Die Vollendung der Aufklärung

Befreiung von Architektur und Stadt
Die Neuen Medien sind in der Lage, alles das, wozu man bisher Architektur brauchte - nämlich den Menschen  Lebensmöglichkeiten zu verschaffen - zu übernehmen und darüber hinaus die Menschen völlig von jeder materialen Beschränkung und Bindung zu befreien. Die Neuen Medien könnten die Aufklärung vollenden.
Abb. 1 Virtuelle Realität Abb. 2: Virtuelle Welt
Ich könnte, wenn mir am Ende eines anstrengenden Arbeitstages in Cottbus (Niederlausitz, Germany) nach einem Spaziergang am Strand von Malibu (California, US) ist, einen Freund, der dort gerade lebt, bitten, mir seinen Körper zu leihen. Mit diesem Körper meines Freundes könnte ich in elektronischer Geschwindigkeit über die Neuen Medien eins werden und den Spaziergang von Cottbus aus so vornehmen und erleben, als wäre ich dort (Anm. 1). 

Das finden die einen gut, die anderen schlecht. 

Ich finde das übrigens schlecht, da ich keinen Freund in Malibu habe. 
Und selbst, wenn ich einen hätte, ich gerade einem Freund nicht zumuten möchte, mal für ein paar Stunden sein eigenes Leben zu unterbrechen und sich für diese Zeit ersatzweise in meinen eigenen Körper und dann auch noch in mein unaufgeräumtes und nach Aufarbeitung schreiendes Büro zu lagern, damit ich am Strand von Malibu spazieren gehen kann. 
Mir wäre auch eher mal danach, in den Körper eines Staatspräsidenten zu schlüpfen und dann mal endlich diese Sache mit den Steuern zu entscheiden, wobei nun wiederum dieser seiner De-korporierung und damit seiner De-augurierung nicht zustimmen wird. 

Man sollte meinen, daß diese Ablösung des Geistes von der Materie gerade in der Architektur nicht möglich ist. Aber gerade hier gibt es diesbezüglich eine sehr alte Tradition, die sich in dem Verständnis von Architektur als Proportion gründet und sich z. B. in dem Verständnis von Architektur als 'gefrorener Musik' oder als 'informationsästhetisches' Gebilde fortsetzt; also eine Tradition, in der stets Geist und Materie, Baukunst und Baumaterial voneinander gelöst werden. 

Besonders klar ist der Versuch der Aufhebung eines an das Material gebundenen Kunstbegriffes in der Postmoderne. Mit der 1985 in Paris durchgeführten Ausstellung 'Immateriaux', die stark von Lyotard beeinflußt war, wurde dies auch einem breiteren Publikum deutlich gemacht. Obwohl Lyotard selbst in seinen theoretischen Konzepten zur Ausstellung die ästhetische Aussage noch in das Materiale bettet (die Botschaft wird in seiner Sicht (Anm. 2) in die Materie eingeschrieben, indem sie es ist, die die Ordnung der diskreten Elemente setzt) ist die Ausstellung vom Publikum als Propaganda für einen immateriellen Kunstbegriff verstanden worden. 

Innerhalb der Architektur bildet sich eine spezielle Form der Postmoderne aus, 'Architektur' wird völlig vom Bau losgelöst. Werk ist nun Diskurs, Architektur wird durch Architekturtheorie substituiert. 
Nun kann man 'Architektur' (als Diskurstext) über den Buchhandel verschicken. 

Die Diskussion über Neue Medien in der Architektur ist einerseits die konsequente Fortsetzung dieser Haltung. Gab es aber dort noch eine Parallelwelt, die in die Irrelevanz getriebene, aber immer noch existente bauliche Substanz von 'Architektur', so wird in der Diskussion über 'Neue Medien' auch diese Welt immaterialisiert. 

Es gibt allerdings auch einen Unterschied, ging es der Postmoderne um den intellektuellen Diskurs, wobei ihr die empirische Realität gleichgültig war, so geht es in der 'Neuen Medien'- Diskussion um die Virtualisierung der empirischen Realität, und ihr ist der intellektuelle Diskurs gleichgültig. 
Oder anders gesagt, der postmoderne intellektuelle Diskurs wird nun vom Kopf in die Füße verlegt, dabei mutieren Intelligenz und Erkenntnis zu Virtualität und Bewegung. 
Das Nachdenken über Architektur wird abgelöst durch das Nachbauen (im PC). Das Erkennen von Architektur wird zum Hindurchgehen; was Tiefe der Erkenntnis war ist nun Geschwindigkeit des Vollzugs (Optimum: Hubschrauberflug) 

Mitchel (Anm. 3) hat wohl als einer der ersten in seinem Buch 'City of Bytes' die Möglichkeit aufgezeigt, daß etwa in Bezug auf Kommunikation, auf Herstellen von Öffentlichkeit oder auf Befriedigung von Bedürfnissen, die Neuen Medien das gleiche schaffen wie die Architektur. Florian Rötzer (Anm. 4) hat dies dann aufgegriffen, ging dann aber noch etwas weiter und zeigte auf, daß die Neuen Medien der Architektur nicht nur in ihren Möglichkeiten gleichkommen, sondern substantiell auch ersetzen können. Während Mitchel sich eher als Soziologe versteht, der Realität beschreiben und erkennen will, ist bei Rötzer eigentlich immer der Wunsch eines Machers zu verspüren, die Vorstellungen nun endlich auch umzusetzen. 
Ernstzunehmende und renomierte Philosophen, wie etwa Fellmann (Anm. 5), sehen in dieser Transformation zu einer virtuellen Welt endlich eine Chance gekommen, die Ziele der Aufklärung, nämlich der Herstellung einer völlig bewußten, rationalen und geistig selbstbestimmten Welt, umzusetzen, was eben auch heißt, sich endlich von der einschränkenden Materialität der Umwelt und von der eigenen fleischlichen Natur freizumachen. 

Wahrscheinlich war die Architektur das erste Medien, in der Visionen für ein Leben ohne Architektur dann auch konkretisiert und Gebäude durch Computer substituiert wurden. 

Abb. 3: Superstudio
Was tun, als Architekt? 
Wäre die Architektur durch die Neuen Medien vollständig zu ersetzen, so wäre es das Ende der Architektur; und das wäre - weil es denn eine Befreiung wäre - gut. 
Es hätte gar keinen Sinn, als Architekt noch lange herumzufackeln, man sollte zum Medienwissenschaftler umschulen und - wenn schon Architekt - sich dann über die Grundstruktur (=Archi-tektur) der Netze Gedanken machen.

 

Befreiung durch Architektur und Stadt
 
Es gibt nun noch eine zweite Richtung der Aufklärung - wenn man die erste vielleicht die Cartesianische nennen würde, so wäre diese hier eher die Herdersche - die unter Aufklärung das Bewußtmachen und Realisieren des eigentlich Menschlichen versteht, eine Grundposition, von der aus sich dann im 20. Jahrhundert auch die Phänomenologie herausgebildet hat. 
Der Körper des Menschen sei dabei die wesentliche Bedingung seines Seins, der Interaktion, der Verortung im Raum und der Welthabe, sein Fleisch sei die Bedingung seiner Menschwerdung. Nur dadurch, daß der Mensch sich körperlich bewege, erzeuge er eine räumliche Welt für sich, nur dadurch, daß ich in dieser Welt handle, entstehe die Realität einer subjektiven Welt und entstehe Welt überhaupt. 

Die völlige Substitution der materiellen Architektur wäre bei dieser Sichtweise nur möglich bei gleichzeitiger völliger Aufhebung der Körperlichkeit der Menschen. Dies wäre das Ende des Menschen, und das wäre schlecht.

