| Bibliografische Angaben: |
| Wölfflin, H.: Prolegomena zu einer Psychologie der Architektur |
| In: |
| Wölfflin, Heinrich: Prolegomena zu einer Psychologie der Architektur / Heinrich Wölfflin. München : Phil. Diss., 1886. |
Prolegomena |
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INAUGURAL-DISSERTATION |
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hohen
philosophischen Fakultät |
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der Universität
München
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zur Erlangung |
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der höchsten akademischen Würden |
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vorgelegt von |
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Heinrich Wölfflin.
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München, 1886. |
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Kgl. Hof &
UniversitätsBuchdruckerei von Dr. C. Wolf & Sohn. |
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Inhalts-Verzeichniss. |
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Seite |
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Vorrede |
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I. |
Psychologische
Grundlagen |
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II. |
Der Gegenstand der
Architektur |
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III. |
Die Momente der
Form |
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IV. |
Charakteristik der
Proportionen |
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V. |
Charakteristik der
horizontalen Gliederung |
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VI. |
Charakteristik der vertikalen
Gliederung |
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VII. |
Das Ornament |
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VIII. |
Prinzipien der
historischen Beurteilung Die Idee einer
Psychologie als Organons für die Kunstgeschichte |
Den Gegenstand der vorliegenden Betrachtungen bildet die
Frage, die mir immer als eine überaus merkwürdige erschien: Wie ist es möglich,
dass architektonische Formen Ausdruck eines Seelischen, einer Stimmung sein
können?
Ueber
die Thatsache darf kein Zweifel sein. Nicht nur bestätigt das Urteil des Laien
aufs entschiedenste, dass jedes Gebäude einen bestimmten Eindruck mache, vom
Ernsten, Düstern bis zum Fröhlich-Freundlichen - eine ganze Skala von
Stimmungen, sondern auch der Kunsthistoriker trägt kein Bedenken aus ihrer
Architektur Zeiten und Völker zu charakterisieren. Die Ausdrucksfähigkeit wird
also zugegeben. Aber wie? Nach welchen Prinzipien urteilt der Historiker?
Ich wunderte mich, dass die wissenschaftliche Litteratur für solche Fragen fast gar keine Antwort hatte. Soviel Sorgfalt und hingebende Liebe dem analogen Problem in der Musik zugewandt worden ist, die Architektur hat weder von der Psychologie noch von der Kunsttheorie eine ähnliche Pflege je genossen. Ich führe das nicht an, um nun selbst mit dem Anspruch aufzutreten, die Lücke zu füllen, vielmehr möchte ich daraus eine Entschuldigung für mich ableiten.
Mehr als einen E n t w u r f darf man nicht erwarten. Was ich hier gebe, sollen lediglich Prolegomena sein zu einer Psychologie der Architektur, die erst noch beschrieben werden muss. Für die oft bloss andeutende Behandlung
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Die
Psychologie der Architektur hat die Aufgabe, die seelischen Wirkungen, welche
die Baukunst mit ihren Mitteln hervorzurufen im Stande ist, zu beschreiben und
zu erklären.
Wir
bezeichnen die Wirkung, die wir empfangen, als
E i n d r u c k.
Und
diesen Eindruck fassen wir als A u s d
r u c k des Objekts.
Also dürfen wir das Problem auch so formuliren:
W i e k ö n n e
n t e k t o n i s c h e F o r m e n
A u s d r u c k s e i n ?
(Unter
"tekton. Formen" müssen auch die kleinen Künste der Dekoration und
des Kunsthandwerks begriffen werden, da sie unter denselben Bedingungen des
Ausdrucks stehen.)
Von
zwei Seiten kann man versuchen, eine Antwort auf die Frage zu gewinnen: vom
Subjekt aus und vom Objekt aus.
Es
ist beides geschehen.
Ich
erwähne zuerst die vielverbreitete These, die den Gefühlston von Formen erklärt
aus den M u s k e l g e f ü h l e
n d e s A u g e s, das mit dem
Punkte des deutlichsten Sehens den Linien nachfolgt. Wellenlinie und Zickzack
unterscheiden sich für unser Gefühl sehr wesentlich.
Worin
liegt der Unterschied?
Im einen Fall, sagt man, ist die Bewegung für das nachzeichnende Auge leichter als im anderen. - "Wo das Auge sich frei bewegt, da verfolgt es seinem physiologischen Organismus gemäss in vertikaler und horizontaler Richtung genau die gerade Linie, jede schräge Richtung aber legt es in einer Bogenlinie zurück." (Wundt, Vorlesungen II. 80.)
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Daher das Behagen an der Wellenlinie, die Unlust am Zickzack. Schönheit der Form ist identisch mit Angemessenheit für unser Auge. - Es ist die gleiche Anschauung, wenn man behauptet: der Zweck eines Säulenkapitells sei, das Auge von der Vertikale sachte zur Horizontale überzuführen, oder wenn man die Schönheit einer Berglinie darin erblickt, dass das Auge, ohne zu stolpern, sanft an ihr niedergleiten könne.
Wenn
mans so hört, möchts leidlich scheinen. Allein es fehlt der Theorie die
Hauptsache: die Bestätigung durch die Erfahrung. Man frage sich doch selbst:
Wie viel von dem thatsächlichen Eindruck einer Form kann aus Muskelgefühlen
erklärt werden? Darf die grössere oder geringere Leichtigkeit, mit der die
Bewegung des Auges ausgeführt wird, als das Wesentliche in der Mannigfaltigkeit
der Wirkungen gelten? - Die oberflächlichste psychologische Analyse muss
zeigen, wie wenig dadurch das Thatsächliche getroffen ist. Ja, man kann diesem
Moment nicht einmal eine sekundäre Stellung einräumen. Schon L o t z e
bemerkt sehr richtig, indem er auf das gleichmässige Gefallen einer
Wellenlinie und eines rechtwinkligen Mäanders hinweist, dass wir in unserm
ästhetischen Urteil die körperliche Mühe stets abziehen, dass also die
Wohlgefälligkeit nicht auf der Bequemlichkeit der Verrichtungen beruht, durch
welche wir uns die Wahrnehmung verschaffen. (Gesch. der Aesthetik in
Deutschland S. 310 f.)
Der
Fehler, der hier offenbar vorliegt, scheint daher zu rühren, dass man, weil
das Auge die körperlichen Formen wahrnimmt, die
optischen Eigenschaften derselben für das Charakteristische hielt. Das Auge
scheint aber nur auf die Intensität des Lichts entschieden mit Lust oder Unlust
zu reagiren, für Formen indifferent zu sein, den Ausdruck wenigstens durchaus
nicht zu bestimmen.
Wir müssen uns also nach einem anderen Prinzip umsehen. Die Vergleichung mit der Musik soll es uns zeigen. Dort haben wir ja das gleiche Verhältnis. Das Ohr
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ist
das perzipirende Organ, aus der Analyse der Gehörsvorgänge aber könnte der
Stimmungsgehalt der Töne niemals begriffen werden. Um die Theorie des musikalischen
Ausdrucks zu verstehen, ist es nötig, die
e i g e n e H e r v o r b r i n g u n g d e r
T ö n e, die Bedeutung und
Verwendung u n s e r e r S t i mm i t t e l zu beobachten.
Hätten
wir nicht die Fähigkeit, selbst in Tönen Gemütsbewegungen auszudrücken, wir
könnten nie und nimmer die Bedeutung fremder Töne verstehen. Man versteht nur,
was man selbst kann.
So
müssen wir auch hier sagen: K ö r p e r l i c h e F o r m e n k ö n n e
n c h a r a k t e r i s t i s c h
s e i n n u r d a d u r c h, d a s s w i r s e l b s t
e i n e n K ö r p e r b e s i t z e n. Wären wir bloss optisch auffassende Wesen, so müsste uns eine
ästhetische Beurteilung der Körperwelt stets versagt bleiben. Als Menschen aber
mit einem Leibe, der uns kennen lehrt, was Schwere, Contraktion, Kraft u. s. w.
ist, sammeln wir an uns die Erfahrungen, die uns erst die Zustände fremder
Gestalten mitzuempfinden befähigen. - Warum wundert sich Niemand, dass der
Stein zur Erde fällt, warum scheint uns das so ganz natürlich? Wir haben nicht
die Spur eines Vernunftgrundes für den Vorgang, in unserer Selbsterfahrung
liegt allein die Erklärung. Wir haben Lasten getragen und erfahren, was Druck
und Gegendruck ist, wir sind am Boden zusammengesunken, wenn wir der
niederziehenden Schwere des eigenen Körpers keine Kraft mehr entgegensetzen
konnten, und darum wissen wir das stolze Glück einer Säule zu schätzen und
begreifen den Drang alles Stoffes, am Boden formlos sich auszubreiten.
Man kann sagen, das habe keine Beziehung auf die Auffassung l i n e a r e r und p l a n i m e t r i s c h e r Verhältnisse. Allein diesem Einwurf liegt nur mangelhafte Beobachtung zu Grunde. Sobald man Acht hat, wird man finden, dass wir auch solchen Verhältnissen eine mechanische Bedeutung unterschieben, dass es keine schräge Linie giebt, die wir nicht als ansteigend, kein schiefes Dreieck, das wir nicht als Verletzung des Gleichgewichts empfänden. Dass nun
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aber
gar architektonische Gebilde nicht bloss geometrisch, sondern als M a s s e n f o r m e n
wirken, sollte eigentlich kaum gesagt zu werden brauchen. Dennoch macht
eine extrem formalistische Aesthetik immer wieder jene Voraussetzung.
Wir
gehen weiter. Die Töne der Musik hätten keinen Sinn, wenn wir sie nicht als
Ausdruck irgend eines fühlenden Wesens betrachteten. Dieses Verhältnis, das bei
der ursprünglichen Musik, dem Gesang, ein natürliches war, ist durch die
Instrumentalmusik verdunkelt, aber durchaus nicht aufgehoben worden. Wir legen
den gehörten Tönen immer ein Subjekt unter, dessen Ausdruck sie sind.
Und
so in der Körperwelt. Die Formen werden uns bedeutend dadurch allein, dass wir
in ihnen den Ausdruck einer fühlenden Seele erkennen. Unwillkürlich beseelen
wir jedes Ding. Das ist ein uralter Trieb des Menschen. Er bedingt die
mythologische Phantasie und noch heute - gehört nicht eine lange Erziehung dazu
des Eindrucks los zu werden, dass eine Figur, deren Gleichgewichtszustand
verletzt ist, sich nicht wohl befinden könne? Ja, erstirbt dieser Trieb jemals?
Ich glaube nicht. Es wäre der Tod der Kunst. -
Das
Bild unserer selbst schieben wir allen Erscheinungen unter. Was wir als die
Bedingungen unseres Wohlbefindens kennen, soll jedes Ding auch besitzen. Nicht
so, dass wir den Schein eines menschlichen Wesens in den Formen der
anorganischen Natur verlangten, aber wir fassen die Körperwelt mit den
Kategorien auf (wenn ich so sagen darf), die wir mit derselben gemeinsam haben.
Und danach bestimmt sich auch die Ausdrucksfähigkeit dieser fremdartigen
Gestalten. Sie k ö n n e n u n s
n u r d a s m i t t e i l e n, w a s w i r s e l b s t
m i t i h r e n E i g e n s c h a f t e n a u s d r ü c k e n.
Hier wird mancher bedenklich werden und nicht recht wissen, was wir denn für Aehnlichkeiten oder gar welche Ausdrucksorgane wir mit dem toten Stein teilen. Ich will es kurz sagen: es sind die Verhältnisse der Schwere, des Gleichgewichts, der Härte u. s. w., lauter Verhältnisse,
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die
für uns einen Ausdruckswert besitzen. Der ganze menschliche Gehalt natürlich
kann nur durch die menschliche Gestalt ausgedrückt werden, die Architektur wird
nicht einzelne Affekte, die sich in bestimmten Organen äussern, zum Ausdruck
bringen können. Sie soll es auch nicht versuchen. Ihr Gegenstand bleiben
die g r o s s e n D a s e i n s g e f ü h l e, die Stimmungen,
die einen gleichmässig andauernden Zustand des Körpers voraussetzen. -
Ich
könnte hier schon diesen Abschnitt schliessen und höchstens noch darauf
hinweisen, wie sich auch in der Sprache an einer Fülle von Beispielen jene
unüberwindliche Neigung unserer Phantasie bekundet, alles Körperliche unter der
Form belebter Wesen aufzufassen. Man erinnere sich an die architektonische
Terminologie. Wo immer ein abgeschlossenes Ganzes sich darstellt, geben wir ihm
Kopf und Fuss, suchen nach Vorder- und Hinterseite etc.
Allein
es bleibt noch die Frage, wie nun die Beseelung dieser fremden Gestalten zu
danken sei. Es ist wenig Aussicht auf eine erfreuliche Lösung. Aber ich will
nicht darüber hinweggehen, weil von anderer Seite auch schon dies Ziel ins Auge
gefasst worden ist.
Das
antropomorphe Auffassen der räumlichen Gefilde ist nichts Unerhörtes. In der
neueren Aesthetik ist dieser Akt bekannt unter dem Namen des S y m b o l i s i r e n s.
Joh.
Volkelt 1) hat die Geschichte des Symbolbegriffs geschrieben und
sich wesentliche Verdienste um die genauere Fassung dessen erworben, was zuerst
von H e r d e r 2) und
L o t z e 3)
angedeutet worden ist.
Nach V o l k e l t vollzieht sich die Symbolisirung räumlicher Gebilde
folgendermassen (Symbolbegr. 51-70.):
1)
Das räumliche Gebilde wird auf Bewegung und auf Wirkung von Kräften gedeutet,
ein Akt, der noch
__________
1) V o l k e l
t, Symbolbegriff in der neueren
Ästhetik. Jena 1876.
2) Ausser der
"Kalligone" enthält der Aufsatz "Plastik" bedeutsame
Äusserungen.
