Vorbemerkung
Ich
möchte herausfinden, ob und wieweit Heideggers philosophisches Verständnis von
Bauen und Wohnen für die Architekturwissenschaft fruchtbar ist. Dabei möchte
ich betonen, dass ich Heideggers Texte aus der Sicht der
Architekturwissenschaft lese, also von der Architektur auf Heidegger sehe und
nicht von Heidegger auf die Architektur; ich nehme Heideggers Texte als Teile
eines architekturwissenschaftlichen Diskurses.
Es ist
stets schwierig, einen Diskurs über die Grenzen von Fachwissenschaften hinweg
zu führen. Dies liegt an unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Zugängen
zur Wirklichkeit, an den entsprechend differenten Herausbildungen von Fakten
und an unterschiedlicher Begrifflichkeit, die besonders verwirrt, wenn sie in
den einzelnen Fächern ungeklärt ist und zudem Namen erhalten hat, die auch in
anderen Wissenschaften und für andere Begrifflichkeiten benutzt werden.
‚Funktion'
ist ein solches Wort.
Es
bedeutet in der Philosophie und Soziologie, dass Elemente in ihrem Sein in der
Beziehung zu anderen Elementen bzw. aus ihrem Ort innerhalb eines Strukturgefüges
bedingt werden[2].
In der
Architektur hingegen wird – wie auch immer dies genauer verstanden wird - der
praktische Zweck eines Gebäudes mit Funktion bezeichnet, so wie etwa die
Funktion einer Küche das Kochen oder die Funktion eines Esszimmers das Essen
ist. Damit ist im Vergleich der Funktionsbegriff in der Architektur aus philosophisch-soziologischer
Sicht gerade entfunktionalisiert, er bezeichnet nicht die grundsätzliche
Bedingtheit durch ein anderes, etwa des Essens durch das Kochen, sondern eine
Eigenschaft oder ein Wesen oder den Sinn eines einzelnen Elementes.
Der
Funktionsbegriff in der Architektur selbst ist unscharf und zudem historisch
wechselhaft.
Im 19.
Jahrhundert sprach man von ,Funktionalismus', wenn der Anspruch bestand, ein
Inneres - sei es Zweck, angewandte Technik, praktische Organisation – außen, in
der Fassade, zu präsentieren, zu repräsentieren, abzubilden oder darzustellen.
In den
ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verstand man unter Funktion eine
typologische Seinskraft (Sullivan), ein gesellschaftlich begründetes Kulturmuster
(Muthesius), das überhistorische Wesen einer Sache (Gropius) oder ein
überindividuelles Handlungsgefüge und architektonisches Ordnungsmuster (Bruno
Taut).
In den
Fünfziger und Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts – zur Zeit von Heideggers
Vortrag über ‚Bauen Wohnen Denken' - hatte sich ein Planungsverhalten in der
Architektur umgesetzt, das man allgemein als ‚Bauwirtschaftsfunktionalismus‘
bezeichnet. Dieser Funktionalismus war keine theoretisch reflektierte Position
der Macher, wie es die Funktionalismen vorher gewesen waren, sondern eine Bezeichnung
der Kritiker für allein an technischer und ökonomischer Effizienz orientiertes
Baugeschehen[3].
Während
im 19. Jahrhundert die Funktion in dem Bestreben, sie in die ästhetische
Formulierung der Architektur aufzunehmen, als kunstfähig angesehen wurde, auch
das Verständnis von Architektur als Kunst grundlegend war, so wurde mit einer
Wende zur Grundlegung der Funktion in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts die
Rolle der Kunst fraglich. Einerseits wurde sie von den Funktionalisten als Teil
der Funktion angesehen (etwa beim späten Bruno Taut, der die bisher immer
kunsttheoretisch verstandene Proportion nun funktional, als gelungene Organisation
der Lebensbedürfnisse verstand und Kunst als geglückte Realisierung der
Funktion) andererseits verlor sie – zumindest theoretisch – ihre architektonische
Aufgabe (wie etwas bei Hannes Meyer).
Es
entwickelte sich – teils im Rückblick auf das Architekturverständnis im 19.
Jahrhundert – bei Architekten und Architekturwissenschaftlern eine architekturtheoretische
Gegenposition, die im Funktionalismus die Zerstörung des Kunstcharakters der
Architektur sah. Architekten versuchten und versuchen bis heute ganz dezidiert,
in bewusster Absetzung vom Funktionalismus und teilweise in gezielter
Verweigerung der Realisierung praktischer Funktionen Architektur als Baukunst
zu verwirklichen. Aus der in den 20er Jahren für die Architekturwissenschaft
zuständlichen Architektur- und Kunstgeschichte kam der Vorwurf der
Kunstlosigkeit, bzw. der Verdrängung und Vernichtung der Kunst durch die
Orientierung der Architektur an praktischen Zielen. Später dann, in den 60er
Jahren, kam Kritik der Philosophie und Sozialpsychologie hinzu; Wolf Jobst
Siedler, Alexander Mitscherlich, Theodor W. Adorno und viele andere
verurteilten die funktionale Architektur, nun in Form des
Bauwirtschaftsfunktionalismus, aus humanistischen Gründen und sahen in der alleinigen
technischen Orientierung des Bauens und in der abstrakten Geometrie der
städtebaulichen Anordnungen, in der Homogenität, im Individualitätsverlust und
in der Sinnlichkeitsfeindlichkeit eine menschenverachtende, immer noch
faschistoide Haltung am Werke, die nur durch Kunst – wie auch immer sie
verstanden wurde - zu überwinden sei.
In
diese Auseinandersetzung bezog man Heideggers Philosophie und Heideggers Person
ein und stellte sie – wenn es denn um den Bauwirtschaftsfunktionalismus geht,
sicherlich auch mit Recht - auf die Seite von Humanismus und Kunst gegen die
damalige antihumane, antikünstlerische, als Funktionalismus bezeichnete Architektur.
