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Die
Vollendung der Aufklärung
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Befreiung
von Architektur und Stadt |
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Die Neuen Medien
sind in der Lage, alles das, wozu man bisher Architektur brauchte
- nämlich den Menschen Lebensmöglichkeiten zu verschaffen
- zu übernehmen und darüber hinaus die Menschen völlig
von jeder materialen Beschränkung und Bindung zu befreien.
Die Neuen Medien könnten die Aufklärung vollenden. |
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| Abb. 1 Virtuelle Realität |
Abb. 2: Virtuelle Welt |
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Ich könnte,
wenn mir am Ende eines anstrengenden Arbeitstages in Cottbus (Niederlausitz,
Germany) nach einem Spaziergang am Strand von Malibu (California,
US) ist, einen Freund, der dort gerade lebt, bitten, mir seinen
Körper zu leihen. Mit diesem Körper meines Freundes könnte
ich in elektronischer Geschwindigkeit über die Neuen Medien
eins werden und den Spaziergang von Cottbus aus so vornehmen und
erleben, als wäre ich dort (Anm. 1).
Das finden
die einen gut, die anderen schlecht.
Ich finde
das übrigens schlecht, da ich keinen Freund in Malibu habe.
Und selbst,
wenn ich einen hätte, ich gerade einem Freund nicht zumuten
möchte, mal für ein paar Stunden sein eigenes Leben
zu unterbrechen und sich für diese Zeit ersatzweise in meinen
eigenen Körper und dann auch noch in mein unaufgeräumtes
und nach Aufarbeitung schreiendes Büro zu lagern, damit ich
am Strand von Malibu spazieren gehen kann.
Mir wäre
auch eher mal danach, in den Körper eines Staatspräsidenten
zu schlüpfen und dann mal endlich diese Sache mit den Steuern
zu entscheiden, wobei nun wiederum dieser seiner De-korporierung
und damit seiner De-augurierung nicht zustimmen wird.
Man sollte
meinen, daß diese Ablösung des Geistes von der Materie
gerade in der Architektur nicht möglich ist. Aber gerade
hier gibt es diesbezüglich eine sehr alte Tradition, die
sich in dem Verständnis von Architektur als Proportion gründet
und sich z. B. in dem Verständnis von Architektur als 'gefrorener
Musik' oder als 'informationsästhetisches' Gebilde fortsetzt;
also eine Tradition, in der stets Geist und Materie, Baukunst
und Baumaterial voneinander gelöst werden.
Besonders
klar ist der Versuch der Aufhebung eines an das Material gebundenen
Kunstbegriffes in der Postmoderne. Mit der 1985 in Paris durchgeführten
Ausstellung 'Immateriaux', die stark von Lyotard beeinflußt
war, wurde dies auch einem breiteren Publikum deutlich gemacht.
Obwohl Lyotard selbst in seinen theoretischen Konzepten zur Ausstellung
die ästhetische Aussage noch in das Materiale bettet (die
Botschaft wird in seiner Sicht (Anm. 2) in die Materie eingeschrieben,
indem sie es ist, die die Ordnung der diskreten Elemente setzt)
ist die Ausstellung vom Publikum als Propaganda für einen
immateriellen Kunstbegriff verstanden worden.
Innerhalb
der Architektur bildet sich eine spezielle Form der Postmoderne
aus, 'Architektur' wird völlig vom Bau losgelöst. Werk
ist nun Diskurs, Architektur wird durch Architekturtheorie substituiert.
Nun kann man
'Architektur' (als Diskurstext) über den Buchhandel verschicken.
Die Diskussion
über Neue Medien in der Architektur ist einerseits die konsequente
Fortsetzung dieser Haltung. Gab es aber dort noch eine Parallelwelt,
die in die Irrelevanz getriebene, aber immer noch existente bauliche
Substanz von 'Architektur', so wird in der Diskussion über
'Neue Medien' auch diese Welt immaterialisiert.
Es gibt allerdings
auch einen Unterschied, ging es der Postmoderne um den intellektuellen
Diskurs, wobei ihr die empirische Realität gleichgültig
war, so geht es in der 'Neuen Medien'- Diskussion um die Virtualisierung
der empirischen Realität, und ihr ist der intellektuelle
Diskurs gleichgültig.
Oder anders
gesagt, der postmoderne intellektuelle Diskurs wird nun vom Kopf
in die Füße verlegt, dabei mutieren Intelligenz und
Erkenntnis zu Virtualität und Bewegung.
Das Nachdenken
über Architektur wird abgelöst durch das Nachbauen (im
PC). Das Erkennen von Architektur wird zum Hindurchgehen; was
Tiefe der Erkenntnis war ist nun Geschwindigkeit des Vollzugs
(Optimum: Hubschrauberflug)
Mitchel (Anm.
3) hat wohl als einer der ersten in seinem Buch 'City of Bytes'
die Möglichkeit aufgezeigt, daß etwa in Bezug auf Kommunikation,
auf Herstellen von Öffentlichkeit oder auf Befriedigung von
Bedürfnissen, die Neuen Medien das gleiche schaffen wie die
Architektur. Florian Rötzer (Anm. 4) hat dies dann aufgegriffen,
ging dann aber noch etwas weiter und zeigte auf, daß die
Neuen Medien der Architektur nicht nur in ihren Möglichkeiten
gleichkommen, sondern substantiell auch ersetzen können.
Während Mitchel sich eher als Soziologe versteht, der Realität
beschreiben und erkennen will, ist bei Rötzer eigentlich
immer der Wunsch eines Machers zu verspüren, die Vorstellungen
nun endlich auch umzusetzen.
Ernstzunehmende
und renomierte Philosophen, wie etwa Fellmann (Anm. 5), sehen
in dieser Transformation zu einer virtuellen Welt endlich eine
Chance gekommen, die Ziele der Aufklärung, nämlich der
Herstellung einer völlig bewußten, rationalen und geistig
selbstbestimmten Welt, umzusetzen, was eben auch heißt,
sich endlich von der einschränkenden Materialität der
Umwelt und von der eigenen fleischlichen Natur freizumachen.
Wahrscheinlich
war die Architektur das erste Medien, in der Visionen für
ein Leben ohne Architektur dann auch konkretisiert und Gebäude
durch Computer substituiert wurden.
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| Abb.
3: Superstudio |
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Was tun, als
Architekt?
Wäre die
Architektur durch die Neuen Medien vollständig zu ersetzen,
so wäre es das Ende der Architektur; und das wäre - weil
es denn eine Befreiung wäre - gut.
Es hätte
gar keinen Sinn, als Architekt noch lange herumzufackeln, man sollte
zum Medienwissenschaftler umschulen und - wenn schon Architekt -
sich dann über die Grundstruktur (=Archi-tektur) der Netze
Gedanken machen. |
Befreiung durch Architektur und Stadt
Es gibt nun
noch eine zweite Richtung der Aufklärung - wenn man die erste
vielleicht die Cartesianische nennen würde, so wäre diese
hier eher die Herdersche - die unter Aufklärung das Bewußtmachen
und Realisieren des eigentlich Menschlichen versteht, eine Grundposition,
von der aus sich dann im 20. Jahrhundert auch die Phänomenologie
herausgebildet hat.
Der Körper
des Menschen sei dabei die wesentliche Bedingung seines Seins, der
Interaktion, der Verortung im Raum und der Welthabe, sein Fleisch
sei die Bedingung seiner Menschwerdung. Nur dadurch, daß der
Mensch sich körperlich bewege, erzeuge er eine räumliche
Welt für sich, nur dadurch, daß ich in dieser Welt handle,
entstehe die Realität einer subjektiven Welt und entstehe Welt
überhaupt.
Die völlige
Substitution der materiellen Architektur wäre bei dieser
Sichtweise nur möglich bei gleichzeitiger völliger Aufhebung
der Körperlichkeit der Menschen. Dies wäre das Ende
des Menschen, und das wäre schlecht.