Es spricht einiges für die Herdersche Auffassung der Aufklärung. Alltag und Architektur scheinen sich so grundlegend von den 'Neuen Medien' zu unterscheiden, daß diese jene nicht substituieren können. Der materiale - und körperlich angeeignete - Alltag weist Qualitäten auf, die die die Neuen Medien nicht ersetzen können; ich will nur einige ansprechen (sicherlich gibt es noch mehr):

Überbordende Sinnlichkeit 
- Konkretheit und Dichte 
Die virtuellen Medien arbeiten in der Regel und im Alltag nur in zwei Dimensionen, sie sind visuell und akustisch. Nur wenn ich mir im Medienlabor einen Cyberanzug anlege, kann ich auch taktile Erfahrungen machen. Keineswegs aber kann ich riechen. Mein Gleichgewichtsorgan wird nicht stimuliert. 
Der virtuelle Ausflug ins Hochgebirge erschöpft mich nicht und bringt keineswegs frische Luft, keineswegs den würzigen Geruch der Alpenwiesen, keineswegs die ultravioletten Sonnenstrahlen der Bergwelt. 
Natürlich kann man mit großem Aufwand vieles grundsätzlich auch virtuell übermitteln, der letzte Rest könnte dann am Ort simuliert werden. 
Aber es wird dies - und ich sage hier: niemals - in der ganzen Dichte der Informationen und Erlebnisse möglich sein. Zudem wird die simulierte Erlebniswelt eine Welt der allgemeinen Eindrücke sein. Es wird eben Alpenblütenduft sein und nicht der Duft von der bestimmten Wiese des Bauern Arsoner in den Brenta Dolomiten an einem Freitag im Mai 1976.

Dieser ganz besondere Duft aus Rauch von einem Feuer aus den noch etwas   feuchten Zweigen von Kastanienbäumen, den ein leichter Ostwind   aus größerer Ferne heranträgt und der auf dem Weg durch eine für die  Jahreszeit zu warme Sonne getrocknet und leicht mit dem ländlichen Geruch von Kuh und Ziege
und   einer drei Tage getrockneten Alpenwiesenmahd sowie ein wenig mit den Abgasen von Dieselkraftstoff,
dem Geruch des einheimischen Käses
in meinem Rucksack und den Körpergerüchen und den Deodorants meiner Weggefährten gemischt wurde.

Und dann war da noch irgend etwas ('je ne sais quoi'), das ich schon damals,
am Berg nicht identifizieren konnte und
nun weder in Worten wiedergeben kann, noch auch etwa nachbauen oder simulieren könnte.

Diese Beschreibung der konkreten Sinnlichkeit ist natürlich etwas zu schwärmerisch geworden. Aber sie macht sicherlich deutlich, daß die 'Neuen Medien' niemals die Dichte und Konkretheit der alltäglichen Realität erreichen können.
- Schmutz 
Realität ist schmutzig, die Neuen Medien müssen absolut sauber sein. 'Schmutz' ist hier wissenschaftstheoretisch gemeint, er soll das bezeichnen, was unter systematischen Aspekten gesehen nicht dazugehört, was man nicht einordnen kann, was man nicht einmal richtig intellektuell fassen kann. 
Schmutz gehört wesentlich zur Realität. 
Die Erkenntnis über die fundamentale Rolle des Schmutzes hat in der psychologischen Wissenschaft etwa dazu geführt, daß man die im cleanen Labor gefundenen exakten Ergebnisse über menschliches Funktionieren nun allein als Erkenntnisse über das Laborverhalten der Menschen begreift. Da Menschen im komplexen schmutzhaften Alltag leben, untersucht man nun vorrangig dort das Verhalten und versucht die dort bestehenden Ordnungen und Ereignisse, Strukturen und Sprünge, Gesetze und Taten, Regeln und narrativen Verläufe von Bedeutung zu erkennen. 
Der Schmutz ist ein Realitätskriterium: Schmutz ist nur digital ganz zu beseitigen; fehlt passender Schmutz, ist Skepsis über die Realität des Präsentierten angebracht. 
Passender Schmutz in der Wirklichkeit stärkt den Wahrheitscharakter (siehe die Diskussion über die Virtualität des Golfkrieges), Schmutz in den Neuen Medien führt zum Absturz. 

Örtlichkeit 
Kann ich überhaupt in Malibu sein, kann ich mir den Körper meines Freundes überhaupt aneignen? 

Ich versetze mich an einem regnerischen Vormittag von Cottbus her über die elektronischen Medien in den Körper meines Freundes.

Plötzlich also bin ich da.  

Wo?
Nirgendwo! 

Das Hier ist ein Punkt, es hat weder eine räumliche noch eine zeitliche Extension 
Ich bin da, ohne angekommen zu sein; mein Hiersein hat kein Umfeld. 
Ich bin da, ohne Vergangenheit und Erinnerung, mein Hiersein hat keine Zeit und keine Geschichte. 
Ich bin da, weltlos. 

Ich versuche zu existieren. 
Ich öffne die Augen und sehe nichts,  

es ist völlig dunkel.
Langsam sehe ich klarer, ich merke, es ist tiefe Nacht, ich muß mich wohl auf einem unbeleuchteten, menschenleeren Platz befinden. Da, endlich Menschen! 
Eine Gruppe Jugendlicher biegt um eine Straßenecke und kommt auf mich zu. Ich will ihnen entgegengehen, stolpere aber, da mein Freund etwas leichter und kleiner ist als mein Körper in Cottbus. Ich rapple mich auf, gehe mit freudigem Gesicht auf die Gruppe zu und frage sie, wo ich bin. 

Ich sehe einen Baseballschläger auf mich zusausen und rette mich eiligst nach Cottbus. 

Hier buche ich einen Platz im Flugzeug, um an der Beerdigung meines Freundes teilzunehmen.

So wie natürlich der Geist Hirn ist, so ist die Ichidentität immer körperlich. Es beginnt mit der komplexen sensorischen Orientierung im Umraum, die immer 'Praktognosie', Einheit von Handeln, Wahrnehmen und Erkennen, ist, mit dem Umgang mit den eigenen körperlichen Fähigkeiten und erstreckt sich auf die Anwendung des einverleibten Sets sozialer Verhaltensweisen und der körperlich trainierten Ablaufmuster. 
Die Ichidentität einer Person befindet sich nicht im Hirn allein, sondern in seinem ganzen Körper und in der spezifischen Verankerung des Körpers in seiner Umwelt. Ichidentität entsteht und besteht in einem Prozeß der Re-flektion und der sozialen Verankerung. 

Praxis 
- Verankerung 
Die Gegenstände des Alltags sind verankert. 
Wenn ich auf dem Monitor meines Computers eine Datei in den 'Papierkorb' ziehe, ist das ein ziemlich einfaches Geschäft. Das Icon steht für den Befehl 'DELETE'; dieser wird ausgeführt, die Datei ist sofort im wortwörtlichen Sinne vernichtet. 
Im Alltag ist der Papierkorb ein Hilfsmittel in der Wohnung oder im Büro, der sich in einem ganz bestimmten strukturellen Zusammenhang befindet. Der entsorgte Gegenstand ist nicht schon weg, wenn ich ihn in den Papierkorb werfe. Ich muß ihn zum Mülleimer tragen, der Mülleimer wird in einen Müllwagen entlehrt, der wiederum.... 
Was mit dem Müll geschieht, resultiert aus dem jeweiligen Müllsystem, manchmal wird das Papier recycelt, manchmal verbrannt; wahrscheinlich in beiden Fällen erzeuge ich mit dem Wegwerfen eines Stücks Papier eine Umweltbelastung. 
Ich gehe - je nachdem, wo ich einen Papierkorb benutze - eine indirekte soziale Beziehung ein. In meinem Büro wird der Papierkorb von einer Reinigungskraft gelehrt, deren Arbeitszeit so früh angesetzt ist, daß ich sie niemals treffe; sie arbeitet nach dem 530 Mark - Gesetz. 