Allerdings
steht ein genereller Antifunktionalismus Heideggers für mich sehr infrage, es
scheint doch auch eine Nähe zum Funktionalismus zu geben, wenn man den
Funktionsbegriff der 20er Jahre bedenkt, insbesonders, wenn man mit Bruno Taut
unter Funktion das Gefüge des Alltagshandeln und unter Funktionalismus das
Ziel, das Alltagshandeln durch Bereitstellung von adäquaten Räumen und von darauf
bezogener Ausstattung optimal zu organisieren, versteht.
Es
wird mich deshalb beim Lesen von Heideggers Texten besonders sein Kunstbegriff,
sein Verständnis von Alltag und seine Sicht des Bezuges dieser beiden Aspekte
zueinander interessieren.
Zeug und Kunstwerk
Heidegger hat sich schon in ‚Sein und Zeit‘ mit
einer Analyse des Zeugs als dem in der Umwelt begegnenden Seienden beschäftigt
(SuZ, §15). Die Seinsart von Zeug bestimmt Heidegger dort als Zuhandenheit in
Abgrenzung zur theoretischen, nur hinsehenden Vorhandenheit. Das Zeug zeigt
sich nicht nur genuin einzig in seinem Umgang[4]
, es
ist nur im Gebrauch[5].
Im Gebrauch verweist das Zeug 1. auf das Wozu
seiner Verwendbarkeit, 2. auf das Woraus seines Bestehens und 3. auf den Benutzer.
„In
den Wegen, Straßen, Brücken, Gebäuden ist durch das Besorgen die Natur in
bestimmter Richtung entdeckt. Ein gedeckter Bahnsteig trägt dem Unwetter
Rechnung, die öffentlichen Beleuchtungsanlagen der Dunkelheit, d. h. dem
spezifischen Wechsel der An- und Abwesenheit der Tageshelle, dem ‚Stand der
Sonne‘...“ (SuZ, S. 71)[6]
Das Zeug ist wesentlich in ein Zeugganzes eingebunden.
Im Aufsatz ‚Der Ursprung des Kunstwerkes‘, dessen
erste Fassung auf 1931/32 datiert wird (Herrmann 1994, S. 8), dessen Inhalt als
Vortrag 1935 in Freiburg sowie 1936 in Frankfurt am Main vorgestellt wurde und
der dann 1949 in dem Sammelband ‚Holzwege‘ veröffentlicht wurde und damit - was
die Veröffentlichungsstrategie Heideggers und was den Rezeptionszusammenhang
betrifft - in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit dem Vortrag ‚Bauen Wohnen
Denken‘ steht und den ich deshalb im Zusammenhang mit ‚Bauen Wohnen Denken‘
lese - geht Heidegger in der Bestimmung, was denn Kunst sei, erneut ausführlich
auf das Zeug ein.
Dabei wird Kunst nicht auf den Künstler zurückgeführt,
sondern vom Kunstwerk her entfaltet; Heidegger sieht sich deshalb veranlasst,
auf das Dinghafte im Kunstwerk einzugehen (KW, S. 9).
Er stellt dabei am Beispiel eines Granitblockes klassische
Verständnisse des Dingseins
-
als
Ansammlung von Merkmalen, bzw. als Substanz mit Akzidenzien,
-
als in
den Sinnen gegebene Einheit einer Mannigfaltigkeit und
-
als
Einheit von Stoff und Form
heraus.
Gegen das erste Verständnis aber spricht nach Heidegger,
dass es für ‚jegliches Seiende‘ nicht aber nur für das Ding gelte, also nicht
trennscharf sei und dass damit auch ‚jenes Eigenwüchsige und Insichruhende‘ (KW,
S. 14) nicht erfasst werde. Gegen das zweite Verständnis spreche die
unmittelbare Erfahrung, denn wir nehmen nicht singuläre sinnliche Data auf, aus
denen wir dann unsere eigentliche Wahrnehmung konstruieren, sondern wir haben
stets direkt sinn- und welthafte Wahrnehmungen:
„Niemals
vernehmen wir ... Töne und Geräusche, sondern wir hören den Sturm im
Schornstein pfeifen, ... , wir hören den Mercedes im unmittelbaren Unterschied
zum Adler-Wagen.“
(KW,
S. 15)
Der dritte Dingbegriff aber hat nach Heidegger seinen
Ursprung im Zeugcharakter, in der Dienlichkeit, denn in ihr gründe die Einheit
von Stoff und Form. Dies gelte für das Naturding, wie etwa für einen Granitblock,
aber auch für den Krug oder die Axt, artifizielle Dinge, bei denen die Form die
Artung und Auswahl des Stoffes bestimme; denn der Krug brauche Undurchlässiges,
die Axt hinreichend Hartes.
Bei der Bestimmung des Zeugs legt Heidegger Wert
auf die Unterscheidung zwischen Dienlichkeit und Zweck. Der Zweck wäre in
seinem Verständnis etwas, das nachträglich zugewiesen oder irgendwo über dem
Ding schwebt, die Dienlichkeit hingegen sei ein Grundzug des Seienden (KW, S.
18) Die Dienlichkeit habe Verweisungscharakter, sie enthalte ein ‚um-zu‘ und
verweise dadurch auf anderes Zeug. Ein Zeug sei allein niemals Zeug, es
benötige anderes, auf das es in seiner Dienlichkeit verweise. Ein Zeug ruhe
nicht in sich.
Das
Zeug habe neben der Dienlichkeit noch eine zweite Seinsbestimmung, seine Verlässlichkeit.
Wenn
mit Dienlichkeit die Funktionalität (architekturtheoretischer Begriff)
bezeichnet ist, so mit Verlässlichkeit die Einlassung in den „schweigenden Zuruf der Erde“
(KW, S.
23). Zuruf der Erde meint bei Heidegger nicht Zuruf der Scholle, sie meint die
Geeignetheit des Leders, der Verarbeitungsweise und der Form des Schuhes in
Bezug auf den Fuß, auf die Arbeit auf dem Acker und in Bezug auf den Acker usw.[7]
Beide, Dienlichkeit und Verlässlichkeit, Welt und Erde, sind nach Heidegger nur
im Zeug da (KW, S. 23). Ohne Verlässlichkeit würde ein Zeug zum bloßen Zeug
(KW,
S. 24), es veröde, vernutze sich und werde gewöhnlich.
Um dem Zeugcharakter des Zeuges noch weiter
nachzugehen, gibt Heidegger dann das berühmt-berüchtigte Beispiel von
Bauernschuhen, die er - ‚um durch eine bildliche
Darstellung eine Nachhilfe zu geben‘ (KW, S. 22) – aus einem Gemälde van
Goghs nimmt[8].