3) Lotze, Geschichte der Ästhetik in
Deutschland a. v. O.- , Microcosmos II3 198 ff.
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nicht
eigentlich symbolisch zu nennen ist: mit dem Auge dem Umriss der Erscheinungen
nachfolgend, bringen wir die Linien in ein lebendiges Rinnen und Laufen.
2)
Um das räumliche Gebilde ästhetisch zu verstehen, müssen wir diese Bewegung
sinnlich miterleben, mit unserer körperlichen Organisation mitmachen.
3)
Mit der bestimmten Erstreckung und Bewegung unseres Körpers ist ein Wohl und
Wehegefühl verbunden, das wir als eigentümlichen Genuss jener Naturgestalten
selber auffassen.
4)
Um ästhetisch zu heissen, muss aber dieses Wohl und Wehegefühl eine geistige
Bedeutung haben, Körpererbewegung und physisches Gefühl müssen Ausdruck einer
Stimmung sein.
5)
Die Thatsache, dass wir im ästhetischen Geniessen unsere ganze Persönlichkeit
beteiligt finden, beweist, dass in jedem Genuss etwas von dem allgemein
menschlichen Gehalte, von den Ideen, die das Menschliche konstituiren enthalten
sein muss.
So
weit die Analyse V o l k e l t s.
Im wesentlichen bin ich vollständig einverstanden. Die Bedenken, die etwa gegen den 1. Punkt und gegen die Trennung des 3. und 4. geäussert werden könnten, sollen hier unterdrückt werden. Ich möchte die ganze Aufmerksamkeit richten auf den Kern der Sache, auf den zweiten Satz: das Miterleben der fremden Form. Wie ist das zu denken: "Wir durchdringen mit unserm Körpergefühl das Objekt"? V o l k e l t hält sich hier absichtlich mit seinen Ausdrücken in einer Sphäre der Dunkelheit und findet später (mit F r. V i s c h e r) die einzige Lösung in einer pantheistischen Auffassung der Welt. Er will dem geheimnisvollen Prozess nicht zu nahe treten: "Mit meinem Vitalgefühl lege ich mich dunkel in das Objekt hinein" sagt er (pg.61), anderswo spricht er von einer "Selbstversetzung" u. s. f. Zugegeben, dass man den ganzen Verlauf dieses psychischen Aktes nicht bloslegen kann, so möchte ich doch fragen: Ist dies Miterleben ein s i n n -
7
l
i c h e s oder vollzieht es sich bloss
in der V o r s t e l l u n g? Mit andern Worten: Erleben wir die fremden
Körperformen an unsrem eignen Leibe?
Oder:
ist das Mitfühlen der fremden Zustände etwas, was allein der Thätigkeit der
Phantasie angehört?
V
o l k e l t bleibt hier schwankend.
Bald sagt er: Wir müssen das Objekt, mit unsrer körperlichen Organisation s i n n l i c h miterleben (pg. 57), bald aber wieder ist es die blosse
Phantasie, die die Bewegung ausführt (pg. 61, 62.)
L
o t z e und R o b. V i s c h e r 1),
die zuerst die Bedeutung des körperlichen Miterlebens geltend gemacht haben,
dachten offenbar nur an Prozesse, die sich in der Phantasie vollziehen. In
diesem Sinn heisst es bei R o b. V i s c h e r: "Wir besitzen das wunderbare Vermögen unsre eigne Körperform
einer objektiven Form zu unterschieben und einzuverleiben." Bei L o t z e
ebenso: "Keine Gestalt ist so spröde, in die hinein unsere P h a n t a s i e sich nicht mitlebend zu versetzen wüsste."
Wenn
ich also recht verstehe, ist V o l k e
l t hier über seine Vorgänger
hinausgeschritten, ohne aber das Problem genauer ins Auge zu fassen.
Ueber
die Berechtigung der Frage darf kein Zweifel sein. Denn die körperlichen
Affektionen, die wir bei der Betrachtung architektonischer Werke empfangen,
sind nicht zu läugnen. Ich könnte mir also wohl denken, dass jemand mit der
Behauptung aufträte, der Stimmungseindruck der Architektur beruhe allein darin,
dass wir unwillkürlich mit unsrer Organisation die fremden Formen nachzubilden
versuchen, mit andren Worten, dass wir die Daseinsgefühle architektonischer
Bildungen nach der körperlichen Verfassung beurteilen, in die wir geraten.
Kräftige Säulen bewirken in uns energische Innervationen, nach der Weite oder
Enge der räumlichen Verhältnisse richtet sich die Respiration, wir innerviren
als ob wir diese tragenden Säulen wären und atmen so tief und voll,
__________
1) Rob.
Vischer, Das optische Formengefühi. Leipzig, 1872.
8
als
wäre unsre Brust so weit wie diese Hallen, Asymmetrie macht sich oft als
körperlicher Schmerz geltend, uns ist, als ob uns ein Glied fehlte oder
verletzt sei, ebenso kennt man den unleidlichen Zustand, den der Anblick
gestörten
Gleichgewichts hervorruft u. s. w. Es wird jeder in seiner Erfahrung ähnliche
Fälle finden. Und wenn G o e t h e gelegentlich sagt, die Wirkung eines schönen
Raumes müsste man haben, wenn man auch mit verbundenen Augen hindurchgeführt
würde, so ist das nichts andres als der Ausdruck desselben Gedankens: dass der
architektonische Eindruck, weit entfernt etwa ein "Zählen des Auges"
zu sein, wesentlich in einem unmittelbaren körperlichen Gefühl beruhe.
Statt
einer unbegreiflichen "Selbstversetzung" hätten wir uns dann etwa
vorzustellen, der optische Nervenreiz löse direkt eine Erregung der motorischen
Nerven ein, die die Kontraktion von bestimmten Muskeln veranlasse. Man könnte
als verdeutlichendes Gleichnis die Thatsachen anführen, dass ein Ton den
verwandten überall mitklingen macht.
Was
könnte der Verteidiger einer solchen Ansicht etwa sagen?
Er
würde wohl anknüpfen an menschliche Uebertragung des Ausdrucks, an die
neuerdings lebhaft vertretene Theorie, dass das Verständnis menschlichen
Ausdruckes sich vermittle durch Nacherleben.
Es
liessen sich dabei folgende Sätze formulieren:
1)
Jede Stimmung hat ihren bestimmten Ausdruck, der sie regelmässig begleitet;
denn Ausdruck ist nicht nur eine Fahne gleichsam, ausgehängt, um zu zeigen, was
innen vorgehe, nicht etwas, was ebensogut fehlen könnte, Ausdruck ist vielmehr
die körperliche Erscheinung des geistigen Vorgangs. Er besteht nicht bloss in
den Spannungen der Gesichtsmuskeln oder den Bewegungen der Extremitäten,
sondern erstrekt sich auf den gesamten Organismus.
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2)
Sobald man den Ausdruck eines Affekts nachbildet, wird sich demnach der Affekt
selbst sofort auch einstellen.
Unterdrückung
des Ausdrucks ist Unterdrückung des Affekts. Umgekehrt wächst dieser je mehr
man im Ausdruck ihm nachgiebt. Der Furchtsame wird furchtsamer, wenn er auch in
den Geberden seine Unruhe zeigt.
3)
Ein unwillkürliches
Nachbilden des Ausdrucks fremder Personen und somit eine Uebertragung von
Gemütsbewegungen kann oft beobachtet werden. Man weiss, wie Kinder jedem starken
Eindruck haltlos preisgegeben sind, sie können z. B. niemanden weinen sehen,
ohne selbst die Thränen laufen zu lassen u. s. f. Nur in Zuständen des
energisch betonten Selbstgefühls sind sie hiefür unzugänglich, weil dies
Nacherleben einen gewissen Grad von Willenlosigkeit voraussetzt. Später bewirkt
überdies Erziehung und vernünftiges Ueberlegen, dass man sich nicht jedem
Eindruck "hingibt". In gewissen Momenten aber "vergisst man
sich" dennoch und macht Bewegungen, die nur Sinn hätten, wenn wir die fremde
Person wären.
Solche
Fälle von Selbstversetzung sind z. B. folgende:
Es
versucht jemand mit heiserer Stimme zu sprechen. Wir räuspern uns. - Warum? Wir
glauben in diesem Augenblicke selbst heiser zu sein und wollen nun uns davon
befreien (oder wenigstens der Klarheit unsrer Stimme uns versichern).
Weiter
geschieht es bei einer schmerzlichen Operation oft, dass wir die Züge des
Leidenden genau nachbilden, ja sogar an der betroffenen Stelle selbst einen
lebhaften Schmerz empfinden.
Das
sind nun aussergewöhnliche Fälle und man darf nicht läugnen, dass sich im
flüchtigen Alltagsleben das körperliche Miterleben fast spurlos verloren hat
und wir die Ausdrucksformen unsrer Nebenmenschen hinnehmen wie Rechenpfennige,
deren Wert wir aus Erfahrung kennen. Immerhin bleibt ein Reiz, wenn auch der
eingedrückte Ausdruck - wenn ich so sagen darf - nicht bis zur
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Oberfläche
dringt (also in Gesicht und Haltung sich geltend macht.) Denn die i n n e r n Organe vor allem werden sympathisch
berührt und nach meinen Beobachtungen ist es die R e s p i r a t i o n s b e w e g u n g, die am empfänglichsten ist für
Veränderungen. Der Rhythmus des Atmens, den wir bei andren wahrnehmen,
überträgt sich am leichtesten auf uns. Einem Erstickenden zuzusehen ist
fürchterlich, weil wir die ganze Qual mitempfinden, während wir stumpfer
bleiben beim Anblick anderen körperlichen Schmerzes. Diese Thatsache ist
wichtig, weil gerade der Atem das unmittelbarste Organ des Ausdruckes ist.
So
möchte etwa ein Verteidiger seinen Beweis des körperlichen Miterlebens
einleiten, und vielleicht hoffte er auch noch darin eine Stütze zu finden, dass
Gesetzmässigkeit empfunden wird, ohne dass der Intellekt sich deren bewusst
geworden ist, oder, im umgekehrten Fall, eine Verletzung des Normalen vom
"Auge" oder vom "Gefühl" (wie man sich auszudrücken pflegt)
früher empfunden wird, als der Intellekt merkt, wo ein Fehler vorliegt.
Wollte
man etwa einwerfen, für die ästhetische Anschauung könne dies Miterleben nicht
in Betracht kommen, denn ein Nachbilden des menschlichen, physiognomischen
Ausdrucks finde nur statt in w i l l e
n l o s e n Momenten, wo man s i c h
v e r g i s s t und ganz sich
versenkt in das Objekt, so würde dieser Einwurf zurückgewiesen werden können
mit der durchaus richtigen Bemerkung, die ästhetische Anschauung verlange eben
diese Willenlosigkeit, dieses Aufgeben des Selbstgefühls. Wer nicht die
Fähigkeit hat zeitenweise aufzuhören an sich zu denken, der wird niemals zum
Genuss eines Kunstwerks kommen, noch weniger ein solches schaffen können.
Anm. In diesem psychologischen
Tatbestand ist die Verwandschaft des moralischen und des ästhetischen
Gemütszustands begründet. Das "Mitleiden", das jener voraussetzt,
ist psychologisch der gleiche Prozess, wie das ästhet. Mitfühlen. Daher sind
grosse Künstler bekannter Weise immer auch "gute Menschen", d. h. dem
Affekt des Mitleids in hohem Grade unterworfen.
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Dass
das E r h a b e n e nicht mehr nachgebildet werden kann, müsste
auch der Verteidiger dieser These zugeben. Während eine leichte Säulenhalle mit
ihrer heitern Kraft uns durchströmt und ein unmittelbares Wohlbehagen
hervorruft,
stellen sich dort im Gegenteil die Symptome der Furcht ein: Wir fühlen die
Unmöglichkeit dem Ungeheuren uns gleichzustellen, die Gelenke lösen sich u. s.
w. Bei der Sonderstellung des Erhabenen wäre aber das immer noch keine
Widerlegung des Hauptsatzes.
Auch
das Recht, die Auffassung des menschlichen Ausdrucks überhaupt zu vergleichen
mit der Auffassung der architektonischen Formen wird man nicht bestreiten
können. Wo sollte die Grenze sein, wo dieses mitfühlende Erleben aufhören? Es
wird statthaben, wo immer wir noch gleiche Daseinsverhältnisse mit den unsrigen
finden, d. h. wo K ö r p e r uns entgegentreten.
Weiter
verfolgt würde eine derartige Untersuchung zurückführen in die Geheimnisse der
psychischen Entwicklungsgeschichte. Und schliesslich, wenn auch ein
durchgängiges Erleben konstatiert wäre, wenn wir beweisen könnten, dass unser
Körper genau die Veränderungen erleidet, die als Ausdruck der Stimmung, die das
Objekt uns mitteilt, entsprechen, was wäre damit gewonnen?
Wer
sagt uns, wo die Priorität ist? Ist die körperliche Affektion Bedingung des
Stimmungseindrucks? oder sind die sinnlichen Gefühle nur eine Folge der
lebhaften Vorstellung in der Phantasie? Oder endlich, die dritte Möglichkeit,
gehn Psychisches und Körperliches parallel?
Indem
wir die Frage bis zu diesem Punkt getrieben haben, ist es höchste Zeit
abzubrechen: denn jetzt stehn wir vor Problemen, die die Grenze aller
Wissenschaft bezeichnen.
Wir
ziehen uns zurück. Im Folgenden werden wir keine Rücksicht mehr nehmen auf
diese Schwierigkeiten, sondern die herkömmlichen bequemen Ausdrücke auch
unsrerseits gebrauchen.
