Eduard Führ

Einleitung:
Zur Rezeption von ,Bauen Wohnen Denken'
in der Architektur
[1]

 

Seit der Einladung Heideggers zu einem Vortrag über ‚Bauen Wohnen Denken‘ auf dem zweiten ,Darmstädter Gespräch' mit dem Titel ,Mensch und Raum' (1951) und seit der Veröffentlichung des damaligen Vortrages (1952) sind nunmehr fünfzig Jahre vergangen. In dieser Zeit haben sehr viele und sehr unterschiedliche Wissenschaftler (interessanterweise am wenigsten die Philosophen) über den Text geschrieben und so Inhalte und Positionen des Textes und ihre eigene Lesart an ihre Leser und Schüler weitergereicht.
Heidegger hielt den Vortrag damals auf Einladung von Architekten und sprach aus deren Sicht über ihr genuines Arbeitsfeld, das Bauen und Wohnen. Seither wird Heidegger in der Architektur als Architekturtheoretiker genommen. Sein Text diente mehreren Autoren aus dem Umfeld der Architektur als Grundlage für die Entwicklung einer Art Phänomenologie der Architektur, Architekten bezeichnen sich als ,Heideggerianer' und orientieren sich bei ihren Entwürfen und Planungen direkt oder vermittelt über ein architekturtheoretisches System an ihm.

Ist ,Bauen Wohnen Denken' ein philosophischer Text? Ist er ein architekturtheoretischer Text? Wieso ist er für Architekten so attraktiv?

Lassen wir zuerst Ulrich Conrads zu Wort kommen, der damals als junger Zuhörer am ,Darmstädter Gespräch' teilnahm und 1991 die Vorträge und Protokolle erneut veröffentlichte:

„ ... Dabeisein war alles, damals. Es saß da das ganze bauende oder auch noch nicht bauende ,Jung-Deutschland (West)' vier Altmeistern zu Füßen ...
Dem Krieg entkommen, glichen wir dürstenden Schwämmen, auch sechs Jahre später noch. Ungeachtet der hundsgemeinen Ernüchterungen, in die uns die Politik der Adenauer-Republik stürzte ... war unsere Stimmung immer noch die des frischen Aufbruchs: schon 1951 ein schöner Wahn. Uns selbst noch wie vor allem Anfang und frei fühlend, übersahen wir, wenn auch gewiß nicht geflissentlich, was da um uns herum längst an faktischer Restauration und geistiger Restriktion betrieben wurde. Und so war es eigentlich nicht nur die äußere, sondern auch unsere innere Situation, die uns junge Leute 1951 zu wachen, geschärften, kritischen und schließlich doch, ich muß es gestehen, zu dankbaren, wenn nicht – stellenweise – sogar begeisterten Zuhörern des zweiten Darmstädter Gesprächs machte."
(Conrads 1991, S. 7f)

Allerdings zeigte sich bereits in der Diskussion im direkten Anschluß an den Vortrag Heideggers, daß sein Vortrag aus unterschiedlichen Perspektiven heraus rezipiert wurde und man sich dabei auf jeweils unterschiedliche Textstellen bezog.
Bartning, der die Diskussion leitete, sieht in Heideggers Grundbestimmung des Menschen als Wohnendem und in der Verbindung des Bauens mit dem Wohnen vor allem, daß „sein Sein auf der Erde ihm das Bauen aufgibt" (Mensch und Raum 1952, S. 102), diese Aufgabe habe „der Baumeister für seine Brüder" (ebenda) auszuführen.

„Es gehört zum Wesen des Baumeisters, daß er diese Erde, diese seine geliebte Erde aufwühlt, Fundamente versetzt und bettet und aus den Stoffen der Erde Bauten errichtet mit greifenden Händen, die aus dem Unbewußten begabt und getrieben sind, und mit scharfen Kalkulationen, Gedanken und Begriffen." (ebenda, S. 102f)

Hans Schwippert, der zweite Diskutant, sieht das ähnlich. Bauen könne nicht „das bestellte, kommandierte, bezahlte und abgerechnete Bauen des Augenblicks" (ebenda, S. 104) sein, es sei „ein hohes Gebot". Zugleich bricht er eine Lanze für das helle, leichte, offene Wohnen, wobei ihm klar ist, das dies nicht unbedingt an die technischen Mittel der Moderne, wie Stahl und Glas gebunden ist. Sepp Ruf sieht in Heideggers Text eine Aufforderung, das Funktionelle zu überwinden und in die Sphäre des rein Künstlerischen vorzudringen, wozu in der Architektur „das reine Maß, die Waagrechte, die Senkrechte, also die Decke, die Säule oder die Wand, die raumspannende Öffnung" (ebenda, S. 106) die genuinen Mittel seien. Ziel des Geistigen sei auch, den Menschen in ihren Wohnungen und in den Bauten der Allgemeinheit einen menschenwürdigen Aufenthalt in freier Gemeinschaft zu ermöglichen (ebenda, S. 127f).
Paul Bonatz sieht es als Aufgabe der Architektur an, gegen die Wissenschaft, die - indem sie abstrakt ordnet - das ursprüngliche Sein zerstört und gegen die Philosophie, die das Zerdenken fördert, das Sein wieder zu gewinnen. Dabei läßt er es sich nicht entgehen, auf Heideggers Schultern Scharoun und eine von ihm entworfene Schule anzugreifen und sie als menschenfeindliches Labor zur Herstellung eines Homunkulus zu charakterisieren und zugleich als positives Gegenbeispiel seine von ihm in der Jugend besuchte „normale Volksschule in Rappoltsweiler im Elsaß, in der ich mit 60 anderen Buben in einer normalen Klasse saß" (ebenda, S. 110) anzuführen.

