Eduard Führ

Über die Kultur der Architekten und Ingenieure

im ‘Dritten’ Deutschen Reich

 

"Auf der Rückfahrt nach Berlin führte mich Hanke, Gauleiter in Breslau, durch das alte Gebäude des Oberpräsidiums, das einst von Langhans erbaut und erst kürzlich renoviert worden war. ‘Nie werden die Russen das hier bekommen’, beharrte er pathetisch, ‘lieber brenne ich es nieder!’ Ich erhob Einwände, aber Hanke beharrte. Ihm war ganz Breslau gleichgültig, falls es dem Gegner in die Hände fiel. Doch schließlich gelang es mir, ihn von der kunsthistorischen Bedeutung zumindest dieses Baues zu überzeugen und ihm seinen Vandalismus auszureden."

(Speer, Erinnerungen 1971, S. 430)

Vorbemerkung

Die in dem Zitat ausgedrückte Haltung äußert sich oft bei Speer; und er steht mit dieser Hochschätzung von Kunst und ‘Kultur’ nicht allein. In vielen Erinnerungen von leitenden Architekten, Ingenieuren und Militärs findet sie sich; die ‘Plassenburg’ verkörpert diese Einstellung (siehe Abbildung am Ende des Textes). Und es spricht viel dafür, daß diese Haltung nicht nur eine legitimatorische Ehrenrettung unter den Anklagen der Nachkriegszeit war, sondern tatsächlich der Mentalität und Haltung der Personen während ihrer Beteiligung an Krieg, Ausrottung und Unterdrückung entsprach.

Aber da kann doch etwas nicht stimmen, wenn man Kunst rettet, aber das nationalsozialistische System der Menschenvernichtung mitträgt, wenn man sich aus kulturellen Gründen für ein Langhans - Gebäude einsetzt und gleichzeitig industriell einen Weltkrieg organisiert.

Was hatten Architekten und Ingenieure für einen Kulturbegriff zur Zeit des ‘Dritten’ Deutschen Reiches?

 

0. Einleitung
Man muß festhalten, daß es seit der letzten Jahrhunderwende unterschiedliche Bestrebungen gab, die Berufe des Architekten und des Ingenieurs zu bestimmen und staatlich abzusichern. Dazu wurden immer wieder neue Konzepte ventiliert, ohne daß es zu einer letztgültigen, gesetzlichen Regelung kam.

Erst in den ersten Jahren des "Dritten" Deutschen Reiches kam es zu einer Festigung des Berufsbildes und zu einer Institutionalisierung. Der Moment allein hatte keine inhaltlichen Zusammenhänge mit der ‘Machtergreifung’ des Nationalsozialismus, sondern war zuerst einmal bloße Koinzidenz, die aber dann den Nationalsozialisten die Gelegenheit gab, die Berufsbilder zu definieren.

 

I. Entwicklung der Berufe im Dritten Reich
1. Der Architekt
1.1. Vom ‘freien’ Architekten zum ‘Freien Mitarbeiter’
In der Zeit des "Dritten" Deutschen Reiches veränderte sich die Praxis der ‘freien’, privaten Architekten. Die privaten Aufträge gingen in der Anzahl sehr stark zurück und die Anforderungen aus den öffentlichen Aufträge veränderten sich grundlegend.

Dies wiederum hat mit der Gleichschaltung der Ämter und Wohnungsbaugesellschaften zu tun, aber vor allem auch mit der Einrichtung von direkt Hitler unterstellten und mit großer persönlicher Macht ausgestatteter Sonderbehörden wie etwa der des Generalbauinspektors (GBI) oder der Einsetzung von einzelnen Personen wie Rimpl oder Koller als Alleinverantwortlichen für große Bauaufgaben, wie etwa dem Bau von Salzgitter und Wolfsburg.

Die vielen Regelungen und Verordnungen der Weimarer Republik waren mehr oder weniger aufgehoben, subjektive Willkür und persönlicher Geschmack eines Einzelnen wurden zum Maßstab. Handlungsrationalität war nicht mehr die eine hohe Verhaltensicherheit gewährende strukturelle Ordnung, sondern ein diskontinuierliches Handeln nach einzelnen Maßnahmen.

Die privaten Architekten wurden eingebunden und waren letztlich nur noch so etwas wie ‘Freie Mitarbeiter’, arbeiteten also in voller Abhängigkeit, aber auf eigenes Risiko.