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| Es
spricht einiges für die Herdersche Auffassung der Aufklärung.
Alltag und Architektur scheinen sich so grundlegend von den 'Neuen
Medien' zu unterscheiden, daß diese jene nicht substituieren
können. Der materiale - und körperlich angeeignete - Alltag
weist Qualitäten auf, die die die Neuen Medien nicht ersetzen
können; ich will nur einige ansprechen (sicherlich gibt es
noch mehr): |
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Überbordende
Sinnlichkeit
- Konkretheit
und Dichte
Die virtuellen
Medien arbeiten in der Regel und im Alltag nur in zwei Dimensionen,
sie sind visuell und akustisch. Nur wenn ich mir im Medienlabor
einen Cyberanzug anlege, kann ich auch taktile Erfahrungen machen.
Keineswegs aber kann ich riechen. Mein Gleichgewichtsorgan wird
nicht stimuliert.
Der virtuelle
Ausflug ins Hochgebirge erschöpft mich nicht und bringt keineswegs
frische Luft, keineswegs den würzigen Geruch der Alpenwiesen,
keineswegs die ultravioletten Sonnenstrahlen der Bergwelt.
Natürlich
kann man mit großem Aufwand vieles grundsätzlich auch
virtuell übermitteln, der letzte Rest könnte dann am
Ort simuliert werden.
Aber es wird
dies - und ich sage hier: niemals - in der ganzen Dichte der Informationen
und Erlebnisse möglich sein. Zudem wird die simulierte Erlebniswelt
eine Welt der allgemeinen Eindrücke sein. Es wird eben Alpenblütenduft
sein und nicht der Duft von der bestimmten Wiese des Bauern Arsoner
in den Brenta Dolomiten an einem Freitag im Mai 1976.
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Dieser
ganz besondere Duft aus Rauch von einem Feuer aus den noch etwas
feuchten
Zweigen von Kastanienbäumen, den ein leichter Ostwind
aus
größerer Ferne heranträgt und der auf dem Weg
durch eine für die Jahreszeit
zu warme Sonne getrocknet und leicht mit dem ländlichen Geruch
von Kuh und Ziege
und einer
drei Tage getrockneten Alpenwiesenmahd sowie ein wenig mit den
Abgasen von Dieselkraftstoff,
dem Geruch des einheimischen Käses
in meinem Rucksack und den Körpergerüchen
und den Deodorants meiner Weggefährten gemischt wurde.
Und dann
war da noch irgend etwas ('je ne sais quoi'), das ich schon damals,
am
Berg nicht
identifizieren konnte und
nun weder in Worten wiedergeben
kann, noch auch etwa nachbauen oder simulieren könnte.
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| Diese Beschreibung
der konkreten Sinnlichkeit ist natürlich etwas zu schwärmerisch
geworden. Aber sie macht sicherlich deutlich, daß die 'Neuen
Medien' niemals die Dichte und Konkretheit der alltäglichen
Realität erreichen können. |
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- Schmutz
Realität
ist schmutzig, die Neuen Medien müssen absolut sauber sein.
'Schmutz' ist hier wissenschaftstheoretisch gemeint, er soll das
bezeichnen, was unter systematischen Aspekten gesehen nicht dazugehört,
was man nicht einordnen kann, was man nicht einmal richtig intellektuell
fassen kann.
Schmutz gehört
wesentlich zur Realität.
Die Erkenntnis
über die fundamentale Rolle des Schmutzes hat in der psychologischen
Wissenschaft etwa dazu geführt, daß man die im cleanen
Labor gefundenen exakten Ergebnisse über menschliches Funktionieren
nun allein als Erkenntnisse über das Laborverhalten der Menschen
begreift. Da Menschen im komplexen schmutzhaften Alltag leben, untersucht
man nun vorrangig dort das Verhalten und versucht die dort bestehenden
Ordnungen und Ereignisse, Strukturen und Sprünge, Gesetze und
Taten, Regeln und narrativen Verläufe von Bedeutung zu erkennen.
Der Schmutz ist
ein Realitätskriterium: Schmutz ist nur digital ganz zu beseitigen;
fehlt passender Schmutz, ist Skepsis über die Realität
des Präsentierten angebracht.
Passender Schmutz
in der Wirklichkeit stärkt den Wahrheitscharakter (siehe die
Diskussion über die Virtualität des Golfkrieges), Schmutz
in den Neuen Medien führt zum Absturz.
Örtlichkeit
Kann ich überhaupt
in Malibu sein, kann ich mir den Körper meines Freundes überhaupt
aneignen?
Ich versetze
mich an einem regnerischen Vormittag von Cottbus her über
die elektronischen Medien in den Körper meines Freundes.
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Plötzlich
also bin ich da.
Wo?
Nirgendwo!
Das Hier
ist ein Punkt, es hat weder eine räumliche noch eine zeitliche
Extension
Ich bin da, ohne angekommen zu
sein; mein Hiersein hat kein Umfeld.
Ich bin da, ohne Vergangenheit
und Erinnerung, mein Hiersein hat keine Zeit und keine Geschichte.
Ich bin da, weltlos.
Ich versuche
zu existieren.
Ich öffne die Augen und sehe
nichts,
es
ist völlig dunkel.
Langsam sehe
ich klarer, ich merke, es ist tiefe Nacht, ich muß mich wohl
auf einem unbeleuchteten, menschenleeren Platz befinden. Da, endlich
Menschen!
Eine Gruppe Jugendlicher biegt um
eine Straßenecke und kommt auf mich zu. Ich will ihnen entgegengehen,
stolpere aber, da mein Freund etwas leichter und kleiner ist als
mein Körper in Cottbus. Ich rapple mich auf, gehe mit freudigem
Gesicht auf die Gruppe zu und frage sie, wo ich bin.
Ich sehe
einen Baseballschläger auf mich zusausen und rette mich eiligst
nach Cottbus.
Hier buche
ich einen Platz im Flugzeug, um an der Beerdigung meines Freundes
teilzunehmen.
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So wie natürlich
der Geist Hirn ist, so ist die Ichidentität immer körperlich.
Es beginnt mit der komplexen sensorischen Orientierung im Umraum,
die immer 'Praktognosie', Einheit von Handeln, Wahrnehmen und
Erkennen, ist, mit dem Umgang mit den eigenen körperlichen
Fähigkeiten und erstreckt sich auf die Anwendung des einverleibten
Sets sozialer Verhaltensweisen und der körperlich trainierten
Ablaufmuster.
Die Ichidentität
einer Person befindet sich nicht im Hirn allein, sondern in seinem
ganzen Körper und in der spezifischen Verankerung des Körpers
in seiner Umwelt. Ichidentität entsteht und besteht in einem
Prozeß der Re-flektion und der sozialen Verankerung.
Praxis
- Verankerung
Die Gegenstände
des Alltags sind verankert.
Wenn ich auf
dem Monitor meines Computers eine Datei in den 'Papierkorb' ziehe,
ist das ein ziemlich einfaches Geschäft. Das Icon steht für
den Befehl 'DELETE';
dieser wird ausgeführt, die Datei ist sofort im wortwörtlichen
Sinne vernichtet.
Im Alltag ist
der Papierkorb ein Hilfsmittel in der Wohnung oder im Büro,
der sich in einem ganz bestimmten strukturellen Zusammenhang befindet.
Der entsorgte Gegenstand ist nicht schon weg, wenn ich ihn in
den Papierkorb werfe. Ich muß ihn zum Mülleimer tragen,
der Mülleimer wird in einen Müllwagen entlehrt, der
wiederum....
Was mit dem
Müll geschieht, resultiert aus dem jeweiligen Müllsystem,
manchmal wird das Papier recycelt, manchmal verbrannt; wahrscheinlich
in beiden Fällen erzeuge ich mit dem Wegwerfen eines Stücks
Papier eine Umweltbelastung.