Wir sehen, wie heterogen die Gedanken Heideggers zum ,Bauen Wohnen Denken' aufgenommen und wie schnell sie schon beim Vortragen instrumentalisiert wurden.
Dies verstärkte sich noch im Laufe der nunmehr fünfzig Jahre. Durch unterschiedliche Zugangsperspektiven und durch Konzentration auf bestimmte Passagen und theoretische Komplexe von Heideggers Text ergeben sich dabei meines Erachtens, aus architekturwissenschaftlicher Sicht vier Grundverständnisse, die in der Sekundärliteratur und in den Einstellungen und Konzepten von Architekten durchaus auch vermischt werden und das Lesen und Verständnis des Textes immens beeinflussen:

 

,Bauen Wohnen Denken' als Menschenliebe

Heidegger denkt in seinem Vortrag nicht von der Baukunst und von der Technik her, sondern über das Wohnen und das Bauen, also über Handeln von Menschen und über ihre Seinsbestimmung nach.
Das gibt Grund, den Text als ein Plädoyer für die Humanisierung der Architektur zu verstehen. Das sieht auch Ulrich Conrads so, der die damalige Gesamtpublikation als „ein Dokument der Hoffnung auf ein Bauen aus Menschenliebe" (Conrads 1991, S. 8) bezeichnet.
Liest man die 1952 veröffentlichte Diskussion der Teilnehmer nach, so entdeckt man bei vielen Architekten in der Tat diese Menschenliebe. Die Menschenliebe nährt sich theoretisch aus Heideggers Rückführung des Bauens auf das Wohnen und auf die Darstellung des Wohnens als eine Grundbestimmung menschlichen Seins. Schwippert, Ruf, Scharoun, sehen es als Aufgabe ihrer Architektur an, den Menschen eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, zur sozialen Nähe und zu einer offenen und freien Lebensweise zu geben.
Auch Bonatz will das Leben verbessern, allerdings eher im Rückbezug auf Tradition.
Zugleich aber wird der Alltag und eine gelungene Organisation des Alltags im Funktionalismus als unmenschlich kritisiert und demgegenüber Kunst und Geist als eigentliche Orte des Menschlichen herausgestellt.
Zugleich aber wird die Eigenliebe der Architekten kultiviert. Wenn etwa bei Bruno Taut in den zwanziger Jahren die Nutzer und Nutzerinnen in die Schöpfung guter Architektur einbezogen wurden (Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin, 1924), so sind es jetzt allein die Architekten,kerle' (Bonatz; in: Mensch und Raum 1952, S. 126), die aus der ontologischen Bedeutung des Wohnens ihre Nobilitierung ziehen; sie retten das authentische Sein gegen Wissenschaft und Philosophie und erhöhen sich bis in den Rang eines Seinspriesters, da ,die Baukunst die Hingabe in die Gemeinschaft vor Gott' (Bonatz ebenda, S. 103) fordert.

In der Folgezeit entwickelten sich weitere – auch philosophisch elaboriertere – Sichtweisen von Heideggers Text; man kann sie, glaube ich, im Grunde auf drei Positionen zurückführen, für die drei Autoren stehen.

 

,Bauen Wohnen Denken' als Poesie und Poetik der Architektur

Martin Heidegger geht in seinem Vortrag ,Bauen Wohnen Denken' darauf ein, wie Architektur gelingt. Am Beispiel vor allem der Brücke macht er deutlich, daß das Bauen nicht nur eine Frage der Bautechnik ist, sondern der Versammlung des Gevierts. In der das Nachdenken über das Geviert einleitenden Beschreibung der Brücke hebt Heidegger hervor, daß die von ihm als Beispiel genommene – nicht weiter lokal identifizierte - Brücke ein gelungener gestalterischer Entwurf eines Dinges ist, mit dem nicht nur der Bau, sondern auch der Fluß und die Landschaft in einer jeweiligen Identität bestimmt werden und so den die Brücke nutzenden Menschen in eine je bestimmte Beziehung zu dem Geviert setzt.
Vorschläge und systematische Darstellungen darüber, wie man Dinge gut entwirft, kann man sicherlich als Poetik bezeichnen (ohne daß dies Heidegger in seinem Text auch tut). Der Bezug Heideggers in anderen Texten etwa auf Trackl oder Hölderlin legt diese Bezeichnung aber auch nahe.

Das Verständnis von ,Bauen Wohnen Denken' als Poetik wurde durch Bachelards Publikation ,La poétique de l'espace' (1957) bestimmt.
Auf den ersten Blick expliziert das Buch eine Art Architekturpsychologie, es geht in ihm um Architektur als Ort des Erlebens und als Hort des Träumens (Bachelard 1957, S. 33). Gegen ein technologisches, positivistisch soziologisches und neusachliches Verständnis von Architektur scheint Bachelard – wie in der ersten Lesehaltung zu Heidegger – menschliche Aspekte der Architektur herauszustellen, wobei allerdings auch deutlich ist, daß es hier beim Menschlichen nicht auf elementare menschliche Subsistenzbedürfnisse ankommt, sondern auf die Sphäre der Sublimationen, des Seelischen, der bis ins Metaphysische reichenden Träume und der feinfühligen poesievollen Bilder.

„Im Leben des Menschen schließt das Haus Zufälligkeiten aus, es vermehrt seine Bedachtheit auf Kontinuität. Sonst wäre der Mensch ein verstreutes Wesen. Es hält den Menschen aufrecht. Es ist Körper und Seele. Es ist die erste Welt des menschlichen Seins. Bevor er ,in die Welt geworfen' wird, wie die eiligen Metaphysiker lehren, wird der Mensch in die Wiege des Hauses gelegt .... Das Leben beginnt gut, es beginnt umschlossen, umhegt, ganz warm im Schoße des Hauses." (ebenda, S. 33)

Diese Poesie des Raumes stößt in den sechziger Jahren auf großes Interesse im Bereich der Architektur (während alle anderen Publikation Bachelards lange auf eine Übersetzung warten mußten, wurde ,La poétique de l'espace' bereits 1960 ins Deutsche und 1964 ins Englische übersetzt). Dies hat mit politischen und kulturellen Diskursen in den sechziger Jahren zu tun. In diesem Zeitraum waren sich Autoren aus fast allen Lagern einig, daß das gegenwärtige Leben bis in die Fundamente hinein menschenfeindlich, asozial, apolitisch sei. Dies habe daran gelegen, daß Sinnlichkeit, Ästhetik, Kunst aus dem persönlichen, sozialen und politischen Leben vertrieben wurden und der verbleibende dürftige, animalische Rest in seinem maschinellen Funktionieren optimiert wurde, was wiederum dazu geführt habe, daß es in dieser totalitären Geschlossenheit keine Ansätze der Re-verwirklichung von Menschlichkeit gab.
Aus der langen Reihe der damaligen Autoren seien hier Wolf Jobst Siedler und die Fotografin Elisabeth Niggemeyer mit ihrem Buch ,Die gemordete Stadt' (1961) wegen ihres großen Einflusses hervorgehoben oder Alexander Mitscherlich mit seinem Buch ‚Die Unwirtlichkeit der Städte‘ (1965), in dem er sich für die Wiedergewinnung von Heimat einsetzt, die „ein allmählich dem Unheimlichen abgerungenes Stück Welt sei" (Mitscherlich 1965, S. 136). Auch Theodor W. Adorno (1965) sieht, daß in einer fundamental falschen Gesellschaft, in denen die Menschen deformiert seien, das Zweckmäßige nur die Zweckmäßigkeit der Deformation, das Praktische nur die Verwirklichung von Irrationalität sei und nur die Phantasie, das Ornament, das Nichtrationalisierte, das Überflüssige, das Indefinite und Schatten- und Traumhafte die Überholung der falschen Wirklichkeit ermögliche.

