer Sackgasse enden müßte. Jede vernünftige und überlegte Sache trägt
doch ihre Entwicklung und ihre Endlösung in sich. Hieße das wirklich die Kunst in die
Enge treiben, wenn man die Zeit eines Künstlers gerade solange in Anspruch nähme, als
nötig wäre, um sich über die Grundbestimmung der Elemente und über die Natur der
Materialien, die er gebraucht, zu unterrichten, um ihn zu fragen, warum er sie anwendet,
und warum er sie so und nicht anders anwendet? Worauf es ankommt, ist, daß derjenige, der
sich einer solchen Disziplin unterworfen hat, außerdem noch mit der Sensibilität und
Empfänglichkeit begabt ist, die den Künstler auszeichnen.
Es ist nicht gesagt, daß der Weg, der strikt vorgezeichnet und ohne Abwege ist,
notwendigerweise in eine Sackgasse führen muß.
Die Höhen, die das Tal einschließen, leiten den Gebirgsbach zum reichen, breiten Strom,
und der Strom muß seinen Weg durch eine Reihe der verschiedensten Landschaften nehmen -
durch liebliche und feierliche, durch lachende und ernste, durch flache und steinige -,
ehe er die mächtigen Wasser des Meeres erreicht!
So ist es mit dem künstlerischen Schaffen und mit der künstlerischen Empfindung, die von
Prinzipien geleitet sind, durch die sie durch fortgesetztes Verfolgen derselben Richtung
zum Stil gelangen.
Noch vor zehn oder zwölf Jahren hatten wir keine Ahnung von dem, was wir heute "den
modernen Stil" zu nennen pflegen, und der Wunsch, einen modernen Stil zu besitzen,
hatte sich auch noch nicht sehr intensiv gezeigt.
Wenn auch Einige unter uns auf den inferioren Zustand aufmerksam machten, in dem wir uns -
den vorangegangenen Jahrhunderten gegenüber - befanden, so lag in diesem Vorwurf die
Naivität, daß jedes Jahrhundert seinen eigenen Stil besitzen müsse.
Wir hatten uns daran gewöhnt, von einem Stil des 17. Jahrhunderts, von einem Stil des 18.
Jahrhunderts zu sprechen; und wir schienen es zu entbehren, nun nicht in der Serie
fortfahren zu können. Da wir am äußersten Ende des 19. Jahrhunderts angelangt waren,
war keine Zeit mehr zu verlieren, und diejenigen, die die Idee eines neuen Stils
beschäftigte, wurden, wenn sie auch bis dahin keinerlei Ungeduld gezeigt hatten, auf
einmal unruhig und fieberhaft erregt.
Die Eisenkonstruktionen, die Forth-Brücke, die große Maschinenhalle der Pariser
Ausstellung von 1889 und der Eiffelturm profitierten von dieser Ungeduld und wurden
seither für das angesehen, was sie in der Tat sind: Äußerungen einer neuen Architektur.
Der Streit, der in bezug auf sie und in bezug auf die neu angeregte Idee einer neuen
Architektur entstand, hatte aber eine ganz falsche Richtung eingeschlagen. Das Publikum
und die Ästhetiker, die gegen die Eisenkonstruktion Stellung nahmen, beschäftigten sich
ebenso wie die Verteidiger der Eisenkonstruktion nur mit der einen Frage: Ist es möglich,
die Eisenkonstruktion schön zu gestalten oder nicht? Alle schienen die Vorstellung zu
haben, es hinge von dieser einzigen Bedingung ab, ob sie uns dazu verhelfen würde, einen
neuen Stil zu schaffen. Aber die Schönheit ist nicht absolute Bedingung für die Idee des
Stils.
Stil und Schönheit sind zwei klar voneinander getrennte Begriffe, sie hängen nicht
voneinander ab, - ja sie können sich sogar gegenseitig ausschließen. Nach Schönheit
trachten, heißt nicht nach einem Stil trachten! Schöne Dinge schaffen, heißt noch nicht
einen Stil schaffen! Um zu einem Stil zu gelangen, bedarf es eines verbindenden Elementes
und einer einheitlichen Richtung.
Der Stil behält sich alle die Eigenschaften, die eine Familie besitzt, vor; es gibt
schöne Familien und es gibt häßliche Familien, es gibt schöne Stile, aber es gibt
ebensogut auch häßliche Stile.
Schließlich ist der Streit, ob ein Ding, ob ein Werk schön oder häßlich sei, immer
erfolglos. Es gibt keine Worte, die Schönheit zu definieren, kein Argument, sie
nachzuweisen, und der Streit um die Eisenkonstruktion, der sich nur um die Frage: Ist sie
schön oder nicht? drehte, verursachte, daß man übersah, worauf es im Grunde am meisten
ankam, nämlich, daß sie von einem neuen Konstruktionsprinzip, von einem neuen Gesetz
durchdrungen war.
Wir waren auf dem Weg, der uns zu einem Stil führen mußte, lange ehe wir erkannt hatten,
in welcher Richtung er uns führte. Solche Werke, wie sie uns die Eisenkonstruktion
vorführte, hätten uns die Augen öffnen müssen über das Prinzip, das sie mit einer
Klarheit offenbarte, wie es noch kein anderer Stil in so überzeugender Weise getan hatte.
Die Eisenkonstruktion ließ wirklich die logische Auffassung und den Sinn der Konstruktion
zutage treten, die sich seit der dorischen Kunst noch nie so nackt, so mächtig und so
schön vor unseren Blicken gezeigt hatten.
Und beide, die logische Auffassung und der konstruktive Sinn, erscheinen mir seitdem wie
zwei schöne griechische Körper, die in wundervoller Nacktheit emporsteigen aus der
abgelegten Hülle der Sentimentalität, die zu ihren Füßen niederfällt . . .
Seit dem Beginn der christlichen Ära war ihr Anblick unseren Augen entzogen. Die
Wißbegierde und das Verlangen, das die Renaissance kundgab, war keine naive Begierde,
kein naives Verlangen. Erst mit dem Beginn der modernen Ära und mit der Entdeckung der
Eisenkonstruktion wurde unsere Wißbegierde und unser Verlangen in bezug auf Architektur
und Kunstgewerbe naiv und mächtig!