- Geschichte 
Auch wenn es nur ein Papierkorb ist, jedes Ding hat seine eigene Geschichte, ich habe ihn vielleicht nach meinem eigenen Geschmack und von meinem eigenen Geld gekauft, vielleicht war er auch ein Geschenk eines Freundes oder er ist mir von meinem Arbeitgeber nach seinem Geschmack und Budget zur Verfügung gestellt worden. 
Er erhält Spuren von dem, was ich in ihn hineingeworfen habe. Er wird alt. Wird mir von der Reinigungskraft einmal versehentlich der Papierkorb meines Kollegen hingestellt, so erkenne ich ihn als fremden und verlange Korrektur. Der Papierkorb geht kaputt. 

- Multifunktionalität 
Alte gedruckte Vorlesungsverzeichnisse kann man wunderbar benutzen, um ein wackeliges Bett abzustützen, eine überholte www-page mit den Vorlesungen des vergangenen Semesters belastet nur noch die Festplatte und verstopft die Netze. 
Informationen und Funktionen im Netz sind eindimensional, die materiale Realität ist - so sehr ein Designer dies auch ausschließen mag - multifunktional und kreabil (Anm. 6). 

- Duktilität 
Die Beschaffenheit der Wirklichkeit läßt auch zu, daß ich ein gestecktes Ziel, wenn schon nicht auf dem direkten, d. h. vorgegebenen und vorbestimmten Weg, dann doch irgendwie, in leichter Abweichung vom geraden Weg oder vielleicht auch mal ganz anders, erreiche. Das gibt dem Menschen die Chance, wenn er es denn nicht ganz richtig macht oder ganz richtig kann, daß er sein Ziel dennoch erwirkt. Die Wirklichkeit ist eben duktil - ein Ausdruck aus der Baukonstruktion, der so etwas meint, wie die Gutmütigkeit einer Konstruktion oder eines Materials - sie nimmt es nicht so genau, sie ist großzügig den Menschen gegenüber. 
Die 'Neuen Medien' gerieren sich demgegenüber wie ein schnöseliger und überforderter preußischer Katasterbeamter im 19. Jahrhundert: kleinste und in der Sache unwichtige Fehler führen zum sofortigen Abbruch oder Absturz. 

Das heutige Konzept einer virtuellen Welt ähnelt sehr dem abstrakten, klassifizierenden, wissenschaftstheoretischen Denken des 17. und 18. Jahrhunderts, einer Wissenschaft 'more geometrico', kurz bevor man Geschichtswissenschaft und Ästhetik als Wissenschaften des Konkreten erfand und lange vor der Entstehung der Psychologie und Sozialpsychologie. 

Nun kann man als Architekt und Stadtplaner das Thema 'Neue Medien' als erledigt ansehen und weiter so Architektur machen, wie bisher. 

Man kann aber die Architektur auch als Gegenmedium entwickeln, als Medium, daß die in den virtuellen Welten vernachlässigten Erlebnis- und Aktivitätsbereiche der Menschen bedient oder besonders thematisiert. 
Das wäre etwa eine Architektur der Körperlichkeit, eine Architektur der Aktivitätspotentiale, eine Architektur der Verbindlichkeit, eine Architektur des Konkreten, eine Architektur des Ortes.

 

Neue Medien und Architektur

Bisher wurde unterstellt, daß auf einer grundsätzlichen Ebene Architektur und die 'Neuen Medien' nichts miteinander zu tun haben. Ich habe diskutiert, ob Architektur durch die im Grunde ganz anderen Neuen Medien substituiert werden können und sollen oder nicht.
Ich glaube aber, daß diese prinzipielle Ausgrenzung voneinander einerseits aus einem reduzierten technischen Verständnis von Information und andererseits aus einer einseitigen Definition von Architektur als Ding - sei es nun als ästhetisches Werk oder als funktionale Maschine - resultiert und tatsächlich fraglich ist.

Ich möchte im folgenden einige Argumente aufführen, die die Neuen Medien und die Architektur aneinander nähern können.

 

Lebensweltlichkeit der Information
 
Abb. 4 Monitor
'Information' ist
- technisch ausgedrückt, eine Folge von Zeichen oder eine Konfiguration von Symbolen, die von einem bestimmten System unterschieden und identifiziert sowie erzeugt und in andere Konfigurationen überführt werden kann (Anm. 7).

- profan oder philosophisch gesagt, ein bestimmtes Wissen, das einer hat und ein anderer nicht.

Information ist also im engeren, technischen Sinne eine Folge von Zeichen, im weiteren profanen und philosophischen Sinne zudem sinnhaft und praxisbezogen.

In der Regel werden Information ausgetauscht, um ein bestimmtes Tun oder Verhalten zu bewirken. Der Sender sendet Informationen, von denen er annimmt, daß sie dem Adressaten für eine Entscheidung oder ein Tun fehlen und ihm dann weiterhelfen. Sie werden als Instrument in einem Handlungskomplex eingesetzt, um einen Zustand zu erhalten, eine Aktivität zu erwirken, um zu steuern oder um zu kontrollieren. Informationen sind nahezu immer Instrumente, deren Wirkung allerdings nicht durch ihre physikalische Masse, wie etwa beim Werkzeug und nicht durch ihre Mechanik, wie etwa beim Schalter und nicht durch ihre physikalische Kraft, wie etwa bei der elektrischen Maschine, sondern durch Information hervorgerufen wird.
Es gibt Informationen, die in irgendwelchen praktischen Zusammenhängen stehen und es gibt pure Informationen; letztere werde ich einmal die 'Ach!-Kannste-mal-sehen'-Information nennen. Ich persönlich kenne sie nur von Tante 'Lisbeth' ('Ach!-Kannste-mal-sehen'-Informationen sind etwa: 'Hast Du schon gehört, daß die Kaninchen Deiner Cousine Susi aus Wolfratshausen 9 Junge geworfen haben?' oder ,Gerhard Schröber besitzt 5 Paar graue Socken'). Es ist Information, die weder verstanden werden muß, noch überhaupt verstanden (wenn 'verstehen' 'Sinn erfassen' meint) werden kann, geschweige denn, daß sie für ein Tun wichtig ist. Die 'Ach!-Kannste-mal-sehen'-Information ist mit dem technischen Informationsbegriff identisch, abgesehen einmal von der Bedeutung des Sprechaktes als solchem.

Informationen entstammen der Lebenswelt eines Senders, sie werden in die Lebenswelt eines Empfängers einbezogen, dadurch werden sie sinnvoll.

Sinnhaft und pragmatisch verstandene Information entsteht aus der Lebenswelt eines Senders vor dem Bildschirm und erstreckt sich über den Bildschirm des Empfängers hinaus in dessen Lebenswelt hinein.
 
 
Abb. 5 Universitätsbibliothek
Sozialität der Informationen

Telegraphen und Telephone vermitteln bidirektional zwischen 1 Sender und 1 Adressaten  - ich werde hier zur Unterscheidung von Geräten der ersten Generation sprechen. Radio und Fernsehen adressierenden unidirektional Menschenmassen, sie sind Geräte der zweiten Generation. Heute ergänzen wiederum bidirektionale - zwischen 1 Sender und n Adressaten verbindende - Medien diesen Bestand, es sind Geräte der dritten Generation, wie das Internet, Television on demand und viele andere technische Einrichtungen, die teilweise noch auf dem Papier stehen.