Bachelard wird in diesem Zusammenhang mit großem Interesse aufgenommen und rezipiert; seine ,Poetik des Raumes' wurde als ein großes Plädoyer für die Phantasie genommen.
Liest man Heidegger mit diesem – oberflächigen - Bachelardverständnis, so wird aus Heideggers Text allenfalls eine Aufforderung zur Poetisierung des Alltags.

Im Nachhinein muß man nun zum einen feststellen, daß Bachelard, wortwörtlich gelesen, zurücksieht und Bedeutungen, Träume und Bilder als Archetypen vorbringt, die einfach nur Sehnsüchte eines ,petit bourgeios' nach Wärme, Geborgenheit und Gemütlichkeit sind und selten tatsächlich inventive, freie Phantasien.
Zugleich muß man aber betonen, daß die Beschäftigung mit konkreten Aussagen von Bachelard überflüssig ist, denn diese Lesart ist eine Eulenspiegelei, sie nimmt, was metaphorisch, was auf seinen philosophischen Gehalt hin zu lesen wäre, wortwörtlich.

Die ,Poetik des Raumes' ist aber - genauer gelesen - nichts weniger. Sie ist tatsächlich ein grundsätzlicher philosophischer Text, eine Art Phänomenologie (wobei dieser Begriff noch genauer zu bestimmen ist). Es geht zwar in den 10 Kapiteln dieses Buches buchstäblich um Architektur, expliziert wird jedoch tatsächlich eine ,konkrete Metaphysik' (Bachelard 1957, S. 236).
In den Kapiteln I, II und IV bis VI (Das Haus ..., Haus und All, Das Nest, Die Muschel, Die Winkel) geht es um eine grundsätzliche Bestimmung des Subjekts und der Gegenstände, im Kapitel III (Die Schublade, die Truhen und die Schränke) um eine Revision der klassischen Wissenschaftstheorie und in den Kapiteln VII bis IX (Die Miniatur, Die innere Unermeßlichkeit, Die Dialektik des Draußen und des Drinnen) um die Beziehung des Subjekts zur Welt; im letzten Kapitel (Die Phänomenologie des Runden) geht es um Ausgrenzung, Einheit und Identität, um die Umwandlung des Da-seins in ein Dasein.

Die ,Poetik des Raumes' steht für Bachelard in einer Reihe von philosophischen Arbeiten über erkenntnistheoretische Fragen zu Realität, Wissenschaft, Imagination und Phantasie.
Schon in seiner ersten größeren Veröffentlichung (1928) macht Bachelard deutlich, daß die Realität nicht auf der Seite des Objektiven, sondern auf der Seite der begrifflichen Fassung liegt, die unabhängig vom Gegenstand geschieht. Sie entwickelt sich aus der Umbildung alter Begriffe, was wiederum durch Anwendung neuerer Methoden (etwa Erfindung des Rasterelektronenmikroskops) oder durch einen ‚Trieb des Geistes‘ geschehe.
Erkennen ist bei Bachelard eine Art ‚Induktion‘; wobei Induktion bei Bachelard Konstruktion, Erfindung heißt. Dabei dreht Bachelard die klassische Erkenntnisreihenfolge um, zuerst steht nicht das Reale, das dann erkannt werden muß, sondern das Rationale, der Begriff und die begriffliche Fassung, durch den das Reale hergestellt wird.

Bachelard macht deutlich, daß es ihm um eine ‚Ästhetik des Verstandes‘ (Bachelard 1938, S. 43) geht.
Dieser Ausdruck meint, daß Erkennen sowohl eine Verstandestätigkeit wie ein subjektives Begehren einer Person ist. Das Denken ist kein reiner, formal verstandesmäßiger Vorgang, sondern ein faktisches, in Interessen eingebundenes, kognitives Geschehen, wobei Interesse dann ein subjektives psychisches Wollen meint. Das Denken hat bei Bachelard ‚eine autogene psychische‘ Dimension, deshalb ist jede Wissenschaftstheorie immer auch Psychoanalyse, wobei ‚Psychoanalyse‘ sowohl als Analyse der psychischen Konstellation als auch als Analyse der Bildhaftigkeit des Denkens verstanden wird.

In dieser frühen Phase betreibt Bachelard eine kritische Phänomenologie; es geht ihm um die primären Bilder und das sicher Gewußte, das er beides als Erkenntnishindernisse entlarvt, man erkenne in der Destruktion der Bilder, gegen ein (früheres) Wissen und gegen das unmittelbare Evidenzgefühl.

In der späten Phase seines Denkens geht es ihm dann nicht mehr um eine Überwindung der vorgegebenen Bilder durch Destruktion, als vielmehr um deren Überholung durch Invention. Dies wird besonders deutlich in seiner letzten Schrift (La flamme d’une chandelle, 1961). Er hebt dort hervor, daß man nur im einsamen Träumen das eigene Sein ‚gravieren‘ kann, „in der ursprünglichen Existenz alles sehen, alles denken, alles sagen, alles schreiben" (Bachelard 1961, S. 107).

Bachelard unterscheidet ‚Metaphern‘ und ‚Bilder‘; ‚Metaphern‘ sind kalt, sie sind nur Abschweifungen, Hindernisse (um in den Sprachgebrauch und in gedankliche Konstrukte seiner Schriften der Vorkriegszeit zurückzukehren), die die Erkenntnis verunmöglichen.
‚Bilder‘ hingegen sind ‚ursprüngliches Leben in einer imaginären Welt‘ (ebenda, S. 8). Ziel ist eine ‚konkrete Ästhetik‘ (ebenda, S. 10), die ihre poetische Kraft nicht voreilig in Rationalisierungen verliert. ‚Bilder‘ sind sensible ‚Nachtbilder‘ (ebenda, S. 13), die durch klares Denken zerstört werden. Nur „wenn das Denken ruht, wachen die Bilder" (ebenda, S. 13).

Die ,Poetik des Raumes' (1957) ist für Bachelard eine Phänomenologie. Der Begriff bezeichnet bei ihm eine Ästhetik der Oberflächigkeit der Dinge (Bachelard 1957, S. 185) und des Subjekts.