Die Hingabe eines nackten Körpers bedeutet die Hingabe von Kräften, aus denen selbst ein
Greis neues Leben schöpfen kann, und unserer Menschheit wird eine solche Hingabe
dargebracht! Eine Hingabe von Begriffen, die uns in ihrer Nacktheit so herrlich
erscheinen, daß es ein Verbrechen wäre, die niedergefallenen Gewänder aufzuheben! Diese
wunderbaren Geschöpfe wollen frei auf neuen Bahnen wandeln! Und wäre es nicht wirklich
ein Verbrechen, die zurückzuhalten, die nach der Zukunft trachten, deren Natur es ist, zu
ihr hinzustreben und ihren Körper und ihre Formen frei und schön zu entwickeln?
Die Eisenkonstruktion erschien absolut frei von dem, was die Archäologen mit dem
"Nachleben", die Naturwissenschaftler mit "Rudimenten" bezeichnen.
Aber der menschliche Verstand ist so langsam und so unfähig, sich gerade von diesen
nachlebenden Formen loszumachen, daß, trotzdem uns das Eisen so deutlich offenbart hatte,
es wolle von allen sentimentalen Abirrungen frei bleiben, wir es doch nicht unterlassen
konnten, Säulen mit korinthischen, byzantinischen und gotischen Kapitälen aus Eisen zu
gießen und aufzustellen.
Der Streit um die Frage: "Ist die neue Architektur schön?" zog sich unglaublich
in die Länge und verhinderte uns zu erkennen, wie wir allmählich zu einem Stil
gelangten, der als der erste nicht von der Erbsünde belastet war.
Man soll trotzdem nicht die Rolle überschätzen, die die Eisenkonstruktion in der
Entwicklung der Architektur gespielt hat, und man soll nicht behaupten, daß sie allein
die Architektur der Zukunft begründen wird.
Aber es ist nicht mehr daran zu denken, das Joch des grundlegenden Prinzips dieser dem
Metall angepaßten Konstruktionsart abzuschütteln oder eine andere Richtung als die,
welche dies Prinzip uns vorschreibt, einzuschlagen. Es setzt dem menschlichen Gehirn
bestimmte Grenzen, und dieses wird sich zufrieden geben müssen, nicht über sie hinaus zu
suchen.
Es setzt unsere Erfndungskraft wie einen Eisenbahnzug auf Schienen in Bewegung. Und sie
liefe dieselbe Gefahr wie ein Zug, wollte sie von ihren Gleisen abweichen, und gleich ihm
bedarf sie der Gleise, um zum Endziel zu gelangen.
Man hat uns den Vorwurf gemacht, daß wir das Dogma der "rationellen Schönheit"
aufgestellt hätten. Doch ist es mit diesem Vorwurf wie mit so vielen andern: er hält
keiner gründlichen Untersuchung stand.
Wir haben unstreitig alle nur möglichen Anstrengungen gemacht, um die Auffassung der
Nützlichkeit aus dem Mißkredit und der Verachtung, in die sie gefallen war,
herauszuholen;
. . . wir haben sie unstreitig gegen den Hochmut und gegen die Art und Weise
verteidigt, die die Sentimentalität ihr gegenüber angenommen hatte;
. . . wir haben unstreitig mit innigem Behagen die Bilanz der Sentimentalität
gezogen, ihren Bankerott konstatiert und den Vorschlag gemacht, dem rationellen Schaffen
das Amt zu übertragen, das die Sentimentalität so schlecht ausgefüllt hatte.
Aber was die Behauptung anbetrifft, wir wären der Ansicht, daß alles, was vollkommen
nützlich, auch vollkommen schön ist, so liegt zwischen dieser Behauptung und unserer
wahren Ansicht der ganze Unterschied, der zwischen dem liegt, was wir wirklich sind, und
dem, was unsere Gegner aus uns machen möchten.
Der vollkommen nützliche Gegenstand, der nach dem Prinzip einer rationellen und
folgerichtigen Konstruktion geschaffen wurde, erfüllt die erste Bedingung der Schönheit,
erfüllt eine unentbehrliche Bedingung der Schönheit; und dadurch, daß wir diese
unentbehrliche Bedingung forderten, bestimmten wir allerdings den Unterschied zwischen der
modernen Schönheit und der prämodernen und mittelalterlichen Schönheit.
Mir erscheint es unmöglich, daß wir heutzutage noch einem Gegenstand Schönheit
zusprechen, der sichtlich nicht die seinem Gebrauch entsprechende Form hat, dessen Form
sich nicht von all dem freigemacht hat, was ihr eigentliches Sein und ihre Bestimmung
verleugnet.
Und wenn wir öffentlich bekennen, daß diese Eigenschaft ein conditio sine qua non der
modernen Schönheit ist, so sind wir doch nicht so blind, um nicht zu fühlen, daß die
moderne Schönheit, um wirklich Schönheit zu sein, sich auch auf Sensibilität stützen
muß. Auf die Art von Sensibilität, die ihre Wirkung beim Betrachten der Linien und ihrer
Verhältnisse, der Farben und ihrer Verhältnisse zueinander ausübt - beim Betrachten der
Verhältnisse nebeneinander oder gegenübergestellter Materialien von gleicher oder
verschiedener Natur.
Die Gesetze und die Bedingungen der Schönheit währen ewig, jedoch die Verhältnisse der
Linien zueinander, der Farben zueinander und des verschiedenen Materials zueinander kann
man verschiedenartig empfinden. Aber die Natur dieser Sensibilität bleibt dieselbe. Sie
schöpft aus dem Mächtigsten und Reinsten, was in uns ruht: aus der Wollust, mit der wir
uns selbst in direkte Verbindung mit allem setzen, was das innerste Wesen aller Dinge
ausmacht: mit dem Rhythmus. Durch die Wollust, mit der wir die Verhältnisse der Linien,
der Farben und des Materials empfinden, sind wir zum Begriff der Schönheit in der
Architektur gelangt, wie weit sie auch von der modernen Architektur entfernt war. Durch
die Wollust, mit der wir die Verhältnisse der Töne und Worte, ihre Akzente und ihre
Folge empfinden, sind wir zur Schönheit in der Musik und der Poesie gelangt, wie weit sie
auch von der modernen Musik und Poesie entfernt war. Und niemals haben wir das Gefühl der
Befremdung und des Entferntseins empfunden, wie wir es im Bereich der Gefühle verspürt
hätten.