Ich gehe -
je nachdem, wo ich einen Papierkorb benutze - eine indirekte soziale
Beziehung ein. In meinem Büro wird der Papierkorb von einer
Reinigungskraft gelehrt, deren Arbeitszeit so früh angesetzt
ist, daß ich sie niemals treffe; sie arbeitet nach dem 530
Mark - Gesetz.
- Geschichte
Auch wenn es
nur ein Papierkorb ist, jedes Ding hat seine eigene Geschichte,
ich habe ihn vielleicht nach meinem eigenen Geschmack und von
meinem eigenen Geld gekauft, vielleicht war er auch ein Geschenk
eines Freundes oder er ist mir von meinem Arbeitgeber nach seinem
Geschmack und Budget zur Verfügung gestellt worden.
Er erhält
Spuren von dem, was ich in ihn hineingeworfen habe. Er wird alt.
Wird mir von der Reinigungskraft einmal versehentlich der Papierkorb
meines Kollegen hingestellt, so erkenne ich ihn als fremden und
verlange Korrektur. Der Papierkorb geht kaputt.
- Multifunktionalität
Alte gedruckte
Vorlesungsverzeichnisse kann man wunderbar benutzen, um ein wackeliges
Bett abzustützen, eine überholte www-page mit den Vorlesungen
des vergangenen Semesters belastet nur noch die Festplatte und
verstopft die Netze.
Informationen
und Funktionen im Netz sind eindimensional, die materiale Realität
ist - so sehr ein Designer dies auch ausschließen mag -
multifunktional und kreabil (Anm. 6).
- Duktilität
Die Beschaffenheit
der Wirklichkeit läßt auch zu, daß ich ein gestecktes
Ziel, wenn schon nicht auf dem direkten, d. h. vorgegebenen und
vorbestimmten Weg, dann doch irgendwie, in leichter Abweichung
vom geraden Weg oder vielleicht auch mal ganz anders, erreiche.
Das gibt dem Menschen die Chance, wenn er es denn nicht ganz richtig
macht oder ganz richtig kann, daß er sein Ziel dennoch erwirkt.
Die Wirklichkeit ist eben duktil - ein Ausdruck aus der Baukonstruktion,
der so etwas meint, wie die Gutmütigkeit einer Konstruktion
oder eines Materials - sie nimmt es nicht so genau, sie ist großzügig
den Menschen gegenüber.
Die 'Neuen
Medien' gerieren sich demgegenüber wie ein schnöseliger
und überforderter preußischer Katasterbeamter im 19.
Jahrhundert: kleinste und in der Sache unwichtige Fehler führen
zum sofortigen Abbruch oder Absturz.
Das heutige
Konzept einer virtuellen Welt ähnelt sehr dem abstrakten,
klassifizierenden, wissenschaftstheoretischen Denken des 17. und
18. Jahrhunderts, einer Wissenschaft 'more geometrico', kurz bevor
man Geschichtswissenschaft und Ästhetik als Wissenschaften
des Konkreten erfand und lange vor der Entstehung der Psychologie
und Sozialpsychologie.
Nun kann man
als Architekt und Stadtplaner das Thema 'Neue Medien' als erledigt
ansehen und weiter so Architektur machen, wie bisher.
Man kann aber
die Architektur auch als Gegenmedium entwickeln, als Medium, daß
die in den virtuellen Welten vernachlässigten Erlebnis- und
Aktivitätsbereiche der Menschen bedient oder besonders thematisiert.
Das wäre
etwa eine Architektur der Körperlichkeit, eine Architektur
der Aktivitätspotentiale, eine Architektur der Verbindlichkeit,
eine Architektur des Konkreten, eine Architektur des Ortes.
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Neue Medien und Architektur
Bisher wurde unterstellt,
daß auf einer grundsätzlichen Ebene Architektur und die 'Neuen
Medien' nichts miteinander zu tun haben. Ich habe diskutiert, ob Architektur
durch die im Grunde ganz anderen Neuen Medien substituiert werden können
und sollen oder nicht.
Ich glaube aber, daß diese prinzipielle
Ausgrenzung voneinander einerseits aus einem reduzierten technischen Verständnis
von Information und andererseits aus einer einseitigen Definition von
Architektur als Ding - sei es nun als ästhetisches Werk oder als
funktionale Maschine - resultiert und tatsächlich fraglich ist.
Ich möchte im folgenden einige Argumente
aufführen, die die Neuen Medien und die Architektur aneinander nähern
können.
Lebensweltlichkeit
der Information
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Abb.
4 Monitor |
'Information' ist
- technisch ausgedrückt, eine Folge
von Zeichen oder eine Konfiguration von Symbolen, die von einem bestimmten
System unterschieden und identifiziert sowie erzeugt und in andere Konfigurationen
überführt werden kann (Anm. 7).
- profan oder philosophisch gesagt, ein bestimmtes
Wissen, das einer hat und ein anderer nicht.
Information ist also im engeren, technischen
Sinne eine Folge von Zeichen, im weiteren profanen und philosophischen
Sinne zudem sinnhaft und praxisbezogen.
In der Regel werden Information
ausgetauscht, um ein bestimmtes Tun oder Verhalten zu bewirken. Der
Sender sendet Informationen, von denen er annimmt, daß sie dem
Adressaten für eine Entscheidung oder ein Tun fehlen und ihm dann
weiterhelfen. Sie werden als Instrument in einem Handlungskomplex eingesetzt,
um einen Zustand zu erhalten, eine Aktivität zu erwirken, um zu
steuern oder um zu kontrollieren. Informationen sind nahezu immer Instrumente,
deren Wirkung allerdings nicht durch ihre physikalische Masse, wie etwa
beim Werkzeug und nicht durch ihre Mechanik, wie etwa beim Schalter
und nicht durch ihre physikalische Kraft, wie etwa bei der elektrischen
Maschine, sondern durch Information hervorgerufen wird.
Es gibt Informationen, die in irgendwelchen
praktischen Zusammenhängen stehen und es gibt pure Informationen;
letztere werde ich einmal die 'Ach!-Kannste-mal-sehen'-Information nennen.
Ich persönlich kenne sie nur von Tante 'Lisbeth' ('Ach!-Kannste-mal-sehen'-Informationen
sind etwa: 'Hast Du schon gehört, daß die Kaninchen Deiner
Cousine Susi aus Wolfratshausen 9 Junge geworfen haben?' oder ,Gerhard
Schröber besitzt 5 Paar graue Socken'). Es ist Information, die
weder verstanden werden muß, noch überhaupt verstanden (wenn
'verstehen' 'Sinn erfassen' meint) werden kann, geschweige denn, daß
sie für ein Tun wichtig ist. Die 'Ach!-Kannste-mal-sehen'-Information
ist mit dem technischen Informationsbegriff identisch, abgesehen einmal
von der Bedeutung des Sprechaktes als solchem.
Informationen entstammen
der Lebenswelt eines Senders, sie werden in die Lebenswelt eines Empfängers
einbezogen, dadurch werden sie sinnvoll.
Sinnhaft und pragmatisch
verstandene Information entsteht aus der Lebenswelt eines Senders vor
dem Bildschirm und erstreckt sich über den Bildschirm des Empfängers
hinaus in dessen Lebenswelt hinein.
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| Abb.
5 Universitätsbibliothek |
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Sozialität
der Informationen
Telegraphen und Telephone
vermitteln bidirektional zwischen 1 Sender und 1 Adressaten -
ich werde hier zur Unterscheidung von Geräten der ersten Generation
sprechen. Radio und Fernsehen adressierenden unidirektional Menschenmassen,
sie sind Geräte der zweiten Generation. Heute ergänzen wiederum
bidirektionale - zwischen 1 Sender und n Adressaten verbindende - Medien
diesen Bestand, es sind Geräte der dritten Generation, wie das
Internet, Television on demand und viele andere technische Einrichtungen,
die teilweise noch auf dem Papier stehen.