„Die Phänomenologie der dichterischen Einbildungskraft gestattet uns, das Dasein des Menschen als eines Wesens mit einer Oberfläche zu erforschen, Oberfläche, welche die Region des Eigenen von der Region des Fremden trennt. Vergessen wir nicht: daß das Sagen dem Sein vorhergeht. ... Aus der dichterischen Sprache laufen Wellen der Neuheit über die Oberfläche des Seins." (ebenda, S. 220)

Ziel seines Buches ist es, die unermeßliche Tiefe dieser Oberfläche der Dinge und des Subjekts herauszuarbeiten. In der ,Poetik des Raumes' geht es um die Verräumlichung des Subjekts, um die Herstellungskunst (Poetik) eines tiefen oberflächlichen Seinsraumes, um die Auflösung der Differenz von Subjekt und Welt und von Sein und Phantasie.

Um diesen Raum herzustellen braucht Bachelard Distanz zum vorgegebenen Seienden, Träumen kann man nur im clair-obscur (Bachelard 1961, S. 12f), wenn die Dinge ihre Fülle, ihre Identität und ihre Materialität, wenn sie ihr Sein verlieren, wenn sie nicht mehr versammeln, sondern sich entleeren.

Im Kapitel über die Miniatur wird Bachelards Verhältnis zur klassischen Phänomenologie deutlich. Die Miniatur ist Bachelard wichtig, weil sich in ihr objekthafte Realität minimiert und sie zugleich die großen Bilder enthält „Die Miniatur ist ein Fundort der Größe" (Bachelard 1957, S. 162).

„Die Formeln: In-der-Welt-sein, Sein-der Welt sind für mich zu majestätisch; es gelingt mir nicht, sie zu erleben. Ich fühle mich wohler in den Welten der Miniatur. Dies sind für mich überblickbare Welten .... Die ehrlich erlebte Miniatur ... löst mich aus der wirren Umwelt heraus, sie hilft mir, den auflösenden Kräften der Umgebung zu widerstehen." (ebenda, S. 166)

Liest man Heidegger mit diesem Bachelardverständnis, so wird aus seiner Ontologie eine Existential-Psychologie.

Man muß noch anmerken, daß oft übersehen wird, daß sich Bachelard ausdrücklich von Heidegger absetzt; dies zeigt sich besonders in der Übersetzung des Wortes ,Dasein' als ,être-là'.
Das ,là' ist mehr als ein ,dort' denn als ein ,da' verstanden, es verweist als Anhang an das être (Dasein) auf ein Dort-Dasein.

„Klanglich ist das angeklitterte im Französischen ... energisch genug, um ein als être-là ... bezeichnetes Sein mit erhobenem Zeigefinger aus der Innerlichkeit hinaus an einen draußen liegenden Ort zu verweisen." (ebenda, S. 213)

Wenn man einmal von dem Unterschied im Deutschen zwischen einem ,da' als an einem Ort sein (,Wer ist da?') und einem ,dort' absieht (auf das man mit ausgestrecktem Zeigefinder zeigt), so ist für Heidegger das ,da' im Da-sein weniger räumlich als zeitlich, als Präsenz des Seins, gemeint; das ,da' meint ,hier und jetzt', es spannt keine Dichotomie zwischen ,Hier' und ,Dort' auf.

 

,Bauen Wohnen Denken' als Sozialpsychologie

Martin Heidegger gibt in den Schlußkapiteln von ,Bauen Wohnen Denken' ein Beispiel für ein – zwar inzwischen vergangenes – aber ansonsten gelungenes Wohnen, den Schwarzwaldhof. Zudem stellt er die Frage, wie es denn nun im Moment stehe mit dem Wohnen bei diesen Zerstörungen des gerade beendeten Krieges, bei dieser Bevölkerungsexplosion und bei der elenden Lage des Industriearbeiters. Er macht aber auch klar, daß hinter diesem Elend eine eigentliche Not liege, daß nämlich der Mensch das Wohnen erst lernen und seine Heimatlosigkeit bedenken müsse.

Der Diskurs in der Architektur ist seit der Antike stark auf das Bauen fixiert, in den letzten beiden Jahrhunderten aber stand das Wohnen, bzw. die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Verbesserung des Wohnens, der Schaffung von Heimat und Geborgenheit mehrmals im Zentrum architekturtheoretischer und kultur- und sozialwissenschaftlicher Diskurse. Dazu gehören im 19. Jahrhundert die Überlegungen paternalistisch denkender Unternehmer, umfangreiche Aktivitäten der ,Moderne' der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts, in den fünfziger Jahren das ,Darmstädter Gespräch' selbst und in den sechziger und siebziger Jahren Veröffentlichungen der oben bereits angesprochenen Autoren Wolf Jobst Siedler und Alexander Mitscherlich, aber auch etwa von Serge Chermayeff und Christopher Alexander oder von Jane Jacobs über menschengerechtes Wohnen, um nur einige zu nennen. In den beiden letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wird der Diskurs über das Wohnen weniger in bezug auf die Wohnung und auf die Wohnsiedlung als vielmehr auf die Stadt geführt.

In den letzten fünfzig Jahren erzielen dabei Heideggers Gedanken immer wieder Resonanz.
Insbesondere schließt Bollnow 1963 in seinem Buch ,Mensch und Raum' an Heidegger an und versucht dabei über eine Analyse unterschiedlicher Raumverständnisse und der Räumlichkeit des menschlichen Lebens, Erkenntnisse ,für das wahre Wohnen' zu gewinnen.
Zum Verständnis von Bollnows Position ist es bereits sehr aussagekräftig, daß Heideggers Text ,Bauen Wohnen Denken' zum ersten Mal in der Mitte seines Buches zitiert wird, an einer Stelle, an der nach Aussagen über den grundsätzlichen Unterschied zwischen dem mathematischen und dem erlebten Raum, über das natürliche Achsensystem, über Horizont und Perspektive und über Weite, Fremde, Ferne, über Weg und Straße und Wanderpfad nun über das Haus und das Wohnen gesprochen wird.
Hier nun definiert Bollnow das Wohnen als „die Weise, wie der Mensch in seinem Hause lebt" (Bollnow 1963, S. 125) Er weitet dann zwar den Begriff des Wohnens aus und spricht davon, daß man auch eine Stadt bewohnen könne, daß man Wohnen als eine Grundverfassung des Menschen verstehen müsse. Trotzdem ist Wohnen für Bollnow keine ontologische, sondern eine anthropologische Grundverfassung, bei der es wesentlich darauf ankommt, die Geborgenheit eines Ortes zu begründen, Heimat zu finden.