Telegraph und Telephon waren Medien, die immer einen konkreten Sender und einen konkreten Adressaten hatten. Mit den unidirektionalen Massenmedien, also dem Radio und dem Fernsehen verändert sich der Umgang mit der Information: hier wird nicht mehr ein einzelner konkreter , sondern eine Masse von Adressaten angesprochen. Der Sender kann nicht mehr die spezifische Verstehenswelt, die besondere Verstehensfähigkeit, nicht die besondere Lebenswelt und auch nicht die Handlungswünsche adressieren. Sein Angebot muß basic und diffus sein, damit er eine möglichst breite Masse von Adressaten anspricht. Die 'Ach!-Kannste-mal-sehen'-Information nimmt einerseits ungewollt (wenn ich Jedem etwas geben will, gebe ich Vielen vieles Überflüssiges und Sinnloses) andererseits gewollt zu. Immer mehr wird das Medium zur eigentlichen Botschaft.

Die Neuen Medien der dritten Generation integrieren Möglichkeiten der ersten und der zweiten Generation; das bidirektionale Medium hat wie die erste Generation prinzipiell die Möglichkeit zu konkreten sinnhaften und pragmatischen Informationen für spezifische Lebenswelten und könnte sich deshalb auch auf hohem Niveau bewegen, zugleich aber wird es faktisch analog zur zweiten Generation zur Massenkommunikation von 'Ach!-Kannste-mal-sehen'-Information benutzt, wie es insbesonders die Informationen im btx-Angebot der Telekom aber auch viele Chat-groups zeigen.
 

Medialität der Architektur

Ein Medium ist ein 'Mittel' (im wortwörtlichen Sinn), das eine Nachricht aus einer Sphäre in eine andere übermittelt, es verbindet zwei Sphären oder Welten miteinander.
In meiner Klärung, was denn 'Information' sei (s.o.), habe ich nicht  nachgefragt, ob nicht auch das Medium selbst an der Konstitution von Sinn beteiligt ist. Zur Klärung der Funktionen der Architektur und der Neuen Medien wäre dies aber wichtig.

McLuhan etwa (Anm. 8) würde soweit gehen, das Medium als die eigentliche Nachricht anzusehen. Luhmann hingegen (Anm. 9)  - um eine diametrale Gegenposition zu benennen - würde die Medien als indifferent für die Nachricht ansehen.

Natürlich ist beides richtig, die Positionen markieren zwei  Extremmöglichkeiten.

Wenn ich einen bestimmten Satz über ein Telefon (oder in einem Brief oder über ein e-mail) übermittle, ist der Sinn des Satzes als solcher gleich. Allerdings sagen wir niemals nur Sätze, die wie monadische Oasen in einer ansonsten leeren Wüste stehen. Sätze erhalten ihre Bedeutung - wie oben aufgezeigt - auch durch die lebensweltlichen Zusammenhänge, in denen sie gesprochen  und in denen sie gehört werden. Hier ist von Bedeutung, wer sie sagt, wie man sie sagt, sowie in welchem Raum und unter welchen Umständen man sie sagt.

Das jeweilige Medium bestimmt nun auch, was neben dem eigentlichen Satz aus der Lebenswelt des Sprechers ansonsten noch vermittelt wird. Es inkludiert je nach Medium dies oder jenes (Tonfall, Handschrift, Physiognomie), schließt zugleich auch medienspezifisch eine jeweils unendliche Menge an Informationen aus. Zugleich vermittelt es seine eigene Materialität und dessen Befindlichkeit, (rauschendes Telefon, Büttenpapier,  Besitz einer privaten e-mail Adresse). Das Medium übermittelt, es selegiert und gibt zugleich ein Surplus.

Der übermittelte Satz steht dann wiederum bedeutungshaft in der Welt des Hörers und verleiht dem Satz so einen strukturellen und bedeutungshaften Zusammenhang. Das Medium selbst steht sinnhaft in der Welt. So macht es einen Unterschied, ob mir ein bestimmter Satz von Tante Lisbeth am Telefon oder in den 8 Uhr Nachrichten im Fernsehen mitgeteilt wird.

Das Medium dient dazu, sich überhaupt eine andere Welt aufzuschließen, wobei einerseits die Art des Zugangs durch das Medium bestimmt wird und andererseits das Medium bestimmt, was und wie etwas aus der anderen Welt zu mir dringt.

Ein Medium kann ein eigenständig strukturiertes singuläres und und damit objekthaftes Instrument sein oder aber eine Gesamthabe einer weiteren Welt. In beiden Fällen schließt es jedoch- zumindest im Moment der Mediation oder sonst dauerhaft - Welten zusammen. Dieser Zusammenschluß ordnet - zumindest im Moment der Mediation - die erste Welt um, indem es die Ordnung der zweiten Welt inkorporiert.
Im Vollzug der Mediation wird aus dem Medium ein Instrument, es transformiert sich aus einem Medium (zum Zusammenschluß zweier Welten und zur Konstitution einer neuen Welt) zu einem Instrument, mit dem ich in dieser neuen Welt handele. Der Blindenstock - um ein Beispiel von Merleau-Ponty zu nehmen - konstituiert die Welt des Blinden; er ist insofern Medium. Innerhalb der so konstituierten Welt benutzt, dient er dann als Instrument der Orientierung.

Der initiale Aneignungsprozeß etwa des Internets durch den eigenen PC dient der medialen Konstituierung einer globalen virtuellen Welt, der kundige User nutzt ihn dann nur noch als Surf-Instrument in dieser Welt.

Es gibt keine Gegenüberstellung von Welt und Subjekt. Bereits mein eigener Körper, ja sogar mein Hirn, ist ein Medium der Welthabe (Anm. 10)

Medien kann man nicht kategorial in Wahrnehmungsmedien, Handlungsmedien und Darstellungsmedien unterscheiden (Anm. 11); Medien sind immer zugleich alles drei. Dies liegt manchmal auch am Medium, aber immer in der Einheit von Wahrnehmung und Darstellung und in der Integration von Wahrnehmen und Handeln. Darstellung ohne Wahrnehmung der Darstellung ist unmöglich (auch beim Herstellen der Darstellung schon) und Handeln ohne eine sie begleitende und steuernde Wahrnehmung ebenso. Das Handeln begleitet entweder immer die Wahrnehmung, ist oft auch Bedingung der Wahrnehmung oder hat zumindest, da in einer Welt wahrgenommen wird und von einem ganzen Menschen, immer Handlungsfolgen.

Wenn man von Medien, besonders von Neuen Medien redet, dann denkt man oft an Leitungen und Netze, an digitale Fernsehübertragungen und ans Internet. Wenn man über die Medialität von Architektur nachdenkt, könnte man ebenfalls über die Wegenetze, über die Gas-, Wasser- und Stromnetze sprechen. Es ist klar, daß es dabei um Architektur (wenn auch nicht mehr nur um 'Architektur' im kunsthiostorischen Sinne) geht, hier ist der mediale Charakter der Architektur sofort deutlich.