Was
als Grundlage gewonnen wurde, ist dieses:
12
U n s r e l e i b
l i c h e O r g a n i s a t i o n i s t
d i e F o r m, u n t e r
d e r w i r a l l e s
K ö r p e r l i c h e a u f f a
s s e n. Ich
werde nun zeigen, dass die Grundelemente der Architektur: Stoff und Form,
Schwere und Kraft sich bestimmen nach den Erfahrungen, die wir an uns gemacht
haben; dass die Gesetze der formalen Aesthetik nichts andres sind als die
Bedingungen, unter denen uns allein ein organisches Wohlbefinden möglich
scheint, dass endlich der Ausdruck, der in der horizontalen und vertikalen
Gliederung liegt, nach menschlichen (organischen) Prinzipien gegeben ist.
Dies
ist der Inhalt der folgenden Abschnitte.
Es
liegt mir nun durchaus fern, zu behaupten, der architektonische Eindruck sei
damit vollständig analysiert, gewiss kommen noch sehr viele andere Faktoren
hiezu: Farbe, Assoziationen, die aus der Geschichte und Bestimmung des Gebäudes
erwachsen, Beschaffenheit des Stoffes etc. Immerhin glaube ich nicht zu irren,
wenn ich den Kern des Eindrucks in den hier dargestellten Zügen erblicke.
Es
sei gestattet mit Uebergehung der anderen Faktoren hier nur noch andeutend auf
das hinzuweisen, was man A n a l o g i
e n d e r L i n i e n e m p f i n d u n g
nennen kann.
Unter
Analogien der Empfindung versteht nämlich Wundt (phys. Psych. I 2,
486 ff.) die Verwandtschaftsverhältnisse, die wir zwischen den Empfindungen
disparater Sinne anzunehmen pflegen, wie z. B. zwischen tiefen Tönen und
dunkeln Farben, die als reine Empfindungen betrachtet kein Gemeinsames haben,
vermöge ihres gleichen ernsten Gefühlstons uns aber verwandt erscheinen.
Solche
Analogien stellen sich auch bei Linien ein.
Es
wäre erwünscht, über diesen ganz unbeachteten Gegenstand einmal etwas
Zusammenhängendes zu hören.1) Ich gebe einige Bemerkungen, die durch
mannigfache Versuche gewonnen worden sind.
__________
1) Natürlich müssten
hierbei sprachliche Untersuchungen den experimentirenden Psychologen
unterstützen.
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Ebenso
spricht man von warmen und kalten Linien, von den warmen Linien des
Holzschnitts z. B. und den kalten des Stahlstichs, Gegensätze die sich wiederum
decken mit den Druckempfindungen: hart und weich.
Am
deutlichsten ist die Analogie mit Tönen, wo wahrscheinlich die Erfahrungen an
der eigenen Stimme über Tonbildung mitwirken. So beurteilt jedermann eine Linie
mit kurzen kleinen Wellen als tremulierend in hoher Lage, weite Schwingungen
von geringer Höhe als dumpfhohles Summen. Zickzack "rasselt und klirrt wie
Waffenlärm" (Jak. Burkhardt), sehr spitz wirkt er gleich schneidenden
Pfeifentönen. Die Gerade ist ganz still.
Es hat also einen guten Sinn auch in der Architektur von der s t i l l e n Einfalt der Antike und dem widrigen Lärmen z. B. der englischen Gothik zu sprechen; oder etwa in der sanft herabgleitenden Linie eines Berges das leise Verklingen eines Tones zu empfinden.
Die
Materie ist schwer, sie drängt abwärts, will formlos am Boden sich ausbreiten. Wir
kennen die Gewalt der Schwere von unserem eigenen Körper. Was hält uns
aufrecht, hemmt ein formloses Zusammenfallen? Die gegenwirkende Kraft, die wir
als Wille, Leben oder wie immer bezeichnen mögen. Ich nenne sie Formkraft. D e r
G e g e n s a t z v o n S t o f f
u n d F o r m k r a f t, der die gesamte organische Welt bewegt, ist
das Grundthema der Architektur. Die ästhetische Anschauung überträgt diese
intimste Erfahrung unseres Körpers auch auf die
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leblose
Natur. In jedem Ding nehmen wir einen Willen an, der zur Form sich
durchzuringen versucht und den Widerstand eines formlosen Stoffes zu überwinden
hat.
Mit
dieser Erkenntnis haben wir den entscheidenden Schritt gethan, um sowohl die
formale Aesthetik durch lebensvollere Sätze zu ergänzen, wie auch um dem
architektonischen Eindruck einen reicheren Inhalt zu sichern, als ihm z.
B. S c h o p e n h a u e r
s viel bewunderte Theorie zugestehen
will. Glücklicherweise lässt sich niemand den Genuss von der Philosophie trüben
und Schopenhauer selbst hatte wohl zu viel Kunstgefühl, um an seinen Satz zu
glauben: Schwere und Starrheit seien der einzige Gegenstand der Baukunst.
Weil
er nicht den Eindruck, die psychische Wirkung der Architektur analysierte,
sondern nur ihren Stoff, liess er sich zu dem Schluss verleiten:
1.
Die Kunst stellt die Ideen der Natur dar.
2.
Der architektonische Stoff bietet als Hauptideen: Schwere und Starrheit.
3.
Also ist die Aufgabe der Kunst diese Ideen in ihrem Widerspruch klar darzustellen.
Die
Last will zu Boden, die Träger, vermöge ihrer Starrheit widersetzen sich diesem
Willen.
Abgesehen
von der Dürftigkeit dieses Gegensatzes, begreift es sich schwer, wie
Schopenhauer verkennen konnte, dass die Starrheit des Steines einer griechischen
Säule in der ästhetischen Anschauung vollständig aufgehoben und zu lebendigem
Aufstreben verwandelt wird.
Genug,
ich wiederhole: Wie die Charakteristik der Schwere unseren körperlichen
Erfahrungen entnommen ist, ohne sie unmöglich wäre, so wird auch das, was der
Schwere entgegenwirkt, nach menschlicher d. h. organischer Analogie aufgefasst.
Und so behaupte ich, dass alle die Bestimmungen, die die formale Aesthetik über
die s c h ö n e F o r m
giebt, nichts anderes sind, als
B e d i n g u n g e n o r g a n i s c h e n L e b e n s. Formkraft ist also nicht nur als Gegensatz
der Schwere, vertikal-wirkende
15
Kraft,
sondern das was Leben schafft, eine vis plastica, um diesen in der
Naturwissenschaft verpönten Ausdruck hier zu gebrauchen. Ich will im nächsten
Abschnitt die einzelnen Formgesetze darlegen. Hier genügt der Hinweis, indem
es mir jetzt nur darauf ankommt, den Grundgedanken bestimmt hinzustellen, das
Verhältnis von Stoff und Form klar zu legen.
Nach
all dem Gesagten kann kein Zweifel sein, dass Form nicht als etwas äusserliches
dem Stoff übergeworfen wird, sondern aus dem Stoff herauswirkt, als immanenter
Wille; Stoff und Form sind untrennbar. In jedem Stoff lebt ein Wille, der zur
Form drängt, aber nur nicht immer sich ausleben kann. Man darf sich auch nicht
vorstellen, der Stoff sei das unbedingt feindliche, vielmehr wäre eine
stofflose Form gar nicht denkbar; überall stellt sich das Bild unseres
körperlichen Daseins als der Typus dar, nach dem wir jede andere Erscheinung
beurteilen. Der Stoff ist das böse Prinzip insofern, als wir ihn als
lebensfeindliche Schwere kennen. Zustände der Schwere sind immer verbunden mit
einer Verminderung der Lebenskraft. Das Blut läuft langsamer, der Atem wird
unregelmässig und seufzend, der Körper hat keinen Halt mehr und sinkt zusammen.
Es sind das Momente des Ungleichgewichts, die Schwere scheint uns zu
überwältigen. Die Sprache hat dafür den Ausdruck:
S c h w e r m u t, g e d r ü c k t
e Stimmung u. s. w. Ich untersuche nicht weiter, welche
Störungen physischer Art hier vorliegen: genug, dies ist der Zustand der F o r m l o s i g k e i t.
Alles
lebendige sucht sich ihm zu entringen, zur Regelmässigkeit, zum Gleichgewicht zu
gelangen, als dem naturgemässen Verhalten. In diesem Versuch des organischen
Willens den Körper zu durchdringen, ist das Verhältnis von Form zu Stoff
gegeben.
Der
Stoff selbst sehnt sich gewissermassen der Form entgegen. Und so kann man
diesen Vorgang bezeichnen mit den gleichen Worten, die Aristoteles von dem Ver-
16
hältnis
seiner Formen zum Stoff gebraucht, oder mit einem herrlichen Ausdruck Goethes
sagen: das Bild muss sich entwirken. Die vollkommene Form aber stellt sich dar
als eine Entelechie, als die Vollendung dessen, was im Stoff angelegt war.
Zu
Grunde liegt all diesen Gleichnissen das eine tiefmenschliche Erlebnis von der
Formung des Ungeformten. Wenn man die Architektur bezeichnet hat als eine
erstarrte Musik, so ist das nur der Ausdruck für die gleiche Wirkung, die wir
von beiden Künsten empfangen. Indem hier die rhythmischen Wellen auf uns
eindringen, uns ergreifen, uns hineinziehen in die schöne Bewegung, löst sich
alles Formlose und wir geniessen das Glück, auf Augenblicke befreit zu sein von
der niederziehenden Schwere des Stoffes.
Eine
gleiche formende Kraft empfinden wir in jedem architektonischen Gebilde, nur
dass sie nicht von aussen kommt, sondern von innen, als gestaltender Wille,
ihren Körper sich bildet. Das Ziel ist nicht die Vernichtung des Stoffes,
sondern nur die organische Fügung, ein Zustand, von dem wir empfinden, dass er
selbstgewollt, nicht durch äussern Zwang entstanden sei; S e l b s t b e s t i m m u n g ist die Bedingung aller Schönheit. Dass die
Schwere des Stoffes überwunden sei, dass in mächtigsten Massen ein u n s
v e r s t ä n d l i c h e r
Wille sich rein hat befriedigen können, das ist der tiefste Gehalt des
architektonischen Eindrucks.
Ausleben
der Anlage, Befriedigung des Willens, Befreiung von der stofflichen Schwere
- es sagen alle Ausdrücke das gleiche.
Je
grösserer Widerstand überwunden ist, desto höher die Lust.
Nun
kommt es aber nicht nur darauf an, d a
s s ein Wille sich auslebt, sondern w a s
für ein Wille. Ein Würfel genügt der ersten Forderung vollkommen, allein
es ist ein ausserordentlich dürftiger Inhalt, der hier zu Tage tritt.
17
Innerhalb
der formal korrekten d. h. lebensfähigen Architektur ist eine Entwicklung
möglich, die man wohl nicht ganz mit Unrecht mit der Entwicklung der
organischen
Gebilde vergleichen möchte: es findet der gleiche Fortgang von dumpfen, wenig
gegliederten Gestalten bis zum feinst ausgebildeten System differenzierter
Teile statt.
Die
Architektur erreicht ihren Höhepunkt jeweilen da, wo aus der ungeteilten Masse
einzelne Organe sich losgelöst haben und jedes Glied, seinem Zweck allein
nachkommend, zu funktionieren scheint ohne den ganzen übrigen Körper in Mitleidenschaft
zu ziehen oder von ihm behindert zu sein.
Dasselbe
Ziel verfolgt die Natur in ihren organischen Gebilden. Die niedrigsten Wesen
sind ein Ganzes ohne Gliederung, die notwendigen Funktionen werden entweder von
"Scheinorganen" verrichtet, die jeweilen aus der Masse heraustreten
und in ihr wieder verschwinden oder es besteht für alle Vorrichtungen nur e i n
Organ, das dann sehr mühsam arbeitet. Die höchsten Wesen dagegen zeigen
ein System differenzierter Teile, die unabhängig von einander wirken können. Es
bedarf der Uebung, um diese Unabhängigkeit ganz zu entwickeln. Der Rekrut kann
anfänglich nicht gehen, ohne den ganzen Körper mit in Anspruch zu nehmen, der
Klavierschüler ist nicht im stande einen Finger allein zu heben.
Das
Missbehagen solcher Zustände, w o der Wille sich nicht rein zur Geltung
bringen kann, wo er gleichsam im Stoff stecken bleibt, ist dasselbe Gefühl,
das ungenügend gegliederte Bauwerke uns mitteilen. (Der romanische Stil ist
reich an Beispielen der Art).
Deutet
so die Selbständigkeit der Teile auf höhere Vollkommenheit des Organismus, so
wird uns das Geschöpf noch um so bedeutender, je unähnlicher die Teile einander
sind (innerhalb der Schranken natürlich, die durch die allgemeinen Formgesetze
gegeben sind, siehe den nächsten Abschnitt.) Die Gothik, die in ihren Teilen
immer das gleiche Muster wiederholt: Thurm = F i a l e, Giebel =
18
W
i m p e r g, eine unendliche Vielheit
gleicher und ähnlicher Glieder gibt, muss hinter der Antike zurückstehen, die
nichts wiederholt: e i n e Säulenordnung, e i n Gebälk, e i n
Giebel.
Doch
ich breche diese Betrachtungen ab. Fruchtbar können sie erst geübt werden, wenn
der architektonische Organismus in seinen Teilen schon bekannt ist. Was ich
habe zeigen wollen, ist nur das eine, dass wir in unmittelbarem Gefühl die
Vollkommenheit architektonischer Gebilde nach demselben Massstab bemessen, wie
die der lebenden Geschöpfe. -
Wir wenden uns zu den allgemeinen Formgesetzen.
Um
eine feste Grundlage zu haben, nehme ich die Bestimmungen der Form, wie sie
Fr. V i s c h e r in der Selbstkritik seiner Aesthetik gibt
(Krit. Gänge V).
Er
unterscheidet 2 äussere und 4 innere Momente. Die ersten sind:
1)
Begrenzung im Raum.
2)
Mass, entsprechend der Spannkraft unserer Anschauung (für uns hier
unwesentlich).
Dass
jedes Ding, um Individuum zu sein, gegen seine Umgebung sich abgrenzen muss,
ist conditio sine qua non. Ueber die Art der Abgrenzung wird gleich gesprochen
werden.