Darüber hinaus gab es eine Fülle von Gesetzen, wie das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (7. 4. 33; RGBl I, 175) oder das 'Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen' (25. 4. 33; RGBl I, 225), mit denen vor allem politisch mißliebige oder rassistisch definierte Personen aus den Berufen entlassen oder vom Studium ausgeschlossen werden konnten. Sie wurden eingesetzt, um zu bestimmen, wer Architekten oder Ingenieurs sein durfte und wie der Beruf inhaltlich zu verstehen sei.

Mit diesen und weiteren Veränderungen wurde erreicht, daß Entscheidungsträger, Institutionen und Gruppierungen in das neu entstandene Machtgefüge, das aus einem staatstheoretisch äußerst problematischen Konglomerat von Staat, NSDAP und Führerwille bestand, eingefügt, somit ‘gleichgeschaltet’ und beherrschbar und für ideologische Indoktrinationen offen wurden.

1.2. Gleichschaltung der Berufsverbände
Der erste Schritt war die Gründung ideologisch orientierter Berufsverbände.
- Im Sommer 1931 wurde der 'Kampfbund Deutscher Architekten und Ingenieure' (KDAI) als Teil des 'Kampfbundes für deutsche Kultur' (KdfK) durch Feder, Lawaczeck und Schultze-Naumburg gegründet. Er sammelte Architekten und Ingenieure von außerhalb der Partei. Er war offensichtlich attraktiv, da er 1932 schon 2.000 Mitglieder (Ludwig 1974, S. 91) hatte.
- Im November 1931 wurde innerhalb der Partei eine 'Ingenieur-Technische Abteilung' (I.T.A.) mit entsprechenden Abteilungen in den Gauleitungen eingerichtet. Die I.T.A. sollte ein zukünftiges Technikverständnis entwickeln.

Nach der Machtübernahme schalteten dann die Nationalsozialisten die traditionellen, teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammenden Berufsverbände (BDA, Werkbund) zuerst gleich und integrierten sie dann in die nationalsozialistischen Verbände. Dabei hat nicht jeder Verband eine gute Figur gemacht. Der Werkbund etwa beschloß - wahrscheinlich um einer völligen Marginalisierung zu entgehen - einmütig nur mit den Gegenstimmen von Gropius, Wagner und Wagenfeld eine Eingliederung und zugleich den Ausschluß seiner von den Nationalsozialisten als ‘Nichtarisch’ klassifizierten deutschen Mitglieder.

Ludwig (1974) spricht hier von einer ‘Politisierung’ der Berufsverbände; ich würde mich diesem Begriff nicht anschließen, da der Begriff ‘Politisierung’ ja meint, daß Betroffene zur Erkenntnis ihrer Lage und zur Abschätzung der zukünftigen Entwicklungen des Staatswesens Diskurse über das politische Geschehen führen. Genau das war gerade nicht mehr der Fall. Vielmehr ging es um eine Indoktrination mit einer nicht mehr zu diskutierenden parteipolitischen Ideologie; deshalb würde ich besser von ‘Ideologisierung’ sprechen.

 

1.3. Der Architekt wird (Staats-)Künstler
Die Architekten erhielten eine Kammerzugehörigkeit und wurden in die Reichskulturkammer eingegliedert. Die Einrichtung von Kammern war seit dem 19. Jahrhundert auch Forderung eines Teils der traditionellen Architektenverbände gewesenen. Sie entsprach aber auch dem ständischen Denken der NSDAP, die schon 1920 in Punkt 25 ihres Parteiprogramms die Einrichtung von Stände- und Berufskammern gefordert hatte.

Diese berufliche Definition war aber 1933/34 nicht ohne innere Machtkämpfe abgegangen, die für uns interessant sind.
Und zwar wollte einmal Robert Ley mit seiner Deutschen Arbeitsfront (DAF), die Mitte Mai 1933 als Ersatz für die von den Nationalsozialisten zerschlagenen Gewerkschaften gegründet worden war, die Architekten in seiner Organisation haben (BA R 43 II/1244 Bl 107ff). Zugleich aber wollte auch Alfred Rosenberg, der selbst Architekt war und 1929 den ‘Kampfbund für deutsche Kultur’ (KfdK) gegründet hatte, die Architekten ausschließlich in dem ihm zugeordneten 'Kampfbund Deutscher Architekten und Ingenieure' (KDAI) zugeordnet wissen. Und schließlich wollte Goebbels die Architekten in seine Reichskulturkammer eingliedern.