Er
stellt fest, dass man mit dem Dienlichen das Zeughafte des Zeugs noch nicht
richtig gefasst werde, es liege letztlich allein in seinem konkreten Dienst, in
seinem Gebrauch.
„Die
Bäuerin auf dem Acker trägt die Schuhe. Hier erst sind sie, was sie sind. Sie
sind um so echter, je weniger die Bäuerin bei der Arbeit an die Schuhe denkt.“
(KW, S. 29)
Wenn
sie einfach irgendwo so stünden, seien sie eigentlich keine Schuhe mehr. Auch
auf dem Bild von van Gogh stünden sie isoliert, man könne nicht einmal
feststellen, wo sie da überhaupt seien.
„Um diese Paar Bauernschuhe herum
ist nichts, wozu und wohin sie gehören, nur unbestimmter Raum. ... Ein Paar
Bauernschuhe und nichts weiter. Und dennoch“
(KW, S. 22)
zeigen gerade die ‚Bauernschuhe‘ van Goghs ihren eigentlichen Zweck und ihre
Dinglichkeit:
„Aus der dunklen Öffnung des
ausgetretenen Inwendigen des Schuhzeuges starrt die Mühsal der Arbeitsschritte.
In der derbgediegenen Schwere des Schuhzeuges ist aufgestaut die Zähigkeit des
langsamen Ganges durch die weithin gestreckten und immer gleichen Furchen des
Ackers, über dem ein rauher Wind steht. Auf dem Leder liegt das Feuchte und
Satte des Bodens. Unter den Sohlen schiebt sich hin die Einsamkeit des
Feldweges durch den sinkenden Abend. In dem Schuhzeug schwingt der verschwiegene
Zuruf der Erde, ihr stilles Verschenken des reifen Korns und ihr unerklärliches
Sichversagen in der öden Brache des winterlichen Feldes. Durch dieses Zeug
zieht das klaglose Bangen um die Sicherheit des Brotes, die wortlose Freude des
Wiederüberstehens der Not, das Beben in der Ankunft der Geburt und das Zittern
in der Umdrohung des Todes. Zur Erde gehört dieses Zeug und in der Welt der
Bäuerin ist es behütet.“
(KW,
S. 22 – 23)
Die
Schuhe enthalten zweierlei, Welt und Erde. Sie zeigen die Welt der Bäuerin,
ihre Arbeitswelt‚ das Bangen um die Sicherheit des Brotes, Geburt und Tod. Sie
zeigen Erde als ‚derbgediegene Schwere des Schuhzeugs‘ und als ‚Furchen des Ackers,
über dem ein rauher Wind steht, das reife Korn und das unerklärliche
Sichversagen des winterlichen Feldes‘.
Welt und Erde seien die beiden
gegengesetzten und sich wechselseitig begründenden Dimensionen des Seienden.
Dies macht Heidegger an vielen anderen Beispielen deutlich. Zum Verständnis
möchte ich hier Heideggers Beispiel der Überreste eines griechischen Tempel
einbeziehen, von dem er aber gleich bei seiner ersten Erwähnung vermerkt, dass
seine Welt inzwischen zerfallen sei (KW, S. 30).
„...
Er steht einfach da inmitten des zerklüften Felsentales. Das Bauwerk umschließt
die Gestalt des Gottes und lässt sie in dieser Verbergung durch die offene
Säulenhalle hinausstehen in den heiligen Bezirk ... Das Tempelwerk fügt erst
und sammelt zugleich um sich die Einheit jener Bahnen und Bezüge, in denen
Geburt und Tod, Unheil und Segen, Sieg und Schmach, Ausharren und Verfall die
Gestalt und den Lauf des Menschenwesens in seinem Geschick gewinnen. Die
waltende Weite dieser offenen Bezüge ist die Welt des geschichtlichen Volkes.
...
Dastehend
ruht das Bauwerk auf dem Felsgrund. Dies Aufruhen des Werkes holt aus dem
Felsen das Dunkle seines ungefügen und doch zu nichts gedrängten Tragens heraus.
...
(Es; E.F.) lichtet zugleich jenes,
worauf und worin der Mensch sein Wohnen gründet. Wir nennen es die Erde. ...
Die Erde ist das, wohin das Aufgehen alles Aufgehende und zwar als solches
zurückbirgt. Im Aufgehenden west die Erde als das Bergende. ...“ (KW, S.
31)
Der
Tempel in Paestum erzeugte damals eine Welt, indem er zu einem Medium wurde,
das einen Gott realisiert und in dieser Realisierung Bahnen und Bezüge
herstellt und ordnet. Er erstellte nicht nur die geordnete Weite eines
bestimmten Raumes, sondern auch die geordnete Weite einer bestimmten Geschichte.
Durch ihn ‚bekommen (alle Dinge, E. F.) ihre Weile und Eile, ihre Ferne und
Nähe, ihre Weite und Enge‘ (KW, S. 34)
Welt
zerfalle, wenn die Werke aus ihrer Wirklichkeit, ihrem Wesenszusammenhang
herausgerissen werden, wenn etwa ein Kunstwerk in ein Museum verbracht und dort
zu einem Gegenstand des amtlichen Kunstbetriebes wird oder wenn sich Geschichte
und Kultur verändert haben, wie beim Tempel in Paestum, der uns heute nur noch
als ‚Gewesener‘ damit in seinem Gegenstand- und nicht mehr in seinem Werksein begegne.
Werk und Welt entstehen niemals –
so muss man im Umkehrschluss folgern – wenn ein Gebäude als Objekt und nicht
als welthaftes Zeug entworfen wird.
Das
architektonische Entwerfen[9] kann
nicht das Entwerfen eines Gebäudes sein, sondern muss mit dem Gebäude eine
‚Werkstatt‘, eine Welt entwerfen, in der dieses einzelne Gebäude als Zeug seine Um-zu-Beziehungen hat, in dem alles seine eigene Ordnung hat. Das Entwerfen hat
sich nicht auf eine bloße Dinglichkeit zu richten, sondern auf den Gebrauch.
