Arno Lederer
Stuttgart
Den Raum lesen
Über dieses Thema zu reden, setzt den Konsens voraus, dass Architektur lesbar
ist. Das heißt, Architektur übermittelt mehr Informationen als nur Schutz zu
bieten vor Witterung, vor Wärme und Kälte, Sonne und Regen. – Architektur, auch
das impliziert der Titel, beinhaltet mehr als die reine Technik, als Ökonomie
und Funktion.
Architektur ist für sich genommen immer nur so gut, wie sie sich selbst aufgrund
einer präzisen Analyse aufbaut. Sie wird dann schlecht sein, wenn sie auf
unverständliches und unverstandenes formales Material zurückgreift, um daraus
einen Raum zu entwickeln. Und wenn wir heute Architektur machen, so wird – neben
der baulichen Unzulänglichkeiten, die wir zur Genüge kennen – einer der größten
Fehler sein: der unverstandene formale Umgang mit dem, was den Raum ausmacht.
Dieser Fehler wird umso häufiger anzutreffen sein, je weiter sich das Gebäude
vom reinen Zweckbau entfernt.
Das zwanzigste Jahrhundert, das der Architektur die Kunst genommen hat, war
eines, das sich in seiner Geisteshaltung ganz dem technischen Fortschritt
verpflichtet fühlte. Durch und durch der Berechenbarkeit untergeordnet, hat es
Gefühl und Emotion als gleichrangige Partner zum Schattendasein
verdammt – ganz zu schweigen von der Sinnlichkeit. Klarheit und
Transparenz sind die Schlagworte, die als Qualität alle Bereiche
durchdringen und auch die Kunst bestimmen.