Als
innere Momente treten auf:
1)
Regelmässigkeit.
2)
Symmetrie.
3)
Proportion.
4)
Harmonie.
Indem
ich mich nun anschicke, diese Begriffe zu entwickeln, setze ich als Motto
gleichsam den schon ausgesprochenen Grundsatz an die Spitze: Die Momente der
Form sind nichts andres als die Bedingungen organischen Daseins
19
und
haben als solche keine Bedeutung für den Ausdruck. Sie geben nur das Schema des
Lebendigen.
R
e g e l m ä s s i g k e i t wird
definirt als: "Gleichmässige Wiederkehr unterschiedener, doch gleicher
Teile." V i s c h e r nennt als Beispiele: Säulenordnung, Folge
eines dekorativen Musters, die gerade Linie, der Kreis, das Quadrat, etc.
Hier
glaube ich zuerst, eine Ungenauigkeit rügen zu müssen: Die R e g e l m ä s s i g k e i t der
Abfolge muss entschieden getrennt werden von der "G e s e t z m ä
s s i g k e i t" einer Linie, wie
sie die Gerade, einer Figur, wie sie Quadrat und Kreis, oder nach dem
Sprachgebrauch auch ein Winkel von 90° im Gegensatz zu einem von 80° zeigen.
Es
ist nicht einzusehen, wie diese Dinge unter der einen Definition Platz finden
sollten.
Der
Unterschied zwischen Regelmässigkeit und dem, was ich hier einstweilen als
Gesetzmässigkeit bezeichne, gründet sich auf eine sehr tiefgehende Differenz: H i e r haben wir ein rein i n t
e l l e k t u e l l e s Verhältniss vor
uns, d o r t ein p h y s i s c h e
s. Die Gesetzmässigkeit, die sich in
einem <90° oder in einem Quadrat ausspricht, hat keine Beziehung zu unserm
Organismus, sie gefällt nicht als eine angenehme Daseinsform, sie ist keine
allgemein organische Lebensbedingung, sondern nur ein von unserm Intellekt
bevorzugter Fall. Die Regelmässigkeit der Folge dagegen ist uns etwas
Wertvolles, weil unser Organismus seiner Anlage gemäss nach Regelmässigkeit in
seinen Funktionen verlangt. Wir atmen regelmässig, wir gehen regelmässig, jede
andauernde Thätigkeit vollzieht sich in periodischer Folge. - Ein anderer
Fall: Das eine Pyramide genau in einem <45° aufsteigt, bietet uns ein bloss
intellektuelles Vergnügen, unserm Organismus ist dies gleichgültig, er rechnet
bloss mit den Verhältnissen von Kraft und Schwere und gibt danach sein Urteil
ab.
Es
ist geboten, den prinzipiellen Unterschied dieser zwei Faktoren sich hier möglichst
klar zu machen.
Ganz
isolirt können sie wohl kaum je beobachtet
20
werden,
da jedes intellektuelle Verhältniss auch irgend eine physische Bedeutung hat
und umgekehrt. Jedoch ist in der Verbindung der Anteil eines jeden meist
unschwer zu erkennen.
Für
die Charakteristik d. h. für den Ausdruck eines Kunstwerks ist der
intellektuelle Faktor beinahe ganz bedeutungslos. Immerhin wird eine leicht
erkennbare Ordnung den Reiz des Heiteren erhöhen, eine sehr complizirte, dem
Intellekt unentwirrbare dagegen, indem
w i r beim Misslingen des
Versuchs unmutig werden, selbst den Charakter dumpfen Unmuts anzunehmen
scheinen. Wo endlich die Absicht allzu leicht erkannt wird, resultirt
gewöhnlich ein öder, langweiliger Eindruck.
Wichtig
ist der intellektuelle Faktor nur formal, weil er die S e l b s t b e s t i m m u n g eines Objekts garantirt.
Wo wir strenge Regel, verständliche Zahlen finden, da wissen wir: hier hat
nicht der Zufall gewaltet, diese Form ist gewollt, das Objekt hat sich selbst
bestimmt. (Natürlich kann das nur innerhalb der Grenzen des Physisch-Möglichen
geschehen.) Interessant ist die Beobachtung, dass die älteste Kunst, der es
vor allem darauf ankam, dem Zufall der Naturformen beabsichtigte, gewollte
Gestalten
entgegenzustellen, durch grelle Gesetzmässigkeit allein dies Ziel erreichen zu
können glaubte. Es war einer späteren Zeit vorbehalten, auch in freieren Formen
den Eindruck des Notwendigen zu wahren.
S
y m m e t r i e. V i s c h e r definirt sie als "Gegenüberstellung
gleicher Teile um einen trennenden Mittelpunkt, der ihnen ungleich ist. Man
kann damit wohl einverstanden sein, sobald man sich nur darüber klar ist, dass
hier nichts weiter gesagt sein soll, als dass bei g e g e b e n e m
Mittelpunkt die Teile rechts und links gleich sein müssen. Die aktive
Fassung der Definition verleitet zum Glauben, es sei in dem Begriff auch
die A u f s t e l l u n g eines Mittelpunkts eingeschlossen, was
durchaus unrichtig ist, denn wo er fehlt, z. B. bei blosser Regelmässigkeit,
spricht man nicht von Asymmetrie.
21
Die
Forderung der Symmetrie ist abgeleitet von der Anlage unseres Körpers. Weil wir
symmetrisch aufgebaut sind, glauben wir diese Form auch von jedem architektonischen
Körper verlangen zu dürfen. Nicht desswegen, weil wir unsern Gattungstypus als
den unsrigen für den schönsten halten, wie man schon gemeint hat, sondern weil
es uns so allein wohl ist.
ln
der Wirkung der Asymmetrie, von der gelegentlich schon gesprochen worden ist,
liegt das Verhältniss klar vor; wir empfinden ein körperliches Missbehagen;
indem wir uns in der symbolisirenden Anschauung mit dem Objekt identifizirt
haben, ist uns, als sei die Symmetrie unseres Leibes gestört, als sei ein Glied
verstümmelt.
Aus
dem Ursprung der Forderung von Symmetrie, ergibt sich auch ihre unbedingte
Geltung. Man ist zwar oft der Meinung, der Zweckmässigkeit müsse sie sofort
weichen, ohne dass das Gefallen eine Einbusse erlitte. F e c h n er (Vorschule der Aesthetik) bringt als Beispiel die Tasse, die ja
nur e i n e n Henkel habe. Allein gerade hier bewährt sich unser Prinzip auf's
beste. Unwillkürlich wird uns die Henkelseite zum R ü c k e n der Tasse, so
dass die Symmetrie gewahrt bleibt. Sobald dann 2 Henkel gegeben sind, dreht
sich das Verhältnis wieder und wir fassen sie als ein Analogon unserer Arme.
Aus
alldem geht aber auch zur Genüge hervor, dass ein Ausdruck in der Symmetrie als
solcher nicht liegen kann, so wenig beim Menschen ein seelisches Moment in der
Gleichheit der Arme zur Erscheinung kommt.
Mehr
Schwierigkeiten macht die P r o p o r t
i o n. Es ist das ein ganz
unentwickelter Begriff. V i s c h e r '
s Definition: Proportion setzt die
Ungleichheit voraus und eine sie beherrschende Ordnung fest, sagt nicht viel,
wie er selbst gesteht. Durch die Beifügung, sie gelte für die vertikale
Richtung, ist nichts gewonnen, weil sie dann nicht mehr passt für Flächen (Verhältniss von h und b), wo man doch auch von Proportion spricht. Und wie von
22
Höhe
und Breite sagt man auch: die Träger müssen proportionirt sein zur Last.
Aus
all diesen Fällen sieht man nur das eine: es handelt sich um das Verhältnis
verschiedener Teile zu einander. Heissen diese
K r a f t und L a s t,
so kann allein die Zweckmässigkeit entscheiden: der Träger muss seiner
Aufgabe angemessen
sein
- das ist verständlich, ein physisches Prinzip.
Weiter
müssen H ö h e und
B r e i t e in einem
"Verhältniss" zu einander stehen, 1:1 , 1:2, der goldne Schnitt sind
solche Verhältnisse. Ich werde aber erst in dem Abschnitt vom Ausdruckswert der
Proportion über diese Dinge handeln. Die Frage gehört nicht hieher, weil sie
keine durchgehende notwendige und somit ausdruckslose Form betrifft.
Für
den vertikalen Aufbau endlich eine zahlenmässige Ordnung als Hauptprinzip in
Anspruch zu nehmen, ist ganz unpassend, denn hier tritt ein q u a l i t a t i v e s Moment ein: die Durchformung des
widerstrebenden Stoffes von unten nach oben. Bei der Symmetrie waren die Glieder
qualitativ gleich. Hier sind die unteren Teile die schweren, gedrückten, die
oberen die leichten, feiner Durchbildung zugänglichen. Zahlenverhältnisse, wie
der (von Zeising überschätzte) goldne Schnitt, können darum hier als etwas
sekundäres hinzutreten, vor allem aber verlangen wir jenen qualitativen
Fortschritt von unten nach oben ausgedrückt zu sehen. Die Gesetze dieses
Fortgangs entziehen sich aller mathematischen Bestimmbarkeit. - Ein
Rustica-Geschoss von gleicher Höhe wie ein darüber liegendes zweites mit g l a t
t e r Mauer, wirkt nicht als
1:1, die optische Fläche ist bei ungleichem Stoff nicht mehr entscheidend.
Das
Prinzip ist auch hier dem organischen Aufbau entlehnt. In vollendetster Weise
finden wir diese Entwicklung vom Rohen zum Feinem beim Menschen. W u n d t
(phys. Psych. II. 186) macht darauf aufmerksam, dass eine Wiederholung
homologer Teile stattfindet: "in den Armen und Händen wiederholen sich in
feinerer und vollkommnerer Form die Beine und Füsse. Die Brust wieder-
23
holt
in gleichen Art die Form des Bauches. Während aber alle anderen Teile nur
zweimal in der vertikalen Gliederung der Gestalt wiederholt sind, ist auf den Rumpf
noch das Haupt gefügt, welches als der entwickeltste und allein in keinem
andern homologen Organ vorgebildete Teil das Ganze abschliesst."
- In
diesem Prinzip der vertikalen Entwicklung ist der Architektur eine reiche
Gelegenheit zur Charakteristik gegeben, aber das ist nicht mehr Proportion,
keine formale, sondern eine inhaltliche Bestimmung. Darum hievon erst später.
Das
letzte und geheimnissvollste Moment der Form ist die H a r m o n i e als die
"lebendig bewegte Einheit einer klar unterschiedenen Vielheit."
- "Sie geht hervor aus der Einheit der inneren Lebenskraft. Sie bringt die
Einheit in die Teile, weil sie die Teile ist" (Vischer).
Harmonie
ist ein Begriff, den wir in voller Reinheit in der Morphologie als Definition
von Organismus ausgebildet finden.
Das
Individuum ist eine einheitliche Gemeinschaft, in welcher alle Teile zu einem
gleichartigen Zwecke zusammenwirken (Einheit). Dieser Zweck ist ein innerer
(Selbstbestimmung). Und der innere Zweck ist auch zugleich ein äusseres Mass,
über welches die Entwicklung des Lebendigen nicht hinausreicht. (Form = innerer
Zweck.)
Diese
Sätze stammen von V i r c h o w. Man kann sie unmittelbar in die Aesthetik
herübernehmen.
Uebrigens
hat schon K a n t in anderem Zusammenhang dasselbe gesagt. Unter
dem Titel "Architektonik der reinen Vernunft" gibt er eine
vorzügliche Entwicklung dessen, was wir hier als Organismus und Harmonie
bezeichnen.
Er nennt es System.
Die
Bestimmungen hierüber sind so treffend, dass ich sie in der Hauptsache hersetzen
will.
Unter
System ist zu verstehen die Einheit der mannigfaltigen Teile unter einer Idee.
Diese Idee enthält den Zweck und die Form des Ganzen, das mit demselben
kongruirt (d. h. Form = innerer Zweck). Die Einheit des
24
Zwecks
macht, dass kein Teil vermisst werden und keine zufällige Hinzusetzung
stattfinden kann. Das Ganze ist also gegliedert und nicht gehäuft; es kann zwar
innerlich, aber nicht äusserlich wachsen, wie
e i n t i e r i s c h e r K ö r p e r, dessen Wachstum kein Glied
hinzusetzt, sondern ohne Veränderung der Proportion ein jedes zu seinen
Zwecken stärker und tüchtiger macht. -
Damit
ist alles gesagt, was vernünftiger Weise gewagt werden kann, und es ist, sehr
bezeichnend, dass die Architektur den Namen für diesen Begriff gegeben hat.
Ein
Ausdruck liegt in der Harmonie nicht. Sie bezeichnet nur das, was man mit
einem andren Wort auch wohl die Reinheit
der Formen genannt hat. Die Reinheit besteht eben darin, dass nicht Zufall sie geschaffen hat, die eine so, die
andre so, sondern dass sie alle als Ausfluss einer zu Grunde liegenden Einheit
erscheinen können und sich so als durchaus notwendig dokumentieren.
Der
Eindruck des Organischen beruht, wie August
T h i e r s c h in der höchst
lehrreichen Abhandlung über "Proportion" (Handbuch der Architectur,
herausgegeben von D u r m etc., Darmstadt IV. 1) nachgewiesen hat,
hauptsächlich darauf, dass die gleiche Proportion im Ganzen und in den Teilen
sich wiederholt. Es ist dasselbe Gesetz, das auch die Natur in ihren Bildungen
befolgt.1)
Damit
haben wir die hauptsächlichen Formgesetze durchgegangen.
Wir
treten den eigentlich ausdrucksvollen Elementen näher und behandeln also
nacheinander
1.
die Verhältnisse der Höhe und Breite,
2.
die horizontale Entwicklung,
3.
die vertikale Entwicklung,
4.
das Ornament.
__________
1) Näher auf
diese Dinge einzugehen, ist hier unmöglich, da der Gegenstand unbedingt die
verdeutlichende Zeichnung erfordert.