In unserem  Zusammenhang ist es aber gleichermaßen sinnvoll, über die Endgeräte der Netze zu sprechen, über die Telefongeräte, die Gasherde, Wasserclos und Lampen.
Diese Endgeräte sind Medien in dem Sinne, daß sie das technisch Übermittelte in einer Lebenswelt rematerialisieren. Das Telefongerät transformiert die elektrischen Impulse in akustische Schwingungen und macht damit das Gesagte und in dann elektrische Impulse Umgewandelte überhaupt wieder hörbar, überhaupt wieder lebensweltlich relevant. Der Gasherd, das Wasserclo, die Lampen sind Geräte, die aus der in sie übertragenen chemischen Substanz (Gas, Wasser, Strom) ein lebensweltliches Tätigkeitsfeld fundieren. So wie das Telefon ein Gerät ist, mit dem etwas hörbar wird und der Fernseher ein Gerät, mit dem etwas sichtbar wird, so ist der Gasherd das Medium, in dem das Gas zum Kochen genutzt werden kann.

Zugleich ist der Fernseher ein Gerät, mit dem ich sehen kann, das Telefon ein Gerät, mit dem ich hören kann, der Herd  das Medium, in dem das Kochen zur Wirklichkeit wird.

Die Medialität von Geräten besteht darin, Intentionen und physikalische Vorgänge in eine lebensweltliche Realität umzuwandeln.

Architektur ist - prinzipiell (es geht mir hier nicht um eine genaue Analyse der faktischen Realität) - einerseits ein Medium, in dem das herangeschleppte Baumaterial lebensweltlich relevant gemacht wird und andererseits ein Medium, in dem ich mein gedachtes Leben zur Wirklichkeit bringen kann.
Architektur ist das Medium der Selbstentäußerung und der Selbstwerdung der Menschen; sie vereint die Welt der subjektiven Vorstellungen und die Welt der Physik und stellt eine dritte Zwischenwelt her, in der Vorstellungen und Natur miteinander vermittelt werden.

 

Virtualität der Architektur

'Ich sehe - auch in Bezug auf die Architektur - drei Verständnisse oder Aspekte von Virtualität:

1. Virtualität als Substitution
Objekte, Prozesse und Handlungen werden substituiert.

Anstelle eines Gegenstandes, hängt man sich ein Foto davon an die Wand.

Datenbanken - etwa die Datenbank der 'Lieferbaren Bücher' - speichern, sortieren und finden Elemente auf elektronische Weise, was real -  als Anschaffung eines sortierten Bücherlagers - mit großem räumlichen Aufwand und mit viel Arbeit verbunden wäre, wobei anzumerken wäre, daß die erste Virtualisierung bereits mit der Anlegung einer alphabetisch sortierten Karteikartensammlung vorgenommen wurde.

Schwimmen lernt man zuerst als Trockenschwimmen; Fluggesellschaften trainieren ihre Piloten in Flugsimulatoren, in denen sie bei Reduzierung der Aufwandkosten und des Materialverschleißes das Fliegen lernen können und auch Verhalten in Extremsituationen üben können, ohne je in Lebensgefahr zu geraten.

Bei der Nutzung von Architektur etwa bei einer Tür kann ein Handeln substituiert werden, also virtuell sein, etwa wenn ich diese, statt einen Sachbearbeiter zu beuteln, beim Verlassen des Büros zuknalle. Das Zuknallen ist eine Ersatzhandlung, die das Beuteln ersetzt und erleichtert und alle möglichen Nachteile der direkten Aktion umgeht. Mit dem Zuknallen der Tür habe ich den Sachbearbeiter virtuell gebeutelt. Das elektrische Licht erzeugt einen virtuellen Tag, die Heizung einen virtuellen Sommer.

In der Herstellung von Architektur kann man mit Tonmodellen oder elektronisch mit 3D Modellen oder durch CAD oder andere Software, Ästhetik und Wahrnehmungsqualitäten ohne aufwendige Bauarbeiten optimieren sowie etwa Bauabläufe planen und evaluieren, ohne in Gefahr zu laufen, Kosten zu vergeuden oder beim Ausprobieren ein Chaos zu erzeugen.

Die Substitution wird vorgenommen, um sich die Sache einfacher und gefahrloser zu machen. Deshalb ist die
Virtualisierung entweder mit einer Reduktion des materialen Aufwandes oder mit einem Shift zu einem anderen, einfacheren, materialen Feld verbunden; keineswegs aber ist es eine Vernichtung des Materialen, das Foto ist so material wie die reale Situation, nur anders und einfacher, die Wärme der Heizung ist so material wie die des Sommers, nur ist im Winter eine Heizung überhaupt herzustellen. Hier von Immaterialität zu sprechen ist zumindest mißverständlich. Keineswegs kann mit der Anwendung des Begriffes eine Immateriellität gemeint sein. Wenn man sich auch über die Materialität der Elektrizität seit dem 18. Jahrhundert streitet, immateriell ist auch sie nicht.

2. Virtualität als lebensweltliche An- und Einbindung
In den Neuen Medien wird etwas virtuell, wenn sachliche und unanschauliche elektronische Komplexe oder Vorgänge an Bilder des Alltags gebunden werden.

So etwa, wenn man eine Datei löscht, indem man so tut, als ob man sie in einen virtuellen Papierkorb wirft. Dem Befehl ‘Löschen’ wird ein Bild aufgesetzt, das aus dem Lebensalltag kommt (Anm. 12).

 
Abb. 6: Darstellung eines Löschprogramms im 'Editor' Abb. 7: Darstellung eines Löschprogramm auf dem 'Desktop'
Ich tue so, als ob ich eine Datei in einen Papierkorb werfe. Real ist dies nicht möglich; man könnte eine Diskette oder eine Festplatte oder einen Computer (und dann damit auch die Datei) in einen Papierkorb werfen, denn Papierkorb und Diskette (usw.) sind Gegenstände, eine Datei aber nicht. Eine Datei ist letztlich nichts anderes als eine bestimmte Ordnung (eines Gegenstandes). Ich kann eine Datei, als Datei, allein vernichten, indem ich die Ordnung unzugänglich mache oder sie umordne.
Ich tue so, als ob ich eine Datei in einen Papierkorb werfe, initialisiere dabei aber tatsächlich das 'DELETE' - Programm.

Der Papierkorb ist insofern virtuell, als er einerseits real nicht existiert und trotzdem etwas gelöscht wird und er ist virtuell insofern, als er andererseits den technischen Vorgang als 'in-einen-Papierkorb-werfen' bedeutet, weil er also Sinn herstellt.

Den Code "... Ç© _Z[XÃÄùëù3É3 ..." (des Programms 'deltree.exe') begreife ich als Teil eines Wegwerfvorganges, wenn er sich mir als Papierkorb zeigt.

Der technische oder sachliche Vorgang erhält durch die Anbindung lebensweltlichen Sinn und Relevanz.

Dieser lebensweltliche Sinn liegt beim 'Löschen' einer Datei übrigens nicht allein in der Anbindung an ein Bild, sondern vielmehr schon in der Anbindung der Aktivität an das Wort 'Löschen', denn gelöscht - im eigentlichen Sinne - wird nichts (s.o.).

Auch eine virtuelle Stadt, eine 'Cybercity' tut so, als ob sie eine Stadt wäre. Sie ist tatsächlich ein auf einem Server mit bestimmter Software organisiertes Kommunikationsfeld, in dem spezifische Kommunikationsthemen oder -weisen durch zwei- oder dreidimensionale Bilder dargestellt sind, die durch Assoziationen an die Alltagswelt vermitteln sollen, was jeweils kommunikativ geschehen soll. Virtuell meint hier, daß mir - an meinem Schreibtisch sitzend - die Möglichkeit gegeben wird, etwa meinen Paß zu verlängern, also das zu tun, was man in einem Rathaus tut.
Zugleich aber meint es, daß mir das, was ich da am Computer tue, begreifbar und vorstellbar gemacht wird durch Überlagerung mit Bildern aus meiner traditionellen Lebenswelt.