Der
Schuh passt nicht nur und tut seine Pflicht, man begreift auch, dass er passen
wird und seine Pflicht erfüllen wird; man erkennt, dass dies am Leder liegt,
welches als sehr geeignet erscheint. Der Schuh zeigt, dass er stabil und so
geartet beschaffen ist, dass man auch auf dem Acker gut beschuht sein wird. Der
Schuh offenbart vom Leder, was es kann, um Schuh zu sein.
Der
Schuh offenbart auch die Beschaffenheit des Ackers, seine Fruchtbarkeit und
sein unerklärliches Versagen.
Das
Werk offenbart nicht nur die Erde, es stellt sie auch her. Erst dadurch, dass
die Bäuerin das Feld bearbeitet, zeigt es sich fruchtbar oder unerklärlich. Der
Tempel erst macht den Fels zum Fels.
„...
der Fels kommt zum Tragen und Ruhen und wird so erst Fels; die Metalle kommen
zum Blitzen und Schimmern, die Farben zum Leuchten, der Ton zum Klingen, das
Wort zum Sagen. All dies kommt erst hervor, indem das Werk sich zurückstellt in
das Massige und Schwere des Steins, in das Feste und Biegsame des Holzes, in
die Härte und den Glanz des Erzes, in das Leuchten und Dunkeln der Farbe, in
den Klang des Tones und in die Nennkraft des Wortes.“
(KW, S. 35)
Es
handelt sich hier für das Verständnis Heideggers um eine Schlüsselstelle, er
gibt in der gerade zitierten Textstelle – zur Verdeutlichung, was es denn
heiße, ein Werk lasse den Stoff allererst hervorkommen – eine Reihe von
Beispielen. Dabei sollen wohl alle Beispiel gleichermaßen eine einzige Aussage
verdeutlichen, nämlich dass Stoff hervortrete im Werk. Insofern meint das Tragen
und Ruhen des Felses das gleiche wie das Leuchten der Farbe, das Klingen des
Tons und das Sagen des Wortes.
Nimmt
man die Aussage, dass das Wort dazu kommt zu sagen und der Ton dazu zu klingen,
so wird deutlich, dass das Leuchten, zu dem die Farbe kommt, meint, dass die
Farbe (paint) zur Farbe (colour) kommt. Also dass das, was man vorab vielleicht
physikalisch fassen und mathematisch beschreiben kann, nun zu seiner phänomenologischen
Existenz kommt.
Die
Aussage, ‚der Stoff eines Felsen kommt zum Tragen und Ruhen‘, meint, er komme
als physikalischer (etwa mit 8,7 Tonnen Gewicht und mit einem Härtegrad von
7,4) dazu, Fels zu sein. Er meint nicht, dass er als Fels zu seinem idealen Felssein,
zu dem Inbegriff von Felssein, nämlich Tragend und Ruhend zu sein, käme[10] .
Inbegriff würde bedeuten, dass eine ‚idea‘ abgebildet wird, das Werk stellt
aber nicht dar, sondern stellt her. Der Inbegriff, als die überzeitlich
existierende ‚idea‘ steht völlig im Widerspruch zu Heideggers Kunstbegriff (s.
u.) und zu seinem Verständnis von Erde als ‚das wesenhaft sich Verschließende‘
(KW, S. 36) Der Fels als Inbegriff oder als Idee wäre Welt und nicht Erde.
Erde
kann sich somit auch nicht im kognititiven Klischee präsentieren, nicht als das
irgendwie immer schon klar und eindeutig Erkannte und Selbstverständliche. Erde
zeigt sich eben nicht in der Rauheit und Mächtigkeit skandinavischer Berge,
denn mit der Rauheit und Mächtigkeit präsentiert sich ein Berg nicht in seiner
Verschlossenheit; vielmehr ist er hier durch zwei gängige ästhetische Begriffe
mental domestiziert. Erde ist für Heidegger ‚physis‘ und nicht das Einpacken
von Natur in kurrante Begriffe und Eigenschaften.
„Die Erde läßt ... jedes
Eindringen in sie an ihr selbst zerschellen.“
(KW, S. 36)
Erde ist der Begriff für etwas, dass sich als Verschlossenes präsentiert. Der
Begriff ‚Erde‘ ist eine Denkfigur für etwas, das sich in dem Gegensatz zur Welt
als Verschlossenes zeigt und gleichermaßen trägt.
Erde ist für Heidegger ein Begriff für und eine Bestimmung von Natur, es dürfte
deutlich geworden sein, dass Natur nicht Pflanzenwelt, nicht Scholle, nicht Wald
und nicht ökologisches Baumaterial, überhaupt nicht materiale Substanz, nicht
das ohne das menschliche Herstellen Existierende meint, sondern ein Sein, das
sich der Welt entgegenstellt, sie gleichermaßen trägt und zudem durch die Welt
hergestellt wird als Entgegengestelltes und sich Verschließendes.'
Erde
präsentiert sich auch nicht in einem – durch den Architekten ästhetisch
herausgearbeiteten – zu sich selbst gekommenem Baumaterial.
Beim Zeug erfahren wir, dass es ist, vom
Werk, daß es ist (KW, S. 53). Ein Zeug steht in einer Welt und auf einer
Erde, ein Werk eröffnet Welt und Erde. Die Schuhe stellen sowohl die Welt der
Bäuerin auf wie die Erde her (KW, S. 35). „Im
Dastehen des Tempels geschieht die Wahrheit.“ (KW, S. 44) Ein Werk eröffne
das Seiende in seinem Sein und lässt die Wahrheit geschehen (KW, S. 27).
Heidegger
spricht von Werk, meint aber zugleich auch Kunstwerk.
Heidegger
sucht in seinem Text nicht nach dem Ursprung, der zur Existenz eines
Kunstwerkes führt, sondern nach dem Ursprung, der im Kunstwerk geschieht, nach
dem Entspringen der Wahrheit im Kunstwerk, nach dem „stiftenden Sprung ins Sein“ (KW, S. 64).