Für die Architekten bedeutete dies, entweder als Arbeiter (der Stirn), als kulturpolitischer Kämpfer oder als Staatskünstler definiert zu werden.
Die Entscheidung traf Adolf Hitler; er unterstützte die Eingliederung der Architekten in das Reichspropagandaministerium und damit in die Reichskulturkammern; er traf also eine Entscheidung für die Architekten als Träger einer Staatskultur.
Faktisch war die Reichskulturkammer ein Instrument, die Aufgaben des neuen Reichsministeriums umzusetzen. Denn der Präsident der Reichskulturkammer war der ‘Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda’, also Goebbels selbst (Paragr. 11 Durchführungsverordnung vom 1. 11. 33). Goebbels war aber auch zugleich Reichspropagandaleiter der NSDAP.

In § 10 der DurchfüVO wurde von der aufzunehmenden Person zwar Eignung und Zuverlässigkeit verlangt, eine Eignungsprüfung zur Aufnahme wurde jedoch nicht durchgeführt. Am 29. 11. 35 erließ der Präsident der Reichskulturkammer sogar ein Eignungsprüfungsverbot (siehe Schrieber, Metten, Collatz RKK II 6 S. 8), da " Neid oder Eifersucht .. allzuleicht doch einmal ein kommendes Genie .. ausschließen" (zit nach Faustmann 1990, S. 98) könnten.

Das Kriterium 'Zuverlässigkeit' wurde jedoch genutzt, eine ideologisch orientierte Auswahl zu treffen. Es gab ein Zulassungsverfahren, durch das von den Nationalsozialisten als ‘Juden’ und ‘Baubolschewisten’ verstandene Architekten ausgeschlossen waren.

Mit der 'Ersten Anordnung betr. den Schutz des Berufes und die Berufsausübung der Architekten' vom 28. 9. 1934 wird dann zum ersten Mal von staatlicher Seite definiert, daß ein Architekt eine Diplomprüfung an einer Technischen Hochschule absolviert haben müsse, daß er in der Kammer sein müsse und daß er - in Abgrenzung zum Bauingenieur - im Wesentlichen ein Baukünstler sei.

Baukunst besteht im wesentlichen in einer anständigen deutschen Baugesinnung, einer werkgerechte Durchbildung und einer Anpassung an die Umgebung (siehe etwa die Verordnung über Baugestaltung vom 10. 11. 1936, abgedruckt etwa bei Teut 1967, S. 105f), womit entweder pseudoklassizistischer Stil oder pseudomittelalterliche Typologie oder simple Harmonie und Proportion gemeint waren. Kunstbegiffe des 19. oder 20. Jahrhunderts, wie sie etwa in der Romantik bei Schlegel oder Adam Müller oder im Impressionismus entwickelt worden waren, wurden nicht aufgenommen; und natürlich schon mal gar nicht konstruktivistische oder surrealistische Verständnisse.

 

2. Der Ingenieur
2.1. ‘Ingenieur’ als (staats-)politischer Beruf
Die berufliche Definition und die strukturelle Eingliederung der technischen Berufe verlief völlig anders.
Zur Berufspraxis muß man sagen, daß die Ingenieure nach dem 1. Weltkrieg vor allem in angestellten Funktionen (Firmen, staatlichen Institutionen, Militär) arbeiteten. Die ursprüngliche Möglichkeit für einen Ingenieur, mit einer Erfindung einen Betrieb aufzumachen, war aus dem Stand der Technologie selbst, nämlich der Erfordernis von komplexen Industrien und großem Kapitaleinsatz nicht mehr gegeben. Die Ingenieure litten an diesem Wertverlust; hier nur ein Beispiel; die Beschwerde eines Truppeningenieurs vom Dez. 1938:

"Als Heeresbeamte zweitklassig gegenüber Offizieren, Ärzten, Veterinären und Musikmeistern:
1.) Keine Befehlsgewalt ...
2.) Keine Disziplinargewalt
3.) Ehrenbezeugungen wie für Unteroffiziere; Aufstellung hinter dem jüngsten Offizier
4.) Durch grüne Durchflechtung entwertete Achselstücke. Keine Feldbinde. Dauernde Bedrohung mit weiterer Brandmarkung der Uniform
5.) Viel schlechtere Beförderungsmöglichkeiten...
6.) ...
7.) Viel schlechtere Bezahlung, trotz Studium...
8.) Keinerlei Rechte im Kasino.
9.) Gesellschaftliche Minderbewertung, auch der Familien.
10.) Übergehung bei allen offiziellen Gelegenheiten....

Folgen:
1.)Jeder Rekrut bekommt vernichtenden Eindruck vom Wert des Ingenieurs
..."

(BA Koblenz NS 14 Nr 15 Heft 1)

So gab es 1933 eine Auseinandersetzung um die Zuordnung von Architekten und Ingenieuren vor allem zwischen Rosenbergs ‘Kampfbund’ und der ‘Deutschen Arbeitsfront’ (Ley) als Nachfolgeorganisation der Gewerkschaften.