Telegraph und Telephon
waren Medien, die immer einen konkreten Sender und einen konkreten Adressaten
hatten. Mit den unidirektionalen Massenmedien, also dem Radio und dem
Fernsehen verändert sich der Umgang mit der Information: hier wird
nicht mehr ein einzelner konkreter , sondern eine Masse von Adressaten
angesprochen. Der Sender kann nicht mehr die spezifische Verstehenswelt,
die besondere Verstehensfähigkeit, nicht die besondere Lebenswelt
und auch nicht die Handlungswünsche adressieren. Sein Angebot muß
basic und diffus sein, damit er eine möglichst breite Masse von
Adressaten anspricht. Die 'Ach!-Kannste-mal-sehen'-Information nimmt
einerseits ungewollt (wenn ich Jedem etwas geben will, gebe ich Vielen
vieles Überflüssiges und Sinnloses) andererseits gewollt zu.
Immer mehr wird das Medium zur eigentlichen Botschaft.
Die Neuen Medien der dritten
Generation integrieren Möglichkeiten der ersten und der zweiten
Generation; das bidirektionale Medium hat wie die erste Generation prinzipiell
die Möglichkeit zu konkreten sinnhaften und pragmatischen Informationen
für spezifische Lebenswelten und könnte sich deshalb auch
auf hohem Niveau bewegen, zugleich aber wird es faktisch analog zur
zweiten Generation zur Massenkommunikation von 'Ach!-Kannste-mal-sehen'-Information
benutzt, wie es insbesonders die Informationen im btx-Angebot der Telekom
aber auch viele Chat-groups zeigen.
Medialität
der Architektur
Ein Medium ist ein 'Mittel'
(im wortwörtlichen Sinn), das eine Nachricht aus einer Sphäre
in eine andere übermittelt, es verbindet zwei Sphären oder
Welten miteinander.
In meiner Klärung, was denn 'Information'
sei (s.o.), habe ich nicht nachgefragt, ob nicht auch das Medium
selbst an der Konstitution von Sinn beteiligt ist. Zur Klärung
der Funktionen der Architektur und der Neuen Medien wäre dies aber
wichtig.
McLuhan etwa (Anm. 8) würde soweit
gehen, das Medium als die eigentliche Nachricht anzusehen. Luhmann hingegen
(Anm. 9) - um eine diametrale Gegenposition zu benennen - würde
die Medien als indifferent für die Nachricht ansehen.
Natürlich ist beides richtig, die
Positionen markieren zwei Extremmöglichkeiten.
Wenn ich einen bestimmten Satz über
ein Telefon (oder in einem Brief oder über ein e-mail) übermittle,
ist der Sinn des Satzes als solcher gleich. Allerdings sagen wir niemals
nur Sätze, die wie monadische Oasen in einer ansonsten leeren Wüste
stehen. Sätze erhalten ihre Bedeutung - wie oben aufgezeigt - auch
durch die lebensweltlichen Zusammenhänge, in denen sie gesprochen
und in denen sie gehört werden. Hier ist von Bedeutung, wer sie
sagt, wie man sie sagt, sowie in welchem Raum und unter welchen Umständen
man sie sagt.
Das jeweilige Medium bestimmt nun auch,
was neben dem eigentlichen Satz aus der Lebenswelt des Sprechers ansonsten
noch vermittelt wird. Es inkludiert je nach Medium dies oder jenes (Tonfall,
Handschrift, Physiognomie), schließt zugleich auch medienspezifisch
eine jeweils unendliche Menge an Informationen aus. Zugleich vermittelt
es seine eigene Materialität und dessen Befindlichkeit, (rauschendes
Telefon, Büttenpapier, Besitz einer privaten e-mail Adresse).
Das Medium übermittelt, es selegiert und gibt zugleich ein Surplus.
Der übermittelte Satz steht dann wiederum
bedeutungshaft in der Welt des Hörers und verleiht dem Satz so
einen strukturellen und bedeutungshaften Zusammenhang. Das Medium selbst
steht sinnhaft in der Welt. So macht es einen Unterschied, ob mir ein
bestimmter Satz von Tante Lisbeth am Telefon oder in den 8 Uhr Nachrichten
im Fernsehen mitgeteilt wird.
Das Medium dient dazu,
sich überhaupt eine andere Welt aufzuschließen, wobei einerseits
die Art des Zugangs durch das Medium bestimmt wird und andererseits
das Medium bestimmt, was und wie etwas aus der anderen Welt zu mir dringt.
Ein Medium kann ein eigenständig
strukturiertes singuläres und und damit objekthaftes Instrument
sein oder aber eine Gesamthabe einer weiteren Welt. In beiden Fällen
schließt es jedoch- zumindest im Moment der Mediation oder sonst
dauerhaft - Welten zusammen. Dieser Zusammenschluß ordnet - zumindest
im Moment der Mediation - die erste Welt um, indem es die Ordnung der
zweiten Welt inkorporiert.
Im Vollzug der Mediation wird aus dem Medium
ein Instrument, es transformiert sich aus einem Medium (zum Zusammenschluß
zweier Welten und zur Konstitution einer neuen Welt) zu einem Instrument,
mit dem ich in dieser neuen Welt handele. Der Blindenstock - um ein
Beispiel von Merleau-Ponty zu nehmen - konstituiert die Welt des Blinden;
er ist insofern Medium. Innerhalb der so konstituierten Welt benutzt,
dient er dann als Instrument der Orientierung.
Der initiale Aneignungsprozeß etwa
des Internets durch den eigenen PC dient der medialen Konstituierung
einer globalen virtuellen Welt, der kundige User nutzt ihn dann nur
noch als Surf-Instrument in dieser Welt.
Es gibt keine Gegenüberstellung
von Welt und Subjekt. Bereits mein eigener Körper, ja sogar mein
Hirn, ist ein Medium der Welthabe (Anm. 10)
Medien kann man nicht
kategorial in Wahrnehmungsmedien, Handlungsmedien und Darstellungsmedien
unterscheiden (Anm. 11); Medien sind immer zugleich alles drei. Dies
liegt manchmal auch am Medium, aber immer in der Einheit von Wahrnehmung
und Darstellung und in der Integration von Wahrnehmen und Handeln. Darstellung
ohne Wahrnehmung der Darstellung ist unmöglich (auch beim Herstellen
der Darstellung schon) und Handeln ohne eine sie begleitende und steuernde
Wahrnehmung ebenso. Das Handeln begleitet entweder immer die Wahrnehmung,
ist oft auch Bedingung der Wahrnehmung oder hat zumindest, da in einer
Welt wahrgenommen wird und von einem ganzen Menschen, immer Handlungsfolgen.
Wenn man von Medien, besonders
von Neuen Medien redet, dann denkt man oft an Leitungen und Netze, an
digitale Fernsehübertragungen und ans Internet. Wenn man über
die Medialität von Architektur nachdenkt, könnte man ebenfalls
über die Wegenetze, über die Gas-, Wasser- und Stromnetze
sprechen. Es ist klar, daß es dabei um Architektur (wenn auch
nicht mehr nur um 'Architektur' im kunsthiostorischen Sinne) geht, hier
ist der mediale Charakter der Architektur sofort deutlich.
In unserem Zusammenhang
ist es aber gleichermaßen sinnvoll, über die Endgeräte
der Netze zu sprechen, über die Telefongeräte, die Gasherde,
Wasserclos und Lampen.