Mit diesem Verständnis steht Heidegger im Gegensatz
zum klassischen Verständnis des Werkbegriffes in der Kunstgeschichte. Heidegger
hat zwar immer ein einzelnes Kunstwerk, den Tempel von Paestum oder ein van
Gogh‘sches Bild, vor Augen, wenn er über den Werkcharakter des Kunstwerkes
spricht. Gleichwohl ist seine Erkenntnis weder auf ein Einzelwerk noch auf ein
Werk als ein autonomes Gebilde bezogen.
Der klassische kunsthistorische Werkbegriff unterstellt
ein autonomes Werk, von dem man weder etwas wegnehmen, noch etwas hinzufügen
kann. Damit etwas zu einem Kunstwerk wird, muss eine ,ästhetische Grenze'
(Michalski, 1932) zwischen der Welt vor dem Kunstwerk und der Welt im Kunstwerk
errichtet werden, inner-bildliche Bildwelt und vor-bildliche Alltagswelt müssen
sich trennen. Deshalb auch kann dann das Bild exponiert werden, wo man nur
will, man kann es aus seinem ursprünglichen rituellen Zusammenhang in einer
Kirche ohne Gefahr in ein Museum umsetzen.
Heidegger aber kritisiert diesen kunsthistorischen
Werkbegriff, wenn er den klassischen Kunstwissenschaftler und den Kunstbetrieb
kritisiert. Für ihn wird das Werk zerstört, wenn man es aus seinem Zusammenhang
isoliert. Mit seinem Zusammenhang, den es vordem strukturierte, verliert das
Werk sich selbst. Es wird bloßes Ding.
Das klassische kunsthistorische Verständnis von Architektur
geht mit dem kunsthistorischen Bildbegriff überein: wenn Architektur Baukunst
sein soll, so hat sie sich von seiner Aufgabe, das alltägliche Leben zu ermöglichen
und zu organisieren, frei zu stellen; die alltäglichen Funktionen sind nicht
kunstfähig, Kunst ist gerade nicht Funktion. Zeug und Kunstwerk haben nichts
miteinander zu tun.
Gegen dieses Verständnis von Architektur wendet
sich Heidegger, für ihn fügt und sammelt das Werk Bahnen und Bezüge. Wird es
autonom, gehen diese und damit seine Weltlichkeit verloren. Das Werk zerfällt
zu einem Ding.
Heidegger redet gerade keiner Autonomie des
Kunstwerkes und damit einer Autonomie der Kunst – in Abgrenzung zum Zeug, zur
architektonischen Funktion – das Wort, ganz im Gegenteil, das Werk ist
wesentlich immer auch Zeug.
Eine Kontraposition von Zeug und Werk ist nicht in
Heideggers Sinn. Wenn Heidegger feststellt, dass „... durch das Werk und nur im Werk das Zeugsein des Zeuges eigens zu
seinem Vorschein“ (KW, S. 25) kommt, dann ist klar, dass das Werk mehr und
anderes ist als das Zeug, dass es aber gleichwohl immer Zeug ist und Zeug zu
sein hat und dieses Zeug zum Vorschein zu kommen haben muss.
Was ein Ding ist, lässt sich nach Heidegger nur vom
Zeug her finden; was ein Zeug ist, versucht er durch ein Kunstwerk (van
Gogh‘sche Schuhe) zu verstehen. Das Werk lässt sich nicht vom Ding her fassen,
wohl aber das Ding vom Werk her. Ein Werk kann niemals nur bloßes Ding sein,
die Dinglichkeit ist im Werk durch das Zeug vermittelt.
Durch dieses Verständnis wird deutlich, dass Ding,
Zeug und Werk keine autonomen Entitäten sind, sondern Extensionen.
„Das
Zeug, z. B. das Schuhzeug, ruht als fertiges auch in sich wie das bloße Ding,
aber es hat nicht wie der Granitblock jenes Eigenwüchsige. Andererseits zeigt
das Zeug eine Verwandtschaft mit dem Kunstwerk, sofern es ein von Menschenhand
Hervorgebrachtes ist. Trotzdem gleicht das Kunstwerk in seinem selbstgenügsamen
Anwesen eher wieder dem eigenwüchsigen und zu nichts gedrängten bloßen Ding.
Dennoch rechnen wir die Werke nicht unter die bloßen Dinge. Überhaupt sind die
Gebrauchsdinge um uns herum die nächsten und eigentlichen Dinge. So ist das
Zeug halb Ding, weil durch die Dinglichkeit bestimmt, und doch mehr; zugleich
halb Kunstwerk und doch weniger, weil ohne die Selbstgenügsamkeit des
Kunstwerkes. Das Zeug hat eine eigentümliche Zwischenstellung zwischen dem Ding
und dem Werk ...“
(KW, S. 18)
Das bloße Ding ist Zeug, von dessen Dienlichkeit
theoretisch abgesehen wird. Das Kunstwerk ist ebenfalls Zeug und ruht zudem
noch in sich selbst. Das Zeug ist ein Dazwischen, nicht in dem Sinne, weder das
Eine noch das Andere zu sein, sondern in dem Sinne, sowohl das Eine wie das
Andere aus sich zu begründen und sich auf zwei Weisen selbst zu übersteigen.
Vermittlung von
Mensch und Welt durch die Dinge
Während
Heidegger im Kunstwerkaufsatz die Beziehung zwischen Ding, Zeug und Kunstwerk
und die Spannung zwischen Welt und Erde darstellt, und ein Gebäude als Ding und
Zeug versteht, das sich möglicherweise zu einem Werk ausgrenzt, indem es bei
aller Dienlichkeit, Verlässlichkeit und Verweislichkeit auch eine
Selbstbezüglichkeit erhält, untersucht er im Vortrag ‚Bauen Wohnen Denken‘, wie
ein Gebäude zwischen Mensch und Welt vermittelt.
Dabei
geht er zuerst dem Sein des Menschen auf den Grunde und erkennt es als Wohnen.