Auch in diesem Streit zeigen sich zwei grundsätzliche Ansätze zur Definition des Ingenieurs:
Im KDAI wären sie zu einem Teil der Volksbewegung, zu einer außerstaatlichen Kampfgruppe gezählt worden, der ‘Ingenieur’ wäre keine öffentliche Berufsbezeichnung, sondern ein Mitglied einer elitären parteiideologisch orientierten Gruppe.
Auf der einen Seite wäre der ‘Ingenieur’ als Beruf verstanden, aber gleichgesetzt mit allen arbeitenden Menschen. Sie wären in eine halbstaatliche Institution unter Negation aller Privilegien eingegliedert.

Zuerst setzte sich Ley durch, der Techniker wurde somit als normaler Beruf definiert. Sehr bald jedoch (im Mai 1934) bildete Heß zusätzlich ein 'Amt für Technik' innerhalb der NSDAP, womit er die Techniker nun doch direkt in die Partei einband und ihnen eine politische Funktion gab.
In der Folge wurde der KDAI aufgelöst und dessen Mitglieder in den 'Nationalsozialistischen Bund Deutscher Technik' (NSBDT) eingegliedert, welcher der Stabsleitung der NSDAP unterstand.
Mit Todt an der Spitze gelang es, den NSBDT zu stärken und zu einer eigenen Macht innerhalb der NSDAP und das heißt unabhängig von der DAF auszubauen.

 

2.2. Vom Techniker zum Ingenieur
Ich habe nun in den letzten Sätzen immer vom ‘Techniker’ gesprochen. Das hat einen Grund, denn die Unterscheidung zwischen ‘Techniker’ und ‘Ingenieur’ wurde nun auf einmal wichtig. (Man muß den akademischen Abschluß ‘Diplom - Ingenieur’, den ja auch der Architekt erhält, von der Berufsbezeichnung ‘Ingenieur’ unterscheiden).
Denn 1936 entwickelte Todt im Rahmen der Aufwertung Richtlinien über die Berufsbezeichnung ‘Ingenieur’.
Bei allen Zuerkennungen der Berufsbezeichnung ‘Ingenieur’ wird grundsätzlich eine politische Beurteilung verlangt (1941). Man erwartet, daß der Bewerber Mitglied der NSDAP ist und dem NSBDT angehört.

Aufgrund welcher weiteren Kriterien die Verleihung des Titel dann tatsächlich vor sich ging, belegt eine Aktennotiz im Bundesarchiv Koblenz (vom 20. 11. 1940), in der darüber diskutiert wird, was man mit den umfangreichen Geldbeträgen, die die ‘Ingenieure’ bei der Verleihung des Titels an die Partei spendeten, tuen solle. (BA Koblenz NS 14 Nr 15 Heft 1, lose Blätter)

Wenn ich die Ergebnisse der beiden Berufsentwicklungen in der Zeit des Dritten Reiches noch einmal zusammenfassen kann:
Architekten und Ingenieure wurden im Berufsbild und in der strukturellen Zuordnung voneinander getrennt und nahezu konträr zueinander bestimmt.
Der Architekt ist der nun der reine Künstler, sein Arbeitsergebnis das ästhetische Werk, der Diplomingenieur ein normaler Arbeiter, der ‘Ingenieur’ ist ein mit technischen Mitteln arbeitender Staatsmann und Politiker, sein Arbeitsziel ist die ideologische und kulturelle Ausstattung eines Staatswesens.

Beide werden zudem noch mental ausgerüstet.

 

II. Selbstbild und Kultur
Es gab innerhalb des Nationalsozialismus unterschiedliche - teilweise auch widersprüchliche - mentale Bestimmungen des Ingenieurs und des Architekten.
Ich möchte sie hier anzeigen, kann sie aber exemplarisch jeweils nur kurz durch einzelne Autoren und Textausschnitte belegen. Ich werde sie auch nicht im einzelnen kritisieren, sondern abschließend auf sie noch einmal eingehen.