Auf dem Wege der Gefühle hätten wir niemals die antike Kunst, die heidnische Seele
gefunden; wir hätten niemals die Schönheit gefunden, der wir als moderner Schönheit
huldigen. Denn die Gefühle, die die Menschen des alten Ägyptens und Griechenlands zum
Handeln veranlaßten, sind für uns wenig verständlich. Aber die Sensibilität der
Ägypter und Griechen ist im Gegenteil keiner Epoche so verwandt und so ähnlich, wie der
unsrigen; und ich denke, es ist keine Übertreibung, wenn ich behaupte, daß die antike
Kunst erst seit kurzer Zeit wahrhaft verstanden und geschätzt wird.
Man muß das Gefühl kennen, das einen beim Anblick der Linie jenes eisernen
Schiffsschnabels erbeben ließ, den Krupp im Jahre 1902 in Düsseldorf ausstellte, um
dieses selbe Beben beim Anblick der Profillinie des Rhamses-Kolosses, der im Wüstensand
von Memphis ruht, zu verspüren. Man muß den Reiz der fieberhaft erregten Linie der
Grisetten von Guys, der Tänzerinnen von Degas und der geisterhaften Erscheinungen
Lautrecs genossen haben, um die fieberhaft-sinnliche Erregung der Linien der Silhouetten
zu genießen, die in Flachrelief in langer Folge einherschreiten auf den Steinwänden der
unterirdischen Gräber des Mastaba von Ti zu Sakkara. Man muß die aufrichtige, gebietende
Schönheit der einzelnen Teile der Maschinen tief empfunden haben, - dieser riesigen
Maschinen, die mit feierlicher, weihevoller Gebärde die elektrischen Akkumulatoren laden,
um die göttliche Harmonie und den vollkommenen Rhythmus des Parthenon zu empfinden.
Unsere Sensibilität ist derjenigen der antiken Künste verwandt.
Das mag paradox klingen und noch paradoxer, wenn ich von moderner Heiterkeit sprechen
würde; aber Sie werden darüber nachdenken; und da Sie wohl keinen Einwand finden werden,
der gegen das Verlangen zu machen wäre, daß die Dinge so seien, wie sie sein sollten, so
werden sie bald selbst den Wunsch bekennen, nicht nur Dinge, sondern auch Menschen um sich
herum zu sehn, die so sind, wie sie sein sollen.
Das würde die Kraft und die Schönheit der zukünftigen Welt und Gesellschaft ausmachen,
wenn alle Personen, die auf der Weltbühne sind, urwüchsig, wahrhaftig und sensibel
wären.
Nach alledem, was wir soeben auseinandergesetzt haben, erscheint es klar, daß in bezug
auf die Auffassung aller Werke der Architektur und des Kunstgewerbes der moderne Stil mit
dem griechischen Stil seine Richtung im Sinne der Logik gemein haben wird, - ebenso aber
auch seine Fähigkeit, die raffinierteste Sensibilität zu erregen.
So hat das, was nur wie eine Vorliebe, wie eine vorübergehende Zuneigung erscheinen
konnte, eine Daseinsberechtigung, die an die Basis und an die Grundprinzipien des modernen
Stils reicht. Und wir haben Grund, uns mit dieser Verwandtschaft vertraut zu machen, und
werden uns gewiß auf der Suche nach Formen begegnen, wenn wir ähnliche Probleme zu
lösen und ähnliches Material zu verwenden haben.
Es ist ja unvermeidlich, daß Operationen der Vernunft, die den gleichen Gegenstand
behandeln, auch zu ziemlich gleichen Endresultaten führen müssen, und ich sehe nicht
ein, durch was sich die Form einer Vase, eines Glases oder irgend eines andern
Gegenstandes, den die Antike ebensogut kannte wie wir, und der nach den Gesetzen einer
rationellen und konsequenten Konstruktion geschaffen war, durch was sich diese Form von
der unsrigen unterscheiden sollte, es sei denn durch die Sensibilität, die uns dazu
treibt, andere Verhältnisse, andere Einbiegungen und Wölbungen der Linie, andere Farben
und Ornamente zu wählen, als die Künstler der antiken Welt.
Die Sensibilität ist von ausgesprochen veränderlicher Natur, und die Ursache ihrer
Variationen umfaßt die ganze Charakteristik des Menschen einer Epoche und was ihn von
einer andern Epoche unterscheidet.
Jede Epoche hat ihre Sensibilität für sich, die sich in allem ausspricht, in Politik,
Wissenschaft und Kunst. Jede Epoche hat ihren Rhythmus, der alles durchdringt. Ohne das
ist eben keine Epoche. Man hat in unserer Sensibilität eine gewisse Erschöpfung, eine
gewisse Müdigkeit erkennen wollen, und in dem modernen Rhythmus eine gewisse Mattigkeit
und Entkräftung.
Nun, die Sache steht so: wir verlegen den Akzent der Linie an eine andere Stelle, legen
den Akzent der Farbenfolge anders, als die vorangegangenen Epochen.
Die Hand, die die Linie zieht, überschreitet den Punkt des normalen, vollkommen
abgewogenen Akzents, wie ihn die Antike anwandte. Das moderne Auge versetzt den Augenblick
des normalen Akzents der Farben-Aufeinanderfolge, ebenso wie das moderne Ohr dazu neigt,
das zu genießen, was man noch lange "Dissonanzen" nennen wird. Die Hand und das
Auge verlegen den Akzent weiter und tiefer, als man ihn bisher zu setzen gewohnt war.
Es ist alles, absolut alles, was das moderne Leben ausmacht, was den neuen Rhythmus und
neue Harmonien bestimmt. Der neue Rhythmus bedingt die Stellungen der Herren, die im Salon
die Arme tiefer kreuzen und tiefer ausgeschnittene Westen tragen, wie die Haltungen der
Damen, die die Büste und die Taille tiefer tragen und so den akzentuierten Teil ihrer
Silhouette verlegen. Ebenso fühle ich in den Gegenständen und Blumen, die unser
Raffinement wieder auffand oder neu entdeckte, den neuen Rhythmus und dieselbe Nuance des
Akzents: die Narzissen und Jonquillen, von denen Oskar Wilde in seinen
"Intentions" sagt, daß sie "griechische Objekte aus der besten Zeit
seien", die Alpenveilchen, die Iris und die Orchideen.