Sodann fragt er, was ‚Raum' ist und stellt fest, daß der eigentliche Raum ein
von den Orten der Dinge her fundiertes Feld ist, das dann weitere Räume, wie
den spatialen und den metrisierten Raum, fundiert. Auf der Basis dieser
Erkenntnisse zeigt sich dann die Beziehung des Menschen zum Raum als Wohnen des
Feldes.
Konkret
arbeitet Heidegger drei unterschiedliche Verständnisse von Wohnen heraus:
-
Das
eingeschränkteste Verständnis von Wohnen leitet sich aus dem Begriff der
Wohnung ab; es meint, daß wir eine ‚Unterkunft inne haben‘.
-
Wohnungen
sind jedoch nur ein bestimmter Teil der Architektur, es gibt darüber hinaus
noch andere Bauten, wie etwa Brücken, Markthallen oder Autobahnen. Auch diese
können wir bewohnen. Wohnen heißt auch, zu Hause sein, denn „der Lastzugführer kann auf der Autobahn zu
Hause sein“ und „die Arbeiterin in
der Spinnerei“ und ist damit auf jedes sich identifizierende, sich als
kompetent erweisende und sich wohlfühlende Aneignen ausgedehnt. Damit steht das
Wohnen als Aneignen separiert vom Bauen als Herstellen. Bauen ist das Mittel
zum Zweck des Wohnens; das Herstellen soll das Aneignen ermöglichen, deshalb muss
das Bauen sich am Wohnen orientieren. Bauen und Wohnen sind damit zwei
grundsätzlich voneinander separierte Tätigkeitsfelder, die sich aber aufeinander
beziehen sollen.
-
Heidegger
entwickelt aus der Sprache heraus ein noch umfassenderes Verständnis des
Wohnens, das Aneignen und Herstellen in sich enthält. ‚Das Bauen ist in sich selber bereits Wohnen‘. Wohnen meint hier
die ‚Art und Weise, nach der wir Menschen
auf der Erde sind‘. Auf der Erde sein, meint in der Natur, im dienend
Tragenden sein. Auf der Erde sein, heißt für Heidegger sowohl die Natur hegen
und pflegen (‚colere‘, ‚cultura‘), kultivieren, wie auch sie einrichten und errichten
(‚aedificare‘). Wohnen meint damit, sich der Natur, wie auch sich die Natur
anzupassen.
Im
Bauen richtet sich der Mensch ein, im Bauen verwirklicht sich der Mensch,
insofern wohnt er auch im Bauen. Zugleich aber geht für Heidegger das Wohnen
über das Ver-wirklichen hinaus ins Ver-wahren. Das Wohnen ist nicht nur ‚ein Aufenthalt bei den Dingen‘, es ‚verwahrt‘ die vier Grunddimensionen
menschlichen Seins (das Geviert) in den Dingen. Es bringt diese
Grunddimensionen in die Wahrheit (‚ver-wahren‘).
Wohnen
ist für Heidegger also keine architekturwissenschaftliche oder
sozialpsychologische Aktivität; es ist ein ontologisches Geschehen. Wohnen
findet nur statt, wenn das Geviert[11]
verdinglicht und verwahrt ist. Es ist zudem verbunden mit einer subjektiven
Ekstase, denn es stellt den Menschen aus dem Alltag heraus in diese
Seinswahrheit.
Wohnen
im ersten und zweiten Sinne kann niemals Wohnen im dritten Sinne, in Heideggers
Sinne sein, sondern nur ein Teilbereich dieses Wohnens. Wohnen ist die
Wahr-nehmung des menschlichen Seins. Im ersten und zweiten Sinne bewohne ich
einen Ort, mit Heidegger wohne ich ihn.
Bauen
und Denken gehören in das Wohnen.
Im
Bauen richtet sich der Mensch ein, im Bauen verwirklicht sich der Mensch,
insofern wohnt er. Das Bauen – in diesem Sinne – geht nicht dem Wohnen voraus,
sondern ist eine Weise des Wohnens, der Wahr-nehmung des menschlichen Seins.
Gleiches gilt für das Denken[12]. Der
Aufenthalt bei den Dingen, das Wohnen, ist für Heidegger nicht leiblich
gemeint. Für Heidegger ist es auch immer ein ‚Hindenken‘[13],
selbst zu einem fernen Ort.
Wenn
man sich bei den Dingen auch im Hindenken aufhalten kann, was spielt dann die
Dinglichkeit, die Architektur dabei für eine Rolle?
Um in den Dingen wohnen zu
können, muss ich sie entstehen lassen. Das Wohnen benötigt das Bauen zur
Ver-ding-lichung. Heidegger betont das Dinglichwerden des Gevierts gegen Theorien,
die zwischen einem sachlichen Substrat und einer adhärierenden Bedeutung unterscheiden
wollen.
Man meint freilich, die Brücke
sei zunächst und eigentlich bloß
eine Brücke. Nachträglich und gelegentlich könne sie dann auch noch mancherlei
ausdrücken. Als ein solcher Ausdruck werde sie dann zum Symbol, zum Beispiel
für all das, was vorhin genannt wurde. Allein die Brücke ist, wenn sie eine
echte Brücke ist, niemals zuerst bloße Brücke und hinterher ein Symbol. Die Brücke
ist ebensowenig im voraus nur ein Symbol in dem Sinn, daß sie etwas ausdrückt,
was, streng genommen, nicht zu ihr gehört. Wenn wir die Brücke streng nehmen,
zeigt sie sich nie als Ausdruck. Die Brücke ist ein Ding und nur dies. Nur? Als dieses Ding
versammelt sie das Geviert.
(BWD,
S. 40)
Mit
der Ablehnung des Verständnisses von Ding als Zeichen und Symbol, das über
einer banalen materialen Basis schwebt auf der einen Seite geht auf der anderen
Seite die Ablehnung des Verständnisses von Ding als Komplex sinnlich-materialer
Eigenschaften überein. Dies wird ganz explizit in er Analyse des Dings im
Kunstwerkaufsatz herausgestellt, erschließt sich im Vortrag ‚Bauen Wohnen
Denken‘ aber auch durch die Gleichsetzung von Aufenthalt und Hindenken.
Was hat Wohnen als Aufenthalt bei den Dingen mit Raum zu tun?