1. 2. Selbstbild und Kultur in der Architektur
Natürlich ist hier die menschenverachtende, rassistische Architektur, Kunst und Kulturdefinition von Schultze - Naumburg zu vermerken (Schultze - Naumburg 1928, 1934 und 1937) Architektur enstehe nur dann, wenn sie zu einer blut- und bodengebundenen, überindividuellen Kultur wird, zu der nur die nordische Rasse fähig sei. Deshalb empfiehlt er ein sozialdarwinistisches Konzept der Auswahl der Besten: "Auch der Mensch hätte einen Reinecke (-Fuchs, E. F.) sehr nötig, der unerbittlich den Schlechten reißt..." (Schultze - Naumburg 1928)

Diese Position war unter der Architektenschaft jedoch weniger verbreitet; es gab viele direkt das nationalsozialistische System tragende Architekten, die sich von dem politischen Extremismus von Schultze - Naumburg distanzierten.
Ganz weit verbreitet war jedoch die Auffasung von Architektur als Metaphysik. Nehmen wir als Beispiel Gustav Wolf, Paul Schmitthenner und Alexander von Senger.
Gustav Wolf
veröffentlichte 1934 ein kleines Büchlein, in dem er seinem Sohn, der Architektur studieren wollte, sagt, was Architektur ist. Dabei vergleicht er den Architekten - für ihn immer Baumeister - mit dem Bauern, da beide eine intuitive Beziehung zum Sein haben. Seinen Beruf könne man eigentlich nur aus der Praxis lernen; jede technologische, also theoretische und wissenschaftliche, Erforschung etwa der Eigenschaften eines Werkstoffes würde überflüssig. Der Baumeister müsse also Handwerker sein.
Architektur hat für ihn auch etwas mit der 'Gestaltung von Lebensvorgängen' - ein altes funktionalistisches Schlagwort - zu tun. Aber Lebensvorgänge sind nicht - wie etwa bei Bruno Taut - Handlungsvorgänge und -wege. Der Baumeister müsse dem Leben als Ganzem dienen (S. 18), übergeordneten Sinn schaffen (S. 10) und an das Volksganze zu denken

"Darum wundert es mich nicht, daß an wichtiger gemeinnütziger Arbeit so oft Baumeister leitend beteiligt sind. Sie müßten noch weit öfter führend beteiligt sein. Die baumeisterliche Begabung Adolf Hitlers ist, nachdem sie der Krieg vom Bauen im engeren Sinne abgeleitet hatte, nicht umsonst im Aufbau des neuen Staates wirksam geworden." (ebenda S. 21f)
"Wenn der gedankliche Umkreis unseres Berufes wie ein Baum vorgestellt wird, so ist er weit, wie die Welt-Esche; im Handwerk boden-ständig, erdhaft verwurzelt, hebt er die Krone frei in den Himmelsraum der Kunst hinauf."
(ebenda S 35)

Architektur besteht auch nach Paul Schmitthenner auf der einen Seite aus Nützlichkeit, Notwenigkeiten technischer, wirtschaftlicher und sozialer Art, Sachlichkeit und auf der anderen Seite aus Schönheit, Anstand und Würde. Man dürfe allerdings das Sachliche allein nicht zum Wesentlichen der Architektur machen.
Letztlich habe man 'die reine Form' zu suchen, mit der es gelingen könne, "einen Hauch der Reinheit und Größe des frühen Mittelalters zu erreichen, in der die deutsche Seele ihren tiefsten Ausdruck fand" (S. 34).

Um Architektur als geistige Überhöhung des Praktischen zu verdeutlichen, gibt Schmitthenner ein Gleichnis:

"An einer Baustelle bearbeiten drei Steinmetzen jeder einen Stein. Jeder gefragt, was er tue, sagt der erste: 'Ich verdiene hier mein Brot', antwortet der zweite: 'Ich bearbeite einen Stein', der dritte aber: 'Ich baue mit an einem Dom'. - Dieser Dritte ist der Aristokrat der Arbeit, und nur diese Gesinnung baut mit das neue Reich." (Schmitthenner1934, S. 38)

Es entsteht ein 'Grundwillen, auf der Seele eines Volkes' (ebenda S. 7), ein Stil, der "... Ausdruck der geistigen Haltung einer Zeit" (ebenda S. 3) ist. (Wobei man aus dem Kontext erkennen kann, daß ‘Haltung’ im soldatischen Sinne von 'Haltungeinnehmen' gemeint ist.) Es ist die Fähigkeit der Menschen gemeint, sich "über das Primitive zu erheben und die gemeinen Züge des Lebens zu veredeln" (ebenda).

Auch für Alexander von Senger ist Architektur "beseeltes Bauen, durchwirkt mit nationalen, religiösen, rassenhaften, mythischen, symbolischen Komponenten" (S. 37).

"Was zu allen Zeiten die Kunst charakterisierte, war, dass sie eine der himmlischen Pforten ist, durch die der Mensch aus der Fatalität der Not in das Reich der schöpferischen Freiheit treten kann, wo der Mensch das Göttliche erschaut."