"Das
Entscheidende in der Architektur sind die Maasse, die Verhältnisse von Höhe und
Breite" (Hermann Grimm).
Sie
bestimmen wesentlich den Charakter eines Bauwerks.
Es
kommt mir darum sehr viel darauf an, den Ausdruckswert der Proportionen zu
bestimmen.
Scheiden
wir zuerst aus, was dem intellektuellen Faktor angehört: Proportionen wie 1:1,
1:2, 1:3 sind befriedigend, weil sie die Selbstbestimmung garantiren. Die
Regel, die uns hier sofort entgegenleuchtet, überhebt uns der Frage: warum so?
warum nicht anders? Die Form erscheint als eine notwendige. Darin kann aber ein
Ausdruck noch nicht liegen.
Man
erinnere sich an das, was wir früher über die mechanische Bedeutung aller
Formverhältnisse sagten und man wird nicht widersprechen, wenn ich das
Verhältnis von h und b, von Vertikale und Horizontale, dem Verhältniss von Ruhe
und Streben gleichsetze, und darin den Ausdruckswert der Proportionen erkenne.
Der physische Faktor ist also auch hier wieder das Charakteristische.
Wie
aber stellt sich hiezu das vielberühmte Verhältnis des goldnen Schnittes? Ist
das unbestreitbare Wohlgefallen, das dieser für sich hat, nach dem
intellektuellen oder nach dem physischen Prinzip zu beurteilen? Was man von den
Proportionen 1:1, 1:2, 1:3 gesagt hat, ihre ästhetische Bedeutung liege in der
Leichtigkeit, womit wir diese einfachen Zahlen erkennen, findet hier offenbar
keine Anwendung. Die grössere Seite ist nicht ein Vielfaches der kleinern,
sondern h und b sind (arithmetisch ausgedrückt) irrational. Nun aber könnte man
sich ja doch denken, das geometrische Verhältnis, dass die kleinere Seite zur
grösseren sich verhalte, wie diese zum Ganzen, werde wahrgenommen. Jedoch, wo
ist das Ganze? Ist es glaublich, dass wir in der Anschauung
26
eines
goldgeschnittenen Rechtecks b zu h hinzusetzen, um die Gerade zu gewinnen, die
das Ganze repräsentirte?
Der
intellektuelle Faktor scheint hier nicht zu passen.
Ein
andres Bedenken gegen diese Erklärung ist dies, dass auch ein geschultes Auge
nicht leicht den goldnen Schnitt als solchen erkennt. Bei 1:1 oder 1:2 werden
Unvollkommenheiten sofort bemerkt, hier dagegen bleibt das Urteil in einer
gewissen Breite schwankend. Die Zweifel mehren sich noch bei längerm
Nachdenken; genug, ich glaube das Wohlgefallen muss aus den physischen
Bedingungen erklärt werden, aus dem Verhältnis von Kraft und Schwere.
Man
beobachte doch die Charakteristik der Scala der Proportionen.
Das
U heisst plump, schwerfällig, zufrieden, hausbacken,
gutmütig, dumm u. s. f. Sein Eigentümliches liegt in der Gleichheit von h und
b, Streben und Ruhe halten sich vollkommen das Gleichgewicht. Wir können nicht
sagen, liegt der Körper oder steht er. Ein Ueberschuss von b würde ihn als
ruhend, ein Ueberschuss von h als stehend erscheinen lassen. Dies ist nach dem
allgemeinen Sprachgebrauch anerkannt. Mit grosser Consequenz sagen wir:
dort l i e g t die Gemäldegalerie und hier s t e h t
der Turm.
Der
Würfel gewinnt durch seine Indifferenz den Charakter absoluter Unbeweglichkeit.
Er will nichts. Daher die Charakteristik: plump - gutmütig - dumm, ein
Fortschreiten von körperlichen zu moralischen und schliesslich zu
intellektuellen Eigenschaften.
Mit
zunehmender Höhe verwandelt sich das Plumpe ins Fest-Gedrungene, geht über zum
Elegant-Kräftigen, um schliesslich im Haltlos-Schlanken zu endigen, die Gestalt
scheint dann der Unruhe ewigen Weiterwollens verfallen.
Umgekehrt,
bei wachsendem b findet eine Entwicklung der Verhältnisse vom Klotzigen,
Zusammengezogenen zu immer freierm Sich-Gehnlassen statt, das aber schliesslich
in blosse zerfliessende Schwäche sich verliert; man
27
bekommt
den Eindruck, die Figur müsste ohne allen Halt immer mehr am platten Boden sich
ausbreiten.
(Diese
Chakteristik ist, wie ich nebenbei bemerke, aus zahlreichen Experimenten mit
Personen jeden Alters gewonnen worden.)
Aus
alledem geht zur Genüge hervor, dass die Verhältnisse von h und b gedeutet
werden auf Kraft und Schwere, Streben und Ruhe. Für den Ausdruck liegt in
diesen Beziehungen ausserordentlich viel.
Was
wir an uns selbst kennen, als behagliches Sich-Ausdehnen, ruhiges Gehn-Lassen,
übertragen wir auf diese Art von Massenverteilung und geniessen die heitere
Ruhe mit, die Gebärde solcher Art uns entgegenbringen. Umgekehrt kennen wir
auch den Zustand des Gemütes, wenn man "sich zusammennimmt", in
kräftigernster Haltung sich aufrichtet u. s. w.
In
der Skala der möglichen Combinationen scheint mir nun der goldene Schnitt
desswegen eine bevorzugte Stellung einzunehmen, weil er ein Streben gibt, das
sich nicht selbst verzehrt und in atemloser Hast nach oben drängt, sondern
kräftiges Wollen mit ruhig festem Stand zu verbinden weiss. Das liegende
goldgeschnittene Rechteck dagegen ist gleich weit entfernt von haltloser
Schwäche und jenen klotzigen, dem U sich
nähernden Gestalten.
Der
goldene Schnitt gäbe also in seinem Verhältnis von ruhigem Stoff und
aufdrängender Kraft etwa d a s d e m
M e n s c h e n c o n f o r m
e D u r c h s c h n i t t s m a s s. Ja, ich glaube beobachtet zu haben,
dass schlanke Personen von unruhiger Beweglichkeit im Ganzen die schlankern
Verhältnisse vorziehn, während kräftig untersetzte Leute umgekehrt wählen. Es
wäre wünschenswert gewesen, dass F e c
h n e r bei seinen berühmten
Experimenten hierauf Rücksicht genommen hätte.
Von
den Dreiecksproportionen gilt das gleiche.
Von
grossem lnteresse ist der Zusammenhang zwischen den Proportionen und dem T e m p o
d e s A t m e n s. Es ist kein Zweifel, sehr schmale Proportionen
machen den
28
Eindruck
eines fast atemlos hastigen Aufwärtsstrebens. Und natürlich: es stellt sich
sofort der Begriff des Engen ein, das uns keine Möglichkeit zu tiefem, seitliche
Ausdehnung verlangendem Atemholen gewährt. So wirken die gothischen
Proportionen beklemmend: für uns ist Raum genug zum Atmen da, aber in und mit
diesen Formen lebend, glauben wir zu empfinden, wie sie sich zusammendrücken,
aufwärtsdrängend, in sich selbst verzehrender Spannung. Die L i n i e n
scheinen mit gesteigerter S c h
n e l l i g k e i t zu laufen. Es mag
hier als Beispiel, wie wenig die Bewegung der Augen für die Schnelligkeit des
Linienflusses entscheidend ist, auf den Eindruck zweier Wellenlinien von
ungleicher Schwingungsweite hingewiesen sein: kurze Schwingungen erscheinen uns
rasch und flink, lange dagegen ruhig, oft müde: dort lebhaftes rasches Atmen
- hier matte langsame Züge. Die Schwingungsweite giebt die Dauer, die Schwingungshöhe
die Tiefe des Atemzuges an. Bei der Bedeutung des Tempos der Respiration für
den Ausdruck von Stimmungen ist dieser Punkt für die historische Charakteristik
sehr wichtig. Man kann die Beobachtung machen, dass Völker, ,je älter sie
werden, desto rascher in ihrer Architektur anfangen zu atmen, sie werden
aufgeregt. Wie still und ruhig laufen die Linien des alten dorischen Tempels:
alles noch breit und langsamgemessen. Dann im Jonischen schon eine raschere
Beweglichkeit, man sucht das Schlanke und Leichte, und je mehr die antike
Kultur ihrem Ende nahe kam, desto mehr verlangte sie eine fieberhafte
beschleunigte Bewegung. Völker, die von Hause aus ein rasches Blut haben,
leisten dann das Höchste. Man denke an die erstickende Hast arabischer
Dekorationslinien. - Leider muss ich mich hier mit Andeutungen begnügen, eine
historische Psychologie oder vielmehr eine psychologische Kunstgeschichte
müsste die wachsende Schnelligkeit der Linienbewegung mit aller Exaktität
verfolgen können und zwar wird sie finden, dass in der Dekoration der
Fortschritt immer zuerst vor sich geht.
29
Die
Proportionen sind das, was ein Volk als sein eigenstes gibt. Mag auch das
System der Dekoration von aussen hineingetragen sein, in den Maassen von Höhe
und Breite kommt der Volkscharakter immer wieder zum Durchbruch. Wer verkennt
in der italienischen Gothik die nationale Vorliebe für weite, ruhige
Verhältnisse und umgekehrt - bricht nicht im Norden immer wieder die Lust
hervor am Hohen und Getürmten? Man könnte fast sagen, der Gegensatz von
südlichem und nördlichem Lebensgefühl sei ausgedrückt in dem Gegensatz der
liegenden und stehenden Proportionen. Dort Behagen am ruhigen Dasein, hier
rastloses Fortdrängen. In der Geschichte der Giebelverhältnisse z. B. möchte
man die ganze Entwicklung der Weltanschauungen wiederfinden. Ich fürchte nicht
den Vorwurf, das seien Spielereien. Man ist zwar auch schon dahin gekommen, die
engen gothischen Spitzbogen als ein blosses Resultat technischer Entwicklung
anzusehen, und Leute, die mehr darin sehen wollten, als lächerliche Dilettanten
zu behandeln. Aber man blicke doch auf den allgemeinen Zusammenhang, man sehe
sich jene schlanken Menschen an, wie sie uns auf Gemälden der Zeit
entgegentreten;
wie ist da alles gestreckt, wie ist die Bewegung so zierlich steif, jeder
einzelne Finger wie gespreizt! Was Wunder, wenn die Architektur auch scharf und
spitz in die Höhe geht und die würdige Ruhe vergisst, die den romanischen
Bauten eigen ist. Der Zusammenhang zwischen der Körperkonstitution und den
bevorzugten Verhältnissen tritt hier deutlich hervor. Ob aber nun die physische
Geschichte des menschlichen Körpers die Formen der Architektur bedingt oder
von ihr bedingt ist, das ist eine Frage, die weiter führt, als wir hier zu gehn
beabsichtigen.
Vielleicht
ist schon im Verlauf der bisherigen Ausführungen das Bedenken wach geworden,
ob man denn
30
überhaupt von e i n e m Hauptverhältnis reden könne, es zeige ja doch jedes Gebäude eine Fülle mannigfacher Proportionen. Um solche Zweifel zu beschwichtigen, möchte ich versuchsweise den Begriff eines "m i t t l e r e n V e r h ä l t n i s s e s" einführen. Dass in der gothischen Architektur von solch einer durchgehenden Proportion gesprochen werden kann, muss jedermann zugeben, der Begriff hat aber auch für jeden anderen Stil seine Berechtigung. Er bezeichnet ganz analog dem "Mittelton" in der Musik, das Normale, die natürliche Ausdehnung, nach der dann die andren Proportionen moduliert werden und, unter steter Beziehung auf diese Norm, eben als Verengung oder Erweiterung wirken. Es findet also ein kombinatorischer Einfluss statt: die abweichenden Verhältnisse werden nicht für sich, sondern in einem ergänzenden Zusammen aufgefasst. Historisch lässt sich zeigen, dass die Combinationen zunehmen mit der reifenden Kunst. Die alte gibt lauter einfache, selbständige Verhältnisse.1)
Das
Prinzip der horizontalen Gliederung wird als
S y m m e t r i e bezeichnet.
Symmetrie ist aber nur die Forderung, dass die Teile, die sich um einen ihnen ungleichen
Mittelpunkt herumlegen, unter sich gleich sein müssen. Darin liegt, gar kein
Ausdruck, wie ich schon oben gesagt habe, das Wichtige ist, d a s s
sein Mittelpunkt dominierend sich heraushebt und dadurch abhängige
Glieder um sich schafft. Wie die Geschichte der architektonischen Bildungen
prinzipiell verwandt ist mit der Entwicklung der organischen Geschöpfe, so darf
auch hier auf einen Satz der Morphologie hingewiesen werden:
"Subordination der Teile deutet auf ein vollkommeneres Geschöpf. Je
ähnlicher
die Teile einander sind, desto weniger sind sie ein-
__________
1) Die Gesetze
dieser Modulationen aufzuweisen, gehört nicht hierher. Im übrigen verweise ich
auf das zurück, was bei der Harmonie von durchgehenden Verhältnissen gesagt
worden ist.
31
ander
subordiniert." Der Fortschritt in der Entwicklung ist also eine Gliederung
der Masse, die an sich stets in ihrer Ganzheit, zusammengeschlossen, verharren
will.
Die
architektonische Bildung nähert sich damit der menschlichen Organisation und
gewinnt die Fähigkeit, all das auszudrücken, was in dem Verhältnis der Glieder
zum Körper vom Menschen gesagt werden kann. Das Charakteristische hiebei liegt
in der grössern oder geringern Selbständigkeit dieser Teile. Resultiert das
Gefühl der Freiheit überhaupt erst aus einer Entwicklung von Gliedern, die aus
dem massigen Körper zu eignem Leben heraustreten, so wird die Wirkung um so
fröhlicher, je freier die Verbindung mit dem Mittelbau. Wir finden hier jene
Empfindung des Gelösten und Leichten wieder, die uns jede heitere Stimmung
erregt. "So frei, so entlassen!" ruft V i s c h e r einmal aus.