Heidegger
stellt in seinem Text vier Raumverständnisse dar, ein ursprüngliches und drei
abgeleitete.
-
Der
ursprüngliche Raum entsteht durch die Dinge im Wohnen der Menschen (s. u.),
er
enthält Plätze und bedingt Nähe und Ferne.
- Nehme
ich die Plätze nur als Stellen d. h. sehe ich von der funktional bestimmten
Ordnung ab, dann kann ich mich mit den Abständen und Zwischenräumen
beschäftigen und sie ausmessen.
In
einer Werkstatt etwa, wo die Zange an ihrem Platz ist und der Hammer an seinem,
macht es keinen Sinn, zu fragen, wie weit sie denn quantitativ voneinander
entfernt sind. Sie sind eben an ihrem jeweiligen Platz und da sie an ihrem
Platz sind, sind sie auch zueinander am rechten Platz. Legte man sie näher
zueinander, verlören sie möglicherweise ihren Platz und wären sich ferner denn
je. Dann, wenn ich von einem funktionalen Verständnis absehe, dann, wenn Hammer
und Zange Sachen sind, dann macht es grundsätzlich Sinn, den Abstand zwischen
beiden quantitativ bestimmen.
Raum
in diesem Sinne ist Zwischenraum, spatium.
-
Diesen
Zwischenraum kann ich auch abstrakt in seinen Dimensionen nehmen, dann
handelt
es sich um Raum als Ausdehnung, extensio.
-
Diese
Dimensionen kann ich zudem noch analytisch-algebraisch formulieren, dann
handelt es sich um einen mathematischen Raum.
Der
ursprüngliche Raum entsteht im Wohnen, insofern kann er nicht unabhängig vom
Menschen und von seinem Aufenthalt bei den Dingen gedacht werden; „Er ist weder ein äußerer Gegenstand noch
ein inneres Erlebnis“. (BWD, S. 43)
Raum
wird durch Orte gefügt, er empfängt sein Wesen aus den Orten. Raum kann man
nicht gestalten, da es keinen vorgängigen ungestalteten Raum gibt, dem man dann
eine Gestalt verleihen kann. Raum kann man allein entwerfen, indem man Orte
entwirft und fügt. Orte versammeln Raum, räumen ihn ein.
Orte
entstehen von den Dingen her. Wie sie durch die Dinge im Wohnen entsteht,
schildert Heidegger am Beispiel einer Brücke[14]:
„Die Brücke schwingt sich «leicht und kräftig» über den Strom. Sie verbindet
nicht nur schon vorhandene Ufer. Im Übergang der Brücke treten die Ufer erst als
Ufer hervor. Die Brücke lässt sie eigens gegeneinander über liegen. Die andere
Seite ist durch die Brücke gegen die eine abgesetzt. Die Ufer ziehen auch nicht
als gleichgültige Grenzstreifen des festen Landes den Strom entlang. Die Brücke
bringt mit den Ufern jeweils die eine und die andere Weite der rückwärtigen
Uferlandschaft an den Strom. Sie bringt Strom und Ufer und Land in die
wechselseitige Nachbarschaft. Die Brücke versammelt die Erde als Landschaft um
den Strom. So geleitet sie ihn durch die Auen. Die Brückenpfeiler tragen,
aufruhend im Strombett, den Schwung der Bogen, die den Wassern des Stromes ihre
Bahn lassen. Mögen die Wasser ruhig und munter fortwandern, mögen die Fluten des
Himmels beim Gewittersturm oder der Schneeschmelze in reißenden Wogen um die
Pfeilerbogen schießen, die Brücke ist bereit für die Wetter des Himmels und
deren wendisches Wesen.
Auch
dort, wo die Brücke den Strom überdeckt, hält sie sein Strömen dadurch dem
Himmel zu, dass sie es für Augenblicke in das Bogentor aufnimmt und daraus
wieder freigibt.“
(BWD, S. 38f)
Es
gibt also nicht einen immer schon bestehenden Raum, in den dann die Dinge
eingestellt werden, es gibt keinen von den Dingen unabhängigen Raum. Die Dinge,
etwa die Brücke, konstituiert Raum, indem sie überhaupt erst die Landschaft und
den Fluss und damit Raum herstellt.
Die
Dinge, etwa Brücken, sind jeweils konkrete, sie „geleiten auf mannigfache Weise“. Es gibt sie etwa als Stadtbrücke,
als Flussbrücke, als Bachübergang oder als Autobahnbrücke, „immer und je anders geleitet die Brücke“. Sie dient einem jeweils
anderen Gefährt, mal Wagen und Gespann, mal Erntewagen oder mal Fernverkehr.
Sie fügt Schlossbezirk zu Domplatz, Landstadt zu Dörfern, Flur zu Dorf oder
spannt ein Liniennetz auf. Sie bringt die beiden Ufer miteinander in Beziehung,
auch wenn sie sie als getrennte präsentiert. Sie macht das Flussbett zur
Schlucht oder bettet es mit homogenem Niveau in die Felder. Ihre Brückenpfeiler
bestimmen die Möglichkeiten des Flusses.
Aus
ihrer jeweiligen Dienlichkeit heraus konstituiert die Brücke jeweilige, mehr
oder weniger weite Orte und damit definite Räume.
Heidegger
ging es in seinem Vortrag um eine Grundbestimmung des Daseins als Ur-sprung des
Da-seins. Dabei spielen jedoch Dinge, Zeuge, Orte und Räume in ihrer
Jeweiligkeit eine grundlegende Rolle. Damit macht er Aussagen über Bereiche,
die traditionell in der Architektur und in der Architekturwissenschaft
angesiedelt sind.
Es geht ihm aber nicht um die Symbolhaftigkeit der
Architektur, nicht um Esoterik, nicht um den sinnlichen Hochgenuss von Baumaterial
Heidegger geht es um ein von ihm neu definiertes
Wohnen. Er nimmt damit eine Grundbestimmung des Menschen vor, dass er als
Aufenthalt bei den Dingen versteht. Die Dinge begründen Orte, die sich zu
Räumen fügen.