Der Flachbogen der Eisenkonstruktion, der Brücken, der Bahnhofs- und Ausstellungshallen
ist über unserer Epoche ausgespannt. Er bedingt die Möglichkeiten des modernen Rhythmus
ebenso wie der Parallelismus der geraden Linie den Rhythmus der griechischen Kunst
bedingte, und der Bogen und der Spitzbogen den Rhythmus der romanischen und der gotischen
Kunst!
Wir, die wir das Gesetz aufstellten, daß "die Linie eine Kraft ist", konnten
das nicht übersehen.
Ich glaube, daß wir von nun an einen modernen Stil besitzen werden, ebensogut wie ich
glaube, daß wir von nun an eine moderne Schönheit besitzen; aber ich muß hinzufügen,
daß wir bis jetzt nur unserer Wenige sind, die sie erkennen, und daß wir bis jetzt uns
noch wenig einig sind darüber, was der neue Stil, was die moderne Schönheit sein wird!
Wenn wir gewissen Kunstschriftstellern glauben wollten, so hätten wir heutzutage die Wahl
zwischen mehreren modernen Stilen; das hieße aber "Nehmen" oder
"Lassen" und würde genau die Wichtigkeit der Überlegenheit einer politischen
Partei über die andere haben, oder von Pferden, die sich um die Gunst des sportliebenden
Publikums streiten. Am Start: Jugendstil, Sezessionsstil, Belgischer Stil, Wienerstil. Am
Ziel: Die Kunstschriftsteller und Industriellen, alle aus den verschiedensten Gründen
unruhig und erwartungsvoll.
Inzwischen geht das Rennen seinen Gang - einige Pferde haben sich schon die Beine
gebrochen. Übrigens ist das das Aktuelle an der Sache und das, was am wenigsten in
Betracht kommen kann. Es vollzieht sich eine vollständige Umwälzung in dem
künstlerischen Entstehungsprozeß der Architektur und der Kunstgewerbe, der, von allen
romantischen Gefühlen befreit, sich von selbst den Normen rationeller und konsequenter
Konstruktionen, den Gesetzen einer neuen Ornamentik, welche die wichtigste Ureigenschaft
der Linie entdeckte, anvertraut. In ihr erkannte die neue Ornamentik eine Kraft, welche
wie jede andere Kraft wirkt, bestimmte Konsequenzen nach sich zieht und sich gewissen
Gesetzen unterwerfen muß.
Ein Prinzip und ein Rhythmus haben die neuen Formen und die neue Ornamentik durchdrungen.
Man darf in dem heutigen Kampf zwischen dem, was das Publikum irrtümlicherweise noch
"Jugendstil" nennt, dem "Sezessionsstil" und dem "Wiener oder
belgischen Stil" nur einen Konflikt verschiedener Richtungen sehen. Und man müßte
sich freuen, daß der Kampf ein ziemlich erbitterter ist und daß jede Richtung ihre
Anrechte, an der Bildung der Stile teilzunehmen, mit gewisser Heftigkeit verteidigt, daß
jede danach strebt, sich den größtmöglichen Anteil zu verschaffen.
Diese Richtungen sind die Immer-Gleichen; sie sind es, die alle Stile mit fortgerissen
haben. Sie haben die drei erkannt: die Vernunft, das Gefühl und die Sensibilität.
Die Vernunft liegt in der Richtung "grade aus"; zu beiden Seiten liegen die
Richtungen des Gefühls und der Sensibilität. Zwischen dem magnetischen Punkt, den die
Vernunft inne hat, und den Himmelsgegenden Gefühl und Sensibilität gibt es viele
Gradationen: auf seiten der Sensibilität unter andern die Sinnlichkeit, auf seiten des
Gefühls alle die aufeinanderfolgenden Abstufungen. Es ist die Kurve, die von dem gesunden
und natürlichen Lyrismus zum überschwänglichen und unersättlichen Pathos reicht.
Die Vernunft vermag die beiden Richtungen, die ihr zu beiden Seiten nahe sind, zu
durchdringen, aber sie kann nicht zu den äußersten Abstufungen gelangen. Und genau an
der Stelle, an der ihre Kraft des Durchdringens aufhört, fängt das Abirren ebensowohl
der Stile, die sich nach der Sensibilität, als der Stile, die sich nach dem Gefühl
richten, an.
Jenseits dieser Stelle lauert Schwindel und Zusammenbruch! Die Sensibilität ebensogut wie
das Gefühl führen, sobald sie sich selbst überlassen sind, zum Nichts, in dem alle
Konzeptionen, die sich von der Vernunft losgelöst haben, untergehen.
Der moderne Stil hat seinen Kurs gerade auf die Vernunft genommen. Er hat anfänglich
kalte, gefahrlose Gewässer durchkreuzt, jetzt hat sich sein Kurs geändert und er nimmt
mit großer Zuversicht die Richtung der Sensibilität. Die Gewässer sind warm und mild,
die Ufer verführerisch und voll Sonnenschein!
Wir segeln mit der zauberhaften Vorstellung, als könnten wir nach der erlösenden Reise
um den neuen Erdteil einen ungekannten, traumschönen, griechischen Archipel entdecken!
GEDANKENFOLGE FÜR EINEN VORTRAG
Es gibt kein dem französischen Wort "fantaisie" genau entsprechendes deutsches
Wort. Der Sinn des deutschen Wortes "Phantasie" entspricht dem französischen
"imagination".
Nun ist es aber nicht die Phantasie, gegen die ich Stellung nehme, sondern gegen die
Auffassung der Dinge, die das Gegenteil ist von der wirklichen, unmittelbaren,
vernünftigen. Die eine führt dazu, die wesentliche und vollkommene Form der Dinge zu
finden durch Betrachtung ihrer Bedeutung, ihres Zweckes, ihrer Bestimmung, des Materials,
aus dem sie gemacht sind, und dessen eigenen Qualitäten und Schönheiten. Die andere
führt dazu, aus einer Jardiniere einen Schwan mit ausgebreiteten Flügeln zu machen und
aus einer Standuhr einen Teller, auf dem zwölf Austern die zwölf Stundenzahlen
vorstellen, während Gabel und Messer die beiden Zeiger bilden.
Im Sinne solcher Erfindungen und der Gestaltung einer Sache durch Elemente, die dieser
ganz fremd sind und an deren Erfindung allerdings die Phantasie Anteil hat, in diesem
Sinne verstehe ich das französische Wort "fantaisie".
Welches Wort soll man aber im Deutschen gebrauchen, um diese Art von Erfindungen zu
bezeichnen. Ich lasse diese Frage offen.