Das Verlängern eines Passes begreife ich als kommunale hoheitliche Aktivität, wenn es sich als Aktivität in einem Rathaus zeigt.

Allerdings kann ich nur das in den Programmen Vorgegebene tun, ich könnte meinen Führerschein verlängern, aber wahrscheinlich keinen Kaffee trinken und bestimmt nicht die Bürotür zuknallen, wenn eine Sachbearbeitung dumm läuft (damit wäre ich aber wieder am Anfang des Textes).

In der Architektur handelt es sich - wie bei einem Buch um Wörter - auf einer bestimmten Ebene (und in einer sachlichen Sicht) um eine Ansammlung von Baumaterial und Ausstattungsstücken. Ich bedeute sie, etwa als Wohnhaus,  indem ich die Dinge und die Ordnung der Dinge in eine Lebenswelt einbinde und damit als lebensweltlich sinnvoll erkenne - Wörter werden zu Wort. Das Wort bzw. die Architektur ist die Virtualisierung des Materials (Anm. 13).

3. Virtualität des Subjekts und der Materie
Wenn ich laufe, dann schaue ich dorthin, wo ich gleich sein werde. Ich schaue beim Gehen niemals dorthin, wo ich gerade stehe, sondern immer, wo ich in wenigen Momenten stehen werde; ich schaue niemals auf mein Standbein, sondern immer auf den zukünftigen Ort, an den mein Spielbein sich stellen wird.

Ich handle niemals - nicht nur in diesem Beispiel - in der Präsenz, ich bin mir stets voraus. Was ich tue, intendiert die Zukunft, was ich zu tun habe, kommt aus der Zukunft als Anforderung auf mich zu.

Ich bin mir also immer voraus. Ich bin stets virtuell.

Die Dinge sind stets virtuell, ich muß ihnen Eigenschaften zudenken, um mein hinstrebendes Handeln darauf hin zu orientieren. Indem ich handle, evaluiere ich die virtuelle Materialität, aus Virtualität wird Faktizität.
 
 

Wohnung und Stadt als virtuelle Welt

Dazu eine Vorbemerkung zur prinzipiellen Integration von Wohnung, Stadt und Landschaft:
Wenn man Architektur als materialisiertes und ästhetisch geordnetes Handlungsfeld versteht, dann wird man nicht einfach die Wohnung, die Stadt und die Landschaft in drei autonome Seinsbereiche aufteilen können. 'Wohnen' tut man in der Welt, dabei gibt es unterschiedlich strukturierte und unterschiedlich dichte Handlungsfelder.

Topografisch oder morphologisch gesprochen lassen sich unterschiedlich dichte Differenzierungen, Felder, dichte Flecken, Konzentrationen und marginale Ränder unterscheiden.

Heute, im  20. Jahrhundert unterscheidet man 'Wohnung' und 'Außenwelt'. Mit 'Wohnung' ist eine klare bauliche Einheit gemeint, die sich durch die 'Wohnungstür' ausgrenzt und aus einer Anzahl funktional bestimmter Zimmer (Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bad etc.) besteht; die 'Wohnung' bestimmt sich sowohl physikalisch, wie auch sozial wie auch emotional als 'innen'. 'Wohnen' und 'Arbeiten' gehören mental voneinander getrennt.
In der Wohnung wird nicht gearbeitet (deshalb ist die Anerkennung der Hausfrauenarbeit als Arbeit so schwierig) und wenn doch, dann versucht man wenigstens durch bauliche oder soziale Ausgrenzung zwischen Arbeitsbereich (Arbeitszimmer, Arbeitsecke) und Wohnbereich zu unterscheiden. Die 'Wohnung' ist der Reproduktionsort der bürgerlichen Zweigenerationenkleinfamilie. Ein Hotel ist keine 'Wohnung'.

In der 'Außenwelt' wird nicht ge'wohnt'. Hier wird gearbeitet, hier befindet sich die Öffentlichkeit, hier spricht man von Stadt (oder Dorf) und Landschaft.

Diese Vorstellung von 'Wohnung' hat sich (in Europa) aber erst im 18. und 19. Jahrhundert herausgebildet.

Vor dieser Zeit war das Handeln, waren Wohnen und Arbeiten, Privatheit und Öffentlichkeit, nicht so klar wie heute ausdifferenziert. Zur Gruppe der Bewohner zählten Verwandte in direkter und in indirekter Linie so gut wie Mitarbeiter und Gäste jedweder Art. Der Außenraum war Teil des Wohnens.

Heute spricht man vom Wohnen nur noch im Zusammenhang mit der 'Wohnung', man hat Scheu, vom Bewohnen der Stadt und der Landschaft zu sprechen.

Man wohnt jedoch in der 'Wohnung' in gleicher Weise, wie in Stadt und Land; in der 'Wohnung' besonders häufig und intensiv. Bei der 'Wohnung' kann man von Verdichtung des Wohnens sprechen.

Die Stadt ist eine Verdichtung der Landschaft.
Die Städte, die auf den Stadtbildern des Mittelalters so aussehen, als hätte es eine klare Trennung von Stadt und Landschaft, von Figur und Grund - die durch die hohe Stadtmauer ausgegrenzte stark differenzierte Stadtfigur im Kontrast zur undifferenzierten Landschaft - gegeben, war funktional schon damals tatsächlich das Gegenteil. Die Stadt, ob sie nun Ackerbürgerstadt war, wie wohl meistens, oder aber auch Handelsstadt oder Regierungssitz, ist in ihrem Alltag aufs engste hauswirtschaftlich abhängig und lebensweltlich eingewoben gewesen in die sie umgebende Landschaft (Anm. 14). Erst mit dem 19. Jahrhundert, mit der Industrialisierung der Landwirtschaft und dem Ausbau effizienter Transportsysteme, die Waren aus der Ferne heranbringen können, mit der Ausdifferenzierung der Berufe usw. werden Stadt und Stadtbewohner hauswirtschaftlich unabhängig von ihrer direkten Umgebung. Nun kann der Stadtbürger die ihn direkt umgebende Landschaft als nichtstädtisch, als Natur begreifen. Er kann die Stadt als gestaltetes und figuriertes Arbeits- und Wohnfeld und die Landschaft als ungestaltete unfigurierte natürliche Umgebung nehmen.

Lassen Sie mich jetzt auf die einzelnen Handlungsfelder Wohnung, Stadt und Landschaft eingehen; es kann nur in wenigen Stichpunkten geschehen.

Wohnung
Eine erste Beziehung der Architektur  zu den Neuen Medien läßt sich finden, wenn man Architektur als darstellende Kunst begreift.

 
Abb. 8, 9:  
 

Hariri & Hariri, The Digital House, 1998

"...The surfaces of the framelike core are what the architects call 'smart skin', and are capable of receiving and transmitting digital information. Here, a virtual chef assists with the preparation of a meal." (MoMA) 
Dann kann man ihre Aufgaben der Darstellung, sei es nun nach Außen in der Gestaltung der Fassaden oder innen, in den Wänden und der Ausstattung, durch die Neuen Medien ausführen lassen, die Gipsvolute wird durch den Monitor ersetzt. Fassade wird zu screen, 'smart skin'.
Die Digitalisierung des Hauses wird zur digitalen Mimikry; der virtuelle Koch im 'Digital House' spielt seine traditionelle Rolle, das Kochen bleibt ein Handlungskomplex, wie er seit hundert Jahren in den Hochglanzzeitschriften des ''Schöner Wohnens' und 'Schöner Kochens' herumgeistert. Die Neuen Medien werden allein zur Nachahmung der Oberfläche der Tätigkeiten und Dinge und nicht zur grundlegenden Erneuerung eingesetzt. Der Einsatz der Neuen Medien in dieser Weise macht aus der Architektur Kunstarchitektur, wobei ich den Kunstbegriff hier verstehe, wie man ihn beim Begriff 'Kunsthonig' meint. Architektur wird zum Surrogat ihrer selbst.