(Senger 1928, S. 10)

Senger konstatiert zudem ausserordentliche politische und auch biologische Bedeutung der Architektur, die dadurch entstehe, "den Werken der Kunst ... auch sehr mächtige staatsbildende, politisch sich auswirkende, auch die menschliche Auslese bestimmenden Kräfte" (ebenda S. 14) ausgingen.

 

2. Selbstbild und Kultur in der Technik
- Technikfeindlichkeit
Gerade Feder äußerte sich negativ zur Technik. Er meinte, daß bis zum gegenwärtigen Moment erfunden wurde, was erfunden werden konnte und daß der Höhepunkt der wirtschaftlich - technischen Entwicklung überschritten sei. Jetzt befände man sich 'im Ausklang des technischen Zeitalters' . Das Ergebnis müsse "die Rückführung der Menschenmassen auf das Land ... (sein; E. F.). Nur in der Wiedervereinigung von Blut und Boden kann die Kraft der deutschen Zukunft gesucht werden." (Feder 1934, S. 219)

- Handwerk und ständisches Denken
Lawaczeck, ein Mitstreiter Feders im 'Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft', sah die Zukunft Deutschlands in der Herstellung vieler kleiner Gewerbe im Rahmen einer 'Handwerkswirtschaft', die sich organisch mit der Landwirtschaft verbinden sollte. Ziel war eine Dezentralisierung der Industrie und eine 'Reagrarisierung' der Bevölkerung. Lawaczeck zielte auf einen 'aus der Scholle geborenen Ständestaat' (Lawaczeck 1932, S. 26).

- Technik als Eigenschaft des nordischen Menschen
Die Verbindung der Technik mit 'Blut und Boden' wurde schon deutlich in Rosenbergs 'Mythus'. Nach dessen Meinung sei der germanische Mensch besonders in die Natur eingebunden; im Gegensatz etwa zum vorderasiatischen Mensch, der die Natur durch Zauberei und im Gegensatz zum Griechen, der die Natur durch Verstandesschemen meistern wolle, erkenne der nordische Mensch die Natur durch innigste Beobachtung (siehe Rosenberg Mythus, S. 142) Wissenschaft und Technik gingen somit auf einen 'ewigen germanischen Antrieb' zurück und sei deshalb nicht an sich zu verdammen.

Ähnlich argumentierte Alf Gießler. Allein die Indogermanen seien als technische Wegbereiter und Kulturschöpfer im Laufe der Weltgeschichte hervorgetreten. Wenn diese sich wieder intuitiv in die Natur einfühlen, "...so wird die aus dem Wesenskern des nordischen Menschen heraus entstandene Technik wieder eine natürliche Technik, ein lebensförderndes und lebenssteigerndes Prinzip werden." (Gießler 1937, S. 54)

- Soldatische Technik
Die Technik wurde bereits mit dem Aufstellen des 'Vierjahresplanes' (1936) in eine Kriegsvorbereitung einbezogen und dann im 2. Weltkrieg nur noch in militärischen Funktionen gesehen.

"Die mechanischen Errungenschaften können sich nur dann als wirklicher Fortschritt erweisen, wenn die vormechanische, soldatische Einheit von Leben, Arbeiten und Verantworten wieder verwirklicht wird. Der durch die Ausbreitung der Mechanisierung verschärfte Daseinskampf der technischen Pioniervölker erfordert Qualitätsarbeit, führende Leistungen, wie sie nur unter Einsatz technischer Vergangenheit und bodenständiger Eigenart zu erreichen und zu erhalten sind."

(Deutsche Technik 1935, S. 13)

- Technokratie
Dieser Aspekt des Technikverständnisses war mit dem Namen von Peter Schwerber (zuerst 1930) verbunden. Im 'Dritten Reich' sollte die Technik zum Interesse der Volksgemeinschaft innerhalb eines Technikministeriums eingesetzt und somit aus den Händen eines kapitalistischen 'Profitariats' genommen werden.

"Der technische Fortschritt ist nach ihrer Ueberzeugung der wirtschaftlich wie kulturell maßgebende Faktor, dem der Vorrang auch in der Wirtschaft unter allen Umständen einzuräumen ist." (Riedenthal 1933, S. 28)

Die 'technokratische’ Haltung verstand den Staat als eine Maschine, die ein Ingenieur steuern muß. Technik war damit immer auch Staatspolitik; sie wurde zu einem 'Hoheitsakt des nationalsozialistischen Staates' (Grundsätze 1935)

- Technik als Ergebnis genialen Wollens
Diese Position äußerte sich vielleicht weniger in schriftlichen Äußerungen als im Verhalten. Sie zeigte sich bei allen Großprojekten, wie etwa dem Ausbau Berlins, oder der Gründung der KdF - Stadt oder dem Bau von Fabrik und Stadt der Hermann - Göring - Werke, bei denen quasi ohne einen Pfennig Kapital und ohne Realsisierungsplanung ein Projekt begonnen wurde, das dann durch den genialen Willen des Schöpfers schon zur Vollendung gebracht würde.