Diese Endgeräte sind Medien in dem
Sinne, daß sie das technisch Übermittelte in einer Lebenswelt
rematerialisieren. Das Telefongerät transformiert die elektrischen
Impulse in akustische Schwingungen und macht damit das Gesagte und in
dann elektrische Impulse Umgewandelte überhaupt wieder hörbar,
überhaupt wieder lebensweltlich relevant. Der Gasherd, das Wasserclo,
die Lampen sind Geräte, die aus der in sie übertragenen chemischen
Substanz (Gas, Wasser, Strom) ein lebensweltliches Tätigkeitsfeld
fundieren. So wie das Telefon ein Gerät ist, mit dem etwas hörbar
wird und der Fernseher ein Gerät, mit dem etwas sichtbar wird,
so ist der Gasherd das Medium, in dem das Gas zum Kochen genutzt werden
kann.
Zugleich ist der Fernseher ein Gerät,
mit dem ich sehen kann, das Telefon ein Gerät, mit dem ich hören
kann, der Herd das Medium, in dem das Kochen zur Wirklichkeit
wird.
Die Medialität von Geräten besteht
darin, Intentionen und physikalische Vorgänge in eine lebensweltliche
Realität umzuwandeln.
Architektur ist - prinzipiell
(es geht mir hier nicht um eine genaue Analyse der faktischen Realität)
- einerseits ein Medium, in dem das herangeschleppte Baumaterial lebensweltlich
relevant gemacht wird und andererseits ein Medium, in dem ich mein gedachtes
Leben zur Wirklichkeit bringen kann.
Architektur ist das Medium der Selbstentäußerung
und der Selbstwerdung der Menschen; sie vereint die Welt der subjektiven
Vorstellungen und die Welt der Physik und stellt eine dritte Zwischenwelt
her, in der Vorstellungen und Natur miteinander vermittelt werden.
Virtualität
der Architektur
'Ich sehe - auch in Bezug
auf die Architektur - drei Verständnisse oder Aspekte von Virtualität:
1. Virtualität als
Substitution
Objekte, Prozesse und Handlungen werden
substituiert.
Anstelle eines Gegenstandes, hängt
man sich ein Foto davon an die Wand.
Datenbanken - etwa die Datenbank der 'Lieferbaren
Bücher' - speichern, sortieren und finden Elemente auf elektronische
Weise, was real - als Anschaffung eines sortierten Bücherlagers
- mit großem räumlichen Aufwand und mit viel Arbeit verbunden
wäre, wobei anzumerken wäre, daß die erste Virtualisierung
bereits mit der Anlegung einer alphabetisch sortierten Karteikartensammlung
vorgenommen wurde.
Schwimmen lernt man zuerst als Trockenschwimmen;
Fluggesellschaften trainieren ihre Piloten in Flugsimulatoren, in denen
sie bei Reduzierung der Aufwandkosten und des Materialverschleißes
das Fliegen lernen können und auch Verhalten in Extremsituationen
üben können, ohne je in Lebensgefahr zu geraten.
Bei der Nutzung von Architektur etwa bei
einer Tür kann ein Handeln substituiert werden, also virtuell sein,
etwa wenn ich diese, statt einen Sachbearbeiter zu beuteln, beim Verlassen
des Büros zuknalle. Das Zuknallen ist eine Ersatzhandlung, die
das Beuteln ersetzt und erleichtert und alle möglichen Nachteile
der direkten Aktion umgeht. Mit dem Zuknallen der Tür habe ich
den Sachbearbeiter virtuell gebeutelt. Das elektrische Licht erzeugt
einen virtuellen Tag, die Heizung einen virtuellen Sommer.
In der Herstellung von Architektur kann
man mit Tonmodellen oder elektronisch mit 3D Modellen oder durch CAD
oder andere Software, Ästhetik und Wahrnehmungsqualitäten
ohne aufwendige Bauarbeiten optimieren sowie etwa Bauabläufe planen
und evaluieren, ohne in Gefahr zu laufen, Kosten zu vergeuden oder beim
Ausprobieren ein Chaos zu erzeugen.
Die Substitution wird
vorgenommen, um sich die Sache einfacher und gefahrloser zu machen.
Deshalb ist die
Virtualisierung entweder mit einer Reduktion
des materialen Aufwandes oder mit einem Shift zu einem anderen, einfacheren,
materialen Feld verbunden; keineswegs aber ist es eine Vernichtung des
Materialen, das Foto ist so material wie die reale Situation, nur anders
und einfacher, die Wärme der Heizung ist so material wie die des
Sommers, nur ist im Winter eine Heizung überhaupt herzustellen.
Hier von Immaterialität zu sprechen ist zumindest mißverständlich.
Keineswegs kann mit der Anwendung des Begriffes eine Immateriellität
gemeint sein. Wenn man sich auch über die Materialität der
Elektrizität seit dem 18. Jahrhundert streitet, immateriell ist
auch sie nicht.
2. Virtualität als
lebensweltliche An- und Einbindung
In den Neuen Medien wird etwas virtuell,
wenn sachliche und unanschauliche elektronische Komplexe oder Vorgänge
an Bilder des Alltags gebunden werden.
So etwa, wenn man eine Datei löscht,
indem man so tut, als ob man sie in einen virtuellen Papierkorb wirft.
Dem Befehl ‘Löschen’ wird ein Bild aufgesetzt, das aus dem Lebensalltag
kommt (Anm. 12).
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| Abb. 6:
Darstellung eines Löschprogramms im 'Editor' |
Abb. 7: Darstellung
eines Löschprogramm auf dem 'Desktop' |
Ich tue so, als ob ich eine
Datei in einen Papierkorb werfe. Real ist dies nicht möglich; man
könnte eine Diskette oder eine Festplatte oder einen Computer (und
dann damit auch die Datei) in einen Papierkorb werfen, denn Papierkorb
und Diskette (usw.) sind Gegenstände, eine Datei aber nicht. Eine
Datei ist letztlich nichts anderes als eine bestimmte Ordnung (eines Gegenstandes).
Ich kann eine Datei, als Datei, allein vernichten, indem ich die Ordnung
unzugänglich mache oder sie umordne.
Ich tue so, als ob ich eine Datei in einen
Papierkorb werfe, initialisiere dabei aber tatsächlich das 'DELETE'
- Programm.
Der Papierkorb ist insofern virtuell, als
er einerseits real nicht existiert und trotzdem etwas gelöscht wird
und er ist virtuell insofern, als er andererseits den technischen Vorgang
als 'in-einen-Papierkorb-werfen' bedeutet, weil er also Sinn herstellt.
Den Code "... Ç© _Z[XÃÄùëù3É3
..." (des Programms 'deltree.exe') begreife ich als Teil eines Wegwerfvorganges,
wenn er sich mir als Papierkorb zeigt.
Der technische oder sachliche Vorgang erhält
durch die Anbindung lebensweltlichen Sinn und Relevanz.
Dieser lebensweltliche Sinn liegt beim 'Löschen'
einer Datei übrigens nicht allein in der Anbindung an ein Bild, sondern
vielmehr schon in der Anbindung der Aktivität an das Wort 'Löschen',
denn gelöscht - im eigentlichen Sinne - wird nichts (s.o.).
Auch eine virtuelle Stadt,
eine 'Cybercity' tut so, als ob sie eine Stadt wäre. Sie ist tatsächlich
ein auf einem Server mit bestimmter Software organisiertes Kommunikationsfeld,
in dem spezifische Kommunikationsthemen oder -weisen durch zwei- oder
dreidimensionale Bilder dargestellt sind, die durch Assoziationen an
die Alltagswelt vermitteln sollen, was jeweils kommunikativ geschehen
soll. Virtuell meint hier, daß mir - an meinem Schreibtisch sitzend
- die Möglichkeit gegeben wird, etwa meinen Paß zu verlängern,
also das zu tun, was man in einem Rathaus tut.