Eng
angeschlossne Seitenteile dagegen, ohne selbständige Kraft, deuten auf unbedingte
Abhängigkeit, auf vollständige Unterordnung unter den Willen der Mitte, gleich
wie energisches Wollen beim Menschen in den eng am Körper anliegenden Gliedern
sich ausspricht.
Bei
gegebenem Prinzip ist die Anwendung leicht zu machen und so brauche ich nicht
die möglichen Fälle alle aufzuzählen. Das Prinzip ist uns durch unsere
körperliche Organisation und unsere Ausdrucksbewegungen verständlich; in der
Verwendung derselben ist die Architektur natürlich nicht mehr an die
menschliche Analogie gebunden: sie kombiniert rein schematisch. -
Die
symmetrische Gliederung oder die ungerade Teilung (3 =, 5 = Teilung) wenden wir
an bei allem Selbständigen, da die hervorgehobene, den Teilen ungleiche Mitte
eben den inneren Zusammenhalt repräsentiert, analog der Anlage unsres und jedes
tierischen Organismus.
Gegen
Zweiteilung haben wir eine entschiedene Abneigung: es ist unorganisch, das Ding
in der Mitte auseinanderfallen zu lassen.
Ein
feines Gefühl aber hat die Zweiteilung für un-
32
selbständige
Körper in Anwendung gebracht. Am griechischen Tempel z. B. ist die Vorderseite
symmetrisch resp. ungerade geteilt, wir haben 5 oder 7 Interkolumnien (und auf
diese, nicht auf die Säulen, kommt es an, da erst 2 Säulen zusammen etwas
Selbständiges sind, gleich den 2 Beinen des menschlichen Körpers). Auf den
Seiten dagegen finden wir eine gerade Zahl derselben, d. h. die Seite ist
nichts selbständiges für sich: sie hat keine Mitte, die Mitte ist vielmehr
durch ein tragendes Glied ausgefüllt.
Das
Gleiche finden wir auch sonst in der Geschichte der Architektur. Der Erbauer
der Villa Farnesina z. B. hat die Flügel der Fassade nur mit einer Zweiteilung
bedacht und so fein ihre Unselbständigkeit gegenüber dem 5geteilten Mittelbau
angedeutet.
A
s y m m e t r i e erscheint nur in
leichten Fällen als Gleichgewichtsverschiebung, in schweren nötigt sie uns,
jeden Teil als Individuum für sich aufzufassen und das Ganze mehr als eine
zufällige Versammlung, denn als organische Verbindung zu nehmen.
Von
monumentalen Gebäuden verlangen wir heutzutage unbedingte Symmetrie: würdige
gemessene Haltung. Die Deutschen des Mittelalters und auch der Renaissance
scheinen anders gedacht zu haben: sie rechneten darauf, dass jeder Teil an
seinem Orte für sich wirken solle, auf das Ganze, das u n s durch diese
Ungebundenheit meist einen sehr muntern, durchaus nicht würdigernsten Eindruck
macht, scheinen sie nicht Rücksicht genommen zu haben. Wir dulden solche
Freiheit nur noch an privaten oder ländlichen Gebäuden.
Ein
eigentümliches Bedürfnis aber drängt unsre Zeit auch in ihrer häuslich-dekorativen Kunst zum Asymmetrischen. Die Ruhe und Einfalt des
stabilen Gleichgewichts ist langweilig geworden, man sucht mit Gewalt
Bewegung, Aufregung, kurz die Zustände des Ungleichgewichts; man will nicht
mehr den Genuss, wie Jacob B u r c k h
a r d t einmal sagt, "sondern die
Abspannung oder Zerstreuung und so ist entweder das Formloseste oder
33
das
Bunteste willkommen." - Wer will, mag sich in modernen Salons Beispiele
zu diesem Satz suchen. Sie bieten sich reichlich.
Die
moderne Vorliebe für das Hochgebirge, für mächtigste Massen ohne Regel und
Gesetz, ist wohl zum Teil auf ein ähnliches Verlangen zurückzuführen.
Gleicherweise
aber begreift es sich auch, dass eine gesteigerte Verletzung des Gleichgewichts
schwermütig wirken kann. Wir selbst empfinden ja die Qual von Zuständen des
Hangens und Bangens, wo die Ruhe des Gleichgewichts nicht gefunden werden kann.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit an einen Stich D ü r e r s erinnern
Melenconia I. Da sehn wir ein Weib in dumpfem Sinnen, hinstarrend auf einen
Steinblock. Was soll das? Der Steinblock ist unregelmässig, irrational, er
lässt sich nicht fassen mit Zirkel und Zahlen. Aber mehr. Man sehe diesen
Stein an, scheint er nicht zu fallen? Gewiss. Und je länger man hinsieht, desto
mehr wird man hineingezogen in diese Ruhelosigkeit; ein Würfel mit seinem
absoluten Gleichgewicht mag langweilig sein, doch ist er befriedigt und
befriedigend, hier aber tritt uns entgegen die qualvolle Unruhe dessen, was
nicht die feste Form erreichen kann.
Die
Körperhaltung bedingt Blutzirkulation und Atem in ihrem Rhythmus. Und so führt
uns die Betrachtung der Gleichgewichtszustände auf das, was man in der
Architektur R e g e l m ä s s i g k e i
t d e r F o l g e oder
Eurhythmie
(Semper) genannt hat.
Ueber
die Notwendigkeit des Regelmässigen für alles Lebendige haben wir schon
gehandelt, ebenso über das Tempo, bei Gelegenheit der Proportionen.
Dass
auch das Unregelmässige innerhalb
der Schranken des schon Geformten bis zu gewissem Grad erlaubt ist, ergiebt die
Analogie mit der Symmetrie und dem gemeinsamen Quell, der menschlichen
atmenden Gestalt, die in ihrer Anlage symmetrisch, in ihren Funktionen
regelmässig
ist. Es gelten beiderseits die gleichen Bestimm-
34
ungen:
das Normale, Streng-Regelmässige kann durch eine Lockerung des Gesetzes den
Charakter des Fröhlich-Freien, weiter aber auch des Unbefriedigten, Ruhelosen
gewinnen. An monumentalen Gebäuden verlangen wir das Gleichmass der Regel
unbedingt, dagegen wird eine leichte Unregelmässigkeit das Heitere ländlicher
Anlagen noch erhöhn, sie muss aber sehr leicht sein, denn wir haben die
Regelmässigkeit, gleich dem Takt in der Musik anzusehn, der zwar hie und da
sich etwas dehnen lässt, im Ganzen aber doch als unverbrüderliches Grundgesetz
gelten muss.
Von
einem R h y t h m u s der Folge zu sprechen, scheint gewagt.
Allein, weil wir nun doch einmal eine F
o l g e unterschiedener Teile und
damit, die Elemente des Taktes vor uns haben, warum sollte da nicht durch
stärkere Betonung je des 2. oder 3. Teiles ein Rhythmus entstehn? Beispiel:
Michaelskirche zu Hildesheim, wo auf zwei Säulen jedesmal ein Pfeiler folgt.
Immerhin ist diese Art der Rhythmisirung eine ungewöhnliche; denn von einem
stärkern Glied verlangen wir auch eine grössere Leistung, was hier nicht Fall
der ist. Es bleibt aber noch eine andre Möglichkeit, da wir ja mehrere
verschiedengliedrige Folgen n e b e n
- und
ü b e r e i n a n d e r haben
und die schwächern Glieder zwischen die stärkern sich einordnen müssen, wie
leichte Begleitungsfiguren in der Musik dem langsamer fortschreitenden
Hauptthema. In dem dadurch entstehenden Rhytmus ist in der That ein Moment von
wesentlicher Bedeutung gegeben, das beim Eindruck des Ganzen eine nicht zu
unterschätzende Rolle spielt.
Nehmen
wir die griechische Tempelarchitektur:
Die
Säulen sind unter sich alle gleich, die darüberliegenden Triglyphen sind es ebenfalls;
ob aber 2 oder 3 Triglyphen auf eine Säule kommen, mit anderen Worten, ob der
Raum zwischen je zwei Säulen in 2/2 oder 3/3 geteilt wird, das macht den Rhythmus aus. Der der Säule
entsprechende Triglyphenschlitz wird nämlich unmittelbar als der stärker
betonte erscheinen.
Die
Wirkung in beiden Fällen ist eine durchaus ver-
35
schiedene.
Wo eine Triglyphe in den Schwerpunkt des Gebälkstücks fällt, also genau in die
Mitte des Interkolumniums, da resultiert für uns der Eindruck strenger
Gebundenheit, anderenfalls, wo dieser Punkt unbezeichnet bleibt, wirkt die
freiere Ordnung leicht und fröhlich. Das ist nun allerdings noch keine
genügende Erklärung. Man thut vielleicht gut, an die Bedeutung des 4/4 und ¾ Takt,
für unsre Bewegung zu erinnern: Wir marschieren leichter im ¾ Takt. Der betonte
Tritt fällt dann nicht immer demselben Fusse zu, sondern wechselt ab, der Gang
wird leicht und schwebend.1)
Ich
verzichte darauf, weitere Fälle anzuführen: allgemein lässt sich sagen, dass
der alten, strengen Kunst nur die Zweiteilung entspricht. Die
griechischrömische Architektur hat erst spät das Reizmittel - wenn ich so
sagen darf - des ¾ Taktes angewendet. Ich finde es zuerst am Rundtempel zu
Tivoli.
Die grösste Ungebundenheit zeigt sich dann darin, dass die Rhythmen verschiedener Reihen nicht mehr zusammenklingen. So bei vielen Gebäuden der Renaissance z. B. Tempietto bei San Pietro in Montorio (Rom) oder Vorhalle von S. Maria (Arezzo) u. s. w.
Wir
haben die zunehmende Durchformung des Stoffes als das Prinzip des vertikalen
Aufbaus erkannt.
Beim
Menschen besteht diese Durchformung in der Bildung feinerer Organe, die sowohl
am Körper sich freier bewegen können als auch selbst, in sich, mannigfaltiger
gegliedert sind. Man vergleiche in dieser Hinsicht Beine und Arme.
Weiter
ist es gleichsam eine Durchbrechung der ge-
__________
1) Denkbar wäre
aber auch, dass wir, das Moment der Folge aufgebend, zur Erklärung das
beiziehen müssten, was wir oben über Zwei und Dreiteilung gesagt haben. Es ist
mir unmöglich, mich zu entscheiden, da mannigfache Beobachtungen und Versuche
kein bestimmtes Resultat ergaben.
36
schlossenen
Masse, die uns in den Augen z. B. entgegentritt.
Was
entspricht dem in der Architektur? Sie gliedert ihren Stoff in gleicher Weise
und durchbricht die Mauer mit Oeffnungen. Die Oeffnungen nehmen zu an Grösse,
die Gliederungen werden feiner, die Organe selbständiger. Der Träger, der
zuerst als Mauerpfeiler erschien, kann zur freien Säule werden mit eigenem
Sockel. Doch will ich nicht auf einzelnes eingehn, es kommt mir nur auf das
Prinzip an: auf die Entfaltung der vertikal wirkenden Formkraft.
Diese
Kraft stellt sich uns dar als die gleiche in Säulen und Fenstern und Gesimsen.
Ueberall der Zug nach oben, der der Schwere sich entgegenstemmt und in einer
konoiden Form gewöhnlich seinen Abschluss sucht. Unten also haben wir alles
massiv, ungegliedert, ungebrochen: es ist die Basis, der Sockel; die ganze
Wucht des Schweren kommt hier zur Geltung. Ein Rustika-Erdgeschoss gestattet
nur ganz kleine Fensteröffnungen und auch hier scheint die Gefahr nicht
ausgeschlossen zu sein, dass die Masse sie verschlingt, indem sie sich wieder
zusammenzieht. Das ist uns wohl verständlich, beleidigt unser Gefühl nicht.
Fehlen dagegen die Oeffnungen oben, verharrt der Stoff in seiner
ungegliederten Ganzheit, so erscheint uns das Wesen als blind, als befangen in
dumpfem Dasein.1)
Die
Architektur nähert sich hier der menschlichen Organisation in sehr bedeutender
Weise, so dass sich
__________
1) Hr. Prof. v.
B r u n n macht mich auf ein scheinbar
widersprechendes Beispiel aufmerksam: auf den Dogenpalast in Venedig, zugleich
mit dem Bemerken, dass diese Ausnahme die Regel bestätige. Hier haben wir
nämlich allerdings über den Hallen der untern Geschosse eine mächtige Obermauer
mit nur wenig Fenstern, jedoch diese Obermauer ist schon gemustert d. h. mit
Formelementen durchzogen und wirkt darum nicht schwer; weiterhin aber
- und
dies ist wohl noch bedeutsamer - wird sie nicht durch ein Kranzgesims
abgeschlossen, sondern löst sich in ein spitzenartiges Ornament auf.
37
physiognomische
Analogien mit grosser Entschiedenheit einstellen.
Wir
sind gewohnt den freisten Ausdruck da zu finden, wo ein Teil dem mechanischen
Druck enthoben ist: so spricht beim Tier der Schwanz am deutlichsten, beim
Menschen der Kopf und in der Architektur, die ebenfalls eine Richtung nach oben
hat und gerade aussieht (nicht zu Boden wie das Tier oder aufwärts wie die
Pflanze), sind die ausdrucksvollsten Teile entsprechend auch die obern.
Hieher
wendet sich unwillkürlich unser Blick. Hier liegt für uns die Charakteristik,
die für das ganze übrige Gebäude bestimmend wird.