- Technik als Kultur
Eitelfritz Kühne, der Hauptgeschäftsführer der Fachgruppe Bauwesen im NSBDT schrieb zu diesem Verständnis 1943, die feindlichen Mächte könnten ihre technologischen Leistungen allein durch deutsche Einwanderer (in die USA), bzw. durch Werkspionage in Deutschland (UDSSR) erzielen.

"Das nationalsozialistische Deutschland sieht in der Technik eine Grundlage der Kultur und die Schule des schöpferischen Menschen. Technik, Schöpfertum und Nationalsozialismus sind die wesentlichsten, sich ineinander aufbauenden und verbindenden Elemente unserer Weltanschauung." (Kühne 1943, S. 3)

Todt hat sich diesem Technikverständnis angeschlossen und 1937 die Plassenburg, einer alten Burgruine bei Kulmbach, als Schulungszentrum für Ingenieure gegründet.

"Technik als Kulturleistung
Denn der grösste Teil der vielen Aufgaben, ganz gleich, ob auf militärischem oder sonst einem Gebiet, liegt neben der Kunst auf dem Gebiet der Technik. Und hier ist es nun die Pflicht der Männer der Technik, dass sie ihre Aufgabe nicht wie bisher nur rein materiell auffassen, sondern dass sie verstehen, mit diesen Werken der Technik, die ja in der Gegenwart entstehen, Kulturwerke zu schaffen, die auch nach der Erfüllung des rein materiellen Zweckes und über die Erfüllung des rein materiellen Zweckes hinaus als Kulturwerke den nachfolgenden Generationen noch wertvoll erscheinen und als Besitz des gesamten Volkes bestehen bleiben."

(BA Kobl. NS 14 Nr. 78)

So unterschiedlich alle diese Ansätze sowohl in der Architektur wie in der Technik sind - und ihr Verständnis vom jeweiligen wissenschaftlichen Gegenstand erstreckt sich - politisch gesehen - von einer üblen rassistischen bis hin zu einer eher gleichgültigen stilistischen Definition - gemeinsam ist ihnen, daß sie alle von überzeugten Nationalsozialisten stammen.

Natürlich kann man sie ausdifferenzieren und etwa Schultze-Naumburgs Schriften im moralischen Sinne als die bösesten Gedanken herausstellen. Aber alle anderen Autoren haben in der gleichen Weise - und wenn man es genau betrachtet - sogar in viel stärkerer bei der Vorbereitung oder der Durchführung nationalsozialistischem Tun mitgewirkt.

Wenn man also einmal differenzierende ethische Einschätzungen unterläßt, so muß man feststellen, daß die Architekten und Ingenieure weder einen Bewohner, noch einen Passanten einbeziehen; sie kennen nicht den alltäglichen Gebrauch durch einen konkreten Nutzer, wie er noch in dem Architekturverständnis der modernen Architekten der Weimarer Republik zum Ausdruck kam (siehe etwa Tauts Untersuchungen des Wohnungsgrundrisses, Hilberseimers Theorie der Stadt oder Gropius’ Entwurfsprämissen in Dessau - Törten), sie kennen nicht einmal einen ästhetischen Rezipienten. Wissenschaftstheoretisch handeln sie nur mit einem sachlichen, vom Menschen gereinigten Ding.
Wenn Architekten und Ingenieure den Menschen einbeziehen, so als genialen Schöpfer. Ansonsten beschränken sie sich auf Äußerungen zum Werk, das sich aus dem Diesseits, aus dem Materiellen oder aus dem Alltag erhebt und in metaphysische Seins- oder Sinndimensionen erstreckt.

Damit hatten die beiden Wissenschaften keine methodische Möglichkeit, menschenfeindliche Zivilisationsbrüche überhaupt auch nur zu vermerken, geschweige denn Mittel zur Verfügung zu stellen, inhumanem Verhalten zu begegnen.
Wenn die Unterscheidung wissenschaftstheoretisch nicht obsolet geworden wäre, könnte man sagen, daß es ihnen um Kultur und nicht um Zivilisation ging.

Nun ist es auch verständlich, wenn Speer sich für den Langhaus - Bau in Breslau einsetzt; Architektur hat als Kunst ein höheres Sein als die zivile Existenz einzelner Menschen.
Deshalb kann man den Abriß eines Gebäudes von Langhans als Vandalismus bezeichnen und gleichzeitig an maßgebender Stelle und in großer Steigerung der Effektivität an der massenweisen Tötung von Menschen mitwirken.