„Um sich in der Welt erhalten und seine Aufgaben erfüllen zu können, braucht der Mensch einen Raum der Geborgenheit und des Friedens, in den er sich zurückziehen, in dem er sich entspannen und wieder zu sich selber kommen kann, wenn er sich im Kampf mit der Außenwelt aufgerieben hat ....
Nur als ein Wohnender, nur im Besitz eines Hauses, nur in der Verfügung über einen solchen von der Öffentlichkeit abgesonderten und ,privaten' Bereich kann der Mensch sein Wesen erfüllen und in vollem Umfang Mensch sein. Der Mensch braucht, um überhaupt leben zu können, einen solchen Bereich der Geborgenheit."
(ebenda, S. 136)

Bei Bollnow ist für das Haus die Umfriedung - die schützenden Mauern, das bergende Dach - wesentlich. Für Bollnow muß man zum Wohnen eine feste Stelle im Raum gewinnen, an die man gehört und in der man sich verwurzelt, an der man sich „im Boden festkrallt" (ebenda, S. 128)

Wohnraum müsse wohnlich sein, er müsse ein anheimelndes Wesen haben; Gemütlichkeit und Behaglichkeit müsse von ihm ausgehen. Deshalb könne ein Kirchenraum nicht wohnlich sein, er müsse vielmehr zur Andacht stimmen.
Bollnow wird sogar zum Einrichtungsberater, der in neun Punkten Ratschläge für die wohnliche Wohnung gibt, eine Wohnung müsse u. a. abgeschlossen sein, warm, hell und freundlich, mit Liebe gepflegt, weder zu große Ordnung noch Unordnung zeigen, die Möbelstücke müßten ebenfalls mit Liebe ausgesucht und gepflegt sein, nicht auf einmal gekauft, sondern Ausdruck einer Lebensgeschichte sein, Gebrauchsspuren besitzen, um dadurch Dauer und eine sichere Stetigkeit des Lebens zu demonstrieren. Wohnung müsse vor allem Ort einer Familie sein; die Wohnung eines Junggesellen könne niemals wohnlich sein, einem Witwer könne es niemals gelingen, die Wohnung wohnlich zu erhalten. „Die Gemeinsamkeit der einträchtig darin lebenden Familie gehört eben so sehr dazu wie die räumliche Umfriedung durch Mauern und Dach." (ebenda, S. 153)

Aus dieser Grundbestimmung analysiert Bollnow dann die Erlebensqualitäten und sozialpsychologischen Funktionen von baulichen Elementen und Einrichtungsstücken wie etwa Türen, Fenster und Tische und von bestimmten Situationen und Handlungskomplexen, wie etwa des Im-Bett-Liegens oder des Aufwachens.

„Wir beginnen mit der Tür. Die eine Grundbestimmung der Tür ergibt sich aus dem, was man ihren semipermeablen, d. h. ihren nur halb durchlässigen Charakter nennen könnte. ... Der ins Haus Gehörige kann frei durch sie ein- und ausgehen, und zur Freiheit des Wohnens gehört es, daß er die von innen verschlossene Tür jederzeit öffnen und frei hindurchgehen kann, während der Fremde ausgeschlossen ist und erst besonders hereingelassen werden muß. ... Wer aber selber seine Tür verschließt, der bewahrt seine Freiheit in einer besonderen Weise; denn er behält die Möglichkeit, die Tür auch jederzeit, wenn es ihm paßt, wieder zu öffnen ... und der Mensch gewinnt eine innere Unabhängigkeit, indem er sein Haus vor dem anderen Menschen verschließen ... kann." (ebenda, S. 155)

Bollnow schreibt ausführlich über Raum und kommt erst zum Ende seines Buches wieder zum Wohnen. Trotz der von ihm herangezogenen Hilfe durch Merleau-Ponty, mit dem er die leibliche Vermitteltheit des Raumes herausstellt, bleibt das Wohnen für ihn „eine besondere Innigkeit des Verhältnisses ..., mit der etwas Seelisches oder Geistiges in etwas Räumliches gewissermaßen eingeschmolzen ist." (ebenda, S. 281)

Während es Heidegger darum geht, daß der Mensch wohnt, geht es Bollnow darum, wie er zu wohnen habe. Wohnen ist für Bollnow eine alltägliche Aktivität, die sich an den sozialpsychologischen Bedürfnissen eines anthropologisch festgestellten Menschen zu orientieren habe.
Bollnow versteht den Menschen als gegebene Entität, der sich in der Architektur und im Wohnen selbst zu finden habe und nicht etwa als fragilen, ephemeren und transitorischen Entwurf seiner selbst, der seine anthropologischen Gegebenheiten überwinden kann und überwinden sollte. Bollnow hat in seiner Anthropologie ein festes Menschenbild, das letztlich von den sozial engagierten Philanthropen gegen Ende des 19. Jahrhunderts stammt. Dabei sieht er den Menschen auch als soziales Wesen; dessen Sozialität ist für Bollnow aber nun auch nicht Kompetenz der Gestaltung sozialer Beziehungen, sondern soziale Selbstaufsuchung zur bürgerlichen Kleinfamilie. Mit Bollnow wird Heidegger reaktionär.
Für Heidegger ist es der Friede (der mit Freiheit assoziiert ist) der bei der Umfriedung als eine Markierung eines Bereiches, in dem der Friede gilt, angezielt wird; für Bollnow ist die Umfriedung eine Ausgrenzung gegen den bösen Anderen.

 

,Bauen Wohnen Denken' als Metaphysik der Architektur

Martin Heidegger bezieht sich in seinem Text ,Bauen Wohnen Denken' nicht nur auf das Wohnen des Menschen als die Grundbestimmung seines Seins, er versucht zudem, die vierfältigen ontologischen Bestimmungen des Wohnens zu erläutern.
Diese Untersuchungen in Heideggers Text wurden in den vergangenen Jahrzehnten gerne von Architekturphänomenologen zum Fundament von Gegenpositionen zu Postmoderne und Dekonstruktivismus (gemeint sind hier die Architekturrichtungen) genommen. Diesen ist Distanz als Grundhaltung zum Gegebenen, zum Seienden oder zum Sein gemeinsam. Die Phänomenologen implizieren hingegen ein Engagement ins Sein, gehen von der Möglichkeit von Wahrheit aus und suchen nach ihr.
Mit dem Altwerden von Postmoderne und Dekonstruktivismus in den letzten Jahren wird Heidegger nun zur modernen Alternative; man wendet sich einer Architekturphänomenologie zu.

Zu den frühen Phänomenologen gehört Christian Norberg-Schulz, der in den siebziger und achtziger Jahren mit seinen Veröffentlichungen versuchte, Heideggers Gedanken zum architektonischen Raum zu explizieren, anzuwenden und umzusetzen. Zugleich beanspruchte Norberg-Schulz, eine Phänomenologie der Architektur zu entwickeln. Er stieß – wie die schnellen Übersetzungen ins Englische und Deutsche und die ständigen Referenzen auf ihn belegen - auf eine große Resonanz und prägte so auch das Verständnis von Heidegger und seinem Text ,Bauen Wohnen Denken'.
In der sehr einflußreichen Theorie und Analyse des ,Genius loci' entwickelt Norberg-Schulz seine von ihm als phänomenologisch verstandenen Position in zwei Teilen, in einer Theorie und Typologie der Orte und in einer Darstellung und ästhetischen Analyse von drei Städten (Prag, Khartum und Rom). Dabei bezieht er sich vor allem auf Heideggers Text ,Bauen Wohnen Denken'.