Zugleich aber meint es, daß mir das,
was ich da am Computer tue, begreifbar und vorstellbar gemacht wird
durch Überlagerung mit Bildern aus meiner traditionellen Lebenswelt.
Das Verlängern eines Passes begreife
ich als kommunale hoheitliche Aktivität, wenn es sich als Aktivität
in einem Rathaus zeigt.
Allerdings kann ich nur
das in den Programmen Vorgegebene tun, ich könnte meinen Führerschein
verlängern, aber wahrscheinlich keinen Kaffee trinken und bestimmt
nicht die Bürotür zuknallen, wenn eine Sachbearbeitung dumm
läuft (damit wäre ich aber wieder am Anfang des Textes).
In der Architektur handelt
es sich - wie bei einem Buch um Wörter - auf einer bestimmten Ebene
(und in einer sachlichen Sicht) um eine Ansammlung von Baumaterial und
Ausstattungsstücken. Ich bedeute sie, etwa als Wohnhaus,
indem ich die Dinge und die Ordnung der Dinge in eine Lebenswelt einbinde
und damit als lebensweltlich sinnvoll erkenne - Wörter werden zu
Wort. Das Wort bzw. die Architektur ist die Virtualisierung des Materials
(Anm. 13).
3. Virtualität des
Subjekts und der Materie
Wenn ich laufe, dann schaue ich dorthin,
wo ich gleich sein werde. Ich schaue beim Gehen niemals dorthin, wo
ich gerade stehe, sondern immer, wo ich in wenigen Momenten stehen werde;
ich schaue niemals auf mein Standbein, sondern immer auf den zukünftigen
Ort, an den mein Spielbein sich stellen wird.
Ich handle niemals - nicht nur in diesem
Beispiel - in der Präsenz, ich bin mir stets voraus. Was ich tue,
intendiert die Zukunft, was ich zu tun habe, kommt aus der Zukunft als
Anforderung auf mich zu.
Ich bin mir also immer voraus. Ich bin
stets virtuell.
Die Dinge sind stets virtuell,
ich muß ihnen Eigenschaften zudenken, um mein hinstrebendes Handeln
darauf hin zu orientieren. Indem ich handle, evaluiere ich die virtuelle
Materialität, aus Virtualität wird Faktizität.
Wohnung und Stadt
als virtuelle Welt
Dazu eine Vorbemerkung zur
prinzipiellen Integration von Wohnung, Stadt und Landschaft:
Wenn man Architektur als materialisiertes
und ästhetisch geordnetes Handlungsfeld versteht, dann wird man nicht
einfach die Wohnung, die Stadt und die Landschaft in drei autonome Seinsbereiche
aufteilen können. 'Wohnen' tut man in der Welt, dabei gibt es unterschiedlich
strukturierte und unterschiedlich dichte Handlungsfelder.
Topografisch oder morphologisch gesprochen
lassen sich unterschiedlich dichte Differenzierungen, Felder, dichte Flecken,
Konzentrationen und marginale Ränder unterscheiden.
Heute, im 20. Jahrhundert
unterscheidet man 'Wohnung' und 'Außenwelt'. Mit 'Wohnung' ist
eine klare bauliche Einheit gemeint, die sich durch die 'Wohnungstür'
ausgrenzt und aus einer Anzahl funktional bestimmter Zimmer (Küche,
Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bad etc.) besteht; die 'Wohnung' bestimmt
sich sowohl physikalisch, wie auch sozial wie auch emotional als 'innen'.
'Wohnen' und 'Arbeiten' gehören mental voneinander getrennt.
In der Wohnung wird nicht gearbeitet (deshalb
ist die Anerkennung der Hausfrauenarbeit als Arbeit so schwierig) und
wenn doch, dann versucht man wenigstens durch bauliche oder soziale
Ausgrenzung zwischen Arbeitsbereich (Arbeitszimmer, Arbeitsecke) und
Wohnbereich zu unterscheiden. Die 'Wohnung' ist der Reproduktionsort
der bürgerlichen Zweigenerationenkleinfamilie. Ein Hotel ist keine
'Wohnung'.
In der 'Außenwelt' wird nicht ge'wohnt'.
Hier wird gearbeitet, hier befindet sich die Öffentlichkeit, hier
spricht man von Stadt (oder Dorf) und Landschaft.
Diese Vorstellung von 'Wohnung' hat sich
(in Europa) aber erst im 18. und 19. Jahrhundert herausgebildet.
Vor dieser Zeit war das Handeln, waren
Wohnen und Arbeiten, Privatheit und Öffentlichkeit, nicht so klar
wie heute ausdifferenziert. Zur Gruppe der Bewohner zählten Verwandte
in direkter und in indirekter Linie so gut wie Mitarbeiter und Gäste
jedweder Art. Der Außenraum war Teil des Wohnens.
Heute spricht man vom Wohnen nur noch im
Zusammenhang mit der 'Wohnung', man hat Scheu, vom Bewohnen der Stadt
und der Landschaft zu sprechen.
Man wohnt jedoch in der 'Wohnung' in gleicher
Weise, wie in Stadt und Land; in der 'Wohnung' besonders häufig
und intensiv. Bei der 'Wohnung' kann man von Verdichtung des Wohnens
sprechen.
Die Stadt ist eine Verdichtung
der Landschaft.
Die Städte, die auf den Stadtbildern
des Mittelalters so aussehen, als hätte es eine klare Trennung
von Stadt und Landschaft, von Figur und Grund - die durch die hohe Stadtmauer
ausgegrenzte stark differenzierte Stadtfigur im Kontrast zur undifferenzierten
Landschaft - gegeben, war funktional schon damals tatsächlich das
Gegenteil. Die Stadt, ob sie nun Ackerbürgerstadt war, wie wohl
meistens, oder aber auch Handelsstadt oder Regierungssitz, ist in ihrem
Alltag aufs engste hauswirtschaftlich abhängig und lebensweltlich
eingewoben gewesen in die sie umgebende Landschaft (Anm. 14). Erst mit
dem 19. Jahrhundert, mit der Industrialisierung der Landwirtschaft und
dem Ausbau effizienter Transportsysteme, die Waren aus der Ferne heranbringen
können, mit der Ausdifferenzierung der Berufe usw. werden Stadt
und Stadtbewohner hauswirtschaftlich unabhängig von ihrer direkten
Umgebung. Nun kann der Stadtbürger die ihn direkt umgebende Landschaft
als nichtstädtisch, als Natur begreifen. Er kann die Stadt als
gestaltetes und figuriertes Arbeits- und Wohnfeld und die Landschaft
als ungestaltete unfigurierte natürliche Umgebung nehmen.
Lassen Sie mich jetzt
auf die einzelnen Handlungsfelder Wohnung, Stadt und Landschaft eingehen;
es kann nur in wenigen Stichpunkten geschehen.
Wohnung
Eine erste Beziehung der Architektur
zu den Neuen Medien läßt sich finden, wenn man Architektur
als darstellende Kunst begreift.
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Abb. 8,
9:
Hariri & Hariri,
The Digital House, 1998
|
"...The surfaces of
the framelike core are what the architects call 'smart skin', and
are capable of receiving and transmitting digital information. Here,
a virtual chef assists with the preparation of a meal." (MoMA) |
Dann kann man ihre Aufgaben
der Darstellung, sei es nun nach Außen in der Gestaltung der Fassaden
oder innen, in den Wänden und der Ausstattung, durch die Neuen Medien
ausführen lassen, die Gipsvolute wird durch den Monitor ersetzt.
Fassade wird zu screen, 'smart skin'.