Unserer
Phantasie genügt dabei der leiseste Anstoss, sie hält sich an ein einzelnes und
verlangt durchaus keine Entsprechung im weitern. So wenig Aehnlichkeit daher
auch ein Haus mit einer menschlichen Gestalt hat, wir finden doch in den
Fenstern Organe, die unsern Augen ähnlich sind. Man sagt, sie
"vergeistigen" den Bau. Und ihnen kommt daher der ganze Ausdruckswert
zu, der in der Stellung des Auges zu seiner Umgebung liegt. Der Teil über den
Fenstern wird uns zur Stirn. Heiterkeit verlangt eine glatte Stirn. Rustika-Behandlung wirkt, sehr düster an dieser
Stelle, namentlich wenn der Raum nicht hoch ist. So können wir uns beim Finanzministerium
in München des Eindrucks nicht erwehren, dass es die Stirne runzle, ein Palazzo
Strozzi dagegen wirkt durch seine höhere Obermauer trotz Rustika nicht unmutig,
sondern nur ernst bedeutsam. Scheinen die Fenster unmittelbar beschattet von
einem vorstehenden Kranzgesims, so gewinnen wir den Eindruck, als wären die
Brauen zusammengezogen und den Augen als schützendes Ueberdach gleichsam
vorgeschoben.
Es
wäre eine nicht undankbare Aufgabe die physiognomischen Möglichkeiten, die die
Architektur verkörpern kann, zusammenzustellen. Bei all dem kommt es natürlich
nur auf das P r i n z i p an, es liegt durchaus nicht die Absicht
38
vor, m e n s c h l i c h e Gesichtszüge nachzuahmen. Vielleicht
verliert auch die Idee einer architektonischen Physiognomik einigermassen ihr
befremdendes, wenn man bedenkt, dass die menschlichen Ausdrucksbewegungen in
den Gesichtsmuskeln denen des ganzen Körpers immer ähnlich sind; so ziehen wir
mit den Augenbrauen gleichzeitig die Schultern in die Höhe, mit vertikaler
Stirnfaltung verbindet sich Steifung des ganzen Körpers, wer die Brauen über
die Augen verschiebt, senkt auch den Kopf gegen die Brust vor. Daraus erklärt
sich die Bedeutung des Prinzips auch in aussermenschlicher Verwendung wohl
hinlänglich.
So
viel in Kürze über den Gegenstand, der im folgenden Abschnitt noch deutlicher
werden wird.
Bevor
wir aber übergehn zum Ornament, muss noch auf ein Moment in der Charakteristik
der Vertikalkraft hingewiesen werden.
Form ist That. Jedes Fenster muss in jedem Augenblick gegen den Druck der Materie sich behaupten.
Verschiedene Zeiten haben dies Verhältnis verschieden
aufgefasst.
Der
Rundbogen ist anerkanntermassen fröhlicher als der Spitzbogen: jener lebt sich
ruhig aus - gesättigte Rundung; dieser ist in jeder Linie Wille, Anstrengung,
nie ruhend scheint er die Mauer immer noch höher hinauf spalten zu wollen.
Mit
dem Bestreben, in jeder Form den Ausdruck konzentrierten Wollens zu geben,
verbindet sich bei der G o t h i k eine Abneigung gegen allen Stoff, der stumpf
und breit da liegt. Alles Träge, Haltlose ist ihr unleidlich; was sie mit ihrem
Willen nicht durch und durchdringen kann, muss verschwinden. So kommt es zu
einer gänzlichen Auflösung aller Masse, die Horizontale weicht und im
unaufhaltsamen Emporfahren befriedigt sich der Drang, befreit von aller
Schwere, hochhinauf die Luft zu durchschneiden.
Den
ganzen Bau in funktionierende Glieder auflösen,
39
heisst:
jeden Muskel seines Körpers fühlen wollen. Das ist der eigentliche Sinn der
Gotik. Ich komme später nochmals darauf zurück. Wo immer dieser Drang in der
Geschichte sich findet, ist er ein Symptom hoher Aufregung.
Die
heitere Ruhe des klassischen Zeitalters kennt nichts dergleichen. In der
griechischen Architektur ist dem Stoff ein weiter Spielraum gelassen, das
Gebälk lastet mit bedeutender Schwere und in der geringen Höhe des Giebels
zeigt sich der nur mässige Ueberschuss der Vertikalkraft. Der Grieche suchte
nicht das Stoffliche abzustreifen, er freut sich der Kraft, die ihren Widerstand
findet, ohne darin eine Beeinträchtigung zu sehen und ein unbehindertes
zweckloses Aufstreben zu verlangen.
Für
den modernen Geist ist es bezeichnend, dass er gerne in der Architektur die
Form sich mühsam aus dem Stoff herausarbeiten lässt, er will nicht das Fertige,
sondern das Werdende sehen, den allmäligen Sieg der Form.
Die
Rustika der Renaissance hat diesen Gedanken deutlich zum Ausdruck gebracht.
Weiterhin wurde vom Barockstil das Motiv bis zu dem Extrem verfolgt, dass die
Form aus dem rohen Felsgestein sich herauswinden muss.
Die
Antike stellte das Vollkommene gleich rein und ganz hin, als könnte es nicht
anders sein.
Auf theoretischem Gebiet könnte man als Beispiel zu diesem tiefgehenden Unterschied zwischen antiker und moderner Anschauung gegenüberstellen: L e s s i n g mit seinem bekannten Wort: "Lass mich irren, nur lass mich forschen" und A r i s t o t e l e s (Nic. Eth. 1177 a 26): εΰλογον δέ τοίς είδόσι των ζητούντων ήδίω τήν διαγωγήν είναι.
Nur
mit Mühe hat bisher die Erörterung des Ornaments zurückgeschoben werden können.
Es trägt zur Charakteristik der horizontalen, noch mehr aber der vertikalen
Entwickelung ausserordentlich viel bei. Doch schien
40
mir
eine zusammenhängende Behandlung des Themas vorzuziehen.
Was
ist das Ornament? Die Lösung der Frage ist dadurch vielfach getrübt worden,
dass man, wie Bötticher in seiner Tektonik der Hellenen, nach der kanonischen
Bedeutung jedes Teiles fragte, ein geschlossenes System aufsuchen zu müssen
glaubte oder aber mit der Frage nach der historischen Entstehung einer Form
sich abquälte.
Ich
bin in einer glücklicheren Lage, indem ich nur das eine wissen will: W i e w i r k t das Ornament?
Wagner
(Handbuch der Arch. IV. 1, 31 ff.) unterscheidet in üblicher Weise dekoratives
und konstruktives Ornament, weiss aber von dem dekorativen nichts mehr zu
sagen, als dass es "in sinniger Weise tote Flächen und starre Gliederungen
beleben solle," während er dem konstruktiven die Aufgabe gibt, "die
durch den Stil bedingte Kunstform des Strukturteils zu heben und zu
schmücken."
Mit dieser Erklärung ist nicht viel zu machen.
Schon die Unterscheidung von
dekorativ und konstruktiv ist von zweifelhaftem Wert. Man stösst bei der
Anwendung sofort auf Bedenken und findet, dass die Grenze eine fliessende sei.
Jedenfalls empfiehlt es sich nicht davon auszugehen und so nehme ich das
Ornament als ganzes und stelle den Satz auf, den ich nachher erproben
will: D a s O r n a m e n
t i s t A u s d r u c k ü b e r
s c h ü s s i g e r F o r m k r a f
t. Die schwere Masse treibt keine
Blüten.
Versuchen
wir den Wert dieser Erklärung zuerst an einem dorischen Tempel.
Die
ganze untere Hälfte, vom Kapitell abwärts zeigt keine dekorativen Formen: weder
Tempelstufen noch Säulenstamm würden eine Verzierung ertragen: dort haben wir
die rohe Masse, schwer daliegend, kaum der einfachsten Form gewonnen, hier im
Säulenstamm erwarten wir Anstrengung, konzentrierte Kraft, was die Kanellüren
deutlich zum Ausdruck bringen; eine skulpirte Säule
41
hätte den Charakter des Sich-Zusammennehmens vollständig verloren. Vom Kapitell wollen wir nachher reden. Was kommt über den Säulen? Das Gebälk, die zu tragende Last, eine mächtige Horizontale. Wäre die Last grösser, so müssten die Säulen in der Mitte ausweichen, die Horizontale würde dominieren. Aber umgekehrt: die Vertikalkraft ist mächtiger, sie durchdringt die Schwere, erst nur leise, der Architrav verbleibt noch in ungebrochener Ganzheit und nur in den Schilden über den Säulen manifestirt sich die Wirkung des Stosses; dann nach Ueberwältigung dieses ersten Widerstandes wird die Last leichter, die Kraft bricht durch: es erscheinen in den Triglyphen vertikale Glieder, die das Kanellürenmotiv der Säulen wieder aufnehmen und in den zwischengestellten Metopen bekundet sich schon ein tektonisch-unabhängiges Leben: es ist Raum geschaffen zur Entfaltung feinster Gebilde und wenn endlich die Mutuli die ganze Breite des Gebälks ausfüllen, so macht dies den Eindruck, als klinge hier der Säulenstoss sanft aus, nachdem er sich über das ganze Gebälk ausgedehnt. Es folgt die höchste That: die Schwere ist überwunden, der Ueberschuss der strebenden Kraft erscheint in der H e b u n g 1) des Giebels und feiert den höchsten Triumph in den plastischen Figuren, die, dem Druck enthoben, hier frei sich entfalten können. 2)
__________
1) Vischer fragt einmal, ob der Giebel steige oder sich niedersenke. Beides. Er wird in der Mitte gehoben; Ausdruck dessen: Der Firstziegel; und die Seitenlinien fliessen abwärts, denn in den (seitwärts blickenden) A k r o t e r i e n beugt die hier sich entwickelnde Kraft sich zurück. (Je steiler der Giebel, desto bedeutender müssen diese Akroterien sein.) Die Gothik dagegen zeigt in den K r a b b e n eine überschüssige Vertikalkraft.
2) Es liesse
sich vielleicht auch eine Correspondenz zwischen den Giebelfiguren und der
Ordnung der Triglyphen konstatiren. Ich habe das nicht untersucht. Nur bemerke
ich z. B. beim Tempel der Aegineten eine solche Entsprechung: 11 Triglyphen
- 11 Figuren. - Ueber den frappanten Zusammenhang zwischen Architektur und
Composition der "pergamenischen Gigantomachie" vgl. Brunn in seinem
Aufsatz pag. 50. Berlin 1885.
42
Nun
aber, wenn man das auch zugibt, so wird man im Kapitell einen Widerspruch
finden, indem man sagen kann, dort erscheine nicht ein Ueberschuss von Kraft,
sondern im Gegenteil eine Pressung der Säule. Das ist aber unrichtig. Und wenn
Bötticher in dem aufgemalten Blätterkranz, der von dem Druck niedergebeugt scheine,
den Gedanken rein dargestellt; findet, so darf ich wohl demgegenüber das Recht
des unmittelbaren Eindrucks geltend machen. Hier weisen die Blätter keineswegs
auf Pressung, sie blühen ganz ruhig aus dem Echinus heraus. Was wäre das auch
für eine Leistung, wenn das Gewicht des ganzen Gebälkes ein paar Blätter hätte
umbeugen können. Das Motiv ist lächerlich klein. Kurz, mir scheint, die Blätter
haben nichts zu thun bei dem Konflikt jener gewaltigen Massen, sondern sind
möglich allein deswegen, weil eben die Belastung das freie Leben der Säule
nicht tötet.
Es
ist wichtig, sich klar zu machen, dass eine Pressung niemals ästhetisch
wirksam sein kann. Selbstbestimmung ist das erste Gebot. Jede Form muss
zureichender
Grund von sich selbst sein. Und so ist
es auch hier der Fall. Die Säule breitet sich oben aus, weil es
zweckmässig ist, die Last breit zu fassen, nicht weil sie gequetscht wird;1)
sie behält immer noch Kraft genug, sich unmittelbar unter dem Abacus) wieder
zusammen zu ziehen. Und eben in dem Mass, wie weit sie in der Ausbreitung geht,
liegt die Garantie ihrer Selbstbestimmung. Sie geht so weit als der Abacus
reicht. Der Abacus aber ist - und nun staune man das architektonische
Feingefühl der Griechen an - dieser Abacus ist das proportionale Abbild des
ganzen Gebälks. D. h. die Säule weiss genau, was sie zu tragen hat und handelt
demgemäs.
In
der jonischen Architektur macht sich, wie wir schon bemerkten, ein Streben nach
freierer Beweglichkeit geltend. Man will auch nicht mehr so schwer tragen.
__________
1) Ein
elastisches Nachgeben ist damit natürlich nicht geläugnet.
43
Die
Säule wird entlastet und der leichtere Eindruck dadurch hauptsächlich erzielt,
dass man sie sich in den Voluten einer überschüssigen Kraft entledigen liess
(was bei der dorischen Säule ohne Bemalung nicht der Fall ist). Bei
vergleichender Beurteilung von dorischen und jonischen Säulen hatte ich oft
Gelegenheit zu hören: die jonische halte den Kopf frei aufrecht, die dorische
habe ihn gesenkt. Die Alten scheinen selbst diesen Eindruck gehabt zu haben,
wenn man wenigstens die Telamonen von Akragas und die Karyatiden des
Erechtheion als dorisch und jonisch bezeichnen darf. Ich glaube man ist dazu
berechtigt. Ja, es ist mir vorgekommen, dass von einer Person die weder
Telamonen noch Karyatiden gesehen hatte, die dorische Säule mit ihrem Echinus
durch ganz ähnliches Ausbreiten der Ellbogen und Senken des Kopfes
charakterisiert
wurde und ebenso die Voluten der jonischen Säulen als herabfallende Haare einer
voll aufgerichteten Gestalt bezeichnet wurden.
Man
kann das Verhältnis der zwei Stile durch ein treffliches Wort Goethes
illustrieren (aus dem Aufsatz über Baukunst von 1788): "Es ist in der
menschlichen Natur, immer weiter, ja über ihr Ziel fortzuschreiten und so ist
es auch natürlich, dass in dem Verhältnis der Säulendicke zur Höhe das Auge
immer das Schlankere suchte und der Geist
m e h r H o h e i t u n d
F r e i h e i t dadurch zu
empfinden glaubte."