Ein Ort ist für Norberg-Schulz immer eine „Totalität aus konkreten Dingen mit materieller Substanz, Form, Oberfläche und Farbe" ein Ort ist immer ein qualitatives ,Gesamt-Phänomen', das Norberg-Schulz auch als ,Atmosphäre' oder als ,Charakter' bezeichnet (Norberg-Schulz 1979(a),
S. 6)
Norberg-Schulz setzt sich dezidiert vom mathematisch verstandenen Raum als Begriff für ,Landschaft’ und ,Ort’ ab und befürwortet eine - wie er es nennt - phänomenale Sicht. Ihm zufolge werden Räume von einer jeweiligen Mitte her konstituiert und erhalten dann Richtung und Rhythmus durch topografische und architektonische Elemente. Der Raum werde so zu einer ,Gestalt', die nach den ,Gestaltprinzipien' der ,Gestalttheorie' organisiert werden müsse. Bestehe oder entstehe ein Gestaltphänomen, so existiere ein Charakter, ein ,Genius loci'.

Der ,Genius loci' ist für Norberg-Schulz eher eine ,geistige Identität’. Die Struktur der Orte könne sich verändern, dies führe nicht notgedrungen auch zur Veränderung des genius loci (ebenda, S. 18); er könne während einer sehr langen historischen Zeitspanne auch unverändert bleiben.
Identifizierung könne nicht ohne eine Identität des Ortes geschehen: „Personale Identität setzt Identität des Ortes voraus, Identifikation und Orientierung sind Grundaspekte des menschlichen In-der-Welt-Seins." (ebenda, S. 22) In der Architektur müsse auf den ,Ruf' des Ortes gehört werden; „damit schonen wir die Erde und werden selbst Teil einer umfassenden Totalität". (ebenda, S. 23)

Norberg-Schulz unterteilt in die natürlichen und in die artifiziellen Orte.

Für den natürlichen Ort gibt es zwei Weisen des Naturverstehens: Magie und Kosmos.

Die magische Sicht, als In-Beziehung-Setzen von Kräften zu Dingen, erkläre die Entstehung der Natur als Zeugung in der Hochzeit von Himmel (Uranos) und Erde (Gaia) und Ausdifferenzierung in der Geburt zu Bergen, Wasser und Vegetation. Die Berge bildeten Mittelpunkte, das heißt sie geben Orientierung, das Wasser sei eine dynamische chthonische Kraft, die Identität verleihe, also Charakter herausbilde. Die Vegetation sei eine Manifestation der Vitalität. Die Abstraktion einer systematischen kosmischen Ordnung (ebenda, S. 28) lasse eine geordnete Welt mit vier Himmelsrichtungen, einer Himmelsachse (Irminsul) entstehen. Hier ergänze menschliche Vernunft die Magie.

Der Geist des natürlichen Ortes wird in drei Klassen aufgeteilt:

  • In der romantischen Landschaft seien die ursprünglichen Kräfte spürbar, komplex, Wohnen heiße, daß der Mensch sich in die individuelle, veränderbare Natur begebe.
  • In der kosmischen Landschaft gebe es endlose Weite, sie sei in ihren monotonen Abläufen Manifestation einer absoluten, ewigen Ordnung. Es bildeten sich keine Orte heraus, sondern vielmehr ein durchgängig neutraler Grund. Wohnen heiße, sich auf den Kosmos zu beziehen.
  • Die klassische Landschaft, etwa in Griechenland und Rom, habe eine verstehbare Anordnung unterschiedlicher Elemente und klar begrenzte natürliche, vorstellbare Räume. Sie bilde eine sinnvolle Ordnung selbständiger einzelner Orte, Wohnen heiße, daß der Mensch der Natur als gleichrangiger Partner gegenüberstehe, die Natur sei eine freundliche Ergänzung seiner selbst.
  • Zudem gäbe es noch eine Mischform, die ,komplexe Landschaft’

Der artifizielle Ort wird ebenfalls in diese drei Kategorien unterteilt.

  • Dabei handele es sich um romantische Architektur, wenn Fülle und Vielfalt realisiert seien. Sie sei irrational und subjektiv, phantastisch und geheimnisvoll, sei - wie sich zum Beispiel in der mittelalterlichen Architektur zeigt, eher topologisch als geometrisch (ebenda, S. 69).
  • Die kosmische Architektur sei gleichförmig und absolut geordnet. Sie enthalte ein integriertes logisches System, könne aber auch labyrinthischer Raum sein (Kasbah), wie in der islamischen Architektur.
  • Die klassische Architektur wiederum habe eine vorstellbare, gestaltete Ordnung. Sie zu verstehen, bedürfe es der Einfühlung. Jedes Element habe eine eigene Persönlichkeit. Sie sei weder statisch noch dynamisch, sondern organisch. Es gebe kein allgemeines System, deshalb könne man sie als demokratische Architektur verstehen.
  • Auch hier gebe es eine komplexe Architektur, die Norberg-Schulz in der Kathedrale sieht.

Betrachtet und analysiert man jedoch die vielen von Norberg-Schulz abgebildeten Photographien, so stellt man fest, daß der ,Genius loci' eine Produktion des fotografischen Blickens ist; er entsteht unter den Bedingungen der ästhetischen Möglichkeiten einer zweidimensionalen Fläche und in bezug auf einen Standpunkt des Photographen. Jeder andere Standpunkt, jeder andere Blick, jedes andere Bildformat verfehlt den ,Genius loci' oder konstituiert einen ganz anderen.

Der ,Genius loci' ist für Norberg-Schulz ein ,Phänomen', das eher in der Abwesenheit der Menschen zu entstehen scheint, als durch seine Anwesenheit oder gar durch sein Handeln in der Landschaft. Mit dieser Entmenschlichung des Raumes und der Architektur geht deren Entgeschichtlichung und Entgesellschaftlichung überein.