Die Digitalisierung des Hauses wird zur digitalen
Mimikry; der virtuelle Koch im 'Digital House' spielt seine traditionelle
Rolle, das Kochen bleibt ein Handlungskomplex, wie er seit hundert Jahren
in den Hochglanzzeitschriften des ''Schöner Wohnens' und 'Schöner
Kochens' herumgeistert. Die Neuen Medien werden allein zur Nachahmung
der Oberfläche der Tätigkeiten und Dinge und nicht zur grundlegenden
Erneuerung eingesetzt. Der Einsatz der Neuen Medien in dieser Weise macht
aus der Architektur Kunstarchitektur, wobei ich den Kunstbegriff hier
verstehe, wie man ihn beim Begriff 'Kunsthonig' meint. Architektur wird
zum Surrogat ihrer selbst.
Wenn man nun aber Architektur
und Neue Medien als Medien begreift, deren Wirklichkeiten über
die eigene Oberfläche, über ihren 'Screen' hinausgehen,
dann müßte man die Integration beider lebensweltlich diskutieren.
Es käme auf den Entwurf von Handlungsfeldern an, in denen
beide Medien, Architektur und Neue Medien ihre sinnhafte und pragmatische
Aufgabe haben.
Lassen Sie mich den Ofen
als wichtiges Medium in der Wohnung als Beispiel nehmen.
Man hatte lange Zeit ein offenes Feuer,
mit dem man kochte und an dem man sich wärmen konnte. Irgendwann
wird dann der Ofen erfunden. Irgendwann wird dann auch das offene Feuer
durch einen Herd ersetzt, auf dem man kochen kann. Ofen und Herd differenzieren
die Funktionen des Kochens und des Wärmens aus. Sie werden in unterschiedliche
Räume gestellt, damit gibt es nun Küche und Stube und die
räumliche - sagen wir besser zimmerweise - Segregation von bestimmten
Verhaltenskomplexen (nehmen wir, nur für unser Beispiel, mal eine
reine Arbeitsküche an). Unter der Bedingung, daß die Gerüche
beim Essenkochen als unangenehm empfunden werden, viel mit Wasser gearbeitet
werden muß, auch gespült etc. es also beim Arbeiten Schmutz
gibt, zugleich als störend empfundene Fettwrasen und Essensspritzer
gibt, macht es tatsächlich einen nachvollziehbaren Sinn, für
das Kochen einen eigenen Raum, eine Küche zu haben und andere Tätigkeiten
dann eher in der Stube durchzuführen. Der Ofen ist ein Medium der
Vermittlung einer Lebenswelt.
Nun werden beide Medien weiterentwickelt,
der Ofen wird zur Heizung und der Herd zur Mikrowelle.
Um die Mikrowelle aufzugreifen: sie setzt
einen langen Prozeß der Umformung der Essensherstellung voraus,
der im Wesentlichen darin besteht, daß alle Tätigkeiten,
die vorher in der Küche, also in der einzelnen Wohnung ausgeführt
wurden, nach außen, teilweise direkt an den Ort der Ernte, teilweise
in Fabriken und ebenso - wie etwa die vordem im eigenen Haushalt betriebene
Lagerhaltung - in die Tiefkühltruhen der Supermärkte ausgelagert
wird.
Nur das kleine Tiefkühlfach im eigenen
Kühlschrank bleibt noch im eigenen Haushalt.
Die Mikrowelle gibt innerhäusig einem
ansonsten komplet außerhäusig hergestelltem Essen das Finish.
Sie stellt das Essen ohne jeglichen Geruch und Schmutz her.
Der Herd als Medium der Essensherstellung
hat sich im Laufe der Zeit völlig verändert, der Handlungskomplex
Essensherstellung hat sich nicht nur inbezug zum Essenkochen verändert,
sondern steht im Zusammenhang mit einer ziemlich anderen Lebenswelt.
Das Medium Mikrowelle vermittelt eine völlig
neue Lebenswelt.
Einen ähnlichen Transformationsprozeß
hat die Beteiligung der Menschen - als Zuschauer - an den 'Darstellenden
Künsten' durchgemacht. Ich werde den Prozeß hier nicht nachzeichnen
können, er endete aber im Videorekorder und im Fernseher.
Nun müßte ich
als Architekt fragen, ob der in vielen Aspekten aus dem 19. Jahrhundert
stammende Wohnungsgrundriß der neuen Lebenswelt noch adäquat
ist, also inbezug auf das Medium Mikrowelle und inbezug auf das Medium
Fernseher. Wäre es nicht sinnvoll, Mikrowelle und Videorekorder
übereinander ins Wohnzimmer zu stellen? Beides sind elektronische
Medien, in die man Konserven gibt, die man dann in Gemeinschaft konsumiert;
sie passen also ideal zusammen. Es würde damit zudem endlich eine
bereits schon lange geübte Verhaltenspraxis in Architektur umgesetzt,
denn man ißt doch sowieso beim Fernsehen, deshalb wäre das
doch sehr rational und funktional für die neue Lebenswelt!
Dies ist natürlich
nur 1 Beispiel; dabei soll es bleiben, denn mein Ziel ist es hier nicht,
eine Wohnung zu entwerfen. Es gibt allerdings viel darüber nachzudenken.
- Stadt
Wenn man heute - um ein Beispiel aus Berlin
zu nehmen - im Wedding wohnt, so wohnt man mitten in Berlin.
Es ist noch keine 100 Jahre her, daß
man dort in einem Dorf vor dem Tor gewohnt hätte. In Schönefeld
oder auf dem Tempelhofer Feld hätte man - wie schon die Namen sagen
- auf dem Lande gewohnt.
Wie kommt es, daß wir in Schönefeld
und Wedding heute 'mitten in der Stadt' wohnen?
Wie kommt es, daß wir in dem
'Letzten Haus' - wenn es selbst und sein Umfeld so bleiben wird - einmal
'mitten in der Stadt' wohnen?
Aber, was ist 'Stadt'?
'Stadtluft macht frei'. Eines der prägnantesten
historischen Aussprüche zum Verständnis von Stadt macht deutlich,
daß Stadt immer schon grundlegend die Lebensqualität ihrer
Bewohnern bestimmt hat. Die Bewohner einer Stadt waren frei; sie waren
in der Stadt frei, sie waren aber auch frei, wenn sie die Stadt verließen,
ja, hier, im Kontrast, zeigt sich ihre Freiheit besonders eindrucksvoll.
Der Bauer, der seine Früchte in der
Stadt anbietet, ist kein Städter, auch wenn er zum Behufe seines
Geschäftes dort übernachtet. Der Städter ist auch auf
dem Land noch Städter, auch wenn er sich eine Tracht anzieht.
Die Mönche eines in der Stadt angesiedelten
Klosters sind keine Städter, so wenig wie der Fürst in seiner
städtischen Residenz.
Was den Menschen zum Städter macht,
ist nicht nur seine Freiheit, sondern zudem die spezifischen Weisen
und die bestimmten Inhalte des Denkens, Erlebens, Wissens, Wahrnehmens,
Verhaltens und Handelns. Der Stadtbürger hat genuine Verhaltensweisen
und genuine Lebensziele, die ihn als Stadtbürger zu bezeichnen
gestatten.
Es gibt nicht den Städter
'an sich'. Der Städter ist ein historisches und ein kulturelles
Phänomen; will sagen: im 16. Jahrhundert besitzt er eine andere
Identität als im 19. Jahrhundert, in New York eine andere als in
Cottbus.
Zur gesellschaftlichen
Entstehung und zur persönlichen Entwicklung einer städtischen
Lebensweise gehört eine städtische Lebenswelt.
Ein Handlungsfeld ist dann städtisch,
wenn es das städtische Verhalten und die städtische Lebenswelt
durchzuführen gestattet oder fördert oder gar initiiert.
Nicht jeder Platz, nicht jeder Ort auf
Stadtterritorium bietet aufgrund seiner faktischen innerstädtischen
Lage mit Notwendigkeit ein städtisches Handlungsfeld. Ein innerstädtisches
Gefängnis tut dies nicht unbedingt, ebensowenig wie eine Residenz
oder ein Fußballstadion. Ich glaube, auch ein Kircheninnenraum
tut dies nicht.