WER ein Problem rein verstandesmäßig und vernünftig aufgreift, von dessen Gedankenfolge
gilt die Vermutung, daß sie in dem Geistesleben auch fremder Nationen und Rassen
verwandten Gedankenketten begegnen wird. Wer die Kräfte seiner Phantasie wirken läßt,
von dessen geistiger Betätigung gilt die Gewißheit, daß sie ausschließlich innerhalb
der eigenen Nation und Rasse im vollen Umfang gewürdigt werden wird. Was die logische
Reflexion auf eine einheitlich und allgemein gültige Gesetzmäßigkeit zurückgeführt
hat, das erfährt durch die Betätigung der Phantasie eine unendlich gewandelte
Mannigfaltigkeit.
Die Wirkung des Verstandes reicht bis ans Ende der Welt; die Äußerungen der Phantasie
werden kaum über die Landesgrenzen hinaus verstanden und gewürdigt. Wessen Wille nun auf
die Gesamtheit abzielt, dem bleibt keine Wahl, er läßt die Kräfte des Verstandes, der
Vernunft wirken .
Phantasie in der Kunst - Phantasiegebilde der Kunst. Ich genieße sie wie Pralinés zum
Five o'clock, wie die Konversation der Dame, die sie mir anbietet, wie ihre Worte, denen
ich mit der überzeugtesten Miene der Welt folge, mit einer Miene, die doch nichts sagen
will, als daß all das mir vollkommen gleichgültig ist. Meine Wirtin erwartet es nicht
anders; sie weiß, daß Pralinés und Konversation so genossen werden wollen. Problem:
Leben wir noch in einer Zeit, wo die Menschheit sich von Pralinés und von
Tee-Konversation nährt oder aber, was das gleiche bedeutet, von Phantasiegebilden der
Kunst?
Wenn ich die Phantasie in der Kunst mit Näschereien und mit der Konversation hübscher
Frauen vergleiche - und zu andern gehe ich nicht zum Tee -, so ist damit gesagt, daß ich
persönlich dieser Phantasie und selbst den willkürlichen Phantasiegebilden der Kunst
nicht allen Wert abspreche, aber ich glaube, daß die Menschheit von heutzutage weniger
differenziert fühlt und daß sie keine Tees besucht. Wer zuviel Zucker ißt, der muß
bald zum Zahnarzt, so hat man mich immer wieder gelehrt, als ich noch Kind war; und da hat
mich die Furcht vor dem Zahnarzt gepackt und ich bin vernünftig geworden. Infolgedessen
bediene ich mich der Phantasie in der Kunst und aller Phantasiegebilde ebensowenig als des
Zuckers. Zwei Stück im schwarzen Kaffee: genau der Zusatz an Phantasie, den eine
vernünftige Konzeption eines Problems gestattet.
Phantasie = Zucker,
Vernunft = schwarzer Kaffee.
Vernunft-schwarzer Kaffee. Ich sehe da gegen die Vernunft den Einwand machen, der gegen
den schwarzen Kaffee sich erhebt. Aber der französische Gelehrte Letourneau hat den
Nachweis erbracht, daß der Genuß von Kaffee die Rasse verfeinert. Die Vernunft hat den
Menschen verfeinert, noch ehe er den Kaffee kannte. Sie ist beim Kinde schon da, ehe sie
ihm den Genuß aufregender Getränke gestattet.
Vernünftig konzipieren: das ist alt und ist neu. Es führt zu den letzten Konsequenzen
und nicht zum "juste milieu". Der Stil, der sich bemüht, vernünftig zu
konzipieren, ist modern; die Konzeption der Antike war keine andere. Ob die Griechen wohl
gerne Pralinés gegessen haben und ob sie wohl zum Five o'clock gegangen sind? Jedenfalls
haben sie die Konversation der Damen, die sie besuchten, ebensowenig ernst genommen, wie
wir heute.
Kunst und Geist der Antike sind nur dem zugänglich, der sich ihnen auf dem Wege der
reinen Vernunft naht. Ihre einfachen Konzeptionen waren auf uns ohne Wirkung geblieben,
und wir haben sie erst erkannt, als wir selbst anfingen, vernünftig zu konzipieren. Wer
den Zauber vernünftiger Konzeption zu genießen weiß und die Schönheit solcher
Konzeption erkennt, den treibt es hin zur Antike und hin nach Griechenland. Er macht sich
auf als moderner Mensch, im Flanellanzug, mit gelbem Koffer und gelben Stiefeln, und
dieser Stempel des Modernen geleitet ihn wie die Hoteletiketten auf seinem Gepäck. Sie
künden, von wannen der Wanderer kommt.
Die Reise dahin ist keine grade; sie macht einen Haken, einen Umweg, der ins Mittelalter
führt; auf halbem Wege. Gotik: erster Spiegel, in dem unsere vernünftige Konzeption der
Dinge reflektiert, von dem aus dann das Bild nach den silbernen Spiegeln des griechischen
Archipels geworfen wird.
Das Mittelalter griff die Probleme mit den Kräften der Vernunft auf. Da aber geschah es,
daß auf diesem Willen zur Vernunft und auf dieser Gabe, die Dinge vernünftig zu
erfassen, eine tausendjährige Tradition lastete voll finsterer religiöser Gebräuche.
Ein dreieiniger Gott, eine jungfräuliche Mutter und ein Paradies, in dem eben so viele
Heilige und Engel wohnten als Teufel und böse Geister in einer Hölle, durch dieses
Dickicht mußte sich die Vernunft zur Klarheit ringen.
Gotische Dome, Rathäuser, Belfriede; alles das scheint ebenso vernünftig konzipiert zu
sein wie die geklöppelten Spitzen jener Epoche. Wie durch diese der Faden von Anfang bis
zu Ende durchschlägt, so erscheint in allen Teilen des Bauwerks die Vernunft gleich
lebendig. Um die Nadel und um die Masche der Spitze spinnt und schlägt sich der Faden; um
die Nägel des heiligen Kreuzes und um die geweihten Symbole spinnt und webt die Vernunft
des gotischen Meisters der Dome.