In seinem an prominenter Stelle (,Oppositions‘) veröffentlichten Aufsatz über ,Kahn, Heidegger and the Language of Architecture' (1979(b)) wirkt Norberg-Schulz unmittelbar auf den Architekturdiskurs ein und bestimmt in starkem Maße in diesem Kreis das amerikanische Verständnis von Heidegger.
Er äußert eingangs wiederum seine Kritik am ,Funktionalismus', an den neueren ,Design-Methoden' und an den ,technologischen Prozessen', die eine große Konfusion erzeugt hätten, aus der Kahn und Heidegger, die sich beide in ihren Auffassungen über Architektur sehr nahe wären, heraushelfen könnten. Im Gegensatz zum Funktionalismus gehe es Kahn und Heidegger um die Erfassung des Wesens, aus dem sie das Konkrete ableiten wollten.
Hierbei übersieht Norberg-Schulz aber völlig, daß es gerade eines der Ziele der modernen Architektur und des Funktionalismus der Zwanziger Jahre gewesen ist (ich verweise hier insbesondere auf die Schriften von Walter Gropius und Bruno Taut), Handlungskomplexe im Alltag auf ihr Wesen hin zu analysieren und diese dann in der Architektur zu verwirklichen, um ein gelungenes Alltagsleben zu garantieren.
So wie Norberg-Schulz Kahn darstellt, so unterstellt dieser ein essentielles Sein eines Dinges, das seiner baulichen Formung vorhergehe, eine innere Form, eine ,Pre-form', was er später auch als ,Schweigen' bezeichnet, das einen Willen zur Existenz besitze; durch das Design werde diese innere Form in eine äußere Form übersetzt. Ein Gegenstand beanspruche, sich als sein Wesen zu verwirklichen, „a rose wants to be a rose" (ebenda, S. 29)

Eine wichtige Rolle spielen bei Kahn ,Institutionen', worunter er strukturelle Typologien überhistorischer ,Inspirationen' versteht, wie etwa das Lernen, das Leben, das Arbeiten, das Sichtreffen, das Fragen oder das Sichausdrücken. Für die Bestrebung ,Lernen' ist die Institution ,Schule' ein solcher struktureller Typ, sie ist ein ,eigenes Reich von Räumen, wo man gut lernen kann'. Diese Institution hat man etwa in der Antike architektonisch in einem speziellen Bereich unter einem bestimmten Baum, in der Neuzeit mit einem Schulgebäude umgesetzt. ,Institutionen' seien das Haus der ,Inspirationen'.
,Inspirationen' sind in gewisser Weise Resonanzen des essentiellen Seins der Dinge, ihres ,Schweigens'; sie werden sprachlich und ästhetisch mit ,Licht' gleichgesetzt. ,Inspirationen' drängen zur Präsenz in Architektur.
Norberg-Schulz sieht Kahn als Platoniker, insofern es ihm um das Wesen gehe, dem er die Existenz unterordne, zugleich aber auch als Phänomenologe, da er die Wesen nicht metaphysisch, sondern intraphysisch verstehe, worin er dann auch eine direkte Beziehung zu Heidegger sieht:

„Kahn's philosophy evidently has Platonic origins. Thus he talks about form in the Platonic sense of idea, and he considers art a result of the will to „express." He even uses the word „shadow" in connection with the concrete things of the world, as did Plato in his Allegory of the Cave. Kahn also subordinates the existentia to the essentia, and thus thinks within the tradition of Western metaphysics. Being a practicing architect, however, Kahn did not seek to become involved in a philosophical pursuit of perfect forms, elevating them from the imperfections of the everyday world. Rather he wanted to discover or reveal the essentia directly. Thus he really returned to the „beginning." Moreover he defined the essentia in terms of human inspirations and institutions possessing order. Rather than separating the essentia from the existentia he instead conceived the world as an integrated whole. The essentia do not belong to a realm of their own, but are the basic structures of the one and only world. His illustrations of the notion of „beginning" clearly prove that. The man under the tree represents an existential situation and not an inconceivable idea. It is however distinguished by being of „essential" importance. Kahn thus takes the total Being-in-the-world as his point of departure, and defines our human task as the uncovering of its structure. Thereby he indeed comes close to the philosophy of Heidegger, who was also deeply concerned with „beginnings."" (ebenda, S. 35)

Die Nähe Kahns zu Heidegger macht Norberg-Schulz an Heideggers Tempel-Beispiel (Kunstwerkaufsatz) deutlich: der Tempel versammle und verkörpere Wahrheit.

„We are brought back to reality from our inauthentic everyday world, or rather, through this everyday world. Thus we understand that Heidegger in his philosophy does not fly above the earth in order to escape it. We also understand that poetry (in all its forms) is what makes human existence meaningful. And meaning is the fundamental human need." (ebenda, S. 41)

Seine eigene Theorie des ,Genius loci' und Kahns Architekturverständnis sind in Norberg-Schulzes Verständnis identisch mit Heideggers Standpunkt zu Raum, Sein-in-der-Welt und zum Sein des Seienden. In der kurzen Zusammenfassung und den wenigen Zitatstellen wird – glaube ich – deutlich, daß damit in Bezug auf den ,Genius loci' eine Spiritualisierung und Subjektivierung und in Bezug auf Kahn eine Ontologisierung Heideggers vorgenommen wird. Norberg-Schulz konstituiert - vermeintlich mit Heidegger - eine höhere wahre Ebene von Sinn und wesenhafter Bedeutung. Für phänomenologisch hält er diese Ebene, da sie nicht apriori sondern aposteriori metaphysisch ist.

Das ,Darmstädter Gespräch' war eine Veranstaltung für Architekten. An dem Diskurs nahmen keine Nutzer und nur zwei Geisteswissenschaftler teil. Alfred Weber äußerte sich kurz zu Heideggers Vortrag, wurde dann aber vom Architekten Hermann Mäckler sofort vorgeführt, weil jener das UNO–Gebäude, das Weber als Beispiel in seinem Diskussionsbeitrag anführte, nicht persönlich gesehen habe; Weber gesteht dies öffentlich als seine Schuld zu und zieht sich sofort aus der Diskussion zurück.
Der zweite Geisteswissenschaftler, Dolf Sternberger (siehe dazu auch den Beitrag von Karsten Harries in dem hier vorliegenden Band), äußert sich zum Verständnis von Heimat – nicht nur bei Heidegger, sondern in allen Vorträgen und Diskussionsbeiträgen – und macht deutlich, daß Heimat wesentlich mit Mobilität verbunden ist, worin ihn Egon Eiermann dann später indirekt unterstützt. Zugleich aber veralltäglicht Sternberger dabei aber auch – ganz im Gegensatz zu Heideggers ontologischer Bestimmung - den Begriff des Wohnens; er verfährt wie die Architekten mit Heidegger und transportiert ihn aus der Philosophie in sein eigenes Wissenschaftsfeld.