Heidegger geht mit einigen Funktionalisten überein,
indem er die Dinge von der Dienlichkeit und indem er den Menschen vom Tun her
denkt. Und damit ist er im Sinne des architektonischen Funktionalismus der 20er
Jahre Funktionalist. Er stellt sich gegen die Baukünstler, die Architektur als
ästhetisches Objekt ansehen.[15]
Allerdings haben die Funktionalisten den Menschen
als ein gegebenes Set von Bedürfnissen und Handlungen gesehen, sie verstehen
ihn damit anthropologisch. Damit verstehen sie das Tun nicht als Entwurf, nicht
als Selbstentwurf, sie sehen im Tun keine Subjektivität, sie verstehen es im
Grunde nur als Ausüben eines vorgegebenen Sets; damit haben sie letztlich den
Menschen verdinglicht.
Die Funktionalisten trennten Dinglichkeit und Dienlichkeit;
sie sahen die Dinglichkeit eher als Last und als Behinderung des Menschen und
seiner Freiheit. Deshalb auch wollten sie die Dinglichkeit immer weiter reduzieren.
Sie sahen die Dinglichkeit nicht als Kern der Dienlichkeit, als Verlässlichkeit
der Dienlichkeit.
Heidegger geht über die Funktionalisten hinaus, indem
er im Wohnen und im Bauen eine Jeweiligkeit (‚immer und je anders') sieht.
Heidegger ist kein Anthropologe, dem es auf die Verwirklichung vorgegebener
menschlicher Bedürfnisse und auf die Herstellung menschlicher Architektur
ankommt; auch damit steht er gegen manche Kritiker am Funktionalismus, auch gegen
den Funktionalismus.
Anmerkungen
[2] In diesem
,funktionalistischen' Sinne hat Thomas J. Wilson; Sein als Text; Freiburg/München
1981 versucht, Heidegger zu lesen.
[3] Ob die
Architektur der Nachkriegszeit tatsächlich generell als ,Bauwirtschaftsfunktionalismus'
zu klassifizieren ist, der sich allein an industrieller Bau- und
Versorgungstechnik, der Effizienz und an der Profitmaximierung orientierte,
möchte ich bezweifeln. Sicherlich gab es das auch; das ist aber eine übliche
Einstellung in der Architektur, die wir schon im Historismus, wo der jeweils
modische Stil als Fassade an Mietshäusern appliziert wurde, damit sich die
Wohnungen besser und teurer vermieteten, finden.
[4] „... je weniger das Hammerding nur begafft wird, je
zugreifender es gebraucht wird, um so ursprünglicher wird das Verhältnis zu
ihm, um so unverhüllter begegnet es als das, was es ist, als Zeug“ (SuZ, S. 69)
[5] „Das bestellte Werk ist einerseits nur auf
dem Grunde seines Gebrauchs und des in diesem entdeckten
Verweisungszusammenhanges von seiendem.“ (SuZ, S. 70)
[6] Da ich als
Architekturwissenschaftler den Diskurs mit Architekten führen möchte belege ich
meine Argumente mit etwas ausführlicheren Bezügen zu Heideggers Text.
[7] Das ‚usw.‘
ist wichtig, da ein Zeug, indem es grundsätzlich in einem Verweisungsganzen auf
anderes Zeug steht, sowohl in seiner Verläßlichkeit – wie auch in schon seiner
Dienlichkeit – niemals nur sich auf sich selbst allein bezieht.
[8] Heidegger
gibt nicht an, auf welches Bild von van Gogh er sich bezieht; Meyer Schapiro
hat 1968 nachgewiesen, dass acht Gemälde infrage kommen, dass aber auf allen
Gemälden van Goghs eigene Schuhe dargestellt sind. Da Heidegger aber keine
kunsthistorische Analyse eines Bildes vornimmt, sondern seine Philosophie
darstellen will und ich diese Philosophie herausarbeiten möchte, möchte ich diesen
kunsthistorischen Fehler hier vernachlässigen.
[9] Heidegger
hat einen eigenen, philosophischen Entwurfsbegriff; (ich übertrage hier Heideggers
Vorstellung von Zeug und Welt)
[10] Sowenig wie
durch den Tempel die Idee des Tempels dargestellt wird. (KW, S. 26)
[11] Vgl. dazu
Biella 1998 und seinen Aufsatz hier in diesem Band
[12] Bei
der Analyse von ‚Bauen Wohnen Denken' kommt das Denken immer zu kurz. Das liegt
natürlich daran, daß Heidegger explizit nur in ein, zwei Sätzen darauf eingeht.
Implizit jedoch ist der Vortrag als Ganzer ein Hindenken und damit ein
Aufenthalt den Dingen, ein Wohnen.
[13] Man kann sich
bei der Alten Brücke in Heidelberg aufhalten, wenn man in Darmstadt bei einem
Vortrag ist.
[14] Mit
keinem Wort geht Heidegger auf die Baustoffe der Brücke ein, obwohl er sie ziemlich
detailliert beschreibt.
[15] Siehe
hierzu auch seine Kritik an der Ästhetik in KW.
Literaturverzeichnis
Burkhard
Biella; Eine Spur ins Wohnen legen.
Entwurf einer Philosophie des Wohnens nach Heidegger und über Heidegger hinaus;
Düsseldorf 1998
Martin
Heidegger; Der Ursprung des
Kunstwerkes; in: ders.; Holzwege; (1949)
4. Aufl. Frankfurt am Main 1963 (KW)
Martin
Heidegger; Sein und Zeit; Tübingen 1979 (SuZ)
Friedrich-Wilhelm
von Herrmann; Heideggers Philosophie
der Kunst. Eine systematische Interpretation der Holzwege-Abhandlung ‚Der
Ursprung des Kunstwerkes‘;(2. veränderte Aufl.) Frankfurt am Main 1994
Ernst
Michalski; Die Bedeutung der
ästhetischen Grenze für die Methode der Kunstgeschichte; Berlin 1932
Meyer Schapiro; The Still Life as a Personal Object – A Note on Heidegger
and van Gogh; in: M. L. Simmel (ed.); The Reach of Mind; New York 1968
Thomas J. Wilson;
Sein als Text; Freiburg/München 1981