Wie konnte der christliche Baumeister gerade zwischen sich und seine Vernunft seinen Gott
und seine Religion stellen? Das ist der Splitter, der sich in das Räderwerk klemmt, und
es genügt ein Strohhalm, die Maschine zum Stillstand zu bringen. Kathedralen und
Rathäuser; durchaus vernünftige, klar durchdachte Organismen inmitten eines wirbelnden
Geschehens, dessen Erinnerung mit diesen Organismen verwachsen ist. Voller Vernunft, und
geglättet die Steine; man denke an Amiens. Voll der Wirkung der Zeit und des Reichtums
der alten Legende; man denke an Chartres und Reims, an Rouen und Paris. Das Spiel von
Licht und Schatten, das in diesem Gestein der Kathedralen zittert und lebt, teilt sein
Leben dem Stein mit und mehr noch den göttlichen steinernen Gestalten, all diesen
gläubigen Königen und ihren frommen Königinnen.
Seitdem wirkt die Kathedrale wie ein Buch. Sie ist es, die da belehrt und unterrichtet
alle die, die nicht lesen können. Sie selbst verschwindet immer mehr, sie löst sich auf
und der wunderbare Kern, der in ihr lebt, erstickt.
Das düster lastende Grau unseres Himmels hat sie zur Unvernunft getrieben. Tausende von
steingemeißelten Gottheiten, von Heiligen und Aposteln, von klugen und törichten
Jungfrauen vermögen in unserem unglückseligen Okzident nicht so viel als ein einziger
Lichtstrahl in jenen gesegneten Landen, in Attika und in Ägypten. Da drunten ist das
Spiel von Licht und Schatten wie das selige Haschen und Fliehen gelber und blauer
Schmetterlinge. Bei uns ist das Spiel von Licht und Schatten wie der rote Frachtkahn auf
einem schwarzen Kanal.
Die Kunst der Gotik, sagte ich es nicht schon? ist auf halbem Wege. Das Ziel ist die
konsequente Entwicklung der Vernunft und das wunderbare Spiel liebestrunkener
Schmetterlinge.
Brennerbahn; Schlafwagen; Wildlederhandschuhe; dunkler Flanell; Koffer und Schuhe aus
hellgelbem Leder.
Mailand und Genua.
Es gibt vernünftigere Dome als den von Mailand; aber es gibt kein schlagenderes Beispiel
für ein Phantasiegebilde der Kunst.
Der Mailänder Dom. Wie eine große Muschel, von phantastischer Woge mitten hineingeworfen
in die Stadt.
Ich begreife, welche Aufregung solches Ereignis in dieser Bevölkerung hervorrufen mußte;
mit welchem Kultus sie solches Geschenk umgab.
Hier in diesem wundersamen Werk fanden all ihre Träume von tausend und einer Nacht
Körper und Gestalt, ihre Träume von dem Reichtum und der Wollust des Orients.
Seit jenem Tage gelangte all ihr Entzücken neu zum Leben beim Anblick dieses Domes.
Jeden Morgen erschimmert er neu und hell wie rosa Perlmutter; jeden Morgen neut sich das
Fest und weckt das Gedenken des Wunders; auf dem Platz, den der Dom beherrscht und den er
machtvoll beschattet, wirbelt in weicher, dunstiger Luft ein Reigen tanzender Mädchen mit
Blumen, ein Schwarm von flatternden Schmetterlingen und goldig leuchtenden Käfern.
Jeden Mittag wird silbern der Dom. Um die Blumenparterre des Platzes zieht strahlend in
Weiß ein Hochzeitszug, mit Prinzen hell in silberner Rüstung, mit Pferden gepanzert in
leuchtendem Stahl, mit Prinzessinnen und fröhlichen Narren, licht gekleidet in seidiges
Gelb.
Jeden Abend wird amethysten das Farbengewand des gewaltigen Doms; und unter der mächtig
verklingenden Kuppel eines ernsten, goldigen Himmels zieht in Schwarz und in tiefem
Violett ein Leichenzug mit der sterblichen Hülle eines Helden, der da fiel in einer jener
Schlachten aus den Tagen der Sforza, der Visconti und des Lodovico Moro.
Vor dem gewaltigen Anblick des Doms läßt so, neu jeden Tag, der Mailänder seine Träume
aufleben, seine Feste und seine Trauer.
Nur so kann man den Dom, nur so dessen Äußeres genießen. -
Pralinés und Five o'clock. Neue Gesichter, neue Umgebung. An Deck mit Amerikanerinnen von
ausdrucksvollem Profil, dessen Elemente besagen, daß solches Auge wirklich sieht, daß
solche Nase vibriert und atmet, daß solcher Mund zu küssen weiß.
Weniger Pralinés und mehr Tee. Der Rhythmus ihrer Sprache erhöht die Eindringlichkeit
der Konversation; aber zerstreuter nur noch höre ich dem zu, was sie sagen. -
Inseln sehe ich wachsen . . .
Wie der Körper, der seiner Hüllen sich entkleidet, so enthüllen die Inseln sich meinem
Blick; wo sie dem Wasser entsteigen, da leben und atmen sie gleich Frauenleibern. Bis zur
Unwahrscheinlichkeit, daß sie anderes noch sein könnten, wecken diese Inseln die
Erinnerung an lebende Körper von Frauen.
Jedesmal, da ich neu deren eine erscheinen sehe, ergreift es mich wie Schrecken und innere
Bestürzung, so wie der erste Fischer gefühlt haben muß, der sich hinaus wagte in die
Weite des Meeres.
Er war es, der die Kunde brachte, daß er Venus gesehen, die dem Meere entstieg. Mir ist
es, als höre ich, wie er erzählt von dem Wunder, das er draußen geschaut, und dem im
Kreise voll Staunen lauschen, die ängstlich seiner Wiederkehr geharrt.
Was der Fischer berichtet, bestätige ich; Venus war es, nicht die Inseln von Hydra oder
Ägina.
Die Zuverlässigkeit aber aller mythologischen Legende kann ich in Zukunft aus eigenem
Erleben bestätigen; und was der Decksteward dort erklärt, daß da drüben die Inseln
Levitha, Kinaro, Amorgo und Naxos in Sicht kommen, das alles ist eitel Lug und Trug.
Wie die Rücken gigantischer Tiere, so wachsen die Erscheinungen aus dem Meere.
Schweigend folgen sie eine der andern; willens, unsere Nähe zu fliehen und ihre Reise
fortzusetzen bis weit ab von unserer insolenten Neugierde. Zwischen einer jeden von ihnen
schimmert goldig zu uns herüber ein Strom funkelnden Lichts. Sie selbst dunkler,
wirklicher, uns näher. Diesen Reichtum werfen sie uns zu wie einen Tribut, daß wir ihre
Reise und deren Mysterium nicht stören sollen.