Inzwischen gibt es von Philosophen und Geisteswissenschaftlern eine sehr umfangreiche Sekundärliteratur zu Heidegger, dabei auch umfangreiche Auseinandersetzungen mit seinem Kunstwerkaufsatz. Der Text ,Bauen Wohnen Denken' wird aber gemieden. Dies hat meines Erachtens – wie das oben angesprochene Weber–Mäckler-Ereignis zeigt - damit zu tun, daß sich in der Bildenden Kunst Philosophen und Geisteswissenschaftler eher kompetent fühlen. Ein Bild nicht im Original gesehen zu haben und es nicht herstellen zu können, führt nicht zum Rückzug aus dem Nachdenken über Kunst; hier zählt das visuelle Phänomen und das Denkenkönnen.
Demgegenüber akzeptiert der Philosoph in der Architektur sehr schnell den Vorwurf des Dilettantismus. Einerseits ist dies sicherlich richtig, da man Gebäude im baulichen Umfeld rezipieren, also besichtigt haben muß, um sachgerecht darüber nachzudenken, wobei Fachexkursionen und Baubesichtigungen nicht so sehr zum Alltagsgeschäft eines Philosophen gehören. Zudem sind die technischen, planungsmethodischen und baurechtlichen Erfordernisse tatsächlich sehr viel komplizierter als in der Malerei.
Andererseits zieht er sich auch vorschnell zurück, wobei er selber den Fehler macht, unhinterfragt die Architekten- und damit die Produzentenperspektive auf die Architektur einzunehmen – und hier natürlich nicht kompetent ist - und nicht die Rezipientenperspektive, in der er so kompetent sein könnte, wie ein Architekt.

Auf der anderen Seite hat Heidegger es den Architekten, vor denen er einen Vortrag über ,Bauen Wohnen Denken' hielt, auch nicht gerade einfach gemacht. Dies führt dazu, daß Architekten und Architekturspezialisten Heideggers Text selten, bisweilen nur in Auszügen und nicht immer selber lesen. Man sieht sich als Architekt zudem ständig Vorwürfen von Geisteswissenschaftlern ausgesetzt, die dem Nichtphilosophen vorwerfen, daß man ihn so nicht lesen könne und ihn wohl nicht richtig verstehe, da man den Text im Zusammenhang mit ,Sein und Zeit' und im Zusammenhang mit Heideggers Auseinandersetzung mit der Philosophiegeschichte zu interpretieren habe.
Dies ist ein hermeneutisches Problem, wobei aber festgehalten werden muß, daß Heidegger den Vortrag ,Bauen Wohnen Denken' vor Architekten und also auch für Architekten hielt.

Insgesamt ist der Zugang zu Heideggers Text ,Bauen Wohnen Denken' also wegen seiner Zwischenstellung zwischen Philosophie und Architektur und wegen der Probleme, die die beiden Disziplinen sich gegenseitig machen, nicht einfach.

In den hier vorliegenden Beiträgen soll er aber versucht werden. Dabei bestehen Fragen:

  • ob wir überhaupt noch einen neutralen und ungebrochenen Blick auf Heideggers Text haben können,
  • ob Heideggers Aussagen zum Wesen von Bauen und Wohnen als Grundbestimmungen menschlichen Seins überhaupt etwas mit dem architektonischen Verständnis des alltäglichen Wohnens und Bauens, mit Gebäuden und Wohnungen zu tun hat und wenn ja, inwieweit,
  • ob es richtig ist, den Text als Plädoyer gegen den Funktionalismus, für ein poetisches Verständnis der gebauten Umwelt, für ein topo-ästhetisches Verständnis von Raum und Landschaft oder für eine Feier des Materials zu lesen,
  • ob Heideggers Text ,Bauen Wohnen Denken' tatsächlich als Grundlegung einer Theorie der Architektur zu verstehen ist, oder ob dies nicht ein fundamentales Mißverständnis ist[2],
  • ob man Heideggers Text zu einer Phänomenologie der Architektur weiterentwickeln kann,
  • inwieweit – wenn es denn Phänomenologien der Architektur gibt – sie tatsächlich auf Heidegger basieren und inwieweit sie durch einen vorgeblichen Bezug auf Heidegger dessen tatsächliche Erkenntnisse und Aussagen verdecken und oder gar unzugänglich machen,ob das, was sich als Phänomenologie der Architektur versteht oder verstanden wird, tatsächlich so homogen ist, daß man von einer einzigen Phänomenologie der Architektur sprechen kann.

Anmerkungen

[1] English translation:
     www.tu-cottbus.de/theoriederarchitektur/Lehrstuhl/engl/fuehr/BWD1.html

[2] Gethmann-Siefert zeigt dies für die Beziehung der Kunstgeschichte auf Heideggers Kunstbegriff auf, bei der sie sogar von einer ‚kunstwissenschaftlichen Verballhornung‘ (Gethmann-Siefert 1988, S. 260) spricht.

 


Literaturverzeichnis

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Gaston Bachelard; La poétique de la rêverie; Paris 1960

Gaston Bachelard; La flamme d'une chandelle; Paris 1961 (zitiert aus deutscher Übersetzung: Die Flamme einer Kerze; München/Wien 1988)

Otto Friedrich Bollnow; Mensch und Raum; Stuttgart 1963 (zitiert aus der 5. Aufl. 1984)

Ulrich Conrads; Präsenz des Erinnerten; in: Mensch und Raum. Das Darmstädter Gespräch 1951; Neuausgabe hg. von Ulrich Conrads und Peter Neitzke; Braunschweig 1991

Annemarie Gethmann-Siefert (Hg.); Heidegger und die praktische Philosophie; Frankfurt am Main1988

Wolf Lepenies; Vergangenheit und Zukunft der Wissenschaftsgeschichte. Das Werk Gaston Bachelards; in: Gaston Bachelard; Die Bildung des Geistes. Beitrag zu einer Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis (Übersetzt von Michael Bischoff); Frankfurt am Main 1978, S. 7 – 34

Alexander Mitscherlich; Die Unwirtlichkeit der Städte; Frankfurt am Main 1965

Christian Norberg-Schulz; Significato nell'architettura occidentale; Milano 1974 (English translation 1975)

Christian Norberg-Schulz; Genius loci – paesaggio, ambiente, architettura; Milano 1979(a) (English translation 1980, deutsche Übersetzung 1982)

Christian Norberg-Schulz; Kahn, Heidegger and the Language of Architecture; in: Oppositions, 18; 1979(b)

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Florian Rötzer; Die Melancholie eines Aufklärers. Bemerkungen zu Bachelards pluraler Philosophie; in: Die Flamme einer Kerze (Aus dem Französischen v. Gloria von Wroblewski); München/Wien 1988; S. 109 – 130

Wolf Jobst Siedler, Elisabeth Niggemeyer; Die gemordete Stadt; Berlin 1961

Bruno Taut; Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin; Leipzig 1924