Andererseits ist die Mall eines Einkaufscenters
möglicherweise städtischer als die ganze Stadt, vor dessen
Toren sie liegt.
Da städtische Lebensweise
jeweils ein historisch definites Verhalten ist, ist es sinnlos, eine
bestimmte sachliche Ausstattungen überzeitlich als städtisch
zu isolieren und verdinglicht zu verabsolutieren. Eine Stadtmauer ist
nur solange städtisch, als sie 'freie Stadtluft' herstellt oder
garantiert oder anzeigt. Ist das städtische Verhalten nicht mehr
durch Ausgrenzung persönlicher Freiheit im Gegensatz zur normalen
Untertänigkeit bestimmt, dann ist es nicht mehr die Stadtmauer,
die die Freiheit des Bürgers garantiert (sondern vielleicht der
Paß); in diesem Moment ist die Stadtmauer nicht mehr das notwendige
Instrument des Handlungsfeldes Stadt.
Stadt bezeichnet ein bestimmtes
urbanes Verhalten, das für mich viel mit Simmels Definition von
Großstadt, d. h. mit der quantitativ und qualitativ großen
Ereignishaftigkeit des Geschehens und mit der Heterogenität von
Lebenswelten, zu tun hat. In einer Stadt begreift man seine Identität
als 1 Möglichkeit unter anderen. Stadt meint soziale Dichte mit
der Konsequenz der Notwendigkeit der reflektierten Formung und Organisation
der Sozialbeziehungen. Ferner hat Stadt mit lebensweltlich erfahrener
Öffentlichkeit zu tun, und sei sie aus politologischer Sicht auch
eine Einbildung. In der Stadt ist man mit Fremdem und Fremden sowie
mit der Welt, sei es die Geisteswelt, sei es die Kulturwelt, sei es
die politische Welt, oder was auch immer, konfrontiert.
Die gebaute Stadt fördert das möglicherweise,
wenn sie denn funktional und baulich mit den entsprechenden Medien und
Infrastrukturen ausgerüstet ist. Ich glaube, das beginnt mit den
Bürgersteigen, die einen vor dem Straßenverkehr gesicherten
Aufenthalt in der Stadt ermöglichen, setzt sich natürlich
mit den Cafehäusern, den U-Bahnen und den Stadtbeleuchtungen, Galerien
oder Passagen fort. Die Passagen haben einerseits sehr die Entstehung
und Entwicklung von Stadt gefördert, andererseits haben sie die
Stadt aus der Stadt weg geholt, d. h. das neue, urbane Ambiente aus
dem offenen baulichen Gefüge ausgegrenzt und in die Häuser
gezogen.
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| Abb. 10
- 12: Passage Choiseul, Paris, 1825/27 |
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Ich wäre nun andererseits
aber auch sehr vorsichtig, eine eindeutige, quasi deterministische Beziehung
zwischen architektonischen Elementen und Stadt zu unterstellen.
Die immer als Inbegriff des Städtischen
angegebene Piazza Signoria von Siena ist heute nichts anderes als eine
zugegeben Viele beglückende Kombination aus Museum, Cafeteria und
Promenade. Mit Fremdheit, heterogenen Ereignissen, Welt usw. hat das nichts
zu tun. Der heute als Allheilmittel gegen den Verfall der Städte
rekonstruierte Marktplatz bedeutet - heute - nichts anders als - kulturell
gesehen - eine Verdörflichung; nicht eine Verstädterung.
Bei der Pflege und beim
Ausbau des Städtischen stehen dabei den traditionalen materialen
Medien seit dem 19. Jahrhundert die elektrischen zur Seite. Das ist
eben die Straßenbeleuchtung, setzt sich in den Schaufensterbeleuchtungen
und z. B. im Kino fort (Anm. 14).
Auch das Fernsehen, das in den 60er Jahren
als Zerstörung des städtischen Lebens angesehen wurde, war
tatsächlich Stadtersatz; es war viel besser als die bauliche Umgebung
und ist risikoloser geeignet, das, was man von einer Stadt erwartete,
herzustellen. Das Fernsehen hat - wie die Passagen in anderer Weise
- Stadt nicht zerstört, sondern in die Häuser loziert; im
Unterschied zu den Passagen oder zum Kino wurde Stadt jetzt allerdings
familiär. (Ob das Fernsehen noch heute Stadt herstellt, ist eine
andere Frage!)
Damit ist nun klar, daß
das Land nicht der diametrale Gegensatz von Stadt ist, das ist es nur
im Bild des Mittelalters und nur, wenn ich beide nicht als Medium, sondern
allein als Ding oder als Ansammlung von Dingen nehme. Weil Stadt notwendig
aus heterogenen Lebenswelten besteht, ist sie auch immer Landschaft.
Man kann Stadt nicht in einem Punkt, in einem Fleck realisieren. Damit
Heterogenes besteht, muß es seine eigenen Orte haben, die allerdings
nicht völlig voneinander ausgegrenzt sein dürfen - dann wären
es homogene Ghettos. Stadt muß Interaktionsbeziehungen und überschneidende
Einflußsphären haben.
Anmerkungen
1 Dazu
siehe Rötzer 1998
2 Lyotard
1985, S. 81
3 Mitchel
19
4 Rötzer
1995
5 Fellmann
1996
6 So wie
eine Person kreativ sein kann, so auch eine Situation kreabil.
7 Das habe
ich natürlich aus einem Fachlexikon
8 McLuhan
1968
9 Luhmann
1995, S. 165-213
10 Ich
verweise, weil ich hier nicht weiter darauf eingehen möchte, auf
Merleau-Ponty oder Waldenfels, möchte aber auch darauf hinweisen,
daß 'Welthabe' nicht das Haben der Welt, sondern das Haben einer
Welt, das Haben dieser oder jener Welt, meint.
11 Seel
1998, S. 257
12 Natürlich
ist auch die Darstellung im Editor bereits eine Überlagerung.
13
Dieser Vorgang ist sowohl zeichentheoretisch (Eco 1972, S. 306ff) wie
phänomenologisch (etwa Merleau-Ponty 1966) abgehandelt worden.
14 Führ
1985
Literaturverzeichnis
U. Eco; Einführung in
die Semiotik; München 1972
Ferdinand Fellmann; Der Ort
der Architektur in der Medienwelt; Wolkenkuckucksheim 1996/1 siehe:
/theoriederarchitektur/wolke/deu/Themen/961/fellmann/fellmann_t.html
E. Führ; Die Modernisierung
der Stadt, Marburg 1985
J. F. Geist; Passagen. Ein
Bautyp des 19. Jahrhunderts; München 1969
Sybille Krämer (Hg);
Medien Computer Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien;
Frankfurt/Main 1998
N. Luhmann; Die Kunst der
Gesellschaft; Frankfurt/Main 1995
Jean Francois Lyotard(u.a);
Immaterialität und Postmoderne; Berlin 1985
M.
Merleau-Ponty; Phänomenologie der Wahrnehmung; Berlin 1966
W. J. Mitchel; City of Bits;
Cambridge, Mass 1995
Marshal McLuhan; The Gutenberg
Galaxy; Toronto 1968
Florian Rötzer; Die
Telepolis. Urbanität im digitalen Zeitalter; o. O. 1995
Florian Rötzer; Vom
zweiten und dritten Körper oder: Wie es wäre, eine Fledermaus
zu sein oder einen Fernling zu bewohnen? Ein Essay; in: S. Krämer
1998, S. 152-168
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: http://www.florian.rdklein.de
Abb. 2: http://www.snafu.de
Abb. 3: Superstudio
Abb. 4-6: E. F.
Abb. 7: Microsoft
Abb. 8, 9: http://www.MoMA.org
Abb. 10 - 12: Geist 1969
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