Den ersten Kontakt mit der Antike erlebte ich in Syrakus: drei starke dorische Säulen vom
alten Minervatempel, eingefügt in die äußeren Mauern der Kirche San Giovanni. Für mich
verkörpern sie die Antike selbst, wie sie gefesselt lebt in der Gegenwart; in dieser
Gegenwart, die an sie sich klammert, ohne Verständnis, ohne Ehrfurcht, kaum mit
lebendigem Nutzen.
Wie drei Helden sind sie mir erschienen; wie das Dreigestirn: Adel, Kraft, Vernunft,
daraus dieser Stil sich gebildet. Wie sie, und lebendig wie sie, trotzdem alles, das sie
gefesselt hält, längst schon gestorben, lebt es durch die Jahrhunderte hin gebunden und
gefesselt im Kerker.
Frei würden sie sein, die Helden, seit langem, und zum zweiten Male, trüge die
Menschheit nicht immer wieder mit gleicher dumpfer Geduld in all die Bauwerke, die sie
seit dem Tode der antiken Schönheit errichtet, den stupiden Kitt ihrer langweiligen,
kraftlosen und feigen Gedanken hinein, ihrer schwächlichen, scheinheiligen, verderbten
Gewöhnung.
Gefangen und gefesselt ist in dem Leben unserer Tage die Vernunft, wie die dorischen
Säulen in jener Kirche San Giovanni in Syrakus. Und stündlich noch werden Kinder
geboren, die langweilig sein werden und kraftlos, feige, schwach, scheinheilig und
verderbt. Jedes von ihnen wird seinen Teil von Kitt herbeischleppen zu dem Bauwerk unserer
Tage, jedes wird helfen, dessen Dauer zu verlängern. -
Auf den Stufen des griechischen Theaters in Syrakus.
Der Geist, daraus die griechische Kunst entsprang, ist nicht tot, trotzdem Toren in der
klassischen Kunst seinen letzten Ausdruck erkannt haben wollen. Noch ist in unserer Mitte
sein Pulsschlag so lebendig und so unverbraucht, wie vor dreitausend Jahren. Er wird
leben, solange die Menschheit fähig ist, auch nur einen einzigen Gegenstand, ein einziges
Ding vernünftig zu erfassen.
Toren mögen sagen, daß der Geist tot ist, daraus die griechische Kunst entsprang. Der
Geist, der dieses Theater erzeugt hat, dessen erstaunlich logische Konzeption heute, da
alles Ornament fehlt, logischer noch erscheint als damals: es ist der gleiche, der jenen
wunderbar vollkommenen Gegenstand, das Kabinenfenster auf dem Dampfer erfand, der mich
hierher gebracht hat; der gleiche auch, der die elektrische Birne erfunden und die
Glasglocke des Auerlichts; der gleiche, der das Buttermesser entstehen ließ, dessen wir
an Bord uns bedienen, und dessen Herkunft der Steward durch den Hinweis auf die
Fabrikmarke der Solinger "Zwillinge" mir verriet.
Gewisse Elemente des modernen Lebens sind mir nie so schön erschienen, als hier, wo ich
sie mit diesem Theater vergleiche, das Aeschylus und Pindar in Person gesehen hat.
Nicht das kleinste Detail in der Konzeption des Ganzen, das nicht genau einer inneren
Notwendigkeit entspräche. In dieser Schöpfung waren genau die gleichen Gesetze wirksam,
die unsere Ingenieure leiten bei dem Bau ihrer Maschinen, ihrer Gerüste, ihrer
Ozeandampfer.
Das moderne Leben hat seine Schönheit; bei meinem ersten Kontakt mit der Antike ist diese
Wahrheit mir zur Gewißheit geworden. -
Von der Stelle aus, wo ich stehe, seitlich, hoch auf dem Amphitheater, sehe ich alle
Linien der Stufenreihen ausstrahlen von einem einzigen Punkt und halbkreisförmig sich
ausbreiten, wie ein Netz, das die Strömung dahintreibt. Und wie diese Linien
auseinanderstrahlen, bilden sich immer neue Verhältnisse, die das entstehende
perspektivische Bild ausspannt, bis daß sich das vollkommene Profil der Stufen frei
ringt; es ist wie ein Sang, der jubelnd emporsteigt zum Himmel.
Sind es wirklich die Linien, die singen, oder ist es unsere Seele, die einklingt und
einschwingt wie die Saite, wenn im Raume der Ton erklingt, darauf sie selbst gestimmt ist?
Dann wäre unsere Seele empfänglich für die Vollkommenheit der Verhältnisse und nur das
Beste noch dürfen wir von ihr denken.
In Griechenland weben und zittern die Steine, wie bei uns an den Bäumen das Laub. Sie
leben, diese Steine, so stark, daß wir in ihrer Mitte von einer Verwirrung erfaßt
werden, wie da, wo plötzlich inmitten einer umgebenden Menge aller Blicke auf uns sich
richten.
Sie brauchen kein Relief, keine Skulptur, um zu leben, sie entlehnen dieses Leben ihrem
wunderbar sicher gefügten Verband.
In Mykenä, zwischen den beiden parallelen, kahlen Mauern, im Schatzhaus des Atreus, da
habe ich zitternd ein Leben gefühlt, lebendig wie das Leben des Waldes, und ich entsinne
mich nicht, jemals stärker ergriffen und tiefer entzückt gewesen zu sein.
Zur Rechten die Insel Ägina. Der Wind bläst und das Meer ist violett. An dem
opalschimmernden Himmel hängt und schwebt dicht ein blauer Streifen. Von dem Steg aus,
auf den ich geklettert bin, um als Erster Athen zu erblicken, sehe ich unter mir die Menge
der Reisenden: Baedeker, Meyer, weiße Westen, rote Krawatten, blaue Brillen und Panamas.
Da drüben aber, funkelnd inmitten der Masse von Blau, ein weißer Punkt, in dem sich die
Kultur der Griechen kristallisiert!
P a r t h e n o n !
Die Stufen der Propyläen steigt man hinauf, als führe der Weg zu der Menschheit Gehirn.
Dort droben strahlt der Parthenontempel, wie der schönste Gedanke, der Form gewann.