Wenn man nun aber Architektur und Neue Medien als Medien begreift, deren Wirklichkeiten über die eigene Oberfläche, über ihren  'Screen' hinausgehen, dann müßte man die Integration beider lebensweltlich diskutieren. Es käme auf den  Entwurf von Handlungsfeldern an, in denen beide Medien, Architektur und Neue Medien ihre sinnhafte und pragmatische Aufgabe haben.

Lassen Sie mich den Ofen als wichtiges Medium in der Wohnung als Beispiel nehmen.
Man hatte lange Zeit ein offenes Feuer, mit dem man kochte und an dem man sich wärmen konnte. Irgendwann wird dann der Ofen erfunden. Irgendwann wird dann auch das offene Feuer durch einen Herd ersetzt, auf dem man kochen kann. Ofen und Herd differenzieren die Funktionen des Kochens und des Wärmens aus. Sie werden in unterschiedliche Räume gestellt, damit gibt es nun Küche und Stube und die räumliche - sagen wir besser zimmerweise - Segregation von bestimmten Verhaltenskomplexen (nehmen wir, nur für unser Beispiel, mal eine reine Arbeitsküche an). Unter der Bedingung, daß die Gerüche beim Essenkochen als unangenehm empfunden werden, viel mit Wasser gearbeitet werden muß, auch gespült etc. es also beim Arbeiten Schmutz gibt, zugleich als störend empfundene Fettwrasen und Essensspritzer gibt, macht es tatsächlich einen nachvollziehbaren Sinn, für das Kochen einen eigenen Raum, eine Küche zu haben und andere Tätigkeiten dann eher in der Stube durchzuführen. Der Ofen ist ein Medium der Vermittlung einer Lebenswelt.

Nun werden beide Medien weiterentwickelt, der Ofen wird zur Heizung und der Herd zur Mikrowelle.

Um die Mikrowelle aufzugreifen: sie setzt einen langen Prozeß der Umformung der Essensherstellung voraus, der im Wesentlichen darin besteht, daß alle Tätigkeiten, die vorher in der Küche, also in der einzelnen Wohnung ausgeführt wurden, nach außen, teilweise direkt an den Ort der Ernte, teilweise in Fabriken und ebenso - wie etwa die vordem im eigenen Haushalt betriebene Lagerhaltung - in die Tiefkühltruhen der Supermärkte ausgelagert wird.

Nur das kleine Tiefkühlfach im eigenen Kühlschrank bleibt noch im eigenen Haushalt.

Die Mikrowelle gibt innerhäusig einem ansonsten komplet außerhäusig hergestelltem Essen das Finish. Sie stellt das Essen ohne jeglichen Geruch und Schmutz her.

Der Herd als Medium der Essensherstellung hat sich im Laufe der Zeit völlig verändert, der Handlungskomplex Essensherstellung hat sich nicht nur inbezug zum Essenkochen verändert, sondern steht im Zusammenhang mit einer ziemlich anderen Lebenswelt.

Das Medium Mikrowelle vermittelt eine völlig neue Lebenswelt.

Einen ähnlichen Transformationsprozeß hat die Beteiligung der Menschen - als Zuschauer - an den 'Darstellenden Künsten' durchgemacht. Ich werde den Prozeß hier nicht nachzeichnen können, er endete aber im Videorekorder und im Fernseher.

Nun müßte ich als Architekt fragen, ob der in vielen Aspekten aus dem 19. Jahrhundert stammende Wohnungsgrundriß der neuen Lebenswelt noch adäquat ist, also inbezug auf das Medium Mikrowelle und inbezug auf das Medium Fernseher. Wäre es nicht sinnvoll, Mikrowelle und Videorekorder übereinander ins Wohnzimmer zu stellen? Beides sind elektronische Medien, in die man Konserven gibt, die man dann in Gemeinschaft konsumiert; sie passen also ideal zusammen. Es würde damit zudem endlich eine bereits schon lange geübte Verhaltenspraxis in Architektur umgesetzt, denn man ißt doch sowieso beim Fernsehen, deshalb wäre das doch sehr rational und funktional für die neue Lebenswelt!

Dies ist natürlich nur 1 Beispiel; dabei soll es bleiben, denn mein Ziel ist es hier nicht, eine Wohnung zu entwerfen. Es gibt allerdings viel darüber nachzudenken.

- Stadt
Wenn man heute - um ein Beispiel aus Berlin zu nehmen - im Wedding wohnt, so wohnt man mitten in Berlin.

Es ist noch keine 100 Jahre her, daß man dort in einem Dorf vor dem Tor gewohnt hätte. In Schönefeld oder auf dem Tempelhofer Feld hätte man - wie schon die Namen sagen - auf dem Lande gewohnt.

Wie kommt es, daß wir in Schönefeld und Wedding heute 'mitten in der Stadt' wohnen?

Wie kommt es, daß wir in  dem 'Letzten Haus' - wenn es selbst und sein Umfeld so bleiben wird - einmal 'mitten in der Stadt' wohnen?

Aber, was ist 'Stadt'?
'Stadtluft macht frei'. Eines der prägnantesten historischen Aussprüche zum Verständnis von Stadt macht deutlich, daß Stadt immer schon grundlegend die Lebensqualität ihrer Bewohnern bestimmt hat. Die Bewohner einer Stadt waren frei; sie waren in der Stadt frei, sie waren aber auch frei, wenn sie die Stadt verließen, ja, hier, im Kontrast, zeigt sich ihre Freiheit besonders eindrucksvoll.

Der Bauer, der seine Früchte in der Stadt anbietet, ist kein Städter, auch wenn er zum Behufe seines Geschäftes dort übernachtet. Der Städter ist auch auf dem Land noch Städter, auch wenn er sich eine Tracht anzieht.

Die Mönche eines in der Stadt angesiedelten Klosters sind keine Städter, so wenig wie der Fürst in seiner städtischen Residenz.

Was den Menschen zum Städter macht, ist nicht nur seine Freiheit, sondern zudem die spezifischen Weisen und die bestimmten Inhalte des Denkens, Erlebens, Wissens, Wahrnehmens, Verhaltens und Handelns. Der Stadtbürger hat genuine Verhaltensweisen und genuine Lebensziele, die ihn als Stadtbürger zu bezeichnen gestatten.

Es gibt nicht den Städter 'an sich'. Der Städter ist ein historisches und ein kulturelles Phänomen; will sagen: im 16. Jahrhundert besitzt er eine andere Identität als im 19. Jahrhundert, in New York eine andere als in Cottbus.

Zur gesellschaftlichen Entstehung und zur persönlichen Entwicklung einer städtischen Lebensweise gehört eine städtische Lebenswelt.
Ein Handlungsfeld ist dann städtisch, wenn es das städtische Verhalten und die städtische Lebenswelt durchzuführen gestattet oder fördert oder gar initiiert.

Nicht jeder Platz, nicht jeder Ort auf Stadtterritorium bietet aufgrund seiner faktischen innerstädtischen Lage mit Notwendigkeit ein städtisches Handlungsfeld. Ein innerstädtisches Gefängnis tut dies nicht unbedingt, ebensowenig wie eine Residenz oder ein Fußballstadion. Ich glaube, auch ein Kircheninnenraum tut dies nicht.