Mehr
Hoheit und Freiheit! Das ist der Drang, der auch aus dem romanischen Stil zu
den gothischen Formen überführte. Ich kann in diesen Prolegomenis, die ja immer
nur andeutend sich verhalten sollen, nicht auf eine Analyse dieser Dekorationen
eingehen. Bei gegebenem Prinzip macht das aber keine Schwierigkeiten. Man wird
leicht erkennen, dass das ganze Feuerwerk gothischer Ornamentik nur möglich ist
durch den enormen Ueberschuss der Formkraft über den Stoff. Ornament ist das
Ausblühen einer Kraft, die nichts mehr zu leisten hat. Es ist ein sehr richtiges
Gefühl gewesen, das Kapitell umzuwandeln in
44
einen
leicht umkränzenden Blätterschmuck, denn der gotische Pfeiler saust nach oben
ohne irgendwo seine Kraft zu zersplittern. Ebenso richtig empfunden war es später
aber auch in der italienischen Renaissance, dass die Säule, die einen Bogen
trägt, diesen nicht unmittelbar über ihrem Kapitell darf ansetzen lassen,
sondern ein Gebälkstück zwischen hineintreten muss, an dem sich die Säule
brechen kann, wie ein Wasserstrahl an einem Widerstand sich bricht. Es beweist
die tiefe architektonische Einsicht Brunellescos, dass er diese Notwendigkeit
erkannte, es beweist aber auch, dass unsere These nicht aus der Luft gegriffen
ist, sondern an den entscheidenden Punkten sich bewährt.
Ich
darf darum hoffen, man verlange hier keine weiteren Analysen und so beschliesse
ich diesen Abschnitt 1) mit einer historischen Betrachtung.
Reife
Kulturen verlangen stets einen grossen Ueberschuss der Formkraft über den
Stoff. Die ruhige Wirkung geschlossener Mauermassen wird unerträglich. Man
verlangt Bewegung, Aufregung, wie wir schon zu bemerken Gelegenheit hatten. In
Bezug auf Dekoration resultiert eine Kunst, die dem nachfühlenden Sinne
nirgends mehr stille Flächen gewährt, sondern von jedem Muskel ein zuckendes
Leben verlangt. So in der Gothik, im Arabischen und - unter ganz anderen
architektonischen Bedingungen - die gleichen Symptome auch im alternden Rom.
Man "belebt" alle Flächen mit Nischen, Wandsäulen etc., nur
__________
1) Eine
sekundäre Quelle der Ornamentik besitzt die Architektur in dem
"angehängten" Schmuck d. h. in Ring und Behang, Land u. dgl. Dieser
ist nicht eigentlich architektonisch zu nennen, denn er ist eine Uebertragung der
Art, wie man die f e r t i g e m e n s c h l i c h e Gestalt ziert. Er wirkt auch in ganz
gleicher Weise wie hier, nämlich vermittelst Tastempfindungen. Ringumschlossne
Säulen z. B. erregen dieselben Gefühle wie ein Arm, dessen fleischige Teile ein
Band umfasst. Nach der meisterhaften Entwicklung der Prinzipien des Schmucks,
die Lotze im Microcosmos gegeben hat (II3 203 ff), brauche ich
hierüber nichts weiter zu sagen.
45
um der Aufregung Ausdruck zu geben, die den eigenen Körper durchwühlt und an ruhigem Dasein kein Genüge mehr finden lässt.
Wir haben bisher den Menschen nach seinen
allgemeinen Verhältnissen als massgebend für die Architektur erkannt; es darf dies
Prinzip noch weiter ausgedehnt werden: ein architektonischer Stil gibt die H a l t u n g u n d B e w e g u n g d e r
M e n s c h e n seiner Zeit
wieder. Im Kostüm kommt zuerst die Art zum Ausdruck, wie man sich halten und
bewegen will und es ist nicht schwer zu zeigen, dass die Architektur mit dem
Zeitkostüm übereinstimmt. Ich möchte auf dieses Prinzip der historischen
Charakteristik um so energischer hinweisen, je weniger ich hier im stande bin,
den Gedanken eingehend zu verwerten.
Als
Beispiel diene der gothische Stil.
L
ü b k e erkennt in ihm den Ausdruck des
Spiritualismus. S e m p e r nennt ihn
die lapidare Scholastik. Nach welchen Prinzipien hat man geurteilt? Das tertium
comparationis ist nicht eben deutlich, wenn auch jede Bezeichnung etwas
richtiges treffen mag. Einen festen Punkt gewinnen wir erst durch Reduktion
dieser psychischen Dinge auf die menschliche Gestalt.
Der
Drang nach dem Präzisen, Scharfen, Willensbewussten ist die geistige Thatsache,
die vorliegt. Die Scholastik zeigt sehr klar diese Abneigung gegen alles
Unbestimmte, die Begriffe werden zu höchster Präzision ausgearbeitet.
Körperlich
stellt sich dies Streben dar als exakteste Bewegung, Zuspitzung aller Formen,
kein Gehenlassen, nichts Schwammiges, überall bestimmtester Ausdruck eines
Willens.
Scholastik
und Spiritualismus können der Gothik als Ausdruck nur zugeschrieben werden,
wenn man dies Mittelglied im Auge behält, wo ein Psychisches sich unmittelbar
in körperliche Form umsetzt. Der spitzfindige
46
Feinsinn
der scholastischen Jahrhunderte und der Spiritualismus, der keinen dem Willen
entzogenen Stoff duldet, können allein durch ihren körperlichen Ausdruck für
die architektonische Formgebung bedeutsam geworden sein.
Hier
finden wir die gothischen Formen im Prinzip gegeben: Der Nasenrücken wird
feiner, die Stirn legt sich in senkrechte, harte Falten, der ganze Körper
steift sich, nimmt sich zusammen, alle ruhige Breite schwindet. Es ist bekannt,
dass viele Leute (namentlich Dozenten) zum scharfen Denken eines scharfkantigen
Bleistifts benötigen, den sie zwischen den Fingern hin und her drehen und an
diesen Tastgefühlen ihr Denken stärken. Ein runder Bleistift würde diese Stelle
nicht versehen können. Was will das Runde? Man weiss es nicht. Und so auch der
romanische Rundbogen, er lässt keinen bestimmten Willen erkennen. Er steigt
wohl empor, aber erst im Spitzbogen findet dies Streben einen deutlichen
Ausdruck.
Der
menschliche Fuss hat eine Richtung nach vorn, aber tritt das in der stumpfen
Linie, in der er aufhört, hervor? Nein. Es war der Gothik unleidlich, hier
nicht den exakten Ausdruck eines Willens zu finden und so liess sie den Schuh
in spitzem Schnabel auslaufen. (Die Schnabelschuhe erscheinen im XII. Jahrh.,
vgl. Weiss, Kostümkunde IV. 8.)
Die
Breite der Sohle ist eine Folge der Schwere des Körpers. Aber der Körper hat
kein Recht, er ist Stoff und dem dummen Stoff darf nicht nachgegeben werden,
der Wille muss jeden Teil durchdringen können.
Darum
löst die Architektur die Mauer auf in vertikale Glieder und die menschliche
Sohle bekommt einen Schuh mit drei hohen Absätzen, wodurch das Gefühl breiten
Auftretens beseitigt ist.
Ich
will nicht verfolgen, wie in den spitzen Hüten das Prinzip des Giebels sich
zeigt, wie die Bewegungen alle so steif, zierlich oder auch so schneidig und
präzis sind, wie schliesslich (woran ich schon erinnert habe)
47
die
Körper selbst gestreckt und überschlank erscheinen 1) -
ich bin zufrieden,
wenn verständlich geworden ist, was ich meine.
Man
durchwandert mit Erstaunen die Geschichte und beobachtet, wie die Architektur
überall das Ideal des Menschen in Körpergestalt und Körperbewegung
nachgebildet, wie selbst grosse M a l e
r für ihre Menschen eine entsprechende
Architektur geschaffen haben. Oder pulst etwa in den Bauformen eines Rubens
nicht das gleiche Leben, das seine Körper durchströmt!
Ich
schliesse ab. Eine vollständige Psychologie der Architektur zu geben, war nicht
meine Absicht, rein aber und ganz wünschte ich, dass der Gedanke zur
Erscheinung käme: es werde ein organisches Verständnis der Formengeschichte erst dann
ermöglicht sein, wenn man weiss, mit welchen Fasern der menschlichen Natur die
Formphantasie zusammenhängt.
Der
Historiker, der einen Stil zu beurteilen hat, besitzt kein Organon zur
Charakteristik, sondern ist nur auf ein instinktives Ahnen angewiesen.
Das
Ideal, "exakt zu arbeiten," schwebt auch den historischen Disziplinen
vor. Die Kunstgeschichte sucht darum vor allem die verderbliche Berührung mit
der Aesthetik zu vermeiden und mancherorts bestrebt man sich, nur noch zu
sagen, was nacheinander gewesen sei und kein Wort mehr. So wenig ich geneigt
bin, das Gute dieser Tendenz zu verkennen, so muss ich doch glauben, die
höchste Stufe der Wissenschaft sei damit nicht erreicht. Eine Geschichte, die
nur immer konstatieren
will, was nacheinander gekommen ist, kann nicht bestehen; sie würde sich
namentlich täuschen, wenn sie glaubte, dadurch "exakt" geworden zu sein.
Man kann erst da exakt arbeiten, wo es möglich ist, den Strom der Erscheinungen
in festen Formen aufzufangen. Diese festen Formen liefert der Physik z. B. die
Mechanik. Die
__________
1) Man darf
freilich nicht vergessen, dass Gemälde und noch mehr Skulpturen keine sichere
historische Quelle hiefür sind.
48
Geisteswissenschaften
entbehren noch dieser Grundlage; sie kann allein in der Psychologie gesucht
werden. Diese würde auch der Kunstgeschichte erlauben, das einzelne, auf ein
allgemeines, auf Gesetze zurückzuführen. Die Psychologie ist zwar weit entfernt
von dem Zustand der Vollkommenheit, wo sie sich der geschichtlichen
Charakteristik als ein Organon anbieten könnte, aber ich halte das Ziel nicht
für unerreichbar.
Man
könnte der Idee einer solchen Kunstpsychologie, die vom Eindruck, den wir
empfangen, zurückschliesst auf das Volksgefühl, das diese Formen, diese
Proportionen erzeugte, man könnte ihr den Einwurf machen: Schlüsse der Art
seien unberechtigt, Verhältnisse und Linien bedeuteten nicht immer dasselbe,
das menschliche Formgefühl verändere sich.
Der
Einwurf ist nicht zu widerlegen, solange man keine psychologische Basis hat;
sobald aber die Organisation des menschlichen Körpers als der bleibende Nenner
bei allem Wechsel erwiesen ist, ist man gegen diesen Schlag gesichert, indem
die Gleichförmigkeit dieser Organisation auch die Gleichförmigkeit des
Formgefühls verbürgt.
Dass
weiterhin Stil-Formen nicht von Einzelnen nach Belieben gemacht werden, sondern
aus dem Volksgefühl erwachsen, dass der Einzelne nur dann mit Erfolg
schöpferisch thätig sein kann, wenn er untergegangen ist im Allgemeinen, wenn
er den Volks- und Zeitcharakter vollkommen repräsentiert, ist zu allgemein
bekannt, um noch weiterer Ausführungen zu bedürfen; bleibt aber auch das
Formengefühl
seiner Qualität nach unverändert, so darf man doch die Schwankungen seiner
Intensität nicht verkennen. Es hat wenige Zeiten gegeben, die jede Form rein
verstanden d. h. miterlebten. Es sind nur die Perioden, die sich ihren eigenen
Stil geschaffen haben.
Da
aber die grossen Formen der Baukunst nicht jedem leisen Wandel des Volksgemüts
nachgeben können, so tritt eine allmählige Entfremdung ein, der Stil wird
zum
leblosen Schema, behauptet sich nur noch durch Tradition. Die einzelnen Formen
werden unverstanden fortgebraucht, falsch verwendet und so gänzlich abgetötet.
Den
Pulsschlag der Zeit muss man anderswo belauschen: in den kleinen dekorativen
Künsten, in den Linien der Dekoration, den Schriftzeichen 1) u. s.
f.
H i e r b e f r i e d i g t s i c h
d a s F o r m e n g e f ü h l i n
r e i n s t e r W e i s e
u n d h i e r m u s s
a u c h d i e G e b u r t s s t ä t t e e i n e s
n e u e n S t i l s g e s u c h t w e r d e n.
Es
ist diese Thatsache von grosser Wichtigkeit, um den materialistischen Unfug zu
bekämpfen, der die architektonische Formgeschichte aus dem blossen Zwang des
Materials, des Klimas, der Zwecke glaubt erklären zu müssen. Ich bin weit
entfernt, die Bedeutung dieser Faktoren zu verkennen, muss aber doch daran
festhalten, dass die eigentliche Formphantasie eines Volkes dadurch nicht in
andere Bahnen gelenkt wird. Was ein Volk zu sagen hat, spricht es aus in jedem
Fall und wenn wir seine Formensprache da beobachten, wo es zwanglos spricht und
wir finden nachher in der grossen Kunst, in der Architektur, dieselben Formen
wieder, dieselben Linien, dieselben Proportionen, so darf man von jener
mechanischen
Betrachtung wohl verlangen, dass sie verstumme.
Und
damit hat der gefährlichste Gegner einer Kunstpsychologie das Feld geräumt.
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1) Seitdem wir
die gegossenen Lettern unserer Druckschrift haben, ist freilich auch hier leichte
Beweglichkeit verschwunden. Man hat sich heutzutage daran gewöhnt (in der
üblichen Schrift) gotischen Minuskeln barocke Majuskeln vorzusetzen. Vgl.
Bechstein, Die deutsche Druckschrift. 1885.
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