Nachbemerkung
Ich habe mich gefragt, was dieser Vortrag hier im Großen Hörsaal der Brandenburgischen Technischen Universität 50 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus soll.

Niemand von uns ist Nationalsozialist oder steht der nationalsozialistischen Ideologie nahe. Wir haben alle die gleiche Meinung zum Rassismus von Schultze - Naumburg.
Ich meine, über die Vergangenheit als Vergangenes zu handeln, Konsense auszutauschen und sich indirekt von abwesenden Neonazis zu distanzieren kann leicht zu einem ästhetischen Genuß und zu einer moralischen Blasiertheit werden.
Ich denke, wir sollten die Gelegenheit nutzen zu überlegen, was wir vorbereitend tun können, um Ähnliches rechtzeitig erkennen und bekämpfen zu können.

Und das heißt, wir müssen prüfen, ob die unterschiedlichen architektonischen und technischen Wissenschaften, die wir hier in Cottbus vertreten, in den grundlegenden Prämissen, Methoden und Strukturen so beschaffen sind, daß sie - nicht die Sache, aber auch nicht den Menschen (also ein abstraktes Gattungswesen) - sondern die konkreten, alltäglichen Nutzer (tel - quel) in ihren jeweiligen Konfigurationen in den Mittelpunkt stellen.
Wir müssen wissenschaftstheoretische Grundpositionen und Methoden entwickeln, die architektonische und technische Kultur nicht als sachliches Ding, sondern als kulturelles Handeln und als Handlungsfeld konkreter, alltäglicher Menschen begreifen.

 

Literaturverzeichnis:

Uwe Julius Faustmann; Die Reichskulturkammer; Diss phil Bonn 1990

Gottfried Feder; Ende der Technik? in: Deutsche Technik Jan 1934, S. 217 - 219

Eduard Führ; Morphologie und Topologie eines Konzentrationslagers; in: G. Morsch (Hg); Das Konzentrationslager Sachsenhausen; Oranienburg 1995

Bernhard Gaber; Die Entwicklung des Berufsstandes der freischaffenden Architekten; Essen 1967

Alf Gießler; Der nordische Mensch und die Technik; in: Deutsche Technik 5. Jg. Febr. 1937, S. 53 - 55

'Zwölf Grundsätze der Technik im Dritten Reich' in: Deutsche Technik, 3. Jg. 1935, S. 541f

Gert Hortleder; Das Gesellschaftsbild des Ingenieurs.; Frankfurt 1974

Eitelfritz Kühne; Kämpfende Technik; in: Der Deutsche Baumeister, 5. Jg 1943 H 1, S. 3

Franz Lawaczeck; Technik und Wirtschaft im Dritten Reich; München 1932

Karl Heinz Ludwig; Technik und Ingenieure im Dritten Reich; Düsseldorf 1974

A. Reif (Hg); Technik und Macht; Esslingen 1979

Alfred Rosenberg; Mythus des 20. Jahrhunderts; München

Alexander von Senger; Krisis der Architektur; Zürich 1928

Alexander von Senger; Der Baubolschewismus; in: Nationalsozialistische Monatehefte 5. Jg. (1934) S. 497 ff

Alexander von Senger; Die Brandfackel Moskaus; Zurzach 1931

Matthias Schmidt; Albert Speer. Das Ende eines Mythos. Die Aufdeckung einer Geschichtsverfälschung. Speers wahre Rolle im Dritten Reich; Bern München 1982

Paul Schmitthenner; Die Baukunst im neuen Reich; München 1934

Paul Schultze-Naumburg; Kunst und Rasse; München 1928; zit. nach der 4. Auflage von 1942

Paul Schultze-Naumburg; Kunst aus Blut und Boden; Leipzig 1934

Paul Schultze-Naumburg; Nordische Schönheit; München 1937

Albert Speer; Erinnerungen; Frankfurt/M, Berlin 9. Aufl. 1971 (Propyläen - Verlag)

Anna Teut; Architektur im Dritten Reich 1933 - 1945; Berlin, Frankfurt/M, Wien 1967 (Bauwelt Fundamente)

J. J. White; Albert Speer. The Hitler Years. Views of a Reich Minister; Diss Ball State University 1987

Gustav Wolf; An einen werdenden Baumeister; München 1934

 

Abb aus E. Schönleben; Fritz Todt; 1943 Quellen aus BA Koblenz NS 14 und ‘Deutsche Technik’