Andererseits ist die Mall eines Einkaufscenters möglicherweise städtischer als die ganze Stadt, vor dessen Toren sie liegt.

Da städtische Lebensweise jeweils ein historisch definites Verhalten ist, ist es sinnlos, eine bestimmte sachliche Ausstattungen überzeitlich als städtisch zu isolieren und verdinglicht zu verabsolutieren. Eine Stadtmauer ist nur solange städtisch, als sie 'freie Stadtluft' herstellt oder garantiert oder anzeigt. Ist das städtische Verhalten nicht mehr durch Ausgrenzung persönlicher Freiheit im Gegensatz zur normalen Untertänigkeit bestimmt, dann ist es nicht mehr die Stadtmauer, die die Freiheit des Bürgers garantiert (sondern vielleicht der Paß); in diesem Moment ist die Stadtmauer nicht mehr das notwendige Instrument des Handlungsfeldes Stadt.

Stadt bezeichnet ein bestimmtes urbanes Verhalten, das für mich viel mit Simmels Definition von Großstadt, d. h. mit der quantitativ und qualitativ großen Ereignishaftigkeit des Geschehens und mit der Heterogenität von Lebenswelten, zu tun hat. In einer Stadt begreift man seine Identität als 1 Möglichkeit unter anderen. Stadt meint soziale Dichte mit der Konsequenz der Notwendigkeit der reflektierten Formung und Organisation der Sozialbeziehungen. Ferner hat Stadt mit lebensweltlich erfahrener Öffentlichkeit zu tun, und sei sie aus politologischer Sicht auch eine Einbildung. In der Stadt ist man mit Fremdem und Fremden sowie mit der Welt, sei es die Geisteswelt, sei es die Kulturwelt, sei es die politische Welt, oder was auch immer, konfrontiert.
Die gebaute Stadt fördert das möglicherweise, wenn sie denn funktional und baulich mit den entsprechenden Medien und Infrastrukturen ausgerüstet ist. Ich glaube, das beginnt mit den Bürgersteigen, die einen vor dem Straßenverkehr gesicherten Aufenthalt in der Stadt ermöglichen, setzt sich natürlich mit den Cafehäusern, den U-Bahnen und den Stadtbeleuchtungen, Galerien oder Passagen fort. Die Passagen haben einerseits sehr die Entstehung und Entwicklung von Stadt gefördert, andererseits haben sie die Stadt aus der Stadt weg geholt, d. h. das neue, urbane Ambiente aus dem offenen baulichen Gefüge ausgegrenzt und in die Häuser gezogen.

 
Abb. 10 - 12:  Passage Choiseul, Paris, 1825/27
Ich wäre nun andererseits aber auch sehr vorsichtig, eine eindeutige, quasi deterministische Beziehung zwischen architektonischen Elementen und Stadt zu unterstellen.
Die immer als Inbegriff des Städtischen angegebene Piazza Signoria von Siena ist heute nichts anderes als eine zugegeben Viele beglückende Kombination aus Museum, Cafeteria und Promenade. Mit Fremdheit, heterogenen Ereignissen, Welt usw. hat das nichts zu tun. Der heute als Allheilmittel gegen den Verfall der Städte rekonstruierte Marktplatz bedeutet - heute - nichts anders als - kulturell gesehen - eine Verdörflichung; nicht eine Verstädterung.

Bei der Pflege und beim Ausbau des Städtischen stehen dabei den traditionalen materialen Medien seit dem 19. Jahrhundert die elektrischen zur Seite. Das ist eben die Straßenbeleuchtung, setzt sich in den Schaufensterbeleuchtungen und z. B. im Kino fort (Anm. 14).
Auch das Fernsehen, das in den 60er Jahren als Zerstörung des städtischen Lebens angesehen wurde, war tatsächlich Stadtersatz; es war viel besser als die bauliche Umgebung und ist risikoloser geeignet, das, was man von einer Stadt erwartete, herzustellen. Das Fernsehen hat - wie die Passagen in anderer Weise - Stadt nicht zerstört, sondern in die Häuser loziert; im Unterschied zu den Passagen oder zum Kino wurde Stadt jetzt allerdings familiär. (Ob das Fernsehen noch heute Stadt herstellt, ist eine andere Frage!)

Damit ist nun klar, daß das Land nicht der diametrale Gegensatz von Stadt ist, das ist es nur im Bild des Mittelalters und nur, wenn ich beide nicht als Medium, sondern allein als Ding oder als Ansammlung von Dingen nehme. Weil Stadt notwendig aus heterogenen Lebenswelten besteht, ist sie auch immer Landschaft. Man kann Stadt nicht in einem Punkt, in einem Fleck realisieren. Damit Heterogenes besteht, muß es seine eigenen Orte haben, die allerdings nicht völlig voneinander ausgegrenzt sein dürfen - dann wären es homogene Ghettos. Stadt muß Interaktionsbeziehungen und überschneidende Einflußsphären haben.
 


Anmerkungen
1    Dazu siehe Rötzer 1998
2    Lyotard 1985, S. 81
3    Mitchel 19
4    Rötzer 1995
5    Fellmann 1996
6    So wie eine Person kreativ sein kann, so auch eine Situation kreabil.
7    Das habe ich natürlich aus einem Fachlexikon
8    McLuhan 1968
9    Luhmann 1995, S. 165-213
10    Ich verweise, weil ich hier nicht weiter darauf eingehen möchte, auf Merleau-Ponty oder Waldenfels, möchte aber auch darauf hinweisen, daß 'Welthabe' nicht das Haben der Welt, sondern das Haben einer Welt, das Haben dieser oder jener Welt, meint.
11    Seel 1998, S. 257
12    Natürlich ist auch die Darstellung im Editor bereits eine Überlagerung.
13    Dieser Vorgang ist sowohl zeichentheoretisch (Eco 1972, S. 306ff) wie phänomenologisch (etwa Merleau-Ponty 1966) abgehandelt worden.
14    Führ 1985

Literaturverzeichnis
U. Eco; Einführung in die Semiotik; München 1972
Ferdinand Fellmann; Der Ort der Architektur in der Medienwelt; Wolkenkuckucksheim 1996/1 siehe: /theoriederarchitektur/wolke/deu/Themen/961/fellmann/fellmann_t.html
E. Führ; Die Modernisierung der Stadt, Marburg 1985
J. F. Geist; Passagen. Ein Bautyp des 19. Jahrhunderts; München 1969
Sybille Krämer (Hg); Medien Computer Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien; Frankfurt/Main 1998
N. Luhmann; Die Kunst der Gesellschaft; Frankfurt/Main 1995
Jean Francois Lyotard(u.a); Immaterialität und Postmoderne; Berlin 1985
M. Merleau-Ponty; Phänomenologie der Wahrnehmung; Berlin 1966
W. J. Mitchel; City of Bits; Cambridge, Mass 1995
Marshal McLuhan; The Gutenberg Galaxy; Toronto 1968
Florian Rötzer; Die Telepolis. Urbanität im digitalen Zeitalter; o. O. 1995
Florian Rötzer; Vom zweiten und dritten Körper oder: Wie es wäre, eine Fledermaus zu sein oder einen Fernling zu bewohnen? Ein Essay; in: S. Krämer 1998, S. 152-168

Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: http://www.florian.rdklein.de
Abb. 2: http://www.snafu.de
Abb. 3: Superstudio
Abb. 4-6: E. F.
Abb. 7: Microsoft
Abb. 8, 9: http://www.MoMA.org
Abb. 10 - 12: Geist 1969