Naiv und einfach ein Gedanke, den Gehirn und Seele, des Griechenvolkes zur Wirklichkeit
gestaltet haben, wie die Pflanze die Blüte zum Licht treibt.
Der griechische Tempel - wie kindlich die Konzeption.
Zwei und zwei ist vier, das ist ihr Wesen; aber zwischen den Zahlen und ihrer Summe liegt
die ganze Unendlichkeit feinster Nuance, die aus der abstrakten Summe einen lebendigen
Organismus schuf.
Das Gerippe des gotischen Doms entspricht einem Exempel, das höchstens etwas schwerer ist
als zwei und zwei; aber zwischen deren Einern und ihrer Summe, da wimmelt es von
göttlichen und legendarischen, von mächtigen und wirklichen Wesen; und sie alle leben
auf Kosten des Ganzen, sie zehren vom Leben des Bauwerks.
Der Griechentempel lebt von dem Ganzen der Teile, die restlos und selbstlos aufgehen
darin.
An dem Griechentempel hat die Vernunft das Wesentliche erfunden, die Säule und alle die
andern Teile. Die Griechengötter haben sich nicht zwischen diese Vernunft gestellt und
die künstlerische Gefühlserregung, die ihrer Vollkommenheit zustrebte.
Zwischen dem Holzpfahl des ersten Megaron Homerischer Zeiten und der sublimen Säule des
Parthenon hat nichts sich eingeschoben von phantastischer Willkür.
Es ist die normale Abwandlung der immer gleichen Erscheinung, die angedauert hat
jahrhundertelang. Und die Griechen, die mehr Götter hatten als wir, haben im Laufe dieser
ganzen Zeit sich durch sie nicht irre machen lassen in ihrer folgerechten Tätigkeit, die
noch heute als das Symbol erscheint einer der erhabensten Konzeptionen der Menschheit.
Die Säule, ihre Entwicklung: es hat ein Jahrtausend gedauert, bevor sie vollendet war.
Der Pfahl wird zu übereinander geschichteten Steinen, die Struktur kehrt sich um, die
Schwellung der Säule wandelt sich und keinerlei Willkür wird in solchem Wandel kund.
Die Entwicklung vollzieht sich im Sinne des Axioms, das ich in anderem Zusammenhang
aufgestellt habe: daß alle Materie ihrer Entmaterialisierung zustrebt.
Genie und Temperament einer Rasse entscheiden über die Art und die Mittel.
Ich werde jetzt etwas sagen, was paradox klingt: Die Griechen haben an der Umwandlung der
Säule - und auch der andern Teile des Tempels - gearbeitet, b i s s i e
n i c h t m e h r e x i s t i e r t e .
Diese Säule der Griechen existiert nur noch in unseren Museen: ausdruckslos, erstarrt,
sinnlos. Oben auf der Akropolis, da lehren es die, die noch stehen geblieben sind, daß
sie nicht mehr sind, daß sie keine Last mehr tragen, oder vielmehr daß diese Funktion
nicht mehr zählt, selbst da, wo die Berührungsflächen zweier Steine am oberen Gebälk
sich treffen; daß sie unter sich auseinander gerückt sind nach ganz andern Gesetzen als
denen, die sie dahingestellt zu haben scheinen. Sie verkünden es laut, daß keine Säule
mehr steht rings um den Parthenontempel; daß aber dazwischen mächtige, vollkommene Vasen
erstanden, die in sich das Leben tragen: den Raum und die Sonne, das Meer und die Berge,
die Nacht und die Sterne.
Die Schwellung der Säulen hat solange sich gewandelt, bis zwischen zweien von ihnen die
negative Silhouette eine Form erreicht hatte, die für alle Ewigkeit vollkommen sein wird.
Was hier dem Ohr paradox klingen mag, das kann für das Auge allein überzeugend wirken.
Jedes Element im Parthenon und alle Materie hat nach der eigenen Entmaterialisierung
gestrebt.
Dafür den Beweis zu erbringen, an Ort und Stelle: die Lust dazu hätte ich wohl; ebenso
schnell aber ist sie wieder verflogen.
Denn da unten unter der Akropolis da tanzt die Duncan und läßt sich photographieren für
die "Woche" auf den Steinfließen des Dionysostheaters. Ihre Hände, Ihre Arme,
Ihre Füße, mein Fräulein, bleiben immer Ihre Hände, Ihre Arme, Ihre Füße, - Ihre
Füße besonders stören mich. Die Füße der Tänzerinnen entmaterialisierten sich im
Tanz der Griechen ebenso wie die Glieder des Parthenon.
Die Loïe Fuller hat ein größeres Recht als Sie, auf diesem geweihten Boden zu tanzen.
Griechische Seele und griechischer Tanz, beide leben in ihrem Tanze fort.
PROGRAMM:
Den Sinn, die Form, den Zweck aller Dinge der materiellen modernen Welt mit derselben
Wahrheit erkennen, mit der die Griechen, unter vielen andern, Sinn, Form und Zweck der
Säule erkannt haben. Es ist nicht leicht, den exakten Sinn und die exakte Form für die
einfachsten Dinge heute zu finden.
Wir werden noch lange brauchen, um die exakte Form eines Tisches, eines Stuhles, eines
Hauses zu erkennen.
Religiöse, willkürliche, sentimentale Phantasiegebilde sind Schmarotzerpflanzen.
Sobald die Arbeit der Reinigung und Auskehr beendet ist, sobald die wahre Form der Dinge
wieder ans Tageslicht kommt, dann mit eben der Geduld, mit eben dem Geist und mit der
Logik der Griechen streben nach der Vollkommenheit dieser Form.
In gleichem Maß wie bei den Griechen scheint mir die künstlerische Sensibilität bei uns
ausgebildet zu sein; weniger ausgebildet aber, schwächer entwickelt, ist bei uns der Sinn
für Vollkommenheit.
Unter welchem sozialen Regime aber werden wir die heiter verklärte Ruhe genießen, die
wir zur Arbeit und zum ernsten Streben brauchen?
Antwort:
Sollen wir von einem s o z i a l e n Programm erwarten, was doch nur u n
s e r e m e i g e n s t e n I n n e r n entstammen kann?
Vernünftig denken, die künstlerische Sensibilität kultivieren! Jeder von uns vermag das
heute für sich selbst; es handelt sich nur darum, daß es deren Viele werden, auf daß
eine neue soziale Atmosphäre entstehe.